Welche Lehren für den Arbeitsmarkt ziehen wir aus der Corona-Krise?

Die Covid-19-Krise warf viele aus Lohn und Brot, viele mussten entsprechend leiden, doch auch die Arbeitsmärkte wurden beschädigt. Je nachdem machten es die Regierungen noch schlimmer – oder auch besser. Arbeitsmärkte wollen richtig gepflegt werden, und die Politiker können aus der Pandemie einiges lernen.

Firmen in Mitteleuropa rufen ihre Belegschaften zurück an die vertrauten Arbeitsplätze. In den USA hingegen ist der Arbeitsmarkt zerbröselt, die Firmen ringen um Mitarbeiter, die sie nirgendwo mehr finden.

Für einmal jedoch handelte das bedächtige Mitteleuropa wohl richtig, während die sonst flotten, flexiblen Amerikaner danebengriffen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz setzten die Regierungen sofort das bewährte, längst eingeschliffene Instrument der Kurzarbeit ein. Firmen, denen die Aufträge ausgingen, oder die wegen des Virus still gelegt wurden, zahlten meist die Löhne weiter, bekamen aber von den Behörden 60, 70 oder 80 Prozent der Kosten erstattet. Die Ämter waren ihnen bekannt, die Prozeduren eingespielt und, ganz wichtig, die Belegschaften wurden nicht entlassen. Alle Kurzarbeitenden blieben ihrer Firma verbunden. In geringerem Maß kannten auch Frankeich und Italien Kurzarbeit, wobei in Italien die Cassa Integrazione die überschriebenen Belegschaften schon weiter weg von ihrer Fima hält.

Ganz anders in den USA. Im ersten Monat der Virus-Krise wurden 2020 um die 22 Millionen Arbeitende auf die Straße gestellt. Sie bezogen zwar Arbeitslosengelder von den Einzelstaaten, dann auch noch vom Zentralstaat, aber sie waren draußen. Im Gegensatz zu Mitteleuropa und Skandinavien kennen die USA keine „aktivierende Arbeitslosenpolitik“, während in Deutschland, Österreich und der Schweiz für Arbeitsvermittlung, Umschulung, Weiterbildung einiges getan wird.

Die europäische Variante sichert die Einzelnen und ihre Haushalte ab, lässt auch ihren Konsum nicht völlig einbrechen, was sich in Krisen besser als der amerikanische Schnitt zwischen Einkommen und Arbeitslosigkeit auswirkt.

Mitteleuropa und USA: Zwei verschiedene Arbeitsmarkt-Welten

Die Folgen zeigen sich jetzt auch beim Wiederaufstieg aus der Virus-Krise völlig verschieden: Firmen in Mitteleuropa rufen ihre Belegschaften zurück an die vertrauten Arbeitsplätze. Die Arbeitenden kennen die Abläufe, die Mitarbeiter und alles geht, wie in der Autoreklame, innert Kurzem von Null auf Hundert.

In den USA hingegen ist der Arbeitsmarkt zerbröselt, die Firmen ringen um Mitarbeiter, die sie nirgendwo mehr finden. Es fehlen Lastwagenfahrer, Bauarbeiter, Verkäufer und Verkäuferinnen. Auch in den Dienstleistungsberufen gähnen große Lücken, überall weigern sich ehemalige Mitarbeiter, wieder einzusteigen, oder zumindest das bequeme Home-Office gegen den Arbeitsplatz und den Pendlerweg einzutauschen. Mit dem Arbeitsmarkt zersetzten sich auch manche Wertschöpfungsketten, Mangel herrscht beim Nachschub von Bestandteilen, ja sogar auf Ladengestellen.

Männliche Erwerbsquote in den USA seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Gut zu sehen der „Hick“ in der Covid-Krise 2020 (schattierte Zonen markieren Rezessionen). Quelle: St. Louis Federal Reserve / U.S. Bureau of Labor Statistics

Erste statistische Alarmzeichen sind auszumachen – in den USA dürfte die Erwerbsquote, also der Prozentsatz der Arbeitsfähigen, die auch wirklich arbeiten, weiter unter 63% gefallen sein. In der Schweiz liegt er bei 83% – was heißt, dass in den USA zwei Aktive eine nicht-arbeitende Person privat oder mit Sozialhilfen durchtragen müssen, in der Schweiz aber fünf Aktive eine inaktive Person. Das sind Welten an unterschiedlichen Kosten. Schlimmer noch in Italien, wo nur noch 58% arbeiten, in Spanien 60%. Dementsprechend fiel das Sozialprodukt Italiens um 7,5%, in Spanien um 6,4%, in Frankreich um 3,4%, aber in Deutschland und Mitteleuropa nur um Buchteile. Mit der Beschäftigung sanken auch die Beiträge in die Sozialversicherungen dieser Länder, auch in den USA.

Corona-Hilfspakete ohne Ende und in die Höhe schießende Staatsdefizite

Kein Wunder, dass die Staatsdefizite in die Höhe schossen, zusammen mit den Dutzendmilliarden-Paketen an Hilfen, die direkt an die Firmen gingen. Auch diese enormen Defizite schaffen für die Zeit nach der Krise unüberbrückbare Finanzlöcher. Die Schulden Frankreichs und der USA erreichen nun einen Prozentsatz gemessen am Sozialprodukt, der seinerzeit in Italien die Eurokrise 2010 auslöste. Diesmal allerdings ist alles durch das frisch gedruckte Geld der Zentralbanken „gedeckt“ – und vertagt die Krisen einfach auf morgen.

