Da Zentralbanken gemäß vorherrschender monetärer Theorie ein Inflationsziel von 2 Prozent verfolgen, was sie als Geldwertstabilität bezeichnen, und fälschlicherweise Deflation wie der Teufel das Weihwasser fürchten, versuchen sie die Zinsen so tief wie möglich zu halten. Damit verursachen sie Inflation, Kreditblasen sowie die die bekannten Konjunkturzyklen, deren Folgen die Schwächsten in der Gesellschaft besonders hart treffen. (Bild 123RFF)
Vor nun genau fünfzig Jahren erschien Friedrich August von Hayeks Schrift „Entnationalisierung des Geldes“ (1976 auf Englisch, 1977 auf Deutsch). Hayeks Ziel war, einen Weg zur Überwindung der Geldpolitik der Zentralbanken – seiner Ansicht nach die Hauptursache von Inflation und damit des beständigen Kaufkraftverlusts des Geldes – aufzuzeigen. Als Alternative zum staatlichen Geldmonopol plädierte er für private Währungen, die miteinander im Wettbewerb stehen. In der Tat wäre eine nicht-inflationäre kapitalistische Welt ein (noch größerer) Segen für die Menschheit, denn eine solche Welt wäre nicht mehr von den bekannten und immer wieder wohlstandsvernichtenden Konjunkturzyklen (Auf- und Abschwung, Boom und Rezession) geprägt.
Hayeks Vorschlag war bekanntlich kein Erfolg beschieden. Sein Anliegen aufgreifend, versuchte ich im Mai-Newsletter des Austrian Institute eine etwas weniger radikale Vision einer Welt ohne Geldpolitik und Inflation zu entwickeln. Ein solcher Kapitalismus wäre, so meine ich, notwendigerweise tendenziell deflationär. Das heißt er charakterisierte sich durch eine wirtschaftliche Dynamik, in der Wohlstandszuwachs nicht nur durch neuartige bzw. qualitativ hochwertigere Produkte geprägt ist, sondern auch durch das tendenzielle Absinken des allgemeinen Preisniveaus, also einer mehr oder weniger stetigen Zunahme der Kaufkraft und damit der Reallöhne erzielt würde. Zudem wären der inflationstreibenden Verschuldung der öffentlichen Hand klare Grenzen gesetzt.
Zwischen Kapitalismus, auf der einen Seite, und dem Geld- und Finanzsystem, in dem sich die kapitalistische Produktionsweise entwickelt, auf der anderen, ist klar zu unterscheiden.
Die bloße Idee der Deflation flößt selbst marktwirtschaftlich eingestellten und den Kapitalismus bejahenden Ökonomen in der Regel Angst und Schrecken ein. Weil sie grundlegenden Überzeugungen und Denkgewohnheiten der letztlich immer noch keynesianisch geprägten Ökonomen-Zunft, widerspricht, halten sie die Idee sogar für abwegig oder zumindest unrealisierbar.
Dies obwohl vor den Zeiten der Keynesianischen Revolution des ökonomischen Denkens deflationäre Szenarien – sie sind keinesfalls mit einer Depression zu verwechseln – von vielen Ökonomen für durchaus möglich und gesund erachtet wurden; und obwohl im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vor allem in den USA eine säkulare Deflation mit enormen Wirtschaftswachstum und Erhöhung des Wohlstands der breiten Massen einherging, eine Tatsache, die von denen, die Deflation mit Depression, wirtschaftlichem Abschwung und Verarmung der Massen gleichsetzen, übersehen wird.
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Die zentralen Passagen meiner Überlegungen, die ich mir natürlich nicht aus dem Ärmel gezogen habe, sondern auf theoretischen Vorarbeiten anderer Autoren und historischer Evidenz beruhen, möchte ich nachfolgend – um einen wichtigen Nachtrag ergänzt – mit einem größeren Publikum teilen. Besonders wichtig erscheint mir dabei die am Ende, gleichsam als Fazit, ausgedrückte These: Zwischen Kapitalismus, auf der einen Seite, und dem Geld- und Finanzsystem, in dem sich die kapitalistische Produktionsweise entwickelt, auf der anderen, ist analytisch klar zu unterscheiden.
Dies unbeschadet der Tatsache, dass die kapitalistische Produktionsweise und das vorherrschende Geld- und Finanzsystem in jeder historischen Phase notwendigerweise verzahnt sind, der Kapitalismus also auch durch das geltende Geld- und Finanzsystem, in das er eingebettet ist und das er mitgestaltet, seine jeweils konkrete historische Form erhält, mit der er aber als „Kapitalismus“ nicht zu identifizieren ist.
Wenn die Kreditvergabe zur „Ankurbelung“ der Wirtschaft durch die Senkung des Leitzinses immer wieder angeheizt oder auf dauerhaft „heißem“ Niveau gehalten wird, führt dies zur Dauer-Inflation und damit zur Umverteilung von unten nach oben, zu ungerechten Ungleichheiten, vor allem aber immer wieder zu krisenhaften Korrekturen, gelegentlich auch zu systemischen Zusammenbrüchen, die gerade die untersten Schichten der Gesellschaft am härtesten treffen.
Die andere zentrale Aussage lautet: Staatliche Geldpolitik, die vor allem in der Politik der Manipulation des Zinses wahrgenommen wird, wirkt – so die historische Erfahrung – im Verbund mit der Kreditschöpfung der privaten Geschäftsbanken, inflationär, also wie ein versteckte Steuer, die aber, im Unterschied zu regulären Steuern, ein Raubzug jener ist, die auf Kosten der breiten Masse der Bürger davon profitieren: Immobilien- und Aktienbesitzer, Finanzakteure und natürlich der Fiskus, der sich auf diese Weise entschuldet. Zudem verursacht wie bereits anfangs erwähnt staatliche Zinspolitik – und das ist eine spezifische Erkenntnis der Österreichischen Schule der Nationalökonomie – aufgrund ihres tendenziell inflationären Charakters die immer wiederkehrenden wohlstandsvernichtenden Konjunkturzyklen und Krisen.
Soviel zur Einleitung. Im Folgenden nun meine Ausführungen aus dem letzten Newsletter und im Anschluss daran der neu verfasste Nachtrag.
