16. Wenn der Staat die Preise macht

Henry Hazlitt: Economics in One Lesson

Im Interesse der Produzenten versucht der Staat zuweilen die Preise künstlich über den Marktpreis zu treiben. Die Folgen wurden im vorigen Kapitel besprochen. Doch der Staat macht auch das Umgekehrte, er bemüht sich, „die Warenpreise unter dem Niveau zu halten, das sich bei der Freizügigkeit des Handels auf den Märkten eingespielt hätte. Letzteres wird heutzutage von fast allen Staaten praktiziert, wenn sich das Land im Krieg befindet.“ Vor allem aufgrund der Inflation in Kriegszeiten besteht ein hoher Druck, solche Preisfestsetzungen vorzunehmen. Allerdings werden sie fast überall über das Kriegsende hinaus noch lange beibehalten. Der Vorteil aus Sicht der Beamten: „Stillschweigend lasten sie die Schuld an höheren Preisen dem Neid und der Habgier der Unternehmer an, nicht der inflationsfördernden Geldpolitik der Beamten selbst.“

Wenn nicht die Kaufkraft, sondern der Bedarf über die Verteilung entscheiden soll, wäre streng genommen jeder Preis zu hoch

In der Regel setzt der Staat Höchstpreise für Grundnahrungsmittel fest, damit sie vor allem von den Armen zu einem „vernünftigen Preis“ gekauft werden können. Die Begründung: Auf dem freien Markt würden die Preise aufgrund der hohen Nachfrage steigen, sprich: „Die Menschen bekommen Rindfleisch nicht entsprechend ihrem Bedarf, sondern entsprechend ihrer Kaufkraft. Halten wir aber den Preis niedrig, erhält jeder seinen gerechten Anteil.“

Diesem Argument zufolge würde dann freilich bei jedem Marktpreis die Kaufkraft und nicht der Bedarf über die Verteilung entscheiden. Somit hat dieses Argument solange Bestand, „wie für Rindfleisch überhaupt ein Preis festgesetzt wird. Es würde erst dann nicht mehr gelten, wenn das Rindfleisch verschenkt würde.“ Damit wäre die eingeschlagene Politik eigentlich inkonsequent und unentschlossen, da sie noch immer an Preisen, wenn auch niedrigeren festhalten würde.

Wenn die Preise durch staatlichen Zwang willkürlich niedrig gehalten werden, entsteht ein chronischer Überschuss der Nachfrage über das Angebot.

Am Beginn steht oft auch das Bemühen, die „Lebenshaltungskosten nicht steigen zu lassen.“ Solche Förderer von Höchstpreisen nehmen dabei unbewusst an, jener Marktpreis, bei dem ihre Preisüberwachung beginnt, sei gleichsam normal oder unantastbar: „Dieser Anfangspreis wird als ‚vernünftig‘ betrachtet, alle darüber liegenden Preise als ‚unvernünftig‘, gleichgültig ob sich die Produktions- oder Nachfragebestimmungen geändert haben, seit dieser Anfangspreis zum ersten Mal eingeführt wird.“

Höchstpreise führen zu Verknappung

Wenn das Produkt dauerhaft unter seinem Marktwert verkauft wird, passiert zweierlei: Die Nachfrage nach diesem Gut nimmt zu, das Angebot hingegen sinkt. „Da die Menschen mehr kaufen, verschwindet das Gesamtangebot schneller aus den Regalen der Händler. Aber außerdem wird der Anreiz zur Erzeugung dieses Produkts genommen. Die Gewinnspanne nimmt ab oder fällt ganz aus. Die Grenzproduzenten werden aus dem Markt gedrängt. Selbst die am wirtschaftlichsten arbeitenden Produzenten sind unter Umständen gezwungen, das Produkt mit Verlust abzugeben.“ Das geschah im Zweiten Weltkrieg, als die Schlachthöfe in den USA zu Preisen schlachten und verarbeiten mussten, die unter den Selbstkosten für Vieh und Arbeitslöhnen lagen.

„Wenn wir daher nichts sonst unternähmen, hätte das Festsetzen eines Höchstpreises für ein bestimmtes Produkt zur Folge, dass es knapp würde. Aber das ist genau das Gegenteil von dem, was die staatlichen Preiswächter ursprünglich beabsichtigt haben.“ Sie wollten, dass gerade diese Güter besonders reichlich angeboten werden. Doch wenn sie gleichzeitig nicht die Löhne und Gewinne der Produzenten von Luxusgütern begrenzen, „nehmen sie den Anreiz, die preisüberwachten lebenswichtigen Güter weiter zu produzieren, und regen stattdessen die Produktion der weniger wichtigen Erzeugnisse an.“

Es gibt vier Wege, bei Höchstpreisen eine Verknappung zu verhindern, und alle sind kontraproduktiv

Um die Verknappung der lebenswichtigen Güter zu verhindern, reagieren die Staaten mit anderen Kontrollmaßnahmen. Grundsätzlich gibt es hier vier Möglichkeiten: Rationierungen, Kostenkontrolle, Subventionen und allgemeine Preisfestsetzung.

