Politik für den Menschen braucht weder ‚christlich‘ noch ‚sozial‘ zu sein

Was dem Menschen am meisten und grundlegend dient, sind jene Kräfte, die dafür sorgen, dass die Masse der Menschen einen materiellen Lebensstandard erreichen kann, der ihnen ein Leben in Würde, das heißt selbständige Lebensgestaltung aus eigener Verantwortung ermöglicht. Solcher Wohlstand schließt auch die Möglichkeit ein, Werte des Geistes, der Bildung und der Kultur zu pflegen. Wie dies erreicht werden kann, dafür geben uns weder die biblische Offenbarung im Allgemeinen noch das Evangelium im Besondern Anhaltspunkte, auch die päpstlichen Sozialenzykliken können hier nicht weiterhelfen. Auskunft gibt uns viel eher die Wirtschaftsgeschichte der letzten zweihundert Jahre, die vielen in ihren Grundzügen unbekannt ist und zumeist verzerrt dargestellt wird.

Die Widersprüche „christlicher“ Politik

In der christlichen Soziallehre finden sich zu diesem Thema durchaus vielfältige, je nach Zeitepoche recht unterschiedliche und einander zuweilen auch widersprechende Aussagen. Deshalb kann auch nichts Eindeutiges für die politische Praxis daraus abgeleitet werden. Alle Versuche der Vergangenheit, eine „christliche Politik“ auf dieser Grundlage zu bestimmen, sind gescheitert. Wo sie erfolgreich waren, waren sie das, nicht weil sie einer vom kirchlichen Lehramt vorgegebenen Handlungsanweisung folgten, sondern vielmehr, insofern sie – manchmal trotz solcher Anweisungen und Orientierungen – der wirtschaftlichen und sozialpolitischen Vernunft gefolgt sind.

Wo man sich in der politischen Gestaltung hingegen unmittelbar auf lehramtliche Vorgaben bezog, endete das oft in einem Fiasko, wie etwa im Falle des christlichen Ständestaates im Österreich der Zwischenkriegszeit, der sich als „christlich-sozial“ und als direkte Anwendung der Enzyklika „Quadragesimo anno“ von Papst Pius XI. (1931) verstanden hatte. Die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland realisierte „soziale Marktwirtschaft“ hingegen, die zum Wirtschaftswunder und allgemeinen Wohlstand führte und heute von der katholischen Sozialethik geradezu als Inbegriff einer christlichen und sozialen Politik verstanden wird, wurde von den Vertretern der Christlichen Soziallehre nach 1945 zunächst als zu liberal und unchristlich abgelehnt. Katholische Sozialethiker und Politiker dachten auch unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland noch immer in den Kategorien einer berufsständischen Ordnung und waren jeglicher Form von Marktwirtschaft gegenüber äußerst skeptisch bis ablehnend eingestellt.

Dieses historischen Makels ist sich die katholischen Sozialethik heute kaum mehr bewusst bzw. er wird verdrängt. Denn schon vor langer Zeit wurde der neue Mythus kreiert, die heutige „soziale Marktwirtschaft“ sei der Inbegriff dessen, was gerade die katholische Soziallehre angeblich schon seit jeher gefordert habe: Marktwirtschaft mit dem Korrektiv des „sozialen Ausgleichs“.

Die aus der sozialdemokratischen Tradition stammende Ansicht, der Markt an sich sei unsozial und bedürfe einer sozialen Korrektur, wurde von den christdemokratischen Parteien der Nachkriegszeit weitgehend übernommen.

In Wirklichkeit stammt das Konzept einer sich sozial verstehenden Marktwirtschaft jedoch der „neoliberalen“ Bewegung, die sich im Jahre 1938 mit dem berühmten Walter Lippmann Colloquium in Paris zu formieren begann, an dem Gestalten wie Friedrich A. von Hayek, Michael Polanyi, Wilhelm Röpke und Alexander Rüstow teilnahmen, die mit der katholischen Sozialethik keine Verbindung hatten. Derjenige, der sie dann in Deutschland politisch umsetzte, war bekanntlich Ludwig Erhard, dessen intellektueller Werdegang in keinerlei Weise von der katholischen Soziallehre geprägt war.