Vor genau fünfzig Jahren, im Jahre 1976, also zwei Jahre, nachdem er den Wirtschaftsnobelpreis erhalten hatte, schlug Friedrich August von Hayek in seiner Schrift „Denationalisation of Money: The Argument Refined“ („Entnationalisierung des Geldes“, 1977) vor, das Geld zu entstaatlichen, dem Staat also das Geldmonopol zu entziehen. Geld sollte, so Hayeks Vorschlag, fortan, ohne Zentralbanken und gesetzliche Zahlungsmittel, privat angeboten und dem freien Wettbewerb ausgesetzt sein. Über staatliche Grenzen hinweg sollte sich jenes Geld bzw. jene Währung durchsetzen, die seine Benutzer am vorteilhaftesten erachteten.
Als vorteilhaft würden die Benutzer, so das Kalkül, das bezüglich seiner Kaufkraft stabilere Geld erachten. Auf diese Weise könnte durch die Entstaatlichung des Geldes seine beständige Inflationierung und damit der schleichende Kaufkraftverlust der Währung zu einem Ende kommen. Nicht mehr geben würde es auch eine Geldpolitik, die mit Anpassung – sprich: Manipulation – des Zinssatzes durch die Zentralbanken und einer, im Falle der Absenkung des Zinses, expansiven Kreditvergabe der Geschäftsbanken den Konjunkturverlauf zu steuern sucht und damit die bekannten Konjunkturzyklen erzeugt, die schädlich und wohlstandsmindernd sind. Dasselbe gilt für die unkonventionelle Geldpolitik, wie sie seit der Finanzkrise 2008 mit den Anleihen-Kaufprogrammen der Zentralbanken verfolgt wurde.
Staatliche Zinspolitik in der Klemme
Von all dem war ja – in einem anderen Zusammenhang – bereits im letzten Newsletter kurz die Rede: Der manipulierte, in der Regel zu tiefe Zins und damit das zu billige Geld, erzeugen – so sehen es die Vertreter der Österreichischen Schule – immer wieder Kaskaden von Fehlinvestitionen, und damit letztlich nicht- nachhaltige Booms, Überhitzungen der Konjunktur, die zur Verknappung von Produktionsgütern und, weil gleichzeitig die Nachfrage nach Konsumgütern steigt, zum Preisauftrieb führen, worauf – zwecks Eindämmung des Preisauftriebs – die Zentralbank dann mit Anhebung der Zinsen reagieren muss.
Politisch lässt sich das jedoch immer weniger durchsetzen, nicht nur, weil Rezessionen unpopulär sind, sondern vor allem weil die Staaten hoch überschuldet sind. Mit zu hohen Zinsen auf der Schuldenlast droht der Staatsbankrott. Damit ist die Geldpolitik der Zentralbanken nun in der Klemme und zur Gefangenen der unverantwortlichen Fiskalpolitik der Staaten geworden.
So schlimm war es 1976, zur Zeit der Veröffentlichung von Hayeks Vorschlag, noch nicht. Man befand sich damals am Ende der Epoche des Keynesianismus, mit hoher Inflation bei gleichzeitig stagnierender Wirtschaft („Stagflation“). Es war auch die Zeit des Ölschocks. Um das Problem einer immer höheren Preisinflation zu bewältigen, musste die US-Notenbank FED schließlich den Zinssatz auf sage und schreibe über 20 Prozent hochschrauben!
Das war extrem schmerzhaft, die dadurch erzeugte Rezession brachte aber schließlich die Dinge wieder ins Lot. Heute wäre eine solche Politik kaum mehr möglich. Weder der Staat noch privat Verschuldete – auch der Privatsektor und Unternehmen sind heute enorm überschuldet – könnten einen solchen Zinssatz verkraften. Ein Kollaps der Staaten und des Finanzsystems, so die allgemeine Meinung, wäre unvermeidlich.
Hayeks erfolgloser Vorschlag
Wie wir heute wissen, war Hayeks Vorschlag von 1976 nicht von Erfolg gekrönt. Er versandete. In der Tat gibt es gute Gründe, daran zu zweifeln, dass Währungswettbewerb ohne staatliches Geldmonopol funktionieren würde. Obwohl er mit der Idee und der dahinterliegenden Absicht – auch der Abschaffung der Zentralbanken – durchaus sympathisierte, meinte etwa Milton Friedman, eine auf dem Wettbewerb privater Währungen beruhende Geldordnung würde schon deshalb nicht funktionieren bzw. sich gar nicht durchsetzen lassen, weil die Menschen im allgemeinen privates Geld als normales Zahlungsmittel nicht benutzen würden. Es wäre für sie zu kompliziert und es würde das nötige allgemeine Vertrauen in nicht-staatliches Geld fehlen.
Friedman setzte sich schließlich mit seinem Monetarismus durch – die regelbasierte Steuerung der Geldmenge durch die Zentralbank im Gleichschritt mit dem Wirtschaftswachstum –, eine Idee, die durch das Vermeiden des Schlimmsten, der früheren keynesianischen Politik der Wirtschaftssteuerung, in den 1980er Jahren – den Jahren Reagans und Thatchers – zunächst einmal vieles verbesserte.
Ungebrochenes Vertrauen ins staatliche Geld und „Geldillusion“
Ob das Vertrauen in den Staat, die eigentliche Grundlage unserer Geldordnung, gerechtfertigt ist, scheint hier weniger wichtig als die Tatsache, dass die Menschen – sei es aus Gewohnheit, sei es aus mangelndem Verständnis für geldtheoretische Zusammenhänge, sei es aus ideologischen Gründen oder einfach nur, weil für sie Sicherheit der oberste Wert ist und sie diese, nicht ohne Grund, vom Staat als am besten garantiert sehen –, dass sie also aus einem dieser Gründe, oder aus ihnen allen, faktisch dem staatlichen Geld vertrauen. Alternativen zum staatlichen Geldmonopol sind für die meisten Menschen kaum vorstellbar.
Dabei hilft ihnen, uns allen, die sogenannte Geldillusion – die Illusion, was nominal stabil ist, sei auch real ein stabiler Wert, oder anders gesagt: der Wert, der auf einer Banknote draufstehe, stecke auch an Kaufkraft in ihr drin. Nur wenn die Lebenshaltungskosten im Vergleich zum eigenen Einkommen massiv ansteigen, merkt man, dass etwas nicht stimmt – an den Preisen meint man dann spontan, aber nicht am Geld, das man täglich benutzt! Dass also das Geldsystem bzw. die inflationäre Geldpolitik das eigentliche Problem ist, geht den wenigsten auf.
