Das klimapolitische 1,5-Grad-Ziel: unehrlich und unverantwortlich

Der pandemiebedingt verschobenen 26. Klimakonferenz in Glasgow musste jeder Freund einer freien Gesellschaft und einer marktwirtschaftlichen Ordnung mit Skepsis und Befürchtungen entgegenblicken. Nicht, dass der Klimawandel kein ernsthaftes Problem wäre! Sorge bereitet jedoch die Tatsache, wie die Diskussion in der Öffentlichkeit geführt wird. Sie ist keine offene Diskussion, weil sie, von Zwängen der politischen Korrektheit geprägt, in wohldefinierten und immer gleichen Bahnen verläuft.

Politischer nicht wissenschaftlicher Ursprung eines Maximalzieles

Das beginnt mit der verbreiteten Meinung, das auf der Pariser Konferenz von 2015 beschlossene 1,5-Grad-Ziel für die maximale Erwärmung bis zum Jahr 2100 sei eine vom IPCC, dem „Uno-Klimarat“, aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse vorgegebenes Ziel und die im IPCC-Bericht von 2018 empfohlenen radikalen Maßnahmen zu dessen Erreichung seien deshalb wissenschaftlich geboten.

Doch das stimmt so nicht. Der IPCC hat nie aus eigener Initiative ein 1,5-Grad-Ziel gefordert. Das tat die Politik an der Pariser Klimakonferenz. Die Gründe sind vielschichtig, Medien, NGOs und andere Interessengruppen haben daran ihren Anteil, auf „die Wissenschaft“ allein kann man sich dafür aber nicht berufen. Zur Formulierung dieses Ziels nahm man den extremen Katastrophenfall eines durch zu hohe Erwärmung verursachten „Kippens“ einzelner Ökosysteme mit nachfolgender „Selbstverbrennung“ (H. J. Schellnhuber) des Planeten zur Richtschnur, eine Gefahr, die bei einer Erwärmung unter 1,5 Grad gegenüber vorindustriellem Niveau gering, ja schon viel geringer als bei 2 oder gar 3 Grad sei.

Eine globale Klimapolitik, die effektiv ein 1,5-Grad-Ziel zu erreichen suchte, würde gerade den armen Ländern praktisch verunmöglichen, sich wirtschaftlich zu entwickeln, auf unser Niveau aufzuholen und Resilienz gegenüber Klimaveränderungen zu entwickeln.

Nach der Pariser Konferenz wurde der IPCC eingeladen, einen Bericht darüber zu erstellen, welches die voraussichtlichen Folgen einer Klimaerwärmung von nur 1,5 gegenüber 2 Grad wären und was zu tun sei, um dieses Ziel zu erreichen. Die Antwort kam im Jahre 2018 und lautete: Das Ziel sei erreichbar, aber drastische Maßnahmen auf globaler Ebene müssten ergriffen werden – ein weitgehender Umbau der Wirtschaft unter Führung staatlicher Vorgaben mit allen damit verbundenen ökonomischen und sozialen Unsicherheiten sowie tiefgreifenden Veränderungen unserer Lebensgewohnheiten. Sowie der Verzicht der Schwellen- und armen, noch wenig entwickelten Länder auf fossile Energie, die Hinwendung also zu grünen Energiequellen.

Auf Kosten der Entwicklung ärmerer Länder

Allerdings: Eine globale Klimapolitik, die effektiv ein 1,5-Grad-Ziel zu erreichen suchte, würde gerade den armen Ländern praktisch verunmöglichen, sich wirtschaftlich zu entwickeln, auf unser Niveau aufzuholen und Resilienz gegenüber Klimaveränderungen zu entwickeln. Die reichen Länder würden wohl trotz beträchtlicher Einbußen an Wirtschaftskraft und Wohlstand ihren relativen Vorsprung gegenüber den ärmeren Ländern beibehalten oder gar noch vergrößern, die globale Ungleichheit könnte längerfristig drastisch ansteigen. Das wissen diese Länder, sei es China, sei es Indien und viele andere, die einigermaßen bei (ökonomischem) Verstand sind. Sie wollen sich entwickeln und ihr Energiehunger ist deshalb groß.

