Nullsummenglaube als wirtschaftlicher Bremsklotz? Über Rainer Zitelmanns neues Buch

Rainer Zitelmann ist ein bekannter deutscher Historiker, Investor und Autor, der seine Leser vor allem über die Vorteile der freien Marktwirtschaft gegenüber anderen Gesellschaftsordnungen aufklärt. In seinem neuen Buch mit dem Titel „Zero-Sum Mindset” setzt er sich mit gängigen Kritikpunkten am Kapitalismus auseinander, die sich allesamt aus einem Nullsummendenken ableiten lassen.

Zitelmann argumentiert überzeugend, dass viele der wirtschaftlichen Fehlentscheidungen unserer Zeit auf diesen Irrglauben zurückzuführen sind.

Als Nullsummenspiel wird in der Spieltheorie eine Situation bezeichnet, bei der der ein Spieler das gewinnt, was der andere verliert. Wenn man nach dem Spiel die Gewinne und Verluste der Teilnehmenden addiert, kommt eine Null heraus. Solche Spiele gibt es und solche Situationen existieren auch in Wirklichkeit. Zu glauben aber, dass alles in unserem Leben und in der Wirtschaft dieser Regel folgt, ist eine Fehlannahme – eine sogenannte Nullsummenheuristik.

Zitelmann argumentiert überzeugend, dass viele der wirtschaftlichen Fehlentscheidungen unserer Zeit auf diesen Irrglauben zurückzuführen sind. Ein großer Anteil der Gesellschaft betrachtet das Marktgeschehen als ein Nullsummenspiel, bei dem einige wenige auf Kosten vieler anderer reich werden. Wenig verwunderlich, dass sie dann für staatlichen Ausgleich, wie bspw. Reichen- und Erbschaftssteuer, und gegen Freihandel sind.

Diese Überzeugung ist tief verankert in weiten Teilen der breiten Bevölkerung, aber auch unter den Intellektuellen. Der amerikanische Soziologe George Gilder brachte es in seinem 1981 erschienen Buch „Reichtum und Armut” auf den Punkt: das Vorurteil, aller Reichtum sei durch Betrug oder Diebstahl entstanden, halte sich „am hartnäckigsten in den Gefängnissen und – an der Harvard-Universität“.[1]

Ob die intellektuelle Elite aus Überzeugung oder politischem Kalkül dem Nullsummenglauben anhängt, sei dahingestellt. Die breite Masse nimmt wohl einfach mentale Abkürzungen, um sich in der komplexen Welt zurechtzufinden. Zitelmanns Aufklärungsarbeit setzt vor allem bei letzterer Schicht an.

Das Zero-Sum Mindset ist allgegenwärtig

Aus Platzgründen wird hier auf eine umfassende Auflistung der Umfragen, die Zitelmann zitiert oder selbst in Auftrag gab, verzichtet. Fakt ist, dass der Nullsummenglaube sich quer durch Kulturen und Gesellschaftsschichten zieht. Zwar ist in kollektivistischeren Ländern der Hang zu diesem Denken ausgeprägter, aber selbst in vermeintlich individualistischen Gesellschaften ist er immer wieder anzutreffen.

Der amerikanische Ökonom Paul H. Rubin führt diese Heuristiken (die er folk economics, also laienhafte, im Volk existierende Vorstellungen vom Wirtschaftsleben nennt) auf evolutionsbiologische Gründe zurück: über Millionen Jahre führten die Menschen ein einfaches Leben ohne große Wachstumssprünge. Der sprichwörtliche Kuchen blieb über Generationen hinweg auf gegebenem Gebiet etwa gleich groß, und die Aufteilung dieses Kuchens war die entscheidende Frage. Der chinesische Ökonom Weiying Zhang nennt diese Periode die „Machtphase”, in der die Logik der Macht (eine Nullsummenlogik) vorherrschte. Ein Großteil der Menschheit legte diese Denkweise auch dann nicht ab, als die Menschheit in die „Marktphase” – ein Positivsummenspiel – übertrat und die Wirtschaft in rasantem Tempo wuchs. Nach wie vor wünschten und wünschen sich viele einen umverteilenden Staat, statt auf die Marktkräfte zu vertrauen. Sie übersehen aber, dass „jeder Eingriff in die Verteilung des Kuchens Auswirkungen auf seine Größe hat”.[2]

Freihandel ist das Gegenteil von Nullsummenspiel

Schon frühe Ökonomen wie Adam Smith oder David Ricardo haben den Beweis erbracht, dass sich durch Spezialisierung und Handel ein größerer Kuchen backen lässt, dass eine moderne arbeitsteilige Wirtschaft mit dem Bevölkerungszuwachs Schritt halten und nie dagewesenen Wohlstand bieten kann.

