Von der Erfolgsgeschichte des Kapitalismus lernen

Ob Nord- oder Südkorea, Chile oder Venezuela, DDR oder BRD, China unter oder nach Mao Zedong – Rainer Zitelmanns Streifzug durch fünf Kontinente veranschaulicht eindrucksvoll: „Mehr Kapitalismus führt zu einer schnelleren Zunahme des Wohlstandes für die meisten Menschen.“ Mehr Staat bedeutet hingegen „weniger Zunahme an Wohlstand und manchmal sogar einen absoluten Rückgang des Wohlstandes für eine Gesellschaft.“ Folgerichtig wählte Zitelmann daher einen unmissverständlichen Buchtitel: „Der Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“.

Die meisten Intellektuellen teilen diese Sichtweise nicht. Nicht zuletzt ihre antikapitalistische Grundhaltung war es, die Zitelmann zum Verfassen dieses informativen und kurzweiligen Buchs veranlasst hat. Der promovierte Historiker und Soziologe, der heute ein erfolgreicher Unternehmer und Buchautor ist, war früher selbst einmal überzeugter Maoist und Marxist. Er kennt die Skepsis gegenüber der freien Marktwirtschaft nur zu gut. In seinem Buch bleibt er trotz der deutlichen pro-kapitalistischen Grundaussage stets differenziert und vermeidet simple Pauschalurteile.

Rainer Zitelmann: Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung. Eine Zeitreise durch fünf Kontinente. FinanzBuch Verlag, München 2018 (www.finanzbuchverlag.de), 288 Seiten,  ISBN: 978-3-95972-088-5, 24,99 €. InhaltsverzeichnisLeseprobe.

 

Wie China zu prosperieren begann

Lehrreich, gerade für den europäischen Leser, sind Zitelmanns Erkundungen der Wirtschaftsgeschichte nicht-westlicher Staaten, die sich erst in den vergangenen Jahrzehnten der freien Marktwirtschaft öffneten. In China mündete zunächst Mao Zedongs „Großer Sprung nach vorne“ (1958 bis 1962) in der größten je von Menschen verursachten Hungersnot. Die Idee, gewaltige Staudämme und unzählige Hochöfen für Stahlproduktion zu schaffen, indem dutzende Millionen Bauern enteignet und zur Mitarbeit gezwungen wurden, kostete nach heutigen Schätzungen mindestens 45 Millionen Menschen das Leben. Nachdem Maos Nachfolger Deng Xiaoping einen marktfreundlichen Kurs eingeleitet hatte, beginnend mit mehr Eigenständigkeit für Staatsbetriebe und einer „Entkollektivierung“ der Landwirtschaft, setzte eine Welle von Neugründungen im Land ein, die schließlich zur „größten und schnellsten Wohlstandsmehrung in der Menschheitsgeschichte“ führten. Eine wichtige Rolle spielten dabei Sonderwirtschaftszonen, in denen mit kapitalistischen Wirtschaftsformen experimentiert wurde.

Wie Rainer Zitelmann zu Recht anmerkt, ist auch heute in China nicht alles eitle Wonne, etwa im Hinblick auf die fehlende politische Freiheit, sowie die ungenügende Freiheit für Investitionen, Finanzen und Geschäfte. Doch das Land hat aufgeholt. Aus seinem Erfolg zieht der Autor mehrere Schlüsse. So war neben der Ermöglichung und Legalisierung von Privateigentum auch Dengs Parole „Lasst einige erst reich werden“ entscheidend. Im Kapitalismus sind nicht alle gleich wohlhabend, doch der Reichtum einiger führt zu einem generellen Wohlstandswachstum. Während Kapitalismuskritiker wie der französische Ökonom Thomas Piketty („Das Kapital im 21. Jahrhundert“) in der Wirtschaft primär ein Nullsummenspiel sehen – die Reichen gewinnen zulasten der Armen – zeigt das Beispiel Chinas: Mit der steigenden Zahl an Millionären und Milliardären verbesserte sich der Lebensstandard auch für weitere Hunderte Millionen. In den chinesischen Regionen mit den höchsten öffentlichen Ausgaben sind heute hingegen die Einkommensunterschiede am größten.

 

Die freie Marktwirtschaft wächst „von unten“

Die freie Marktwirtschaft konnte sich in China auch deshalb so gut entwickeln, weil sie nur teilweise von oben initiiert wurde, unterstreicht Rainer Zitelmann. Vieles geschah spontan von unten, weil sich der Staat zurückzog und Freiräume ließ. In dieser Spontaneität sieht Zitelmann ein Grundcharakteristikum des Kapitalismus und einen Grund dafür, weshalb in den 1990er Jahren die verordnete Einführung der Marktwirtschaft in Russland, in ehemals kommunistischen Ostblockstaaten oder auch in Afrika nicht erfolgreich war. So blieben etwa in den afrikanischen Staaten fehlende Rechtsstaatlichkeit und Korruption bestehen.

