Menschliche Vorstellungskraft schlägt KI: Peter Boettke über die Zukunft der Arbeit

Die Prognosen muten dystopisch an: Vor einer möglichen Vernichtung durch die KI, vergleichbar mit Pandemien und Atomkriegen, warnt das amerikanische Center for AI Safety, vor KI-Agenten, welche die menschliche Arbeit praktisch irrelevant machten. Sam Altman, Gründer von Open AI, bezeichnet sein neustes Rechenmodell gar als „mächtiger als jeder Mensch“, der je gelebt habe. Einige Politiker sprechen bereits von der Notwendigkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens, um zumindest eine rudimentäre Stabilität der menschlichen Gesellschaften zu erhalten.

Eine ganz andere Perspektive auf „Die Rolle des Menschen in einer KI-getriebenen Ökonomie“ bot Professor Peter Boettke den Absolventen der Austrian Academy und Teilnehmern des Austrian Economics Colloquium sowie Gästen der Diplomatischen Akademie Wien am 7. Mai 2026. In seinem Gastvortrag am neuen Standort des Austrian Institutes an der Operngasse beleuchtete Boettke, Professor an der George Mason University und einer der bedeutendsten zeitgenössischen Vertreter der Österreichischen Schule, das Potenzial der Künstlichen Intelligenz.

Demographische und wirtschaftliche Herausforderungen

Sein Vortrag begann mit einem Blick auf die vielfältigen Herausforderungen der heutigen Zeit: die alternde Gesellschaft und die wirtschaftliche Stagnation, gar Rezession, vieler westlicher Volkswirtschaften. Die Künstliche Intelligenz sieht Boettke nicht als Ersatz der menschlichen Arbeit, sondern vielmehr als Mittel, eine Art „Productivity Hack“, um Lösungen für diese drängenden demographischen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu finden.

So könne die KI möglicherweise den Produktivitätsrückgang aufgrund der alternden Bevölkerungen und der sinkenden Geburtenrate überbrücken und die Zeitspanne der mentalen Produktivität erweitern. Als unerschöpfliche Ressource und ultimativer Garant für neue Arbeitsplätze sieht er die menschliche Vorstellungskraft.

Genau diese Unvorhersehbarkeit und der konstante Wandel des Arbeitsmarktes führen laut Boettke trotz Künstlicher Intelligenz auch in Zukunft zu einer ungebrochenen Innovationskraft und machen insbesondere das Unternehmertum weiterhin unersetzbar.

Auf diese Weise könne die Marktwirtschaft niemals vollständig durch die KI ersetzen werden. Damit bezieht er eine klare Position gegen die sogenannte „Lump-of-Labor-Fallacy“ (Trugschluss der festen Arbeitsmenge), gemäß der nur eine begrenzte Anzahl an Arbeitsplätzen in einer Volkswirtschaft zur Verfügung stünde.

Der immergleiche „Technology Panic Cycle“

Seine unerschütterliche Zuversicht und seinen „KI-Optimismus“, wie Boettke es nennt, zieht er auch aus der Geschichte, aus vergangenen gesellschaftlichen Debatten anlässlich technologischer Innovationen, die bereits vor Jahrzehnten und Jahrhunderten mit dem gleichen Alarmismus, gar den gleichen Argumenten, geführt wurden. Stets scheint sich der sogenannte „Technology Panic Cycle“ zu wiederholen: Der „Point of Panic“ nach einem zunächst zuversichtlichen Start, der mit wachsender, gesellschaftlicher Furcht ansteigt bis zur „Height of Hysteria“ und schließlich mit abschwächender Sorge abfällt zum pragmatischen „Point of Practicality“.

Im Falle der Künstlichen Intelligenz zeige sich diese „Height of Hysteria“ sowohl in den dystopischen Berichten einer KI-Weltherrschaft sowie gleichzeitig – auf andere Weise – in den massiven Investitionen in Datenzentren und KI-Modelle. Ein pragmatischer „Point of Practicality“ scheint vorerst noch nicht erreicht.

