Marx über Marx: Das Lob des Kardinals offenbart das Defizit der kirchlichen Soziallehre

Der katholische Sozialethiker Oswald von Nell-Breuning stellte im Jahre 1983 fest, zwischen der katholischen Soziallehre und Karl Marx bestehe eigenartigerweise wenigstens im Negativen Übereinstimmung, nämlich darin, dass in der Vorstellung beider von Unternehmen „die Haupt- und Schlüsselfigur des Unternehmens“ fehle, nämlich der Unternehmer. Bereits Joseph Kardinal Höffner hatte geschrieben, die katholische Soziallehre beschränke sich auf den von Marx in den Mittelpunkt gestellten Gegensatz von Kapital und Arbeit, klammere die Unternehmerfunktion aus und begegne dem Unternehmerischen „mit einem unverhohlenen Misstrauen“. Ebenso Johannes Messner 1968: Gleich wie in der Marxschen Doktrin von der „kapitalistischen Produktionsweise“ fehle auch in der kirchlichen Soziallehre der Unternehmer. Während Marx nur den profithungrigen Kapitalisten kenne, sehe die Kirche nur den Arbeitgeber mit Pflichten gegenüber dem Arbeitnehmer – dass letzterer diesem verdankt, in Lohn und Brot gekommen zu sein, wird ausgeklammert.

Die notorische Wirtschaftsferne der katholischen Soziallehre erklärt auch ihre Anfälligkeit für Marxsche Denkmuster – jüngstes Beispiel: Namensvetter Kardinal Marx im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) vom 29. 4. 2018. Einmal mehr zeigt sich: Der katholischen Sozialethik fehlt Verständnis für den im Kontext freier Märkte und des Wettbewerbs agierenden Unternehmer und deshalb dafür, wie Wertschöpfung und damit Wohlstand entsteht – wohlverstanden: Massenwohlstand. Sie meint, wir verdanken ihn der Sozialpolitik und den Gewerkschaften. Doch das ist sowohl ökonomisch wie auch historisch falsch.

Schon immer besaßen Kirchenvertreter Sympathie für die mikroökonomisch verfehlte Marxsche Analyse des „Kapitalisten“ als eines auf Profit ausgerichteten Ausbeuters der Arbeitskraft der Besitzlosen. Dass der Industriekapitalismus Massenwohlstand erzeugen könnte, vermochten sie, wie die meisten Zeitgenossen, nicht zu erkennen.

Heute wissen wir, dass der Kapitalismus innerhalb weniger Jahrzehnte einstigen Luxuskonsum zum Massenkonsum gemacht hat. Hinsichtlich für die Lebensqualität grundlegender Aspekte wie Haushaltsgeräten, die das Leben, vor allem dasjenige der Frauen, tiefgreifend verändert haben, Ernährung, sanitären Einrichtungen, Kommunikations- und Verkehrsmitteln, Zugang zu Information und Bildung unterscheidet sich heute das Leben der Superreichen und des einfachsten Arbeiters im Vergleich zu früheren Zeiten nur unwesentlich. Der Prozess läuft weiter, auf globaler Ebene. Der Abstand zwischen reichen und armen Ländern verringert sich konstant.

Dennoch behauptet Kardinal Marx, der Kapitalismus, werde er nicht gebändigt, erzeuge Ungleichheit und Verarmung. Die Marxsche Analyse und Kritik des Kapitalismus habe zu Recht viele inspiriert und angeregt, eine bessere Antwort auf einen ungezügelten Kapitalismus zu finden, darunter übrigens auch die katholische Soziallehre. Der Kapitalismus sei schuld an den enormen sozialen Ungleichheiten und ökologischen Schäden, und Millionen mussten politisch darum kämpfen, dass sie Teilhaber des Wohlstands wurden. Nicht genug: Der Kapitalismus habe in seinem Bestreben der Verbreiterung der Rohstoff- und Absatzmärkte den Ersten Weltkrieg mitverursacht. Man traut seinen Ohren nicht: Das ist marxistische Imperialismustheorie im Stile Rosa Luxemburgs, und sie ist längst widerlegt!