Zitelmann belegt mit Fakten, dass Freihandel für alle Beteiligten uneingeschränkt positiv ist, auch wenn er kurzfristig zu Jobverlusten in Ländern mit höherem Lohnniveau führen kann.

Der Merkantilismus, also der Glaube, dass der Staat Exporte fördern und Importe hemmen sollte, entspringt bei näherer Betrachtung auch einer Nullsummenlogik. Obwohl schon Smith die Argumente der Merkantilisten entkräftete, hält sich der Hang zum Protektionismus immer noch hartnäckig, und zwar auch bei vermeintlich wirtschaftsfreundlichen Politikern und Parteien. Der immer wieder aufflammende Handelskrieg zwischen den von den Republikanern geführten USA und dem Rest der Welt ist ein bezeichnendes Beispiel dazu.

Zitelmann belegt mit Fakten, dass Freihandel für alle Beteiligten uneingeschränkt positiv ist, auch wenn er kurzfristig zu Jobverlusten in Ländern mit höherem Lohnniveau führen kann. Zudem profitieren Menschen aus unteren Einkommensklassen überproportional vom Freihandel.

Entgegen den Behauptungen von Populisten ist ein Handelsbilanzdefizit nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste. Das ganze Aufheben um dieses Thema ist ebenfalls auf einen laienhaften Nullsummenglauben zurückzuführen: Defizit klingt in den Ohren vieler schlecht, Überschuss dagegen gut. Das Märchen vom ausbeuterischen Ausland tut sein Übriges. Dabei zeugt das Handelsdefizit der USA gerade davon, dass die Amerikaner in der Lage sind, Produkte und Dienstleistungen aus der ganzen Welt zu beziehen. Zölle und Handelsbeschränkungen werden die Produktion nicht in den „Rust Belt” zurückholen, dafür aber für zusätzliche Kosten und sinkenden Wohlstand bei den Konsumenten sorgen.

Zero-Sum Bias und Antikapitalismus

Zitelmann ist überzeugt, dass die nicht zuletzt in der jungen Generation verstärkt um sich greifende antikapitalistische Gesinnung auf die Nullsummenheuristik zurückzuführen ist.

Ökonomische Laien – oder diejenigen, die einer falschen ökonomischen Theorie folgen – sind nicht in der Lage, den Zusammenhang zwischen dem ungedeckten Papiergeldsystem und den explodierenden Vermögenspreisen herzustellen. Für sie tragen die Kapitalisten die Schuld an der Wohnungsknappheit und schnell werden Rufe nach Enteignung laut. Die übermäßige Furcht vor Jobverlust durch künstliche Intelligenz hängt auch mit einer Nullsummenmentalität zusammen. Die durch die technologische Revolution ausgelöste Produktivitätssteigerung wird die Arbeitskräfte neuen Aufgaben zuführen.

Dem Profit wird mit ähnlicher Skepsis begegnet. Dabei werden die Gewinnmargen in verschiedenen Branchen von Laien systematisch überschätzt, wie es in mehreren Untersuchungen nachgewiesen wurde. Schlimmer noch, ein signifikanter Teil der Bevölkerung lehnt Profit grundsätzlich ab. Die Nullsummenheuristik impliziert, dass jeder noch so kleine Gewinn letztlich von den Konsumenten weggenommen wurde.

Entwicklungshilfe ist die falsche Lösung

Die westliche Entwicklungshilfe für Länder niedrigeren Einkommens resultiert ebenfalls aus einer Nullsummenlogik. Für Befürworter kostspieliger Förderprogramme ist die Armut in der Dritten Welt ein Ergebnis der Ausbeutung durch die ehemaligen Kolonialmächte. Sie halten es für eine moralische Pflicht, diesen Ländern etwas „zurückzugeben”.