Die Abgrenzung zwischen Mensch und Maschine

Und doch sind die Argumente über die Abgrenzung des menschlichen Geistes zur Maschine nicht neu – im Gegenteil. Bereits im Jahr 1949 fand an der Manchester University eine erste Konferenz zu „The Mind and the Computing Machine“ statt, auf der führende Denker aus der Philosophie und Informatik, wie Alan Turing, Max H. A. Newman und Michael Polanyi, über die Alleinstellungsmerkmale des menschlichen Geistes im Vergleich zu Maschinen diskutierten und in deren Folge der bekannte Turing-Test zur Bestätigung der menschlichen Intelligenz entstand.

Es folgten zahlreiche weitere Konferenzen und Forschungsprojekte, wie der Dartmouth Workshop im Jahr 1956, auf dem erstmals der Begriff „Künstliche Intelligenz“ verwendet wurde. Im Jahr 1966 folgte der erste Chatbot namens „ELIZA“, der, als Psychotherapeut trainiert, seinen Testpatienten noch willkürlich mutende Antworten entgegenschleuderte. Aufsehen erregte die Deep Blue Class in den Jahren 1996 und 1997 als erstmals ein Computer einen menschlichen Schachweltmeister besiegte.

Genau an diesem Beispiel macht Boettke seine Argumentation fest: Während das Schachspiel auf einem endlichen Set an Regeln und auf unzähligen, eintrainierten Abläufen aus Strategie und Reaktion besteht, bleibt die unternehmerische, menschliche Gesellschaft und damit die Innovationskraft unvorhersehbar.

Berufe im kontinuierlichen Wandel

Als Beispiele führt Boettke die revolutionäre Entwicklung der Transportmittel im vergangenen Jahrhundert und die sprunghafte Weiterentwicklung der Kommunikation in den vergangenen Jahrzehnten an. Sie verdeutlichen für ihn nicht allein die technologische Innovationskraft, sondern auch den kontinuierlichen Wandel, dem alle Berufe unterliegen. Noch in den 1950er Jahren waren die Berufsbilder des Liftboys und der Telefonistin eine Selbstverständlichkeit, heute sind sie unvorstellbar.

Und auch im Jahr 2000 sah kaum einer den Beruf eines Social Media Influencers oder eines App-Entwicklers voraus. Genau diese Unvorhersehbarkeit und der konstante Wandel des Arbeitsmarktes führen laut Boettke trotz Künstlicher Intelligenz auch in Zukunft zu einer ungebrochenen Innovationskraft und machen insbesondere das Unternehmertum weiterhin unersetzbar.

Um den erfolgreichen, produktiven Umgang mit KI zu stärken, dürfen die Signale des Marktes mit Preisen, Profiten und Verlusten nicht durch politische Eingriffe verwässert werden.

Mit dieser Ansicht positioniert sich Boettke klar gegen andere Stimmen im Diskurs, wie u.a. den chinesischen Unternehmer Jack Ma und den amerikanischen Physiker Doyne Farmer, die zu glauben scheinen, dass auf Grundlage aller Unternehmensdaten weltweit mittels der Künstlichen Intelligenz wirtschaftliche Prozesse vorherseh- und planbar gemacht werden könnten. Die Folge wäre, laut Boettke, eine technologische Planwirtschaft, eine Art Tech-Sozialismus, mit der KI als Mittel und dem Sozialismus als Zweck.