Unsoziale Geldpolitik
Hayek schrieb 1976, die „bisherige Instabilität der Marktwirtschaft“ sei „die Folge davon, dass der äußerst wichtige Regulator des Marktmechanismus, das Geld, selber von der Regulierung durch den Marktprozess ausgeschlossen ist“. Der Staat würde – und das sieht bekanntlich nicht nur Hayek so – sein Geldmonopol für eine Politik des billigen Geldes missbrauchen. Nicht nur konjunkturelle Schwankungen sollen ja, so die herrschende Lehre und Praxis, durch die Geldpolitik „geglättet“ werden; Ziel ist auch, wie bereits gesagt, die Konjunktur immer wieder „anzukurbeln“, wenn sie schwächelt, und heute zusätzlich den überschuldeten Staaten durch niedrige Zinsen zu helfen, ihre Zinslast zu verringern und gleichzeitig durch eine „mäßige“ Inflation ihre Schuldenlast tragbar zu machen.
Wie jeder Schuldner weiß auch der Staat, dass Geldentwertung den realen Wert der nominalen Schuldenlast wie Schnee an der Sonne allmählich dahinschmelzen lässt. Bezahlt wird das von der großen Masse der Bürger, für die eine Entwertung der Kaufkraft ihres Geldes wie eine versteckte und damit besonders heimtückische Steuer wirkt. Zudem heißt Inflation Umverteilung von unten nach oben, von arm zu reich. Denn die großen, mit Krediten zu Tiefst- oder Nullzinsen gehebelten Vermögensbestände – Aktien, Immobilien – werden durch Inflation ebenfalls zunehmend entschuldet und können entsprechend noch mehr gehebelt werden. Auch das bezahlen wiederum jene, die solche Vermögen nicht oder nicht im großen Maßstab besitzen.
Ist das sozial? Natürlich nicht. Für junge Familien ist der Traum vom eigenen Haus unerreichbar geworden und auch die Mietzinsen werden dadurch in die Höhe getrieben. Dennoch wird es von jenen, die soziale Gerechtigkeit fordern und damit durch Ausweitung des Sozialstaates die Staatschulden beständig anwachsen lassen, mit ihrer Unterstützung einer dafür unabdingbaren inflationären Geldpolitik beständig gefördert.
Gold? Bitcoin? Währungswettbewerb?
Viele träumen deshalb von einer Rückkehr einer an Gold gebundenen digitalisierten Währung oder setzen ihre Hoffnungen auf Kryptowährungen wie Bitcoin. Ob diese Hoffnungen berechtigt sind, daran habe ich meine begründeten Zweifel. Eine Goldwährung wäre mit großen technischen Hindernissen verbunden. Will man nicht zum alten Goldstandard mit dem Hin- und Herverschiffen von Goldbarren zurückkehren – mit Währungswettbewerb hätte das ja auch nichts zu tun – müsste letztlich alle am Wirtschaftskreislauf Teilnehmenden in irgendeiner Form Gold besitzen, das man dann in der Form von sogenannten Tokens – Zeichen, die in diesem Fall dann für Goldeinheiten bzw. Ansprüche darauf stehen – im Geldverkehr benutzen könnte.
Auch wenn ein solches Geldsystem theoretisch durchaus wünschenswert wäre und praktikabel erscheint, bleibt die Frage offen, auf welchem rechtlich und moralisch einwandfreiem und zugleich realistischem Wege man denn erreichen könnte, es zu implementieren. Dass das auf sozusagen evolutionäre Weise geschehen könnte, scheint mir aus den oben genannten psychologischen Gründen, vor allem dem Sicherheitsbedürfnis und dem ungebrochenen Vertrauen in den Staat, zweifelhaft. Würde es hingegen von oben herab, also durch den Staat, eingeführt, wäre das mit Gewalt und wohl auch weitflächiger Enteignung verbunden, was sowohl aus rechtlichen wie auch moralischen Gründen mehr als problematisch wäre.
Ob hingegen die Volatilität von Bitcoin, eine andere mögliche Alternative zum Staatsgeld, je überwundern werden kann, ist ebenfalls fraglich, da dies die Anerkennung von Bitcoin – oder ein anderen, gleichwertigen Kryptowährung – nicht nur als Vermögenswert, sondern auch als Zahlungsmittel voraussetzt. Hier beißt sich aber die Katze in den Schwanz. Denn das zu erreichende Ziel – Bitcoin als normales Zahlungsmittel – scheint gleichzeitig Voraussetzung für dessen Erreichen zu sein. Somit scheint mir völlig unklar, ob Bitcoin es je schaffen wird, echte Geldfunktion zu übernehmen und damit zu einer Währung zu werden.
Geld ist Produkt menschlicher Arbeit: Alternative „Produktivitätsnorm“
Jedenfalls sollte, wie ich das sehe, die Kaufkraft des Geldes nicht von einer staatlichen Geldbehörde beeinflusst – sprich: manipuliert – werden, die zudem das Monopol der Geldproduktion besitzt, sondern von den realen Werten abhängen, die damit erworben werden können. Diese werden aber nicht durch Geldpolitik, sondern von der Produktivität der Volkswirtschaft, letztlich also durch die Dynamik des Marktes über die Zeit hinweg bestimmt. Steigt die Produktivität der Arbeit und aller übrigen Produktionsfaktoren, so steigt auch der reale Wert einer nominalen Geldeinheit – man kann mehr und Besseres dafür kaufen bzw. Preise sinken – ganz unabhängig von der Menge dieser Geldeinheiten und davon, wie sie gedeckt ist.
Mit einer solchen sogenannten Produktivitätsnorm wäre Hayeks Anliegen, die Kaufkraft des Geldes durch den Markt regulieren zu lassen, auch ohne Währungswettbewerb gewährleistet. Das entspräche in etwa der Position des katholischen Bischofs und Theologen Nicolas von Oresme, der im 14. Jahrhundert in seinem Traktat über Münzverschlechterung („De mutatione monetarum“) schrieb, Geld sei Produkt der menschlichen Arbeit und gehöre deshalb den Bürgern. Die Entwertung des Geldes durch fürstliche Münzverschlechterung – das Pendant zur heutigen Inflationierung der Geldmenge durch die Zentralbanken – sei Raub am Eigentum der Bürger.
