Neuordnung der Weltwirtschaft: Nationalismus und Konstruktivismus auf dem Vormarsch

Nicht nur die Autokraten Xi Jinping und Vladimir Putin wollen die Weltwirtschaft und die internationalen Beziehungen neuordnen, sondern auch US-Präsident Donald Trump. Sowohl Xi und Putin als auch Trump greifen die globale Wirtschaftsordnung, wie sie sich in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur Globalisierung entwickelt hat, frontal an. Sowohl Xi und Putin als auch Trump sind ausgeprägte Nationalisten, die auf ihre je eigene Art einen politischen Konstruktivismus verfolgen, der wenig Raum für dezentrale, evolutionäre, ergebnisoffene und von ihnen nicht kontrollierte ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen belassen soll.

Eine neue Weltwirtschaftsord­nung wird nur dann eine bessere globale Ordnung als die heutige sein, wenn der sich weiter ver­stärkende geopolitische und geoökonomische Wettbewerb der Staaten und Staa­tenblöcke zu Regeln und Regelsystemen der Weltwirtschaft führt, die Freiheit und Wohl­stand für alle besser fördern und Globalisierung und Kapitalismus erhalten helfen.

Die Strukturbedingungen der modernen Gesellschaft, welche erst im Westen und dann im Zuge der Globalisierung weltweit Wachstum und Wohlstand in historisch vorher nicht bekanntem Ausmaß ermöglicht haben, werden durch Nationalismus und politischem Konstruktivismus unterminiert und verletzt. Deshalb ist fraglich, wie zukünftig „Wohlstand für alle“ erwirtschaftet werden kann.

Die vier Säulen von Globalisierung und Wohlstand

Die Globalisierung vor der Zeitenwende von 1989/1990 – aber auch die beschleunigte Globalisierung danach – beruhte im Kern auf vier Säulen, für welche die transatlantischen Beziehungen zwischen West-Europa und den USA nach dem Zweiten Weltkrieg die Blaupause bildeten.

Bei diesen vier Säulen handelte es sich erstens um die Sicherheitsgarantie der USA für verbündete Staaten, zweitens um das internationale Freihandelsregime, drittens um die europäische und weltweite Demokratisierungsbewegung und viertens um die Unterdrückung des Nationalismus.[1] Diese vier Elemente ließen eine spezifische politisch-historische Machtkonfiguration in der Welt entstehen. Es handelte sich um ein globales Gleichgewicht der Nachkriegsordnung, in welchem die freiheitlich-demokratischen Verfassungsstaaten im Aufstieg waren. Diese Machtkonfiguration war durch einen großen Zusammenhalt des Westens gekennzeichnet und führte nicht nur in den USA, Europa und Japan, sondern über Globalisierungsprozesse weltweit zu ökonomischem Wohlstand. An diesem Wohlstand hatten zunehmend auch Staaten und Regime erheblichen Anteil, welche die vier genannten Säulen entschieden ablehnen. Das gilt schon immer für China, obwohl man gerade China als größten Globalisierungsgewinner der Geschichte bezeichnen kann,[2] aber auch für Russland unter Vladimir Putin.[3] Seit einigen Jahren werden diese vier Säulen jedoch auch in den westlichen Gesellschaften angegriffen.[4]

Der Nationalismus strebt weder nach Freiheit noch nach Wohlstand

Gemeinsam ist all diesen Angriffen, dass es sich bei ihnen um Formen eines ausgeprägten Nationalismus handelt, der zum politischen Konstruktivismus führt. Nationalisten wollen sowohl die eigene Gesellschaft als auch die Weltwirtschaft und die internationalen Beziehungen entsprechend ihrer eigenen nationalistischen Vorstellungen finalisieren und konstruieren. Deshalb haben Nationalisten in der Regel erhebliche Probleme mit ergebnisoffenen Prozessen wie der Demokratie und dem Freihandel und lehnen Sicherheitsgarantien für andere Länder ab oder stellen sie in Frage.

Diese Zusammenhänge hatte bereits 1862 der katholische Liberale Lord Acton (1834-1902) hellsichtig vorausgesehen. Lord Acton erkannte bereits 1862 in seinem Beitrag „Nationality“, dass der Sozialismus und der Nationalismus die größten Feinde der bürgerlichen Freiheit sind – „two forces which are the worst enemies of civil freedom“[5] – und dass die Theorie des Nationalismus noch absurder und noch krimineller ist – „more absurd and more criminal“[6] – als die Theorie des Sozialismus.