1. Rationierung schränkt die Nachfrage ein, ohne das Angebot anzuheben

Zunächst könnte der Staat versuchen, den reichen Verbrauchern vorzuwerfen, „mehr als ihnen zusteht“ zu sich zu nehmen. Deshalb sollen bestimmte Personen beim Kauf bevorzugt werden. „Entschließt man sich zur Rationierung, bekommt jeder Verbraucher nur eine bestimmte Höchstmenge, auch wenn er bereit wäre, mehr für das Produkt zu zahlen.“ Damit wendet der Staat ein doppeltes Preis- oder Währungssystem an, bei dem jeder neben einem Geldbetrag einige Gutscheine besitzt. Damit schränkt der Staat freilich die Nachfrage ein, ohne aber das Angebot anzuregen.

2. Kostenkontrolle weitet die Verknappung noch mehr aus

Ein andere Möglichkeit wäre: Der Staat senkt auch die Produktionskosten eines Erzeugnisses, um so das Angebot zu sichern. Um z.B. den Brotpreis einzufrieren, blockiert er auch die Bäckerlöhne, den Mehlpreis, die Gewinne der Müller, den Weizenpreis und anderes. In weiterer Folge führt das nur zur Verknappung der Produktionsfaktoren (Arbeit, Futtermittel, Weizen etc.). Man sieht: „sobald der Staat die Preisfestsetzungen rückwärts ausdehnt, vergrößert er gleichzeitig die Auswirkungen, die ihn ursprünglich zu diesen Maßnahmen veranlasst haben.“

3. Mit Subventionen subventioniert der Steuerzahler letztlich sich selbst

Wenn der Staat Milch- und Butterknappheit verhindern will, nachdem er für diese Produkte Höchstpreise festgesetzt hat, kann er dies auch über Subventionszahlungen an Milch- und Butterproduzenten versuchen. Im Endeffekt werden damit in Wahrheit die Verbraucher subventioniert. Die Produzenten erhalten nämlich nicht mehr, als sie mit dem Marktpreis eingenommen hätten.

Ergebnis: „die Menschen als Steuerzahler werden sich als Verbraucher selbst Subventionen geben.“ Sofern das subventionierte Gut rationiert wird, profitieren jene Verbraucher am meisten, die auch die höchste Kaufkraft haben, denn sie können sich auch am meisten kaufen.

4. Allgemeine Preisfestsetzungen münden in eine völlig reglementierte, totalitäre Wirtschaft

Der Staat könnte auch versuchen, die Preise für Arbeit, Rohstoffe und andere Faktoren, die die Produktionskosten bestimmen, zu senken. Dann verursacht er, wie bereits oben gezeigt wurde (Punkt 2 „Kostenkontrolle“), Verknappung. Es entsteht ein chronischer Überschuss der Nachfrage über das Angebot. „Wenn der Staat diesen Kurs verfolgt, wird er es nicht nur für notwendig erachten, die Preiskontrollen immer weiter nach unten oder ‚vertikal‘ auszudehnen, sondern auch ‚horizontal‘. Wenn wir ein Produkt rationieren, sodass die Verbraucher nicht so viel davon kaufen können, wie sie möchten, obwohl sie noch überschüssige Kaufkraft haben, werden sie sich nach einem Ersatz umsehen. Die Rationierung eines Gutes übt also mit dessen zunehmender Verknappung einen immer stärker werdenden Druck auf die nicht rationierten Produkte aus, die übrig bleiben.“ Somit „muss die fortgesetzte Preiskontrolle zur Rationierung von immer mehr Produkten führen“.

Eine kompromisslose Preiskontrolle mündet somit in eine völlig reglementierte, erstarrte und totalitäre Wirtschaft, „in der jedes Unternehmen und jeder Arbeiter dem Staat auf Gedeih und Verderb ausgeliefert wäre.“ Alle Löhne oder Preise würden niedrig gehalten und alles rücksichtslos rationiert werden. „Das Endergebnis wäre, dass der Staat nicht nur jedem Verbraucher genau vorschreiben würde, wie viel er von jedem Gut haben könnte; er würde auch jedem Hersteller genau sagen, wie viele von den einzelnen Rohstoffen und wie viel Arbeit er bekommen könnte.“

Der Schwarzmarkt schwächt die Irrtümer der Bürokraten ab, doch bleiben Schäden bestehen

