Währungswettbewerb ohne staatliche Regulierung: „Free banking“ in Schottland und der Schweiz im 19. Jahrhundert

Ein Währungssystem ohne eine Zentralbank in dem die Noten von privaten Banken als Kredite herausgegeben werden, ist nicht nur theoretisch möglich. Es bestand in Schottland und der Schweiz und funktionierte gut (in Schottland von 1695 bis 1845 und in der Schweiz seit dem 18. Jahrhundert bis 1907). Die  Vollgeldinitiative, über die in der Schweiz am 10. Juni abgestimmt und die wuchtig verworfen wurde, hätte den Banken die Geldschöpfung durch nur teilweise gedeckte Kredite untersagt. Geld sollte nur noch die Nationalbank schöpfen dürfen, womit das Geldwesen ganz in die Hand des Staates gelegt worden wäre. Das ist Ausdruck einer naiven Staatsgläubigkeit, die auch durch die gegenwärtige voll von Staaten erzeugte Schuldenkrise nicht erschüttert wurde.

 

“Free banking” und Währungswettbewerb in Schottland

Schottland kannte von 1716 bis 1845 das sog. „free banking“. Das schottische Parlament gründete zwar 1695 die Bank of Scotland und gewährte ihr ein Monopol für 21 Jahre für das Bankgeschäft und die Ausgabe von Noten, das aber 1716 nicht verlängert wurde. Die Bank war aber trotz ihres Namens keine staatliche Institution und auch nicht reguliert. Die Proteste der Bank of Scotland bei der britischen Regierung gegen die Bewilligung einer Konkurrentin verhallten ungehört (die schottische Krone wurde schon 1603 mit der englischen vereinigt, und 1707 wurden auch die Parlamente der beiden Länder zusammen gelegt). So wurde dann ebenfalls in Edinburgh 1727 eine weitere Bank gegründet, die Royal Bank of Scotland. Der verbissene Wettbewerb zwischen den beiden Banken erwies sich als innovationsfördernd. So konnten z.B. Kunden in Schottland ab 1731 verzinste Konten eröffnen, lange bevor dies in England möglich war.

In den folgenden Jahrzehnten entstanden nun laufend neue Banken, die teilweise auch Noten herausgaben. Insgesamt gab es 5 Banken im Jahr 1740, zehn Jahre später 14 und 1769 waren es 32. Bis 1760 waren die Hauptsitze der Banken noch auf Edinburgh und Glasgow konzentriert, breiteten sich dann aber über das ganze Land aus. Da es keine Zentralbank gab, konnten die Banken selbst Noten herausgeben, die sie gegenseitig ohne weiteres zu pari akzeptierten. 1826 gaben nur 6 von insgesamt 35 Banken keine eigenen Noten heraus. Die meisten Banken hatten auch Filialen. 1826 waren es insgesamt 146. Es gab natürlich auch immer wieder Fusionen zwischen kleineren Privatbanken und auch zahlreiche Konkurse. Kunden kamen dabei praktisch nicht zu Schaden, da die Teilhaber der Banken alle unbeschränkt haftbar waren, wie heute in der Schweiz bei den noch wenigen Privatbanken. Das von der Bank of England beaufsichtigte englische Bankwesen verzeichnete im Verhältnis zur Gesamtzahl der Banken nicht etwa weniger Konkurse, sondern mehr als doppelt so viele wie in Schottland. So betrug in den Jahren 1809 bis 1832 die durchschnittliche Rate der Bankkonkurse in England 1,8%, in Schottland dagegen nur 0,8%.

Die Bank of England wurde 1694 gegründet zur Finanzierung des Krieges der englischen Krone (Wilhelm von Oranien) gegen Frankreich unter Louis XIV. Die Regulierung in England bestand damals aus wenigen Elementen: Die Bank of England war die Hausbank der Regierung zur Aufnahme von Krediten, was die Bank auch wirtschaftlich privilegierte. Dann bestand in England die sogenannte six-partner rule, d.h. eine Bank durfte höchstens sechs vollhaftende Partner haben. Diese Regel wurde 1826 teilweise aufgehoben, sie galt aber weiter für jede Bank innerhalb eines 65 Meilen-Kreises rund um London.

Wie oben erwähnt, gab es in Schottland keine Bank, die – in der Art einer Zentralbank – das Monopol auf die Herausgabe von Noten hatte. Die Entwicklung in jener Zeit hat gezeigt, dass dies gar nicht notwendig war. Gab eine Bank zu viele Noten in Umlauf, die nicht mehr ausreichend gedeckt waren, entzogen ihr die anderen Banken das Vertrauen, weil sie den Umtausch zu pari nicht mehr akzeptierten. So geschah dies z.B. beim damals spektakulären Konkurs der Ayr Bank. Sie wurde 1769 gegründet und entfaltete eine sehr aggressive Geschäftspolitik, indem sie eine große Zahl schlechter Kredite durch eine ungezügelte Herausgabe von Noten finanzierte. Sie brach schon nach wenigen Jahren zusammen. Bei der Liquidation betrugen ihre Verpflichtungen £300‘000 in Depositen, £220‘000 in Noten und £600‘000 in ausstehenden Wechseln. Um einem Vertrauensverlust in Banknoten vorzubeugen, erklärten sich einen Tag vor der Liquidation die Bank of Scotland und die Royal Bank bereit, die Noten der Ayr Bank zu übernehmen. Sie konnten dies tun, weil die 241 unbeschränkt haftenden Teilhaber der Ayr Bank imstande waren, die Verluste zu übernehmen.