Der Nationalismus strebt weder nach Freiheit noch nach Wohlstand, denn er opfert beides der zwingenden Notwendigkeit, die Nation zum Maßstab und zur Form des Staates zu machen. Sein Weg wird von materiellem wie moralischem Ruin geprägt sein. (Lord Acton)

Lord Acton, der 1862 die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts noch nicht kennen konnte, begründet das „more absurd and more criminal“ damit, dass die Theorie des Sozialismus zumindest etwas weniger willkürlich sei als der Nationalismus, d.h., dass der Sozialismus zumindest gewissen Regeln folge, obwohl diese Regeln falsch sind, die bürgerliche Freiheit zerstören und zudem das legitimerweise in den Fokus gesetzte Problem, Hunger und Armut zu bekämpfen, nicht lösen können.

Der Nationalismus folgt nach Acton jedoch keinerlei Regel und ist deshalb noch willkürlicher – „more absurd and more criminal“ – als der Sozialismus und noch zerstörerischer und revolutionärer. Der Nationalismus ist „a retrograde step in history. It is the most advanced form of the revolution,”[7] also der Umstürzung evolutionär entstandener Verhältnisse.

Der Nationalismus „does not aim either at liberty or prosperity, both of which it sacrifices to the imperative necessity of making the nation the mould and measure of the State. Its course will be marked with material as well as moral ruin, in order that a new invention may prevail over the works of God and the interests of mankind. There is no principle of change, no phase of political speculation conceivable, more comprehensive, more subversive, or more arbitrary than this. It is a confutation of democracy, because it sets limits to the exercise of the popular will, and substitutes for it a higher principle.”[8]

Der Konstruktivismus als entscheidendes Hindernis des „Wohlstands für alle“

Der Ökonom und Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek (1899-1992) zitierte nicht nur vielfach und zustimmend Lord Acton – vor allem in seinen Hauptwerken „Die Verfassung der Freiheit“ und „Recht, Gesetz und Freiheit“.[9] Hayeks Kritik am Konstruktivismus dürfte nicht zuletzt von Lord Acton inspiriert worden sein, der im Nationalismus und Sozialismus die größten Feinde der bürgerlichen Freiheit voraussah, weil beide die Gesamtgesellschaft ihren jeweiligen Zielen unterwerfen und ergebnisoffene Prozesse unterbinden wollen.

Die verhängnisvolle Anmaßung besteht darin, Wirtschaft und Gesellschaft spezifische gemeinsame Ziele vorzugeben und diese mittels bewusster Planung und Anordnung gegen alle spontanen und dezentralen Kräfte des gesellschaftlichen Zusammenlebens durchzusetzen.

Unter Konstruktivismus versteht Hayek die „zunächst unverfängliche Formel“, „dass der Mensch die Einrichtung der Gesellschaft und der Kultur selbst gemacht hat und sie daher auch nach seinem Belieben ändern kann.“[10] Das klingt nur so lange unverfänglich, wie nicht die verhängnisvolle Anmaßung,[11] die mit dieser konstruktivistischen Vorstellung meistens einhergeht, offengelegt wird.

Die verhängnisvolle Anmaßung besteht darin, Wirtschaft und Gesellschaft spezifische gemeinsame Ziele vorzugeben und diese mittels bewusster Planung und Anordnung gegen alle spontanen und dezentralen Kräfte des gesellschaftlichen Zusammenlebens durchzusetzen.[12] Ignoriert wird, dass erst durch den Verzicht auf vorgegebene gemeinsame spezifische Ziele eine of­fene Gesellschaft freier Menschen entstehen kann, in der die verschiedenen Mitglieder von den Tätigkeiten aller anderen nicht nur trotz, sondern oft sogar aufgrund der Verschie­denheit ihrer je­weiligen Ziele profitieren.[13]

