Der Zinseszins lässt Nord- und Südeuropa immer weiter auseinander driften

Alle starren auf die Umfragen zu den Wahlen, die 2017 anstehen. Prozente dazu steigen oder fallen – aber der Grund dafür sind die Prozente an Handel, Wachstum, Schulden, Defiziten, welche in Nord und Süd des Euroraums auseinander driften, unerbittlich, sich summierend im Takt von Zinseszinsen.

Nehmen wir diese Prozente unter die Lupe – so hat Frankreich Schulden von knapp 100% seines Volkseinkommens, und die Zinsen darauf fressen zwei Prozent dieses Volkseinkommens auf. Das laufende Defizit des Staates aber beträgt 3,3% dieses Einkommens – was heißt, dass alle Zinskosten, und noch mehr, als neue Schulden aufgenommen werden. Bernie Madoff hat seine Zinsen auch mit immer neuen Schulden bezahlt – und sitzt für 150 Jahre ein.

Italien sei auch ein Wackelkandidat an den Urnen, finden die Umfragen. Doch viel mehr wackelt im Untergrund, nämlich so hohe Schulden, dass die Zinsen darauf 4,2% des Volkseinkommens fressen, so dass Italien ebenfalls hohe laufende Budgetdefizite produziert. Mit 2,5% liegen sie unter den Zinskosten, Italien deckt also gut die Hälfte der Zinsen aus den Steuern. Dies wiederum heißt, die Italiener erdulden würgendes Sparen im Staatsbudget, um die Schulden nicht ins Unendliche steigen zu lassen.

Die Portugiesen liegen in allen diesen Zahlen und Zinslasten ähnlich, und die Bürger beider Länder zahlen so viel für Zinsen wie für die nationale Bildung. Die Schulden sind mit über 130% des Volkseinkommens ebenfalls ähnlich hoch in Portugal wie in Italien, also untragbar auf die Länge. Sie wachsen aber mit den drauf geschlagenen Zinskosten immer weiter, in Frankreich ebenfalls. Darauf fallen wieder höhere Zinskosten an – der Zinseszins lässt Nordeuropa und Südeuropa immer weiter auseinander driften.

Doch halt – das Volkseinkommen wächst vielleicht, und trägt die wachsenden Schulden und Zinslasten mit. Da sind jedoch andere, zusätzliche Zinseszinsrunden am Werk. Die zinsbedingten Defizite wachsen in absoluten Beträgen rascher als das Volkseinkommen, in Frankreich, Italien, Belgien, Spanien, und bis vor kurzem auch in Portugal. Und in allen diesen Ländern, außer in Belgien, machen die Zinskosten mehr aus als dieser Wachstumsbeitrag. Der Zinseszins dreht und dreht die Kugel im Casino…

Nochmals halt – stützt nicht die Europäische Zentralbank EZB die Schuldnerstaaten, hilft nicht vielleicht die jetzt anlaufende Inflation zur Milderung der Schulden? In der Tat kauft die EZB seit Jahren nun die Staatspapiere der Eurostaaten massiv auf und druckt neues Geld dafür. Sie monetisiert die Fiskalausgaben, ein unerhörter, frivoler Vorgang. Sie hat nun große Lager an staatlichen Schuldpapieren im Keller, die Staaten zahlen ihr den Zins darauf. Dies führt zu Gewinnen der EZB. Und wem erstattet sie diese Gewinne? Den Mitgliedstaaten. Außerdem hat sie die Zinsen, welche der Markt 2012 bei der ersten Eurokrise von den hoch verschuldeten Staaten verlangte, auf lächerliche ein bis zwei Prozent für 10-jährige Anleihen gedrückt. Das muss aber noch viel mehr beunruhigen: die oben erwähnten schlimmen Zinslasten, Defizite und laufend steigenden Kosten haben diese Rückerstattungen und Zinsverbilligungen alle schon „verdaut“. Trotz der EZB sind sie also bedrohlich. Laufen die Stützungen dereinst aus, was manche noch für dieses Jahr für möglich halten, laufen die Zinskosten dem Volkseinkommen wieder, und noch schneller, davon.

Die anlaufende Inflation im Euroraum erreicht vielerorts nun die von der EZB erwünschten 2 Prozent, ebenfalls ein Grund mit der Geldvermehrung aufzuhören. Möglich, dass dann die steigenden Preise eher die Kaufkraft der Konsumenten abwürgen, die Kosten der Firmen vermehren und so nicht etwa das Volkseinkommen nominal steigern, sondern in die Krise bringen. Denn gerade in den verschuldeten Ländern des Südens und in Frankreich kann man sich nun nicht mehr die früher üblichen, fröhlichen Lohnrunden vorstellen, um die Inflation auszugleichen.

Es bleibt dabei – die Eurozone wächst nicht zusammen, sondern desintegriert sich. Die flüchtige Klammer aus immer mehr Papiergeld durch die EZB wird nicht ewig zunehmen, sondern abnehmen und überhaupt in der Wirkung nachlassen. Die Verdrängung dieses Trends im Zinseszins beherrscht die nationalen und europäischen Politiker. Alles im Griff. Die EU-Statistiker geben beruhigende Durchschnitte heraus – die Eurozone wächst, die Stellen nehmen zu, die Industrie produziert, die Exporte wachsen. Sieht man genauer hin, sind es immer Deutschland, Skandinavien und Holland, welche den Durchschnitt treiben, die andren ächzen schwer darunter.

Doch die Wähler ächzen vor allem, und sie überschlagen die Zinseszinstrends für die Zukunft. Damit sehen sie klarer als die Politiker und Eurostat. So wenden sie sich jenen Parteien zu, die Abhilfe versprechen. Die verdrängenden Politiker stellen diese als das Übel schlechthin dar, als uneuropäisch. Wenn aber das als EU verfasste Europa für die bedrängten Südeuropäer und Franzosen selbst als das Übel erscheint, wenn eine Notbremsung weniger schlimm erscheint als das Weiterschieben der Lage, dann ist die Wahl verlockend – weg damit. Die Oppositionsparteien werden wohl dieses Jahr kaum gewinnen. Aber in vier Jahren, nach weiteren, auseinander laufenden Zinseszinsrunden der Prozente, sieht es dann anders aus. Die Folgen werden disruptiv, dramatisch sein.

Jürgen Stark, früher gewichtiges Mitglied der EZB-Leitung und Vizepräsident der Bundesbank, kehrte der Pflasterpolitik angewidert den Rücken. Heute verficht er eine Politik des Vorbeugens anstatt Krisenmanagement: Der Euro muss neu angesetzt werden. Auch dies ist nicht schmerzlos, kann aber geordnet vonstatten gehen.

Anmerkung: Die erwähnten Zahlen beziehen sich meistens auf 2016. Griechenland haben wir weggelassen, die Lage dort ist rettungslos. Mit „Volkseinkommen“ ist das Bruttoinlandsprodukt gemeint, ein sperriges Wort.

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