Gescheitert sind aber ebenso der „afrikanische Sozialismus“ und die jahrzehntelange westliche Entwicklungshilfepolitik. Nicht nur gingen deren Gelder oft an korrupte afrikanische Regierungen, die sich bald mehr den Geldgebern, als der eigenen Bevölkerung verantwortlich fühlten und unproduktive öffentliche Sektoren ausbauten. Selbst kurzfristig sinnvolle Projekte waren langfristig zerstörerisch. Wenn beispielsweise 100.000 Moskitonetze nach Afrika geschickt wurden, mussten danach die afrikanischen Moskitonetzhersteller ihre Unternehmen schließen.

 

Afrikas digitaler Aufbruch

Doch Zitelmann widmet sich auch erstaunlichen Erfolgen in Afrika, die mit dem „digitalen Kapitalismus“ einhergingen. So bemühte sich etwa Ruanda nach dem entsetzlichen Bürgerkrieg ab 2000 um eine investorenfreundliche Marktpolitik mit speziellem Fokus auf Informations- und Kommunikationstechnologien. Heute hat Ruanda eine Einschulungsrate von nahezu 100 Prozent, 91 Prozent seiner Bewohner haben eine Krankenversicherung. Das Wirtschaftswachstum betrug von 2001 bis 2015 jährlich etwa acht Prozent. Im Ranking der wirtschaftlich freiesten Länder belegt Ruanda immerhin Platz 51 – noch vor Spanien und Frankreich.

Die Kombination aus Internet und Mobilfunk veränderte auch Kenia, wo das Handybanking die Wirtschaft revolutionierte. „Auf einmal konnten die vielen Millionen Kenianer, die den kenianischen Banken zu arm waren, Geld versenden und bargeldlos bezahlen.“ Der Zahlungsverkehr über Mobiltelefone setzte Kaufkraft frei. In Nairobi entstehen seither laufend neue Start-up-Zentren. In ganz Afrika wächst die Zahl der Reichen mittlerweile schneller als in jedem anderen Kontinent – und mit ihnen auch die Mittelschicht. „Dank Internet und Mobilfunk nahm der Durchgriff des Staates auf viele Branchen ab.“

 

Rohstoffe allein helfen nicht

Wie man mit staatlichem Sozialismus ein erfolgreiches und rohstoffreiches Land abwirtschaftet, zeigt Zitelmann am Beispiel Venezuelas. 1970 zählte Venezuela zu den 20 reichsten Ländern der Welt. Doch danach ging es bergab. Besonders verheerend war der von vielen westlichen Intellektuellen gefeierte „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ von Hugo Chávez. Als Staatspräsident riss er sich die Erdölproduktion komplett unter den Nagel und verdrängte ausländische Ölgesellschaften. Mit den Öl-Einnahmen finanzierte er Sozialprogramme und Subventionen für verlustbringende Unternehmen. Dabei profitierte er vom steigenden Ölpreis. Doch seit die Erdölpreise sinken, reißen eine ineffiziente sozialistischen Wirtschaft, Preiskontrollen und Hyperinflation das Land in den Abgrund. Der Anteil der Armen ist mittlerweile auf 82 Prozent gestiegen, jener der extrem Armen auf 52 Prozent.

Ein anderes lateinamerikanisches Land – Chile – konnte hingegen dank Privatisierungen, Staats- und Finanzreform, Deregulierung und Öffnung der Wirtschaft das Vertrauen ausländischer Investoren gewinnen. Der Anteil der Armen sank zwischen 2003 und 2014 von 20 auf 7 Prozent. Aufgrund seiner diversifizierten Wirtschaft ist Chile trotz seiner reichen Kupfervorkommen nicht so stark von den Rohstoffpreisen abhängig wie Venezuela, wo während Chavez’ Regierungszeit der Anteil der staatlichen Gewinne aus der Erdölproduktion von 50 auf 90 Prozent stieg.

 

Verschiedene Resultate bei gleicher kultureller Prägung

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch der Vergleich zwischen Nord- und Südkorea. Im ersten Fall sorgt ein planwirtschaftliches System mit ungeheuren Militärausgaben für Armut und eine Abhängigkeit der Bevölkerung von der Landwirtschaft. Ernteausfälle wegen Dürre führen zu Nahrungsmittelknappheit und Hungersnöten. In Südkorea konnte hingegen der Begründer der Samsung Gruppe Lee Byung-chull in den 1960er Jahren Präsident Park Chung-hee von der Wichtigkeit der Marktwirtschaft überzeugen. Südkoreas Wirtschaftswachstum seither spricht Bände. Das Land ist darüber hinaus internationaler Spitzenreiter bei den Bildungsausgaben, wenn man die privaten Ausgaben mitzählt. „Gerade im Bildungsbereich ist Südkorea viel stärker marktwirtschaftlich strukturiert als die meisten anderen Länder.“