„Deshalb kön­nen Begriffe wie Gemeinwohl oder öffentliches Interesse in einer freien Gesell­schaft nie als Summe be­stimmter anzustrebender Ziele definiert werden, sondern nur als abstrakte Ord­nung, die als Ganzes nicht an irgendwelchen konkreten Zielen orien­tiert ist… Die große Bedeu­tung der spontanen Ordnung oder No­mokratie liegt darin, dass sie eine friedliche Zusammenarbeit zum wechselseitigen Nutzen der Men­schen über den kleinen Kreis derjenigen hinaus er­möglicht, die die­sel­ben konkreten Ziele verfolgen.“[14]

Dieser Zusammenhang gilt erst recht für die Weltwirtschaft. Werden nationalen Volkswirtschaften oder der Weltwirtschaft spezifische Ziele vorgegeben, dann kann weder die nationale Wirtschaft und erst recht nicht die Weltwirtschaft „Wohlstand für alle“ ermöglichen. Die vier Säulen, die nach dem Zweiten Weltkrieg erst die transatlantischen Beziehungen prägten und dann zur Grundlage der Globalisierung wurden, haben einen bis dahin in der Geschichte nicht gekannten globalen Wohlstand erzeugen können, weil sie letztlich, bei allen Unvollkommenheiten und zu kritisierenden Schwächen einzelner Institutionen und Allianzen, darauf zielten, ergebnisoffene, evolutionäre und dezentrale Prozesse über Ländergrenzen hinweg zu ermöglichen. Das heißt nicht, dass die Versuchungen von Nationalismus und Konstruktivismus ausgelöscht waren. Nationalismus und Konstruktivismus waren aber zumindest insoweit eingehegt, dass weltweit Wachstum und „Wohlstand für alle“ durch Außenhandel ermöglicht wurden.

Die Wirtschaft als geopolitische Waffe

Heute setzen China und Russ­land aber auch die USA den Außenhandel vermehrt als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mit­teln ein. Vielfach wird „der Logik des Krieges in der Grammatik des Kommerzes“[15] gefolgt.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 und der folgenden Präsidenten-Ära von Boris Jelzin hat Russland seit dem Jahr 2000 unter der Führung von Wladimir Putin den Ex­port von Öl und Gas zu einer geopolitischen Waffe geformt. China strebt spätestens seit 2012 unter Xi Jinping außenpolitische Hege­­­monie durch Erzeugung ökonomischer Abhängigkeiten an. Und Donald Trump will durch Zölle die heimische Industrie schüt­zen und eine Reindustrialisierung der USA erzwingen sowie die Weltwirtschaft neuordnen und verachtet die Regeln der WTO. Die seit einigen Jahren beschriebene Gefahr einer De-Globalisierung und neuen Bipolarität[16] der Weltwirtschaft und der internationalen Beziehungen hat sich zudem durch Putins Krieg in der Ukraine zu einem neuen Ost-West-Konflikt entwickelt, weil sich China auf die Seite von Russland gestellt hat.

Insge­samt ist ein verstärkter geopolitischer und geoökonomischer Wett­bewerb der Staaten und Staatenblöcke zu be­obachten, der die Weltwirtschafts­ord­nung, wie sie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gewachsen ist, zerstört.

Darüber hinaus warnt China zwar vor neuen Blockbildungen, treibt diese aber selbst offensiv voran. Zum einen versucht China, neue strategische Bündnisse und regionale Handelsabkommen zu schließen und vor allem Abhängigkeiten durch die One-Belt-One-Road-Strategie, die BRICS+, die chinesische Re-Kolonisierung Afrikas und die Shanghai Cooperation Organisation usw. zu erzeugen. Zum anderen blockiert China bestehende internationale Organisationen wie die WTO oder den UN-Menschenrechtsausschuss.

Insge­samt ist ein verstärkter geopolitischer und geoökonomischer Wett­bewerb der Staaten und Staatenblöcke zu be­obachten, der die Weltwirtschafts­ord­nung, wie sie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gewachsen ist, zerstört. Ob das positiv oder ne­gativ zu bewerten ist, hängt davon ab, ob sich aus dieser „Zerstörung“ eine bessere neue Weltwirt­schaftsordnung entwi­ckelt und wie dieses „Bessere“ definiert wird.

Ein neues Regelsystem der Weltwirtschaft?