Die schlimmsten Irrtümer der Bürokraten wurden durch den schwarzen Markt abgeschwächt. Das geschah vor allem während und nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa. „In einigen Ländern weitete sich der schwarze Markt auf Kosten des Marktes der gesetzlich anerkannten Festpreise aus, bis er schließlich zum beherrschenden, zu dem Markt wurde. Aber die Politiker … behielten nominell den verordneten Höchstpreis bei und versuchten dadurch zu beweisen, dass, wenn schon nicht ihre Preisüberwachungstrupps, dann wenigstens ihre Herzen an der richtigen Stelle waren.“

Dennoch war ein sowohl wirtschaftlicher wie auch moralischer Schaden entstanden. „In der Übergangszeit sind die großen, alteingesessenen Unternehmen, die viel Kapital investiert haben und stark vom Goodwill in der Öffentlichkeit abhängen, gezwungen, ihre Produktion einzuschränken oder aufzugeben.“ An ihre Stelle traten vergleichsweise unproduktive Firmen, die minderwertige Ware zu weit höheren Herstellungskosten produzierten. „Die neuen Firmen verdanken ihr Bestehen oder ihr Wachstum der Tatsache, dass sie bereit sind, gegen die Gesetze zu verstoßen. Ihre Kunden machen gemeinsame Sache mit ihnen, und die selbstverständliche Folge ist, dass sich im gesamten Wirtschaftsleben eine Verwahrlosung der Sitten ausbreitet.“

Preissetzungen begünstigen fast immer bestimmte Gruppierungen, schaden aber am Ende allen

In den seltensten Fällen begnügen sich die Behörden, nur das Preisniveau zu halten. Unter dem Vorwand „soziale Ungerechtigkeiten zu beseitigen“, führen sie diskriminierende Preisfestsetzungen ein, die Gruppen mit politischem Einfluss bevorzugen. Am häufigsten werden Arbeiter und Bauern begünstigt, vor allem aufgrund der Anzahl ihrer Stimmen.

Hinter all den Bemühungen einen Höchstpreis festzusetzen befindet sich zunächst „ein Missverständnis hinsichtlich dessen, was die Preise in die Höhe getrieben hat. Die wirkliche Ursache ist entweder eine Verknappung von Gütern oder ein Überschuss an Geld.“ Eine Preisobergrenze verursacht nur Verknappung. (Auf den Geldüberschuss wird in einem späteren Kapitel eingegangen werden.) Doch ein wesentlicher Trugschluss hinter Höchstpreisen ist auch das Grundthema dieses Buchs: „So wie die zahllosen Pläne zum Anheben der Preise bevorzugter Güter die Folge davon sind, nur an die Interessen der unmittelbar betroffenen Produzenten zu denken und die der Verbraucher zu vergessen, so sind Pläne, die Preise durch gesetzliche Verordnungen niedrig zu halten, das Ergebnis dessen, nur die kurzfristigen Interessen der Menschen als Verbraucher und nicht auch ihre Interessen als Produzenten zu sehen.“

Der Verbraucher will nicht noch mehr für Produkte zahlen. Bei Preissteigerungen bekommt er das Gefühl, bestohlen zu werden. „Die einzige Ausnahme ist das, was er selbst macht; da versteht er den Grund der Erhöhung und schätzt ihn richtig ein. Aber er neigt immer dazu, sein eigenes Geschäft in irgendeiner Weise als Ausnahme zu betrachten.“

Als Wirtschaftssubjekte sind wir vielschichtige Persönlichkeiten: „Jeder ist Produzent, Steuerzahler, Verbraucher. Die Maßnahmen, für die er eintritt, bestimmen sich danach, wie er sich im Moment sieht.“ Als Produzent wünscht man sich Inflation, als Konsument Preisobergrenze. Das Problem liegt in der Wahrnehmung: „Als Verbraucher kaufen wir hunderte verschiedener Produkte; ein Produzent dagegen stellt im Allgemeinen nur einen Artikel her. Wenn dessen Preis niedrig gehalten wird, ist ihm die Ungerechtigkeit unmittelbar einsichtig.“

Es ist ein Irrtum zu glauben, man könne die Preismanipulationen zu Gunsten der jeweils eigenen Funktion als Produzent oder als Verbraucher gestalten: „Denn diese Manipulation der Preise durch die Politiker bringt mit Sicherheit mindestens ebenso viel Verlust wie Gewinn. Die Verluste müssen die Gewinne weit übersteigen, weil festgesetzte Preise die Beschäftigung und die Produktion hemmen und verunsichern.“

Die hier gebotene, exklusiv für die AUSTRIAN ESSENTIALS erstellte Kurzfassung von „Die 24 wichtigsten Regeln der Wirtschaft“ erscheint mit Erlaubnis des FinanzBuch Verlags, bei dem auch die deutsche Fassung der 1978 erschienenen aktualisierten Neuauflage des Klassikers erhältlich ist.

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