Weil diese Länder trotz aller Lippenbekenntnisse nicht mitmachen werden, erscheint es – trotz aller Warnungen vor einer möglichen „Selbstverbrennung“ unseres Planeten – unverantwortlich, ja unehrlich, so zu tun, als ob man das 1,5-Grad-Ziel in der vorgegebenen Zeit erreichen könnte. Zum Stand der Wissenschaft hinsichtlich eines für unser Überleben katastrophalen „Kippens“ der Weltklimas ist aber selbst die Selbstverbrennungs-Kassandra Schellnhuber sehr vorsichtig. „Einige der bedeutendsten Fragen“, so schrieb er 2015 in seinem Buch „Selbstverbrennung“, seien „noch unbeantwortet“. Auch die „Folgenforschung zu Kippvorgängen im Klimasystem“ sei „praktisch nicht existent“. Nicht weniger behutsam formuliert auch noch der neueste IPCC-Teilbericht vom 7. August dieses Jahres.

Ungereimtheiten und Risiken

Was verwundert ist jedoch: Im IPCC-Spezialbericht von 2018 werden unter den möglichen Folgen einer 2-3-Grad-Erwärmung, auf die wir gegenwärtig zusteuern, Probleme aufgezählt, die – wie etwa Wassermangel – bereits heute in vielen armen Ländern vorherrschend sind, jedoch durch wirtschaftlichen Fortschritt überwunden werden könnten. Dafür braucht es effiziente und billige Energie in großen Mengen – mit Windrädern und Solarzellen wird man den Bedarf niemals decken können. Andere der aufgeführten möglichen Folgen erscheinen schwerwiegender, man sieht aber nicht so richtig, weshalb man sie nicht technologisch in den Griff bekommen könnte.

Schließlich: Die aufgelisteten (möglichen) Folgen einer 1,5-Grad-Erwärmung erscheinen ebenfalls problematisch – auch sie würden uns keine Verschnaufpause vergönnen. Würden wir aber die Wirtschaft zur Erreichung genau dieses nun politisch angestrebten Maximalziels von nur 1,5 Grad anpassen, könnte es geschehen, dass wir dann nicht einmal die Folgen dieses eher kleinen Wandels zu meistern imstande wären, am Ende also schlechter dastünden als bei einer höheren Erwärmung dafür aber zusätzlicher Wirtschaftskraft.

Während grüne Parteien sich auf eine Verhinderungspolitik eingeschworen haben, sollten hingegen die liberalen und bürgerlichen Kräfte vermehrt einer Politik der Anpassung an den Klimawandel durch technologische und marktwirtschaftlich-unternehmerische Innovation das Wort reden.

Daraus ergibt sich, wie mir scheint, mit logischer Stringenz: Gerade wenn wir überzeugt sind, dass Klimaerwärmung – auch eine Erwärmung um „nur“ 1,5 Grad – ein globales Problem mit gravierenden Folgen ist, in dessen Lösung alle Länder eingebunden werden müssen, sollten wir eine Kombination von Verhinderung des Klimawandels und Anpassung an ihn finden. Wir sollten einen Mittelweg einschlagen, der es ermöglicht, dass auch die ärmeren Ländern aufholen und sich mit moderner Technologie an den Wandel der Umwelt anpassen können und der somit konsensfähig ist und globales Zusammenspiel ermöglicht.

Politik der Verhinderung oder Anpassung dank technologischer Innovation?

Während grüne Parteien sich auf eine Verhinderungspolitik eingeschworen haben, sollten hingegen die liberalen und bürgerlichen Kräfte vermehrt einer Politik der Anpassung an den Klimawandel durch technologische und marktwirtschaftlich-unternehmerische Innovation das Wort reden. Vor allem aber sollten sie gerade im Dienste einer Bewältigung des Klimawandels jeder interventionistischen Einschränkung der kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Dynamik entgegentreten. Denn, mithilfe entsprechender vernünftiger regulatorischer Vorgaben der Politik, wird diese es sein, die mit Technologien, die wir uns heute noch nicht einmal vorstellen können, sowohl das Problem der Eindämmung wie auch der Anpassung lösen wird.