Offen ist derzeit, inwieweit die nationalistischen und konstruktivistischen Absichten der derzeitigen politi­schen Führer, welche allgemeine und abstrakte Regeln und die Freiheit schaf­fende Trennung von Wirtschaft und Politik missachten, erfolgreich sein werden und in der Folge Freiheit und Wohlstand in der Weltwirtschaft zerstören. Gerade auf­grund des sich verstär­kenden Wettbewerbs der Staaten und Staaten­blöcke könnten sich früher oder später neue Regeln und Regelsys­teme der Weltwirtschaft entwickeln, die Frei­heit und Wohl­stand für alle besser als bisher fördern und Globalisierung und Kapitalismus erhalten hel­fen. Für Hayek wäre das ein Beispiel für „Ergebnisse menschlichen Handelns, aber nicht menschlichen Entwurfs“.[17]

Im Dunkeln bleibt indes, wie mit der von Xi, Putin und Trump und vielen anderen verfolgten „Geoökonomik“[18] in ihren eigenen Ländern dauerhaft Wachstum und Wohlstand ermöglicht wer­den soll. Denn der Einsatz von Handel, Zöllen, Energie, Rohstoffen, Zin­sen, Krediten, Investitio­nen, Hilfspro­grammen und Sanktionen als poli­tische Instru­mente zur Verfolgung natio­naler Interes­sen und zur Gewinnung geopolitischer Vorteile hebelt systematisch den Haupttreiber des Wohlstands aus.

Das Gleiche gilt, wenn die Politik der Wirtschaft Vorschriften macht, die der Hand­lungslo­gik der Wirtschaft widersprechen. Die Wirtschaft kann dann keinen Wohlstand für alle erzeugen.

Während das Recht die Grundlage des Wohl­stands bildet,[19] ist die funktionale Differen­zierung der Gesellschaft sein Treiber. Unter funktionaler Differenzierung wird die Ent­stehung von gesell­schaftlichen Teilsys­temen wie Wirtschaft, Poli­tik, Recht, Wissen­schaft, Medien, Religion, Kunst etc. ver­standen, die auch als Funk­tions­systeme be­zeichnet werden, weil sie für die Gesamtge­sellschaft jeweils – und in gewis­sem Ausmaß selbststeuernd – unterschiedliche Funkti­onen erfüllen.[20] So besteht die Aufgabe der Wis­senschaft darin, falsches Wis­sen zu entlar­ven und nicht falsifiziertes Wissen zu sam­meln. Die Aufgabe der Politik ist es, allgemeinverbind­liche Entscheidungen herbei­zu­führen, die all­gemeinen und abstrakten Re­geln entsprechen.

Diese gesellschaftliche Arbeits- und Machttei­lung in Teilsysteme bedeutet jedoch nicht, dass keine Interdependenzen zwischen den Teilsys­temen bestehen. Sollte die Politik der Wissen­schaft die Kriterien vor­schreiben, nach denen die Wissenschaft vorzugehen hat, dann kann die Wissenschaft ihre wissenschaftli­che Funk­tion für die Gesamt­gesellschaft nicht er­füllen. Sollte die Politik der Wissenschaft vor­schreiben, was wissen­schaftlicher Fortschritt ist, dann wird die Wissenschaft nur sehr sel­ten Innovatio­nen her­vor­bringen.

Das Gleiche gilt, wenn die Politik der Wirtschaft Vorschriften macht, die der Hand­lungslo­gik der Wirtschaft widersprechen. Die Wirtschaft kann dann keinen Wohlstand für alle erzeugen. Umge­kehrt führt eine Übertragung von wirt­schaftlicher Hand­lungslo­gik (z. B. Gewinne zu maximieren) in die Politik zur Korruption der politischen Ent­scheidungsträger. Die Politik er­füllt dann nicht ihre Funk­tion für die Ge­samt­gesell­schaft, allgemeine und abstrakte Regeln durchzusetzen.

Die Handlungslogiken der gesellschaftlichen Teilsysteme bewahren

Die von Ökonomen viel­zitierte „Interdependenz der Wirtschaftsordnung mit allen übri­gen Le­bensordnungen“[21] (Walter Eucken) bedeutet deshalb nicht, dass alle übrigen Le­bensordnun­gen die Handlungslogik der Wirtschaft anneh­men sollen. Die übrigen Le­bens­ordnungen oder funktionalen Teil­systeme (Politik, Recht, Wis­senschaft, Medien, Religion etc.) können ihre Leistung für die Gesamtordnung (und damit auch für das Wirtschaftssystem) nur erbringen, wenn sie ihre ei­gene Handlungslogik bewahren. Ge­rade in der Bewahrung der eigenen Hand­lungslogik der gesellschaftlichen Teilsysteme besteht die gesellschaftliche Arbeits- und Machttei­lung in offenen Gesellschaften, die in beispielloser Weise Wohlstand für alle ermög­licht hat.

