Heimtückische Inflation: Wie uns die Politik des billigen Geldes immer ärmer macht

Der Streit um Worte ist wohl die unnützeste Form von Streit. Doch nicht immer. So etwa beim gerade hochaktuellen Thema Inflation. Was ist Inflation? Was sind ihre Ursachen?  Meinungsdivergenzen beruhen zumeist darauf, dass das Wort Inflation in verschiedenem Sinne verwendet wird. Hier ist terminologische Klärung wichtig.

Inflation ist Geldüberhang, zu viel Geld im Wirtschaftskreislauf. Und das ist offensichtlich ein monetäres Problem. Deshalb ist es so wichtig, das Wort „Inflation“ richtig zu gebrauchen.

Im heute allgemein üblichen Sprachgebrauch heißt Inflation einfach Preissteigerung oder Teuerung. Im Fokus stehen also die Preise. Und so spricht man denn heute von der Inflation der Konsumgüterpreise – sie wird an einem Korb von Konsumgütern gemessen –, aber auch von Inflation der Immobilienpreise, Rohstoffpreise, Ölpreise usw. Überall, wo Preise steigen, wird Inflation diagnostiziert.

Ansteigen der Preise und Inflation sind nicht dasselbe

Heute sind es eigentlich nur noch die Monetaristen – Begründer des Monetarismus war Milton Friedman –, die diesem Wortgebrauch widersprechen. Denn Preissteigerungen wie die genannten hätten gar nicht unbedingt etwas mit Inflation zu tun. Sie indizierten lediglich einen Anstieg relativer Preise – Preise im Vergleich zu anderen Preisen – und seien entsprechend Ausdruck der erhöhten Knappheit eines Gutes. Wenn zu früheren Zeiten nach einer Missernte oder in Kriegszeiten die Getreide- und dann auch die Brotpreise stiegen, war das nicht „Inflation“, sondern Ausdruck der Knappheit an Getreide gegenüber der Nachfrage nach Getreide. Folge ist der Anstieg des Getreidepreises – etwa relativ zum Preis von Äpfeln.

Solche überhöhten Knappheitspreise – alle Preise drücken Knappheiten aus –  können schnell wieder sinken, dann eben, wenn sich das Güterangebot erhöht – etwa nach einer auf die Missernte folgenden guten Ernte oder durch Importe. Vor allem aber sind dabei immer nur einzelne Preise bzw. einzelne Güter betroffen. Inflation aber, so der Monetarismus, sei etwas anderes, nämlich – zunächst schleichende – ist Geldentwertung bzw. sinkende Kaufkraft des Geldes.

Infolge der Inflation wird deshalb nicht nur dies oder jenes, sondern alles teurer, aber nicht alles im gleichen Maße, am gleichen Ort und zur gleichen Zeit. Es steigt nicht einfach das allgemeine „Preisniveau“, sondern einige profitieren – vor allem jene, die das neue Geld zuerst, noch ohne Wertverminderung, erhalten, also der Finanzsektor – andere verlieren. Es entstehen Verzerrungen, Ungleichgewichte, Produktionsengpässe, Arbeitslosigkeit usw. Mit anderen Worten: Das Gefüge der Wirtschaft und damit auch das soziale Gefüge gerät aus den Fugen.

„Inflation ist immer und überall ein monetäres Problem.“

Das alles, so die Monetaristen, ist einzig und allein Folge der Tatsache, dass im Verhältnis zum Angebot an Waren, Dienstleistungen usw. zu viel Geld geschaffen wurde und damit die (effektive monetäre) Nachfrage aufgebläht ist. Wenn immer mehr Geld einer gegebenen Menge Güter nachjagt, dann steigt eben der Preis der Güter.

Deshalb der berühmte Satz Friedmans: „Inflation ist immer und überall ein monetäres Problem.“ Damit sprach der Ökonom aus Chicago eine grundlegende Wahrheit aus. Inflation ist Geldüberhang, zu viel Geld im Wirtschaftskreislauf. Und das ist offensichtlich ein monetäres Problem. Deshalb ist es so wichtig, das Wort „Inflation“ richtig zu gebrauchen. Haben wir einmal verstanden, was mit dem Wort gemeint ist, verstehen wir auch die Natur des Problems und seine Ursachen.

Die Ursachen liegen im Missbrauch der Geldproduktion durch die Zentralbanken. Schon als Gymnasiast habe ich aus Wilhelm Röpkes Buch „Die Lehre von der Wirtschaft“ – er war kein Monetarist – gelernt: liberale Anhänger einer freien Marktwirtschaft plädieren dafür, dass für Geld der Grundsatz der „möglichst billigen und reichlichen Produktion“ wie bei Waren nicht gelten darf. Geld ist zwar auch eine Art „Ware“, aber eine mit einer besonderen Funktion. Wir brauchen sie (neben anderem) als Tausch- bzw. Zahlungsmittel. Denn je mehr von einer Ware produziert wird, desto weniger kostet sie, ihr Preis sinkt. Und das ist gut so, denn dadurch werden wir reicher. Wenn Waren billiger werden, können wir uns mit derselben Summe Geldes mehr leisten.