Die Österreichische Schule als Vordenkerin

Boettkes Vertrauen auf den kontinuierlichen Prozess der Wissensgenerierung durch den Markt  ist stark in der Österreichischen Schule verankert, die Boettke im Fall der KI als Vordenkerin sieht. Die menschliche Gesellschaft und die Wirtschaft verfügten nicht über einen festgelegten, vorgegebenen Rechenrahmen, sondern über freie Parameter. Und genau wie keine endliche Anzahl an Arbeitsplätzen festgelegt werden könne, gebe es kein Limit für die unendlichen menschlichen Bedürfnisse, welche den Innovationsgeist und das Unternehmertum, und damit letztlich die Marktwirtschaft stets neu befeuerten. Die unternehmerische Gesellschaft sei unvorhersehbar und genau diese Unvorhersehbar schaffe das Potential für neue Innovationen.

Gewöhnliche Menschen könnten Außergewöhnliches leisten, wenn man ihnen nur Freiheit, Würde und Respekt gewähre.

Die große Notwendigkeit von Innovationen sowie einer Unterstützung durch die KI demonstrierte Boettke an drei zentralen Problemen, die er als Kernprobleme der heutigen Zeit ausmacht: An erster Stelle nennt er die Bilanzen der Zentralbanken, die auf alle drei einschneidenden Krisen des 21. Jahrhunderts, namentlich der Terrorangriff vom 11. September 2001, die globale Finanzkrise und die Corona-Pandemie, mit einer Ausweitung der Geldmenge, folglich einer Inflation, reagierten.

Als Zweites nennt er „Intergenerational Accounting“, die in westlichen Staaten mittlerweile gigantische intergenerationelle Lücke, die zwischen den Versprechen der Politiker und dem tatsächlichen Budgethaushalt zu deren Finanzierung klafft. Drittens erwähnte Boettke die strukturelle Ungleichheit, die aufgrund der Inflation durch die Verlangsamung der sozialen Mobilität und den statischen Arbeitsmarkt entstehe.

Als einzige Möglichkeit, diese Probleme ohne gravierende Wohlstandsverluste zu lösen, sieht Boettke ein Wirtschaftswachstum durch steigende Produktivität. Hierfür sei in den alternden, westlichen Gesellschaften die Künstliche Intelligenz zentral. Entscheidend sei jedoch der richtige Umgang mit der neuen Technologie, die er bildlich mit einem „Trainingsband“ oder einem „Lift“ vergleicht. Während die Verwendung der KI als „Trainingsband“ helfe, Wissen zu festigen, neue Innovationen zu entwickeln und das unendliche Potential an menschlicher Kreativität zu fördern, führe die Verwendung als komfortabler „Lift“ zu Stillstand und Stagnation – und letztlich einer Verdrängung aus dem Markt. Für Boettke ist klar: Um den erfolgreichen, produktiven Umgang mit KI zu stärken, dürfen die Signale des Marktes mit Preisen, Profiten und Verlusten nicht durch politische Eingriffe verwässert werden.

Während der Vortrag das weite Feld des Themas aufspannte, wurde die anschließende Diskussion nicht minder detailreich und intensiv geführt und drehte sich unter anderem um die Bedeutung von Deep Fakes, die Auswirkung der Künstlichen Intelligenz auf das Bildungssystem und mögliche positive Anreize für die weitere KI-Entwicklung.

Im Hinblick auf mögliche politische Anreize betonte Boettke, dass der politische und gesellschaftliche Rückenwind des Fortschritts für die neue Technologie immer stärker sein müsse als der Gegenwind des Rückschritts. Die meisten politischen Maßnahmen jedoch, insbesondere bei erstarkendem Links- und Rechtspopulismus, verstärkten seiner Meinung nach den Gegenwind und führten möglicherweise zu einer Verlängerung der Phase der „kreativen Zerstörung“, mit Arbeitslosigkeit, Stillstand und Wohlstandsverlusten.

Ein gesellschaftliches Bekenntnis zu Liberalismus mit freiem Handel und einem freien Austausch von Ideen sei unerlässlich. Und so schloss Boettke mit einer Anlehnung an Hayek und die schöpferische Kraft einer freien Gesellschaft: Gewöhnliche Menschen könnten Außergewöhnliches leisten, wenn man ihnen nur Freiheit, Würde und Respekt gewähre.

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