21. Die Aufgabe der Profite

Henry Hazlitt: Economics in One Lesson

Profite haben für unsere Wirtschaft eine lebenswichtige Funktion. Dafür fehlt aber weitgehend das Verständnis. Die Abscheu, mit der das Wort „Profit“ in den Mund genommen wird, zeigt das. Keine Einkommensform ist so vielen Anfeindungen ausgesetzt:

„Es ist bezeichnend, dass ein Wort wie Profitmacher existiert, um diejenigen zu brandmarken, die angeblich übermäßige Gewinne erzielen, während es die Begriffe ‚Lohnmacher’ oder ‚Verlustmacher’ nicht gibt. Dabei kann der Durchschnittsgewinn des Besitzers eines Frisiersalons nicht nur weit unter dem Gehalt eines Filmstars oder eines angestellten Firmenchefs liegen, sondern sogar weniger als der Durchschnittslohn eines gelernten Arbeiters betragen.“

Die durchschnittlichen Gewinne sind weit geringer als gemeinhin angenommen

Gesamtwirtschaftlich gesehen erreichen die Gewinne nur einen geringen Umfang. Die Nettoeinnahmen der amerikanischen Kapitalgesellschaften beliefen sich von 1929 bis 1943 auf durchschnittlich weniger als fünf Prozent des gesamten Volkseinkommens, 1956 bis 1960 und 1971 bis 1976 waren es knapp sechs Prozent.

Oft orientiert man sich an den Gewinnen besonders großer, erfolgreicher Unternehmen. „Der Gesamtgewinn von Exon (Anm. d. Red.: heute „ExxonMobil“), des größten Industrieunternehmens der Welt, wird eher als typisch denn als Ausnahme hingestellt. Nur wenige Menschen sind mit den Ausfallsquoten in der Wirtschaft vertraut.“ In den Jahren 1930 bis 1980 erlebten in den USA nur 70 Prozent der Lebensmittelgeschäfte das zweite Jahr, und voraussichtlich nur 40 Prozent ihr viertes. In den Jahren 1930 bis 1938 war die Zahl der Firmen, die einen Verlust auswiesen, größer als die Zahl jener, die einen Gewinn machten.

Eine Aufgabe des Gewinns besteht … kurz gesagt darin, die Produktionsfaktoren so zu lenken, dass der Ausstoß von vielen Tausend verschiedenen Gütern mit der Nachfrage übereinstimmt.

Die Frage, wie hoch die Gewinne im Durchschnitt sind, kann nicht präzise beantwortet werden. Die Durchschnittsgewinne herstellender Unternehmen betragen gemäß gängiger Auskunft weniger als fünf Cent pro Dollar Umsatz. Verlässliche Zahlen, die Personen- und Kapitalgesellschaften über einen längeren Zeitraum mit guten und schlechten Jahren berücksichtigen, fehlen.

Jedoch glauben einige „bedeutende Wirtschaftsfachleute, dass über eine längere Periode von Jahren gerechnet unter Umständen überhaupt kein Nettogewinn bleibt, sich sogar ein Nettoverlust ergibt – wenn nämlich sämtliche Verluste, eine minimale ‚risikolose’ Verzinsung des investierten Kapitals und ein ‚vernünftiger’ Unternehmerlohn berücksichtigt werden. Das ist aber keineswegs so, weil Unternehmer besondere Menschenfreunde wären, sondern weil ihr Optimismus und ihr Selbstvertrauen sie zu oft in Geschäfte hineinziehen, die nicht erfolgreich sind oder sein können.“

Willkürlich begrenzte Gewinne verringern Produktion und Beschäftigung

Wer sein eigenes Kapital in ein riskantes Geschäft steckt, geht das Risiko ein, schlimmstenfalls sein ganzes Kapitel einzubüßen. Diese Leistungsbereitschaft wurde während des Zweiten Weltkriegs durch die damals eingeführte „Mehrgewinnsteuer“ und die mit ihr einhergehende Begrenzung des Gewinns untergraben. Denn „wenn die Gewinne auf, sagen wir, maximal zehn Prozent oder einen ähnlichen Satz begrenzt werden, das Risiko, sein ganzes Kapital zu verlieren, aber bleibt, wie wirkt sich das aller Voraussicht nach auf das Gewinnstreben und damit auf die Beschäftigung und die Produktion aus?“