Gibt es aber zu viel Geld, dann sinkt – genau gleich – auch der Preis des Geldes, es wird „billiger“. Billigeres Geld ist in größerer Menge und leichter verfügbar, aber weniger wert. Wir können dann mit jedem Euro zwar immer noch gleich viele Euros kaufen, nämlich genau einen, aber wir können mit unseren Euros immer weniger Brot oder Äpfel kaufen. Wir werden unter dem Strich ärmer. Genau das ist Inflation. Deshalb muss Geld im Unterschied zu allen anderen Waren knapp gehalten werden. Sonst verliert es seinen Wert und der Durchschnittskonsument wird – sogar trotz höherer Löhne – immer ärmer

Politik des billigen Geldes und zunehmende Staatsverschuldung

Nun haben die Zentralbanken, die in unserem Geldsystem für die Geldmenge verantwortlich sind, während der letzten Jahre genau das Gegenteil getan: Sie haben das Geld ständig vermehrt, ja geradezu eine Geldschwemme produziert. Wie das technisch gelaufen ist – z.B. durch den Aufkauf von mit neu geschaffenem Geld bezahlten Staatsschulden –, ist hier nicht von Belang. Dieses Geld ist zwar zunächst in den Bilanzen der Banken geblieben. Doch jetzt wird es nach und nach in den Wirtschaftskreislauf eingespeist.

Das musste notwendigerweise so kommen, denn Die Politik verlangte danach: Euro-Rettungsfonds, Pandemie-Wiederaufbaufonds, gewaltige Infrastrukturprogramme, neuerdings steigende Militärausgaben und voraussichtliche Kosten für die Folgen eines Krieges. Und das – im Unterschied zu früheren Zeiten – alles mit bereits horrend überschuldeten Staaten. Eine Überschuldung, die ein den letzten Jahren wegen des billigen Geldes stetig angewachsen, aber aus politischen Gründen kaum abbaubar ist, da sie auf den immer höheren Kosten des Sozialstaates und damit steigenden Ansprüchen der Bürger beruht. Wir leben, mit einem Ausdruck des Ökonomen Jörg Guido Hülsmann, in einer „Inflationsgesellschaft“.

So fließt nun die wachsende Geldmenge in den Wirtschaftskreislauf und kommt über die Löhne – neuerdings auch via staatlichen „Klima- und Anti-Teuerungsbonus“ – schließlich beim Konsumenten an. Doch der zunehmende Geldfluss stößt damit mitnichten automatisch auf ein höheres Angebot von Waren und Dienstleistungen, oft ist das Gegenteil der Fall. Die Produktivität ist gerade Infolge des billigen Geldes stagniert oder gar zurückgegangen. Folge sind steigende Preise – überall.

Monetarismus: Die Tücken der reinen Quantitätstheorie des Geldes

Worte sind also in der Tat zuweilen wichtig. Das Wort „Inflation“ kommt von „inflare“, „aufblähen“. Aufblähen der umlaufenden Geldmenge – das war es, was man einmal mit dem Wort „Inflation“ meinte. Heute ist diese Bedeutung in Vergessenheit geraten. Es ist in der Regel sinnlos, sich dem herrschenden Sprachgebrauch entgegenzustellen. „Preisinflation“ ist zwar sprachlich gesehen ein unsinniger Terminus, da Preise nicht aufgebläht werden, sondern steigen. Doch lassen wir es einmal dabei. Denn immerhin signalisieren wir damit, dass „Preisinflation“ etwas mit „Aufblähen“ – nämlich der Geldmenge – bzw. deren Folgen zu tun hat.

Sich auf diese alte ökonomische Wahrheit einzulassen, heißt nicht, Anhänger des Monetarismus zu werden. Dieser hat seine Schwächen, denn er beruht auf einer mechanistisch verstandenen oder „reinen“ Quantitätstheorie des Geldes. Wie die Österreichische Schule der Nationalökonomie meint –  sie vertritt eine nicht-mechanistische Quantitätstheorie des Geldes –, übersehen Monetaristen, dass Inflation nicht nur von der de facto steigenden Quantität des Geldes abhängt, sondern mehr noch von der subjektiven Erwartung, wie sich die Preise in Zukunft entwickeln werden. Das subjektive ist ein qualitatives Moment, das zumindest vom „reinen“ Monetarismus ausgeblendet wird.

Denn dieser plädiert dafür, die Geldmenge mit einer festen Rate auszuweiten. Die Geldversorgung wird damit automatisch reichlicher im Abschwung und knapper im Aufschwung. Damit kommt aber die geldpolitische Intervention meistens zu früh oder zu spät. Denn der Anstieg der Teuerung hängt eben nicht nur von der Geldmenge, sondern ebenso von den Erwartungen der Käufer ab, ob und wie schnell die Preise steigen werden. Erwarten sie einen schnellen Anstieg, werden sie ihr Geld schneller ausgeben und damit die Teuerung anheizen.

Wahre und falsche Wohltäter

Dennoch: Unter den herrschenden geldpolitischen Theorien ist der Monetarismus zweifellos die beste. Denn er weiß immerhin, was Inflation ist und woher sie kommt. Das allein schon ist ein Segen und bewahrt, wo Monetaristen am Ruder sind, vor dem Schlimmsten. Keynesianer hingegen – wie etwa Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman oder EZB-Chefin Christiane Lagarde –, die weitgehend die Debatte dominieren, sind Freunde des billigen Geldes und deshalb gefährlich, auch wenn sie zunächst einmal als Wohltäter der Gesellschaft erscheinen und Politiker, deren Lieblingsbeschäftigung das Geldausgeben ist, sie lieben.

Wenn nun aber die Stunde der berühmten harten Landung anbricht, wird selbst unter hartgesottenen Keynesianern die Gewissheit dämmern, es sei vielleicht doch die hyper-expansive Geldpolitik der letzten Jahrzehnte gewesen, die uns das alles eingebrockt hat.

 

Dieser Artikel erschien in einer kürzeren Fassung unter dem Titel „Warum billiges Geld ein Problem ist“ in der Tageszeitung „Die Presse“ vom 9. September 2022.

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