Der auf Nationalismus und Konstruktivismus zurückführende heutige Einsatz von Handel, Zöllen, Energie, Roh­stoffen, Zinsen, Krediten, Investitio­nen, Hilfspro­grammen und Sanktionen als politische Instru­mente zur Verfolgung natio­naler Interes­sen und zur Gewinnung geopolitischer Vorteile ist jedoch nichts anderes als die teil­weise oder gänzliche Aus­schaltung (und Gleichschaltung) der Hand­lungslogik des ge­sellschaftlichen Teilsystems Wirtschaft und erzeugt enorme Wohlfahrtsver­luste.

Wohlstandsverlust als wahrscheinliches Szenario

Die Welt steht deshalb heute vor der Herausforde­rung, wie die Strukturbedingungen der modernen Gesellschaft und damit die Eigenlogik der Wirtschaft, aber auch die Eigenlogik der anderen gesellschaftli­chen Teilbereiche, sowohl innerhalb der Staaten als auch in den internationalen Beziehungen und der Weltwirtschaft erhalten und gestärkt werden können. Eine neue Weltwirtschaftsord­nung wird nur dann eine bessere globale Ordnung als die heutige sein, wenn der sich weiter ver­stärkende geopolitische und geoökonomische Wettbewerb der Staaten und Staa­tenblöcke zu Regeln und Regelsystemen der Weltwirtschaft führt, die Freiheit und Wohl­stand für alle besser fördern und Globalisierung und Kapitalismus erhalten helfen.

Dieser Prozess dürfte jedoch langwierig sein und könnte nicht nur durch Handelskriege, sondern auch durch neue Kriege wie Russlands Krieg in der Ukraine und der ständigen Bedrohung der NATO-Ostgrenze durch Russland oder durch drohende kriegerische Auseinandersetzungen um Taiwan und um die Vorherrschaft im südchinesischen Meer, aber auch durch Stellvertreterkriege in Afrika und im Nahen und Mittleren Osten geprägt sein. Kurz- und mittelfristig ist globaler Wohlstand für alle das weniger wahrscheinliche Szenario. Wahrscheinlicher sind vorerst Wohlfahrtsverluste.

 

Anmerkungen

[1] Siehe Robert Kagan: „The New German Question. What Happens When Europe Comes Apart?”, Foreign Affairs, May/June 2019 sowie Norbert F. Tofall: Zum Verhältnis von EU und USA. Kommentar zu Wirtschaft und Politik des Flossbach von Storch Research Institute vom 11. September 2020.

[2] Selbst noch 1992 äußerte der Vater des chinesischen Modernisierungsprozesses von Ende der 1970er Jahre Deng Xiaoping die Überzeugung: „Historische Erfahrungen haben gezeigt, dass unsere politische Macht nur mit Diktatur zu konsolidieren ist. Eigentlich sollten wir unser Volk Demokratie genießen lassen. Um aber unseren Feinden überlegen zu sein, müssen wir Diktatur praktizie­ren – die demokratische Diktatur des Volkes“ (Artikel „Reform oder Untergang. Geheimdokument aus Peking: Chinas Altkommunist Deng Xiaoping rechtfer­tigt den Kapitalismus“, in: Der Spiegel vom 30. März 1992, Nr. 14, S. 178-179, hier S. 179). Zur Fehleinschätzung, dass China aufgrund der Stärkung einiger kapitalistischer Methoden schrittweise zum westlichen Modell und zu den vier genannten Säulen der Globalisierung übergehen könnte, siehe Norbert F. Tofall: Chinas Wandel durch Handel. Und die fatale Verwechslung mit „Wandel durch Annäherung“, Kommentar zu Wirtschaft und Politik des Flossbach von Storch Research Institute vom 14. Oktober 2022.