Kritiker von Hayeks Konzeption des Währungswettbewerbs wenden ein, es gebe de facto ja bereits einen Währungswettbewerb. Jeder sei frei, die Währung zu benutzen, die er will, sei es eine staatliche oder eine private. Zum Beispiel, um sein Geld anzulegen. Beim Zahlungsverkehr muss einfach umgerechnet werden. Im Zeitalter der Digitalisierung ist das an sich ein Kinderspiel und kann auf jedem Handy in Echtzeit getätigt werden.
Würde sich dies im Bereich der Zahlungsmittel generell durchsetzen, staatliches Geld also nur noch eine Währung unter vielen sein, bliebe allerdings das Kursrisiko: Bei der Umrechnung wären ständig sich verändernde Wechselkurse zu berücksichtigen, es würden also Transaktionskosten anfallen, wie auch Steuern auf eventuelle Kursgewinne. Damit wäre ein Teil des Vorteils wieder dahin. Ob die große Masse der Leute sich auf so etwas einlassen würde, sich also auch private Währungen – außer kurzfristig in Zeiten des staatlichen Zusammenbruchs wie etwa in Deutschland unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg – überhaupt je durchsetzen könnten, bleibt damit die große Frage.
Nicht das Geldmonopol, sondern die Geldpolitik ist das Problem
Wir kommen, so scheint mir, um das staatliche Geldmonopol nicht herum. Statt eine Utopie zu verfolgen – das Geldmonopol ist eines der stärksten Machtmittel der Staaten, das sie sich nicht so leicht aus der Hand schlagen lassen werden –, sollte man von der Realität ausgehen. Dabei bleibt das Ziel immer noch „utopisch“ genug: Die Überwindung, ja gänzliche Abschaffung der schädlichen, weil inflationären Geldpolitik der Zentralbanken. Denn Währungswettbewerb war ja für Hayek nur als Mittel gedacht, um genau dieses Ziel zu erreichen.
Von der Sache her ist nämlich nicht das staatliche Geld oder das Geldmonopol das eigentliche Problem – wie auch rein prinzipiell nicht der Staat das Problem ist, auch wenn er de facto die meisten unserer Probleme verursacht –, sondern die Geldpolitik, also der Versuch, durch Zinsmanipulationen die Konjunktur zu „steuern“: immer wieder Booms, also konjunkturelle Überhitzungen zu erzeugen und die darauffolgenden Rezessionen abzumildern; also mit Geldpolitik – wie es eben schon in der Antike und in Mittelalter und Neuzeit die Fürsten mit Münzverschlechterungen taten –, genau jene verderblichen Konjunkturschwankungen zu erzeugen, die letztlich nur Ressourcen verschwenden und immer wieder zu Zusammenbrüchen führen, durch die Massen von Menschen verarmen.
Staatliche Manipulation des Zinses verfassungsrechtlich verbieten
Zentralbanken, die sich – so utopisch dies gegenwärtig klingt – strikt auf die Geldemission und ihre Aufgabe, den Zahlungsverkehr zu ordnen und das Bankensystem zu stabilisieren beschränkten, wären, ein Segen für die Menschheit. Der Wert und damit die Kaufkraft des Geldes würde sich, wie gesagt, durch die Kräfte des Marktes nach der Produktivität richten. Steigt die Produktivität, was in einer tendenziell immer innovativen kapitalistischen Wirtschaft zu erwarten ist, würden die Preise tendenziell fallen, wie oben bereits erwähnt der Wohlstand also wachsen.
Der Zins wäre nicht von der Zentralbank, sondern vom Markt bestimmt (der jeweilige Zinssatz wäre der Marktzinssatz, der sogenannte „natürliche Zins“). Eine solches Verbot der staatlichen Zinsmanipulation – und damit sowohl von klassischer wie auch unkonventioneller Geldpolitik – müsste aufgrund eins breiten demokratischen Konsenses verfassungsrechtlich abgesichert sein, um der Politik das Instrument der inflationären Geldpolitik ein für alle Mal aus der Hand zu schlagen.
Natürlich könnte das nur so lange funktionieren, wie der einem solchen Verbot zugrundliegende gesellschaftliche Konsens bestehen bleibt. Würde sich allerdings hier auch ein kultureller Konsens darüber bilden, dass – im Unterschied zu Steuern – Erzeugung von Inflation Raub am Eigentum der Bürger und zudem äußerst unsozial ist, könnte ein solcher Konsens vielleicht Dauerhaftigkeit erlangen.
Die Wohlstands-Welt der säkularen Deflation: kein Horrorszenario
Ergebnis wäre mit ziemlicher Sicherheit eine nicht inflationäre, sondern tendenziell deflationäre Welt, eine Welt also mit auf lange Sicht fallendem Preisniveau und stetig steigenden Reallöhnen, unterbrochen durch kurze Perioden von Angebotsschocks (Missernten, Kriege, Naturkatastrophen. Störungen von Lieferketten usw.), die infolge der durch sie bewirkten Verknappung preiserhöhend wirken. Ökonomen, die in der Neoklassik mit keynesianischem Anstrich – der sogenannten „neoklassischen Synthese“ – aufgewachsen und geschult sind, können sich das wegen ihres Dogmas, dass Preise und vor allem Löhne prinzipiell sticky, also starr sind, nicht vorstellen.
Für sie ist Deflation ein Horrorszenario der Verarmung und des Chaos. Sie können sich eine durch eine produktivitätsgetriebene Deflation charakterisierte Wirtschaft auch deshalb nicht vorstellen, weil sie Deflation mit Depression – Wirtschaftsabschwung und Kreditkontraktion – und mit Konkursen und Zusammenbrüchen von Banken identifizieren. Und weil sie meinen, in einer solchen Welt gäbe es keine Profite mehr, so dass niemand mehr investieren würde.