Die heutige christlich-soziale Normalposition und ihr Verständnis von „sozialer Marktwirtschaft“ beruhen auf dem Glauben, die Marktwirtschaft sei nur insofern mit christlichen Grundsätzen einer sozialen Ordnung vereinbar, als sie hinsichtlich ihrer Ergebnisse durch Sozialpolitik korrigiert und damit „sozialverträglich“ gemacht wird. Diese eigentlich aus der sozialdemokratischen Tradition stammende Ansicht, der Markt an sich sei unsozial und bedürfe einer sozialen Korrektur durch Transfers und Umverteilung, wurde von den christdemokratischen Parteien der Nachkriegszeit weitgehend übernommen. Die kirchliche Soziallehre hatte dem nichts Grundsätzliches entgegenzusetzen, obwohl sie das aus ihrer Tradition heraus sehr wohl hätte tun können.

Ethik braucht das Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge

Die traditionelle sozialdemokratische Ansicht, Kapitalismus und Marktwirtschaft nützten nur den Reichen, der breiten Masse hingegen nur dann, wenn die Ergebnisse des Marktes durch Sozialpolitik korrigiert würden, verkennt die ökonomischen Zusammenhänge und Wirkkräfte. Das wurde von hellsichtigen Kritikern der sogenannten Kathedersozialisten, der Erfinder der modernen „Sozialpolitik“, bereits vor dem Ersten Weltkrieg erkannt. In Wirklichkeit waren es gerade Kapitalismus und Marktwirtschaft, die durch die ihnen innewohnende Dynamik zur Massenproduktion immer besserer und billiger Güter in immer größerer Vielfalt gerade den breiten Massen zugutekommen ließ und damit den allgemeinen Lebensstandard kontinuierlich anhob. Auch wenn dabei erfolgreiche Unternehmer und Investoren zu hohem Reichtum gelangen konnten – Kapitalismus schafft keine egalitäre Gesellschaft –, war diese Ungleichheit für die überwiegende Masse der ärmeren Menschen von großem Nutzen. Denn dieser Reichtum wurde dazu verwendet, immer wieder neue technologische und unternehmerische Innovationen und entsprechende Investitionen zu ermöglichen. Ohne die Akkumulation gewaltig großer Kapitalien und damit eine gewisse Vermögenskonzentration gibt es keine Innovation und fehlen auch die Möglichkeiten zur Massenproduktion. Massenwohlstand ist dann nicht möglich. Eine ökonomisch egalitäre Gesellschaft ist notwendigerweise eine Gesellschaft, in der alle arm sind.

Politik, die den Menschen dient, muss nicht „christlich“ oder „sozial, sondern sachgerecht sein.

Eine Soziallehre, die die wirtschaftliche Zusammenhänge und die wohltätigen Effekte von Kapitalismus, Marktwirtschaft und technologischem Fortschritt nicht sieht, kann in ihren Auswirkungen weder christlich noch sozial sein; denn gerade für die Ärmsten dieser Welt ist sie schädlich. Die Ärmsten waren schon immer die vorrangigen Profiteure der kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Entwicklung mit ihrer Tendenz zu Massenproduktion und Massenkonsum und werden es weiterhin sein.

Politik, die den Menschen dient, muss nicht „christlich“ oder „sozial, sondern sachgerecht sein. Insbesondere Sozialpolitik bedarf einer soliden und ökonomisch nüchternen wirtschaftspolitischen Fundierung. Infolge mangelnder ökonomischer Kompetenz kann dabei die kirchliche Soziallehre keine Orientierung bieten. Irreleitend ist zudem die diffuse Forderung nach sozialer Gerechtigkeit. Sie beruht letztlich darauf, die fürsorgende Moral der Kleingruppe auf die „Großgesellschaft“ und den Staat zu projizieren und entsprechend immer wieder neue Ansprüche an ihn zu stellen. Diese Denkhaltung macht für viele Christen den Sozialismus bzw. ihm wesensverwandte Konzeptionen attraktiv und verstellt die Sicht auf die eigentlichen Ursachen des modernen Massenwohlstands: Kapitalismus und Marktwirtschaft.

 

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt eines längeren Textes, den Sie hier als PDF (Austrian Institute Paper Nr. 29/2020) herunterladen können: DOWNLOAD PDF

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