Genau das – Kapitalismus, Marktwirtschaft, freies Unternehmertum und moderne Technologien – brauchen auch die ärmsten Länder. Die gegenwärtige Klimapolitik könnte einmal einer Tragödie gleichen, denn sie läuft Gefahr, gerade deshalb den Planeten – die Menschheit – an die Wand zu fahren, weil sie gleichsam mit der Brechstange eine Maximalkatastrophe, deren Wahrscheinlichkeit selbst unbekannt ist, zu verhindern sucht. Genau so funktionieren Tragödien: Man führt das Unglück mit genau jenen Handlungen herbei, mit denen man es zu verhindern sucht. Das 1,5-Grad-Ziel ist deshalb politisch nicht ernst zu nehmen – weniger Verhinderungspanik und mehr Anpassungsoptimismus würden eher zum Ziel führen.

Unzulängliche IPCC-Prognosen und Tabu Kernenergie

Im fünften IPCC-Klimabericht von 2014 hieß es übrigens, und das stimmt zuversichtlich: „Für die meisten Wirtschaftssektoren werden die Auswirkungen des Klimawandels im Vergleich zu den Auswirkungen anderer Faktoren gering sein“ – und zu diesen anderen Faktoren wird der technologische Wandel gezählt. In den meisten IPCC-Prognosen wird jedoch genau dieser Wandel gar nicht mitberücksichtigt. Man geht vom gegenwärtigen Stand der Technik und wirtschaftlichen Entwicklung aus. Datengestützte Prognosen können gar nicht anders, weil sie keine anderen Daten als jene der Gegenwart haben. Deshalb sind Prognosen, die zukünftige Entwicklungen voraussagen wollen, immer fragwürdig.

Schließlich fällt auf, dass der IPCC-Sonderbericht von 2018 zwar immer wieder von der Kernenergie als möglichem Pfad zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels spricht, dieser Weg aber in der politischen Debatte weitgehend ausgeklammert wird. Viele Ländern haben sich ihm mutwillig und in unverantwortlicher Weise verschlossen. Man würde meinen, wer eine bevorstehende planetarische Apokalypse fürchtet, sollte alle Rettungsmittel ergreifen, die zur Verfügung stehen.

Die Kernenergie ist heute nachweislich die effizienteste, sauberste und sicherste Energieform – und sie wird immer besser. Während Kohle und Erdöl jährlich hunderttausende von Geschädigten an Gesundheit und Leben hinterließen, liegen die Todesfälle infolge nuklearer Unfälle bisher im zweistelligen Bereich. Da stellt sich die Frage, ob die radikalen Klimaschützer nicht eher vom Hass auf den Kapitalismus als von der Sorge um die Rettung des Planeten getrieben sind.

Gewiss: Eine Welt, in der es immer wärmer wird, ist ein Problem. Es ist rational, den menschengemachten Anteil an dieser Erwärmung verringern zu wollen. Der wohl unvermeidliche Klimawandel wird neue Probleme schaffen, auch Naturkatastrophen in neuen Dimensionen sind nicht auszuschließen. Wie aber sieht es aus, wenn die Technologie von morgen genau die Reaktion auf diesen Wandel ist und ihn zu neutralisieren, ja sogar zu nutzen versteht? Genau das wäre die Aufgabe der Politik: diese Technologien von morgen zu ermöglichen, ihre Erzeugung durch wettbewerbsfreundliche Rahmenbedingungen zu erleichtern, kurz: statt auf Planung von oben, auf die Kräfte der Freiheit zu vertrauen.

 

Dies ist die erweiterte Fassung eines Gastbeitrags, der am 7. November 2021 in der „Welt am Sonntag“ auf Seite 27 unter dem Titel „Wir dürfen das 1,5-Grad-Ziel politisch nicht zu ernst nehmen“ erschienen ist. Online erschien der Beitrag in Welt+ unter dem Titel Das 1,5-Grad-Ziel ist unrealistisch, unehrlich und sogar gefährlich. Mit freundlicher Genehmigung.

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