Deflation kann aber, wie der US-amerikanische Ökonom George Selgin bereits vor Jahren in seinem Buch Less Than Zero argumentierte und wie auch der in Madrid lehrende deutsche Volkswirt Philipp Bagus in seinem akribisch durchgearbeiteten Werk In Defense of Deflation zeigt, auch Wirtschaftswachstum und Vermehrung des Wohlstands bedeuten. Eine solche Welt wäre natürlich in mancher Hinsicht anders. Es hat aber, wie Selgin und Bagus zeigen, eine solche Welt bereits schon früher des Öfteren gegeben. Ebenso gab es viele Ökonomen vor Keynes, die eine Wachstums-Deflation als durchaus positiv betrachteten.
Deflation in der Geschichte
Im letzten Drittel des 19, Jahrhunderts – nach dem Bürgerkrieg – herrschte in den USA jahrzehntelang Deflation und starkes Wirtschaftswachstum. Unterbrochen wurde diese wirtschaftlich enorm innovative und wohlstandsvermehrende Zeit durch Bankenkrisen, die ihre Ursache jedoch anderswo, keineswegs in der deflationären Wachstumsdynamik hatten.
Wir hatten an sich auch in den 2000er Jahren vor und nach der Finanzkrise Deflation, und zwar infolge der Globalisierung und enormer technologischer Innovation. Aus lauter Angst vor Deflation – das war zumindest das wohl nur vorgeschobene Argument – fluteten jedoch die Zentralbanken die Wirtschaft mit frisch gedrucktem Geld. Dabei wirkten sie mit ihrer inflationären Politik den deflationären Tendenzen entgegen und es entstand in der Welt der künstlich erzeugten Null- und Negativzinsen eine scheinbar ideale Welt ohne Inflation – auf Kosten von Produktivität und Wohlstand allerdings und mit der Folge enorm anwachsender Ungleichheit.
Politik des billigen Geldes und Eurokrise
Dass dies eine Welt ohne Inflation gewesen sei, war jedoch eine kapitale Fehlinterpretation. Die Inflation im Sinne einer übermäßigen Vermehrung der Geldmenge war da, blieb aber dank der deflationären Tendenzen – Globalisierung und Innovation – unsichtbar, manifestierte sich also nicht in steigenden Konsumgüterpreisen. Das änderte sich erst etwas später, nämlich nach den fiskalischen Exzessen der Corona-Zeit. Die preistreibenden und unsozialen Folgen dieser Politik des billigen Geldes – die Inflation ist ja mittlerweile als unser Dauergast zurückgekehrt – sind bis heute zunehmend spürbar. Infolge der durch die Politik des billigen Geldes verursachten zunehmenden Überschuldung der Staatshaushalte wird es immer schwieriger, daraus herauszukommen.
Bekanntlich ist auch eine Austeritätspolitik bzw. eine Politik der inneren Abwertung eine klassische Medizin für in Schieflage geratene, überschuldete Staaten. Auch sie setzt auf Deflation. Eine solche Politik wird aber von linker Seite aufs heftigste abgelehnt, weil man die schmerzlichen politischen Folgen fürchtet. Eine solche Politik – verbunden mit der Suspendierung des Euro – hätte Griechenland in der Eurokrise 2015 betreiben können. Das Land bzw. der Euro wurde aber, weil Angela Merkel es damals so wollte und ihr Finanzminister Schäuble einknickte, mit billigem Geld gerettet und das Euro-Schlamassel setzte sich fort.
Denn der Euro sollte seither vermehrt bewirken, dass die Europäische Währungsunion statt zu einer Konvergenz der europäischen Volkswirtschaften zu deren wachsenden Divergenz, also Auseinanderentwicklung führte. Das Gegenteil der ursprünglichen Absicht, mit der der Euro eingeführt worden war. In Abwandlung eines unsäglichen Wortes von Angela Merkel darf man deshalb wohl behaupten: Falls Europa scheitert, dann wegen des Euros.
Kapitalismus ist nicht Inflationswirtschaft
Auf das Thema Geldpolitik und das Wunschszenario „Zentralbanken ohne Zinsmanipulation“ wird zurückzukommen sein. Ich betrachte es als längerfristiges, wegen seiner Implikationen für Gesellschaft, Wirtschaft und menschliches Zusammenleben aber auch grundlegend wichtiges Forschungsthema. Vorderhand nur eines: Ich bin immer mehr der Überzeugung – auch das verdiente weitere Bearbeitung und Vertiefung –, dass der Kapitalismus, das heißt die kapitalistisch-marktwirtschaftliche Wirtschaftsform, prinzipiell von der Geld- und Finanzordnung zu unterscheiden ist, innerhalb deren diese, die kapitalistische Wirtschaftsweise, sich vollzieht.
Damit ist gemeint: Die Probleme, Ungleichgewichte und krisenhaften Entwicklungen, die man dem Kapitalismus zuschreibt, gehen in der Regel nicht auf ihn, sondern auf die Geldpolitik der Zentralbanken und andere politischen Interventionen wie auch das dadurch mitgeformte Bank- und Finanzwesen zurück. Mit den anderen Problemen, Ungleichgewichten und sich daraus ergebenden krisenhaften Entwicklungen, kommen – vielleicht mit wenigen Ausnahmen wie gewisse negative Externalitäten – er selbst und die Dynamik der Marktwirtschaft bestens zurecht.
Damit ist nicht gemeint, dass Kapitalisten, Unternehmer usw. in ihrem wirtschaftlichen Verhalten von der herrschenden Geldordnung –, staatliches Geldmonopol, Goldwährung oder, wie heute, Fiat-Geld-Währung – gar nicht betroffen sind oder sich nicht gerne an sie und andere staatliche Vorgaben anpassen, weil sie davon auf Kosten des Wettbewerbs zu profitieren suchen. Gemeint ist, dass „Kapitalismus“ auf der einen und Geldsysteme (wie Free Banking mit privater Notenemission, staatliches Geldmonopol, Goldstandard, Fiat-Geld usw.) auf der anderen Seite zwei zu unterscheidende Dinge sind.
Kapitalismus ist mit den verschiedensten Geldordnungen möglich. Er selbst ist mit keiner von ihnen zu identifizieren. Das ist zumindest meine Vermutung, sozusagen eine Arbeitshypothese, die vielleicht nicht allen Lesern unmittelbar einleuchtend erscheinen wird, aber vielleicht doch verdient, getestet zu werden. Dafür sind Hypothesen ja da.