Entwicklungshilfe und anschließende Selbstbeweihräucherung ist aber der falsche Ansatz. Der ehemalige Präsident von Senegal, Abdoulaye Wade, erkannte dies auch:

„Ich habe noch nie erlebt, dass sich ein Land durch Entwicklungshilfe oder Kredite entwickelt hat. Länder, die sich entwickelt haben (…), haben alle an den freien Markt geglaubt.”[3]

In der Tat entwickelten sich asiatische Länder wie Taiwan, Südkorea oder Singapur nach kapitalistischen Reformen ungleich schneller als afrikanische Länder, die einen sozialistischen Weg einschlugen. Dabei erhielten erstere Länder viel weniger Entwicklungshilfe aus dem Westen.

Wenn man sich allerdings die abstrusesten Beispiele westlicher Entwicklungshilfe von Radwegen in Peru bis hin zu „klimabewussten” Spielfilmen in Argentinien anschaut, drängt sich der Verdacht einer raffinierten Korruptionsmaschinerie auf, für die Wohltätigkeit eh schon nur als Alibi dient.

Nährboden für Neid

Zitelmann setzt sich auch mit der Neidforschung auseinander. Seiner Meinung nach ist das Nullsummendenken eine der wichtigsten Ursachen des Neidgefühls. Das Gegenteil kann auch richtig sein, das heißt, Neid kann mit Nullsummenlogik rationalisiert und entschuldigt werden: wenn andere Menschen erfolgreicher oder wohlhabender sind, dann nur, weil sie sich unlauterer Mittel bedient haben.

Immanuel Kant definiert Neid in seiner „Metaphysik der Sitten” folgendermaßen: es sei „der Hang, das Wohl anderer mit Schmerz wahrzunehmen, obzwar dem seinigen dadurch kein Abbruch geschieht” (eigene Hervorhebung).[4] Laut Kant ist Neid also untrennbar mit einem falschen Nullsummendenken verbunden. Neider werden durch die Erfolge anderer nicht benachteiligt, trotzdem legen sie eine ablehnende Haltung gegenüber ihren erfolgreicheren Mitmenschen an den Tag.

Zitelmann meint, dass der wirtschaftlich motivierte Antisemitismus auch auf Neid und letztlich auf Nullsummenglauben zurückzuführen ist. Der Sozialpsychologe Peter Glick bezeichnet vergleichsweise erfolgreiche Minderheiten wie Juden oder asiatische Amerikaner als „Victims of Success.”

Fazit

„Glaubenssätze und Weltanschauungen sind wie eine Brille, durch die wir die Welt sehen”[5] – schreibt der Autor. Wenn man sich eine falsche Brille aufsetzt, wird man zu falschen Ideologien verleitet. Im Diskurs um die nötigen Wirtschaftsreformen kam der in der Gesellschaft tief verankerte Nullsummenglaube bisher zu kurz. Dabei ist er einer der wichtigsten Ursachen für wirtschaftsfeindliche Ideologien. Es ist zu wünschen, dass Zitelmanns Buch viele Leser erreicht, die ihre Haltung dann kritisch überprüfen. Nur so kann man wirklich nachhaltige Reformen hin zu mehr Marktwirtschaft und Freihandel auf den Weg bringen.

Zero Sum Mindset. Die Nullsummenfalle – warum alle mehr gewinnen, wenn wir anders denken
Vorwort von Steve Forbes
Print: 180 Seiten
ISBN: 978-3-690-66262-8
18.00 EUR

Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag

[1] Zitelmann, Rainer (2026) Zero-Sum Mindset, S. 7

[2] Zitelmann, Rainer (2026) Zero-Sum Mindset, S. 32

[3] Zitelmann, Rainer (2026) Zero-Sum Mindset, S. 87

[4] Zitelmann, Rainer (2026) Zero-Sum Mindset, S. 107

[5] Zitelmann, Rainer (2026) Zero-Sum Mindset, S. 6

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