[3] Russlands größtes ökonomisches und politisches Entwicklungshemmnis besteht außenpolitisch in seinem imperialen Streben nach Hegemonie und innenpolitisch in seiner zwanghaften Kontrolle und Beherrschung aller gesellschaftlichen Bereiche einschließlich der Wirtschaft. Siehe dazu Norbert F. Tofall: Ziele und Wirksamkeit von Wirtschaftssanktionen. Eine Betrachtung hinsichtlich des Russland-Ukraine-Konflikts, Studie des Flossbach von Storch Research Institute vom 2. Februar 2015, S. 12.

[4] Siehe Norbert F. Tofall und Thomas Mayer: Integristen und Identitäre. Anti-Globalisierung und Anti-Kapitalismus auf dem Vormarsch, Kommentar zu Wirtschaft und Politik des Flossbach von Storch Research Institute vom 12. Februar 2017, S. 4: „Den integristi­schen und identitären Bewegungen von rechts und links geht es mutatis mudandis um diese Gleichschaltung der Gesellschaft mittels Finalisierung, das heißt um die Re-Integration der ausdif­fe­renzierten Gesellschaft durch verbindliche spezifische Ziele. Und es ist nur konse­quent, dass Anti-Globalisierung und Anti-Kapitalismus im programmatischen Zentrum sowohl rechter als auch linker integristischer und identitärer Be­wegungen stehen. Globalisierung und Kapitalismus sind Oberbegriffe für die welt­weite direkte und indirekte Kooperation von Millionen und Milliarden einzelner Men­schen, die innerhalb einer liberalen globalen Ordnung jeweils ihre individuellen Ziele über Ländergrenzen hinweg verfolgen. Glo­balisie­rung und Kapitalismus führen deshalb in wirtschaftlicher, kultureller und politi­scher Hinsicht zu einer geringeren Notwendig­keit territorialer Grenzen, wenn liberale Ordnungsprinzipien beachtet werden. Globale und nationale Ordnung folgen dann demselben Prinzip. Dadurch wird eine staatlich oder sonst erzwungene Fi­nalisierung und Re-Integration der nationalen Gesellschaften mehr und mehr er­schwert. Deshalb müssen Globalisierung und Ka­pitalismus aus Sicht der Integris­ten und Identitären be­kämpft werden.“

[5] John Emerich Edward Dalberg-Acton, First Baron Acton: “Nationality” (1862), in: Selecting Writings of Lord Acton, Volume I, Essays in the History of Liberty, edited by J. Rufus Fears, Indianapolis (Liberty Fund) 1985, S. 409-433, hier S. 433.

[6] Ebenda.

[7]  Ebenda S. 432.

[8]  Ebenda S. 433. („Der Nationalismus strebt weder nach Freiheit noch nach Wohlstand, denn er opfert beides der zwingenden Notwendigkeit, die Nation zum Maßstab und zur Form des Staates zu machen. Sein Weg wird von materiellem wie moralischem Ruin geprägt sein, damit eine neue Erfindung Vorrang vor den Werken Gottes und den Interessen der Menschheit erlangen kann. Es gibt kein Prinzip der Veränderung, keine Phase politischer Spekulation, die umfassender, subversiver oder willkürlicher wäre als dieses. Es ist eine Widerlegung der Demokratie, weil es der Ausübung des Volkswillens Grenzen setzt und ihn durch ein höheres Prinzip ersetzt.“)

[9] Siehe Friedrich A. von Hayek: Die Verfassung der Freiheit (1971), herausgegeben von Alfred Bosch und Reinhold Veit, 4., erneut durchgesehene Auflage, Tübingen (Mohr) 2005, S. XV, S. 26, S. 76, S. 173, S. 180, S. 210, S. 214, S. 234, S. 236, S. 237, S. 238, S. 250, S. 319, S. 515, S. 522, S. 524, S. 528, S. 529, S. 530, S. 531 sowie Friedrich A. von Hayek: Recht, Gesetz und Freiheit. Eine Neufassung der liberalen Grundsätze der Gerechtigkeit und der politischen Ökonomie (1973, 1976, 1977, ursprünglich 3 Bände), herausgegeben von Viktor Vanberg, übersetzt von Monika Streissler, 1. Auflage 2003, Nachdruck, Tübingen (Mohr) 2013, S. 486, S. 502 Anm. 22, S. 508 Anm. 24, S. 548 Anm. 4.