Was ist eigentlich Kapitalismus?
Denn Kapitalismus ist – und hier lehne ich mich an den Frankfurter Wirtschafts- und Sozialhistoriker Werner Plumpe an – im Wesentlichen eine Produktionsweise, die darin besteht, im privaten Eigentum stehendes Kapital zu produktiven Zwecken einzusetzen, um damit mehr herauszuholen – einen Gewinn also –, diese Gewinne und damit Kapital zu akkumulieren, um zur Massenproduktion fortschreiten zu können. Denn der Massenabsatz produzierter Güter maximiert die Gewinne.
Da Massenproduktion eine dramatische Ausweitung der Märkte bedeutet, fördert sie Arbeitsteilung und Spezialisierung und damit Innovation und Anstieg der Produktivität. Massenproduktion setzt Massenkonsum, also nicht nur wir in vorkapitalistischen Zeiten Konsum durch die Eliten, voraus, und – das ist das nur scheinbare Paradox, in Wirklichkeit aber die „Genialität“ des Kapitalismus – führt damit notwendigerweise zu Massenwohlstand.
Das ist, was historisch geschehen ist und weiter geschieht. Und es geschieht eben nicht aufgrund irgendwelcher guter Absichten der Kapitalisten und Unternehmer, sondern weil sie damit ihre eigenen Interessen verfolgten: ihr Leben und das ihrer Angehörigen zu verbessern, Neues oder Großes zu schaffen, unternehmerische Visionen – durchaus auch im Dienste der Gesellschaft – zu verwirklichen oder einfach nur Macht, Reichtum oder Ehre zu erlangen. Das allerdings kann man mit den Mitteln des Kapitalismus nur erreichen, indem man auch andere besserstellt –- also seine Kunden bedient – und sie damit ebenfalls reicher macht.
Nicht zu vergessen ist: Der Kapitalismus, gründend auf dem Privateigentum und verbunden mit freien Märkten, die aufgrund der Konsumentenwünsche die Selektion jener Produkte, die diese Wünsche befriedigen besorgen, war im 19. Jahrhundert und danach die „Wirtschaftsform für die kleinen Leute“ (Werner Plumpe). Es sind die Armen, nicht die Reichen, die zahlenmäßig davon historisch am meisten profitierten und auch heute noch am meisten profitieren oder profitieren könnten. Die Reichen brauchten den Kapitalismus nicht.
Kapitalistische Ungleichheit – der unverstandene „Skandal“
Aber Kapitalismus erzeugt Ungleichheit. Kapitalakkumulation in den Händen einiger ist die Voraussetzung für die Schaffung von Wohlstand für die vielen. Wer mehr Massenwohlstand will, muss Kapitalakkumulation und damit verbundene Ungleichheit akzeptieren. Sie ist aber im Unterschied zu der mit der inflationären Geldpolitik – aufgrund von Finanzakrobatik und Hebelung von Vermögenstiteln – erzeugten Ungleichheit eine wohlstandsschaffende Ungleichheit. Umgekehrt gilt: Wer im Namen der sozialen Gerechtigkeit Ungleichheit prinzipiell ablehnt, ist der größte Feind des Wohlstands der großen Massen und denkt letztlich elitär und unsozial.
Die im 18. und 19. Jahrhundert durch ihre privilegierte gesellschaftliche Stellung bereits Reichen und Privilegierten, die alten Eliten, Aristokraten, Intellektuelle, Kleriker, Literaten usw., waren immer die Kritiker des Kapitalismus gewesen und hatten angesichts der billigen Massenprodukte die Nase gerümpft. Sie tun es auch heute noch, auch wenn sich ihre Gewänder und Argumente leicht verändert haben – man denke an die Frankfurter Schule, etwa Theodor Adorno, die grüne Schickeria und, leider immer noch, Moralisten aus dem akademischen und kirchlichen Raum.
Nachtrag:
Kreditschöpfung durch die Banken und staatliches Geldmonopol
In meinem Newsletter hatte ich das Bankensystem, insbesondere die Kreditschöpfung der privaten Geschäftsbanken, ausgeklammert. Das wurde von einigen Lesern kritisch angemerkt. Die Frage, ob private Geschäftsbanken Geld verleihen dürfen, das sie gar nicht haben bzw. durch Kundeneinlagen nicht voll gedeckt ist, das sie vielmehr zum Zweck der Kreditvergabe selbst schaffen (Fractional Reserve– oder Teildeckungssystem), oder ob sie nur echte Ersparnisse – also Einlagen ihrer Kunden, die nicht jederzeit abrufbare Sichtguthaben (Giralgeld), sondern sozusagen gut verzinste Festgelder sind, – als Kredite weitergeben dürfen (Volldeckungssystem), ist heftig diskutiert. Ich möchte mich hier in dieser hochkomplexen Materie nicht festlegen, sondern im Moment nur Folgendes anmerken:
Staatliche Geldpolitik, die vor allem in der Zinspolitik, letztlich also in der manipulativen Nichtbeachtung des natürlichen Zinses – des Marktzinses – besteht, wirkt, wie bereits einleitend gesagt, inflationär, dies aber vor allem im Verbund mit der Kreditschöpfung der privaten Geschäftsbanken. Denn Kredit und die damit geschaffenen Sichtguthaben der Banken sind im heutigen System Geld. Die bei der Kreditschöpfung geschaffenen Bankguthaben der Kreditnehmer vermehren, da sie in den Wirtschaftskreislauf fließen, die zirkulierende Geldmenge, vermehren die Nachfrage nach Produktionsgütern und heizen schließlich durch das infolge erhöhter Wirtschaftstätigkeit ansteigende Lohnniveau auch den Konsum an.
Diese Erhöhung des Konsums erfolgt allerdings sozusagen „zu früh“, da die Erzeugnisse – die letztlich angestrebten Konsumgüter – der getätigten Investitionen in Produktionsgüter noch nicht hergestellt und auf dem Markt sind. Deshalb treibt die erhöhte gegenwärtige Nachfrage nach Konsumgütern die Preise in die Höhe und verteuert auch die Produktionskosten. Das heißt: Dieser künstlich angekurbelte Konsum ist ein irreführendes Strohfeuer, denn er läuft auf Kosten der zukünftigen Produktionskapazität und damit auch des zukünftigen Wohlstands.