Wie unterschiedlich die Resultate von Sozialismus und Kapitalismus bei einem einzigen Volk sein können, sieht man auch in Deutschland. In der DDR hatte die Kollektivierung der Landwirtschaft ähnlich katastrophale Folgen wie in der Sowjetunion und in China. Zwischen 1949 und 1961 flohen 2,74 Millionen Menschen in die BRD, darunter tausende von Bauern. Vor Fleisch- und Gemüseläden häuften sich die Schlangen. Die Lebensmittelimporte aus der Sowjetunion verhinderten das Schlimmste. Als dann der neue Staatschef Erich Honecker Anfang der 1970er Jahre die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ verkündete – sprich: zuerst sozialstaatliche Maßnahmen statt der Schaffung besserer wirtschaftlicher Grundlagen – leitete er eine massive Verschuldung der DDR ein. „Notwendige Investitionen blieben aus, die Maschinen in den Fabriken veralteten, für die Entwicklung von Wissenschaft und Technik stand zu wenig Geld zur Verfügung.“ Der Rückstand gegenüber der BRD, wo Ludwig Erhard nach dem Zweiten Weltkrieg mutige Reformen eingeleitet hatte, vergrößerte sich zunehmend. 1989 hatten in der BRD drei Mal so viele Menschen einen Computer wie in der DDR. Der Besitz von Telefonen war in der DDR nur ein Privileg von Staatsbediensteten.

Voll spannender Details sind auch Zitelmanns Schilderungen der Reformen des US-Präsidenten Ronald Reagan und der britischen Premierministerin Margaret Thatcher. Dass der heutige Sozialismus in Schweden weit kapitalistischer ist, als viele wissen, wird in einem weiteren Kapitel erläutert. Am Ende seiner Weltreise hält Zitelmann fest: „Je mehr wirtschaftliche Freiheit es gibt, desto wohlhabender sind die Volkswirtschaften, desto wahrscheinlicher erreichen sie ein hohes Wirtschaftswachstum, desto höher ist sogar das Einkommen der ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung. Eines der wichtigsten Argumente für den Kapitalismus ist, dass die wirtschaftliche freien Länder geringere Armutsraten haben und eine schnellere Armutsreduktion erreichen.“

 

Der Antikapitalismus gefährdet Europas Wohlstand

Zitelmanns Sorge ist, dass wir vergessen, „was die Basis unseres wirtschaftlichen Wohlstandes ist.“ Speziell seit der Finanzkrise, die, wie Zitelmann zu Recht unterstreicht, nicht auf Marktversagen zurückzuführen ist, drängt man den Kapitalismus wieder zurück. Den Weg zur Planwirtschaft beschreitet man in Europa heute nicht mehr über Verstaatlichungen, sondern indem „die Politik den Unternehmen immer stärker hineinredet und sie durch Steuerpolitik, Arbeitsmarktpolitik, Regulierung, Subventionen, Ge- und Verbote ihrer Handlungsfreiheit beraubt.“ Gleichzeitig benehmen sich die Zentralbanken zunehmend „wie Planungsbehörden“.

Sämtliche Intellektuelle Europas verschließen die Augen vor den Erfolgen des Kapitalismus. Allen empirischen Befunden zum Trotz halten sie den Kapitalismus noch immer für eines der größten Übel. Zitelmann fragt sich am Ende seines Buchs warum das so ist, und gelangt zu interessanten Thesen. Zum einen haben Intellektuelle einen Hang zu utopischen Entwürfen. Sie konstruieren gerne ein ideales System, in dem alle Menschen am besten gleich sind. „Die Vorstellung, dass eine Wirtschaft ohne aktives Zutun und ohne Planung besser funktioniert als mit, ist vielen Intellektuellen fremd.“ Gleichzeitig sehen Intellektuelle sich selbst als altruistische Menschen, die sich für Benachteiligte einsetzen. Gegenüber dem nach Profit strebenden Kapitalisten fühlen sie sich moralisch überlegen. Dass selbst mittelständische Unternehmer oft ein höheres Einkommen haben als habilitierte Kulturwissenschaftler, empfinden sie als ungerecht. Es steigert auch ihr Misstrauen gegenüber dem Markt. Darüber hinaus verabsolutieren sie ihre eigene Bildung, denn „im Wertesystem des gebildeten Menschen bzw. des Intellektuellen ist derjenige Mensch anderen überlegen, der eine reichhaltigere Bildung und ein größeres Wissen besitzt“. Schließlich besteht auch noch ein Konkurrenzverhältnis zwischen der intellektuellen Elite und der Wirtschaftselite. Das Problem: „Der intellektuelle Antikapitalismus hat seine Wirkung nur entfalten können, weil die Unternehmer ihm intellektuell nichts entgegenzusetzen hatten und haben.“

Es bleibt zu hoffen, dass Bücher wie dieses einen Gegentrend einleiten werden. Zitelmanns exzellent recherchiertes Werk sollte man besonders Politikern und Journalisten ans Herz legen. Die Lektüre öffnet die Augen dafür, welche Kurskorrekturen zu mehr Wohlstand und Wirtschaftswachstum führen. Große Leseempfehlung!

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