Doch die Regierungen nehmen anscheinend an, die Produktion würde ganz einfach weiterlaufen, wie sehr man sie auch gängelt. Allzu hohe Gewinne sind Politikern anscheinend suspekt:

„In einer freien Wirtschaft verhält sich die Nachfrage so, dass einige Hersteller solche Gewinne machen, die in den Augen einiger Regierungen ‚übermäßig’, ‚unverschämt’ oder gar ‚obszön’ sind. Aber eben diese Tatsache veranlasst nicht nur alle Firmen dieser Branche, ihre Produktion so weit wie möglich zu steigern und die Gewinne in bessere Maschinen und neue Arbeitsplätze zu investieren, sie zieht auch neue Investoren und Hersteller an, bis die Produktion in dieser Branche groß genug ist, die Nachfrage zu befriedigen, und die Gewinne wieder auf (oder unter) das Durchschnittsniveau fallen.“

Dank Gewinn und Verlust stimmen Angebot und Nachfrage überein – das schafft kein Bürokrat

In einer freien Wirtschaft entscheidet die Aussicht auf Gewinne, „welche Produkte in welcher Menge hergestellt werden – und was überhaupt nicht produziert wird.“

Gewinnbegrenzungen verhindern auf Dauer ein Produktionsgleichgewicht, das im Einklang mit der tatsächlichen Nachfrage der Verbraucher steht:

„Die Aufgabe des Gewinns besteht … kurz gesagt darin, die Produktionsfaktoren so zu lenken, dass der Ausstoß von vielen Tausend verschiedener Gütern mit der Nachfrage übereinstimmt. Selbst ein hervorragender Bürokrat kann dieses Problem nicht willkürlich lösen. Preise und Gewinne, die sich frei bilden können, maximieren die Produktion und beseitigen Engpässe schneller als jedes andere System. Willkürlich festgesetzte Preise und willkürlich begrenzte Gewinne können die Engpässe nur verlängern und verringern Produktion und Beschäftigung.“

Eine wichtige, kaum beachtete Funktion des Gewinns ist die Senkung der Produktionskosten

Anders als vielfach angenommen werden Gewinne nicht durch Preiserhöhungen erzielt, „sondern dadurch, dass man Kosteneinsparungen und produktivitätssteigernde Maßnahmen vornimmt, welche die Produktionskosten senken. … Der Preis, den alle Firmen für das gleiche Gut oder die gleiche Dienstleistung verlangen, muss einheitlich sein; wer einen höheren Preis fordert, findet keinen Käufer. Die größten Gewinne machen folglich die Unternehmen, welche die niedrigsten Produktionskosten haben. Sie expandieren zulasten der unproduktiven Firmen mit den höheren Kosten. Das dient dem Verbraucher und der Öffentlichkeit.“

Diese Funktion des Gewinns bei der Senkung von Produktionskosten wird meist übersehen. Gewinne „sagen uns also nicht nur, welche Güter herzustellen am wirtschaftlichsten ist, sondern auch, welches die wirtschaftlichsten Methoden sind, um sie zu produzieren.“

Jedes Wirtschaftssystem, auch ein sozialistisches, muss sich diese Frage stellen, nur sind die Antworten von Gewinn und Verlust unter freien Wettbewerbsbedingungen den Antworten anderer Methoden weit überlegen.

Diese Funktion des Gewinns – die Senkung der Produktionskosten – ist diejenige, die am wenigsten zur Kenntnis genommen wird – im Unterschied zur Aufgabe des Gewinns, bessere Qualität und Innovationen anzuregen und zu belohnen. Sie ist immer gesehen worden.

Die hier gebotene, exklusiv für die AUSTRIAN ESSENTIALS erstellte Kurzfassung von „Die 24 wichtigsten Regeln der Wirtschaft“ erscheint mit Erlaubnis des FinanzBuch Verlags, bei dem auch die deutsche Fassung der 1978 erschienenen aktualisierten Neuauflage des Klassikers erhältlich ist.

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