Das so gut funktionierende „free banking“ in Schottland wurde leider vom britischen Parlament mit der „Peel Banking Act“ (Bank Charter Act) von 1844 (benannt nach dem damaligen Premierminister Sir Robert Peel) praktisch verunmöglicht. Die oft auch einfach „Peel’s Act“ genannte grundlegende Reform des Bankwesens, die 1845 auf Schottland ausgedehnt wurde, enthielt den fatalen Irrtum, dass Buchgeld nicht Banknoten gleichgestellt wurde. So wurde der Gewährung von nur teilweise gedeckten Krediten durch die Banken, was die Peel’s Act eigentlich verhindern wollte(!), Tür und Tor geöffnet.

Die Peel Banking Act (Bank Charter Act) von 1844

Aufgrund der Bank Charter Act von 1844 wurde die gesetzliche Grundlage für das Banknotenmonopol der Bank of England geschaffen und auf Schottland ausgedehnt. Keine andere Bank durfte fortan Banknoten ausgeben. Gleichzeitig wurde die praktisch vollständige Deckung der ausgegebenen Banknoten durch Gold oder Silber vorgeschrieben. Allerdings versäumte es die Peel’s Act zu erkennen, dass auch Sichteinlagen der Banken Geld waren, was zur Möglichkeit unkontrollierter Kreditexpansion und Geldschöpfung durch die Banken führte und der Absicht der Peel’s Act entgegenlief. In letzter Konsequenz führte dies dann zur Schaffung von Zentralbanken als „lender of last resort“.

 

Ein anderes Beispiel für Währungswettbewerb: Die Schweiz vor 1907

Die Schweiz war bereits im 18. Jahrhundert relativ stark industrialisiert. In der Textilindustrie, die stark auf Heimarbeit der Bauernfamilien beruhte, erreichte sie schon bald eine führende Stellung. So gab es keinen Bedarf nach größeren Girobanken wie in europäischen Handelsstädten. Erst 1907 wurde die Schweizerische Nationalbank gegründet, also rund 60 Jahre nach der Schaffung des Bundesstaates. Zuvor war es den Banken überlassen, Noten herauszugeben. Die ersten Banknoten, lautend auf den „Alten Schweizerfranken“, gab die Deposito-Cassa der Stadt Bern heraus. Im Laufe der Jahre traten immer mehr Banken als Emittenten von Papiergeld auf. Die Noten hatten sehr verschiedene Einheiten, wie z.B. Écu, Brabantertaler, französische Franc, Reichsgulden etc.

Zur Zeit der Fremdherrschaft unter Napoleon wurde 1798 erstmals versucht, ein einheitliches Geldsystem zu schaffen. Die Helvetische Republik scheiterte aber bereits 1803, und die Münzhoheit ging damit an die Kantone. Nach der Schaffung des Bundesstaates im Jahre 1848 legte der Bund dann 1850 mit dem Münzgesetz den Franken, eingeteilt in 100 Rappen, als Währungseinheit fest (1 Franken entsprach 4,5 Gramm Silber, gleich wie der französische Franken). Es bestand also eine Währungskonkurrenz, wie sie F.A. von Hayek in seinem Werk Denationalisation of Money (die Entstaatlichung des Geldes, 1976) vor Augen hatte.

Wie das funktionierte, zeigt eine Geschichte der privaten „Bank in St. Gallen“ („Bank in St. Gallen 1837-1907“, Die Geschichte einer Schweizerischen Notenbank“, von Paul Gygax, Redakteur, Buchdruckerei Zollikofer, 1907). Eine Konkurrentin dieser Bank, die „St. Gallische Kantonalbank“, die eine Staatsgarantie im Rücken hatte, gab 1868 leichtfertig zu viele Noten heraus. Die „Bank in St.Gallen“ nahm diese von ihren Kunden entgegen und löste sie umgehend bei der Kantonalbank gegen Gold ein. Die Kantonalbank musste, wollte sie die Golddeckung ihrer Noten einhalten, sich mit der Notenausgabe künftig zurückhalten.

Bis 1881, als das Banknotengesetz erlassen wurde, waren die Banken in der Schweiz im Wesentlichen frei von Staatseingriffen. Trotz des Banknotengesetzes dauerte es nochmals ein rundes Vierteljahrhundert bis zur Gründung der Nationalbank. Das „free banking“ bis 1881 und auch die Zeit ohne Zentralbank bis 1907 scheinen die rasante Entwicklung der Schweiz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bis zum ersten Weltkrieg zu einem der höchstindustrialisierten Länder in Europa nicht behindert zu haben.

 

Die heutige Realität: Vorschriften statt Selbstregulierung

In Schottland und der Schweiz gab es in der Zeit des „free banking“ keine Zentralbank als „lender of last resort“. Geriet eine Bank in eine Liquiditätskrise und Private waren nicht mehr bereit, ihr Kredit zu geben, weil sie davon ausgingen, der Kredit wäre nicht mehr ausreichend gedeckt, blieb der Bank nur noch der Konkurs als letzter Ausweg. Dies war heilsam und wirkte stark selbstregulierend, besser jedenfalls als das heutige dichte Netz von staatlichen Vorschriften.

 

Literatur:

Lawrence H. White „Free Banking in Britain”, 2nd ed. London 1995

Ernst Baltensperger “Der Schweizer Franken”, Verlag NZZ, Zürich 2012

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