Arbeitsmarktlich verstörend wirkt eine weitere, auch in Italien geübte Krisenzahlung: die voraussetzungslos ausgerichteten Bürgergelder. In den USA schob das erste Paket Präsident Bidens allen Erwachsenen 1400 Dollar zu, bis zu einem Paar-Einkommen von 150’000 Dollar, bis in die obere Mittelschicht also. Weiter werden massiv erhöhte Kinderzulagen steuerlich ausgerichtet, und den Arbeitslosen überall ohne weitere Nachweise die einzelstaatlichen Gelder von Washington aus aufgestockt.

In Italien wird schon seit 2019 das „reddito di cittadinanza“, ein Bürgergeld zwischen 480 bis 9360 Euro jährlich ausgerichtet, an 1,6 Millionen Bedürftige, die zwar durchgehalten, aber aus der Volkswirtschaft entlassen und vergessen sind. Und allerorts sank die Erwerbsbeteiligung dramatisch. Die kumulierten Direktzahlungen an die Arbeitslosen überstiegen in den USA oft die Löhne Unqualifizierter. Warum also arbeiten?

Ob nun, wie Befürworter des Grundeinkommens behaupten, alle stattdessen künstlerisch oder in Freiwilligenarbeit tätig sind, ist mehr als zweifelhaft. Es ist keine Verkürzung zu sagen, dass hier den Bürgern – und Wählern – suggeriert wird, Einkommen vom Staat her sei voraussetzungslos möglich und werde von den Notenpressen problemlos aufgebracht. Außerdem eben trocknet dies den Arbeitsmarkt aus – und immer wenige Aktive müssen für Passive bezahlen. Die wirtschaftliche Basis erodiert.

Amerika hätte übrigens, wenn es schon in die Kassen greifen wollte, den „Earned Income Tax Credit“, die Hilfe für Working Poor, einsetzen können. Diese Hilfe schießt bei kleinen Teileinkommen 40% automatisch dazu, und baut sie nach ca. 18’000 $ Gesamteinkommen langsam wieder ab – doch von jedem darüber hinaus selbstverdientem Dollar bleiben dem Tieflohnbezüger 79% in der Tasche. Dies regt zum Arbeiten an, die ungefragten Pauschalzahlungen aber senken den Arbeitswillen und entleeren den Arbeitsmarkt. Das schädigt auch die Firmen – FedEx klagt soeben, nicht aufzutreibende Arbeitskräfte hätten sie letztes Vierteljahr 450 Millionen verlieren lassen…

Vorteile des US-Arbeitsmarktes für Produktivität und Innovation?

Könnte jedoch das amerikanische Hire-and-Fire-System auch Vorteile haben? Die Firmen bauen sich nun – entlastet von bisherigen Belegschaften – oft radikal um. Sie streichen Unrentables, sie tasten sich mit neuen Angeworbenen in andere Sektoren vor. Die Arbeitenden machen mit – gemäß Umfragen wollen die Hälfte aller Beschäftigten in den nächsten zwei Jahren etwas anderes tun. Zwei Drittel der Arbeitslosen ihrerseits suchen nicht mehr eine Stelle im bisherigen Erwerbszweig. Der US-Arbeitsmarkt dreht sich in rascher Kadenz also.

Das mag die Produktivität viel schneller steigern als in Europa, wo Kündigungshemmnisse diesen raschen Umschlag auf dem Arbeitsmarkt verhindern. Aber dieser Umschlag verweist auf eine Schwäche der amerikanischen Volkswirtschaft – sie kennt viele wenig qualifizierte Jobs in Handel, Versandfirmen, Imbissbuden, und weniger Präzisionsfirmen mit notwendigerweise stabilen, gebildeten Belegschaften in Mechanik, Maschinen, Geräten wie Deutschland, Österreich, die Schweiz. Solche Produkte werden importiert und verursachen ein großes Handelsdefizit. Auch das wird seit 50 Jahren mit frei gedruckten Dollars bezahlt.

Dennoch ein weiteres Plus-Punkt des US-Arbeitsmarktes, diesmal zugunsten derjenigen, die wieder in Stellen einsteigen: die Löhne explodieren stellenweise, so verzweifelt suchen die Firmen. Sogar Händler wie Amazon, notorisch kritisiert, überbieten den Mindestlohn um 20%, und dies nicht für Banker oder IT-Spezialisten (für diese auch), sondern für die erwähnten Heere Unqualifizierter.

Fazit: „Arbeitsmarktpflege“ mit liberalem Kündigungsrecht ergänzen

Daher bleibt nur der vorläufige Schluss: the jury is out. Nichts ist bereits klar über den künftigen Weg der USA und Europas in Produktivität, Lohnbewegung, Vollbeschäftigung, Wohlstand. Dennoch – der europäische Weg ist weniger abenteuerlich, stresst die Arbeitenden weniger. Er könnte aber beide Vorteile genießen, wenn wie in Dänemark und in der Schweiz die vorsichtige „Arbeitsmarktpflege“ ergänzt würde durch stark erleichterte Kündigungen in normalen Zeiten: dann gelingt der Umschlag der Belegschaften mit den Produktivitätsfortschritten schneller, ohne die Arbeitenden unbegleitet ins Leere zu senden. Bekanntlich sind Dänemark und die Schweiz – gerade dank Kündigungsrecht – vollbeschäftigt und wohlhabend. Die Unternehmen stellen ein, wenn sie auch mal kürzen dürfen. Elementar, my dear Watson. Europa könnte also zwei Mal gewinnen…

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