Denn heutiger Kredit stammt nur zum geringsten Teil aus Ersparnissen und damit der Bereitschaft, weniger zu konsumieren, wie es der Theorie des Kapitalismus gemäß eigentlich sein sollte; vielmehr wird er vor allem von den Banken aus dem Nichts geschaffen. Doch genau in dieser durch die Zinsmanipulationen der Zentralbanken gesteuerte Geldschöpfung durch die Banken und der dadurch verursachten intertemporalen Ungleichgewichte, der Verzerrung der relativen Preise und der Produktionsstruktur, liegt das Problem, das mit erheblichen sozialen Folgen einhergeht.
Soziale Auswirkungen des staatlichen Geldmonopols und „Free Banking“ als Alternative
Wenn die Kreditvergabe zur „Ankurbelung“ der Wirtschaft durch die Senkung des von der Zentralbank bestimmten Leitzinses – des Zinses, der im Verkehr zwischen privaten Geschäftsbanken und Zentralbank gilt – immer wieder angeheizt oder wegen der zu niedrigen Zinsen, denen keine realen Ersparnisse gegenüberstehen, auf dauerhaft „heißem“ Niveau gehalten wird, führt dies zur Dauer-Inflation und damit zur Umverteilung von unten nach oben, zu ungerechten Ungleichheiten, vor allem aber immer wieder zu Krisen bzw. krisenhaften Korrekturen, gelegentlich auch zu systemischen Zusammenbrüchen, die gerade die untersten Schichten der Gesellschaft am härtesten treffen. Kurzfristig und oberflächlich mag man damit Arbeitslosigkeit bekämpfen können, längerfristig aber verursacht man Ungleichgewichte, die dann zu Rezessionen, sinkenden Reallöhnen oder gar höherer Arbeitslosigkeit führen.
Doch gibt es eine Alternative zum staatlichen Geldmonopol und dem System der Zentralbanken. Angesichts der historisch gut belegten Tatsache, dass letztere die meisten Wirtschaftskrisen zumindest mitverursacht und sie – oder deren langfristigen Folgen – durch ihre geldpolitischen Fehler meist noch verschlimmert haben, sollte man sich in der Tat überlegen, ob nicht ein Bankensystem ohne Zentralbanken besser wäre.
Dies schon deshalb, weil ein Geldmonopol, zumal ein staatliches, den Nachteil aller gesetzlich geschützten Monopole hat: Fehlentscheidungen einer solchen zentralen Institution wirken sich unmittelbar auf die gesamte Gesellschaft aus. Die Dezentralisierung geldpolitischer Entscheidungen – die Dezentralisierung der Geldschöpfung –, wie dies in einem System freier und ihre eigene, allerdings auf einer gemeinsamen, eventuell durchaus auch staatlich garantierten Wertbasis beruhenden Währung emittierender und untereinander im Wettbewerb stehender Banken („Free Banking“) der Fall wäre, hätte zur Folge, dass auch unvermeidbare Fehlentscheidungen und vorkommende dysfunktionale Praktiken dezentralisiert wären sowie durch das wettbewerbliche System selbst sanktioniert und damit letztlich durch die richtigen Anreize bereits präventiv verhindert würden. Denn eine inflationäre Ausweitung des Kredits und damit übermäßige Geldschöpfung würde dem Interesse jeder Bank entgegenstehen, da sie unmittelbar durch das System bestraft würde.
Free Banking in Schottland und Kanada – geldpolitischer Staatsinterventionismus in den USA
Historisch hat es eine solches „Free Banking“-System bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Schottland gegeben und es funktionierte ein Jahrhundert lang praktisch ohne Zusammenbrüche oder Bank Runs, bis die Engländer es mit der Ausweitung der Peel-Act auf Schottland zerstörten. Die schottischen Banken wurden der Bank of England unterstellt, die aus fiskalischen Gründen – auch zum Zwecke der Kriegsfinanzierung – verschiedene Kreditbooms und entsprechende Bankenkrisen verursachte.
Übrigens haben schottische Auswanderer Free Banking nach Kanada gebracht. In Kanada gab es bis 1935 keine Zentralbank! Und erstaunlicherweise blieb das kanadische Finanzsystem stabil und krisenfrei, während der Nachbar USA seit dem Bürgerkrieg, die Nordstaaten bereits während des Krieges zum Zweck seiner Finanzierung, durch staatliche Interventionen und schlechte Regulierungen das Finanzsystem destabilisierte.
Der Ruf nach einer Zentralbank, die dann im Dezember 1913 geschaffen wurde, war nicht die Antwort auf eine mangelnde Regulierung und entsprechende Instabilität des Finanzsystems, wie man immer wieder liest, sondern die verfehlte Antwort auf eine bereits bestehende, aber schlechte staatliche Regulierung, die das Finanzsystem instabil machte und bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts – man denke an die Panik von 1907 – zu verschiedenen Bankenkrisen führte.
Ohne Zentralbanken würde sich das bessere Bankensystem durchsetzen
Der oben zitiert George Selgin hat darüber, besonders aber über Free Banking geforscht und publiziert. In „Financial Stability without Central Banks“ meint er, eine solches System sei auch mit einem Teilreservesystem (der Banken) möglich. Murray Rothbard hingegen, ebenfalls ein Befürworter von Free Banking ohne Zentralbanken, und viele, die ihm darin folgen, lehnen ein Teilreservesystem ab. Eine Bank dürfe aus moralischen Gründen nur Kredite vergeben, die voll durch Einlagen gedeckt sind. Selbst wenn jedoch Teilreservehaltung nicht gesetzlich verboten wäre, würde ein Free Banking-System automatisch in Richtung Vollreservehaltung tendieren, da es solchen Banken einen Wettbewerbsvorteil verschaffte (vgl. Murray Rothbard, The Case Against the Fed, S. 111-124).