[10] Friedrich A. von Hayek: „Die Irrtümer des Konstruktivismus und die Grundlagen legitimer Kritik gesellschaftlicher Gebilde“ (1970), in: Friedrich A. von Hayek: Wissenschaft und Sozialismus. Aufsätze zur Sozialismuskritik, herausgegeben von Manfred E. Streit, Tübingen (Mohr) 2004, S. 16-36, hier S. 17.

[11] Siehe Friedrich A. von Hayek: Die verhängnisvolle Anmaßung. Die Irrtümer des Sozialismus (1988), herausgegeben von Viktor Vanberg, übersetzt von Monika Streissler, Tübingen (Mohr) 2011.

[12] Vgl. Friedrich A. von Hayek: „Die Ergebnisse menschlichen Handelns, aber nicht menschlichen Entwurfs“ (1967), in: Friedrich A. von Hayek: Rechtsordnung und Handelsordnung. Aufsätze zur Ordnungsökonomik, herausgegeben von Manfred E. Streit, Tübingen (Mohr) 2003, S. 178-189, und auf S. 178:       „Der Glaube an die Überlegenheit bewusster Anordnung und Planung über die spontanen Kräfte des gesellschaftlichen Zusammenlebens drang in das europäische Denken in klarer Form erst durch den rationalistischen Konstruktivismus Descartes‘ ein.“

[13] Siehe Friedrich A. von Hayek: „Grundsätze einer liberalen Gesellschaftsordnung“ (1966), in: Friedrich A. von Hayek: Grundsätze einer liberalen Gesellschaftsordnung. Aufsätze zur Politischen Philosophie und Theo­rie, heraus­gegeben von Viktor Vanberg, Tübingen (Mohr) 2002, S. 69 – 87, hier S. 72 – 74.

[14] Ebenda S. 72.

[15] Siehe allgemein Edward N. Luttwark: „From Geopolitics to Geo-Economics. Logic of Conflict, Grammar of Commerce”, in: The National Interest, No. 20, Summer 1990, S. 17 – 23.

[16] Siehe Norbert F. Tofall: De-Globalisierung und neue Bipolarität? Studie zu Wirtschaft und Politik des Flossbach von Storch Research Institute vom 6. Dezember 2019.

[17] Siehe Friedrich A. von Hayek: „Die Ergebnisse menschlichen Handelns, aber nicht menschlichen Entwurfs“ (1967), in: Friedrich A. von Hayek: Rechtsordnung und Handelsordnung. Aufsätze zur Ordnungsökonomik, herausgegeben von Manfred E. Streit, Tübingen (Mohr) 2003, S. 178-189.

[18] Zum Begriff Geoökonomik siehe Robert D. Blackwill and Jennifer M. Harris: War by Other Means. Geoeconomics and Statecraft, Cambridge, Massachusetts, and London, England, (Harvard University Press) 2017, S. 20: „Geoeconomics: The use of economic instruments to promote and defend na­tional interests, and to produce beneficial geopolitical results; and the effects of other nations’ economic actions on a country’s geopolitical goals.”

[19] Die Bedingungen für ökonomischen Erfolg bestehen zum einen in sicheren und wohl definierten Rechten für alle auf privates Eigentum und in der unpar­teiischen Durch­set­zung von Verträ­gen sowie zum anderen in der Abwesenheit von Raub in jegli­cher Form. Vgl. Mancur Olson: Macht und Wohlstand. Kommunistischen und kapitalistischen Diktaturen ent­wachsen, übersetzt von Gerd Fleischmann, Tübingen (Mohr) 2002, S. 2. Oder kurz: Das Recht ist die Grundlage von Wohlstand und Wachstum.

[20] Vgl. hierzu und zu den folgenden Absätzen Norbert F. Tofall und Thomas Mayer: Integristen und Identitäre. Anti-Globalisierung und Anti-Kapitalismus auf dem Vormarsch, Kommentar zu Wirtschaft und Politik des Flossbach von Storch Research Institute vom 12. Februar 2017.

[21]Walter Eucken: Grundsätze der Wirtschaftspolitik, 5., unveränderte Auflage, Tübingen (Mohr) 1975,  S. 14.

 

Dieser Beitrag ist zunächst am 17.10.2025 auf der Website des Flossbach von Storch Research Institute erschienen. Mit freundlicher Genehmigung.

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