Ob nun Rothbard Recht hat oder nicht: Denkbar ist, meiner Meinung nach, dass sich in einer Welt ohne staatliches Geldmonopol das bessere System durchsetzen würde. Beide könnten auch nebeneinander existieren und verschiedene Kundenbedürfnisse mit verschiedener Renditeerwartungen für ihre Einlagen und entsprechend verschiedener Risikobereitschaft abdecken. Jedenfalls funktionierte das schottische Free Banking-System auch mit einem Teildeckungssystem krisenfrei. Es gab weder Kreditblasen noch Bankzusammenbrüche oder Bank Runs – nur einmal, bei der sogenannten Ayr Bank, von deren Zusammenbruch auch Adam Smith indirekt betroffen war. Die Lektion genügte, damit es nie wieder geschah. Warum genau es nie wieder geschah, wie also Free Banking in Schottland Finanzstabilität gewährleistete, bis das System durch England zerstört wurde, kann man bei George Selgin nachlesen.
Das von mir oben geforderte Verbot der Geldpolitik durch die Zentralbanken wäre in dieser Perspektive zur Herstellung von Finanzstabilität und eines – im Rahmen des Möglichen – finanz- und wirtschaftskrisenfreien Kapitalismus nur ein erster Schritt. Der zweite wäre die Abschaffung des staatlichen Geldmonopols. Nur: Das frühere Free Banking-System, in dem zwar jede Bank ihre eigenen Banknoten herausgab, beruhte auf einem einheitlichen Geld.
Nicht die zirkulierenden Banknoten waren das Geld, das dem System zugrunde lag, sondern die Edelmetalle in den Tresors der Banken, genauer das britische Pfund Sterling, das sowohl in England wie auch in Schottland als monetäre Basis und Anker fungierte. Heute haben wir nur noch Buchgeld, papierene Banknoten, die durch „Nichts“ gedeckt sind, es sei denn durch das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit der Staaten (oder, wie im Fall des Euros, der Staatensysteme), die sie emittieren, und Münzen, deren Warenwert natürlich keineswegs ihrem (stets geringeren) Nennwert entspricht.
Dabei ist nicht gesagt, dass ein solches staatliches Fiat-Geld als Währungs-Wertbasis oder Wertanker für die dann von den privaten Geschäftsbanken emittierten Banknoten nicht mit einem Free Banking-System vereinbar wäre – solange der Staat keinen Einfluss auf die zirkulierende Menge dieses Geldes hat. Dieser staatliche Wertanker würde sogar gerade in dem Maße an Robustheit gewinnen, in dem der Staat der Herrschaft über die Geldschöpfung und damit über die Menge der zirkulierenden Geldmittel sowie der Fähigkeit, die Höhe des Zinses zu bestimmen, beraubt wäre, sich deshalb selbst auch nicht mehr überschulden und damit tatsächlich als Stabilitätsanker fungieren könnte.
Die Frage bleibt jedoch, ob sich Staaten und letztlich die Politik auf Dauer einer solchen Selbstbeschränkung, ja Entmachtung unterziehen würden. Da ist die Demokratie bzw. sind die Bürger als letztlich verfassungsbestimmende Gewalt gefragt. Gemäß der bekannten Weisheit hat ja jedes Volk die Regierung – und damit auch das Geld –, das es verdient.
Der blinde Fleck der Kapitalismuskritiker und der kirchlichen Soziallehre
Die Erkenntnis, dass der krisenhafte Verlauf der Geschichte des modernen Kapitalismus mit all seinen sozialen Verwerfungen gar nicht am Kapitalismus, sondern an einem dem Kapitalismus von der Politik aufoktroyierten Geld- und Bankensystem liegt, das mittels des staatlichen Geldmonopols und geldpolitisch intervenierender, die Zinsen manipulierender und damit die Kredit- bzw. Geldschöpfung der Geschäftsbanken steuernder Zentralbanken auf eine dysfunktionale, destabilisierende Weise mit der kapitalistischen Produktionsweise interferiert – diese Erkenntnis sollte besonders für jene ein wichtige Botschaft sein, die sich mit „sozialer Gerechtigkeit“, was auch immer sie damit genau meinen, besonders auch im Rahmen der christlichen bzw. katholisch-kirchlichen Soziallehre befassen.
Denn für diese ist das Geldsystem und die damit verbundene Geldpolitik der Staaten wie auch das damit verbundene Bankensystem und die Kreditschöpfung aus dem Nichts, leider schlicht kein Thema – oder aber ein Thema, das nur unter dem Aspekt seiner Anrüchigkeit und moralischen Gefahren sowie zumeist unter den Stichworten „Spekulation“ und „Geldgier“ behandelt wird.
Das zeigte sich beispielsweise in einem Dokument über Fragen der Wirtschaft und des Geldes, das der Vatikan 2018, als Antwort auf die damals bereits zehn Jahre zurückliegende Finanzkrise, veröffentlichte. Dabei übersah man schlicht den Elefanten im Raum, nämlich den Fehlanreize setzenden Staat, und leistete letztlich einer Kapitalismusskepsis und -kritik Vorschub, die gerade das angreift und damit unterminiert – nämlich die auf Gewinnerzielung gerichtete kapitalistische Produktionsweise und die Marktwirtschaft –, was in historischer Perspektive am meisten zum Wohlstand der Massen beigetragen hat und immer noch die Garantie für dessen Erhaltung und Ausweitung auch auf ärmere Länder und soziale Gesellschaftsschichten ist, die dieser Soziallehre zu Recht so sehr am Herzen liegen.
Hier herrscht dringender Reflexions- und Nachholbedarf. Gerade wem, wie auch mir, eine auf christlicher Grundlage, einem entsprechenden Menschenbild und entsprechender Ethik entwickelte Soziallehre ein Anliegen ist, sollte hier über die Bücher gehen.
Ich danke Simon Blöthner für wertvolle Hinweise und Verbesserungsvorschläge.
Mehr zum Thema auf unserer Website:
Philipp Bagus, „Die Angst vor Deflation ist unbegründet“
Samuel Gregg, Der Vatikan zu Fragen des Finanz- und Bankwesens: Klare ethische Prinzipien, Unklarheit in der Anwendung (über das oben erwähnte vatikanische Dokument über Fragen der Wirtschaft und des Geldes)
Martin Rhonheimer, Das Dogma der „Preisstabilität“ und die Politik des billigen Geldes
Peter Keppeler, Staatsloses Geld – keine Utopie, sondern historische Tatsache
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