Das Narrativ, das Kardinal Marx vorträgt, ist ein politisch linkes Narrativ im Gewand kirchlicher Lehrverkündigung. Seine Beschwörung der Sozialen Marktwirtschaft als angebliche sozialpolitische Zähmung des Armut und Ungleichheit erzeugenden Kapitalismus drängt zur Frage: Haben denn Sozialpolitiker und Gewerkschaften den technologischen Fortschritt erzeugt? Verdanken wir ihnen die ungezählten, für die Massen zunehmend erschwinglichen Produkte und Dienstleistungen, die unser Leben ständig verbessern? Haben sie den Anstieg der Arbeitsproduktivität, technologische Innovation und damit das Wachsen der Reallöhne verursacht? Im Gegenteil! Übermäßige Steuerbelastung und sozialstaatliche Umverteilung – heute auch die Geldpolitik – beeinträchtigen just den Prozess, dem wir unseren Wohlstand verdanken. Und die Gewerkschaften können höhere Löhne immer nur auf Kosten anderer, weniger gut organisierter Industrien erzielen und haben in der Vergangenheit durch Arbeitskämpfe die inflationäre Lohn-Preis-Spirale angetrieben, gemeinwohlwidrig und zum Schaden aller.

Die Soziale Marktwirtschaft der deutschen Gründerväter verstand sich nicht als „Zähmung des Kapitalismus“, sondern als Entfesselung der Marktkräfte und des Wettbewerbs. Damit die Marktkräfte auch wirklich ihre wohlstandsschaffende Dynamik entfalten können, bedürfe es, so betonten sie, eines rechtlichen Ordnungsrahmens – nicht aber der umverteilenden Sozialpolitik. Ludwig Erhard sah das „Soziale“ an der sozialen Marktwirtschaft im kapitalistisch-unternehmerischen Wettbewerb – also just in dem, was die katholische Soziallehre als Problem und eine Dynamik erachtet, die „gezähmt“ werden müsse.

Dabei übersehen kirchliche Sozialethiker, dass steigender Wohlstand letztlich Folge des Anstiegs der Arbeitsproduktivität ist. Und diese geht einzig und allein auf das Konto des kapitalistischen Unternehmertums. Dazu braucht es Kapitalakkumulation und technologische sowie unternehmerische Innovation, sie gehören untrennbar zusammen. Ungleichheit ist sowohl Folge wie auch Ursache der Anhebung des Wohlstands aller Bevölkerungsschichten. Entscheidend ist, dass der allgemeine Lebensstandard dank der „Arbeit des Kapitals“ ansteigt. Neid auf die Superreichen ist ein schlechter Ratgeber, denn der heutige Luxuskonsum wird der Massenkonsum von morgen sein. Dazu gehören auch geistige Güter, Dienstleistungen, die den Menschen ermöglichen, ein besseres und selbstbestimmtes Leben zu führen. Wie Hans Rosling gezeigt hat: Aus der Waschmaschine kommt nicht nur im Nu saubere Wäsche, sondern auch die Zeit zum Bücherlesen und Bildungschancen.

Gemäß Kardinal Marx ist der Staat in gleicher Weise für die Pressefreiheit wie auch dafür verantwortlich, „dass alle genügend zu essen haben“. Das ist eine irritierende Aussage. Der Staat garantiert Freiheiten, aber er ist nicht dazu da, uns zu ernähren. Das ist die Aufgabe des wirtschaftenden Menschen und hier nun tritt prominent der Unternehmer auf, den die katholische Soziallehre übersieht und der auch bei Marx dem Älteren nicht vorkommt.

Denn es ist nicht, wie dieser behauptete, der Arbeiter, der den Mehrwert schafft, den der böse Kapitalist sich dann aneignet, sondern es ist der Unternehmer-Kapitalist, der den Mehrwert der Arbeit des Arbeiters erzeugt – er ermöglicht dem Arbeiter nämlich überhaupt erst, produktiv zu sein und sich so einen Lohn zu verdienen. Und dies dadurch, dass er produzieren lässt, was auf dem Markt ankommt – womit man also Geld verdienen kann, weil man Bedürfnisse und Präferenzen der Konsumenten bedient. Der Unternehmer schafft den Lohn des Arbeiters und trägt dafür das unternehmerische Risiko. Ohne Unternehmer und kapitalistische Investoren wären die Menschen im 19. Jahrhundert verhungert oder nie geboren worden und heute noch wären Hungersnöte an der Tagesordnung. Höhere Sozialstandards wurden dem Kapitalismus nicht abgetrotzt, sondern dank dem kapitalistisch erzeugten Anstieg der Produktivität überhaupt erst möglich. Marx prognostizierte das Gegenteil, und katholische Sozialethiker sind immer noch Gefangene seiner Fehldiagnose.

Die Kirche ist berechtigterweise Anwalt der Schwachen und Notleidenden. Heute sind einige ihrer Exponenten aber mit ihrem auf – angeblich ungerechte – soziale Ungleichheit zentrierten Diskurs zum Anwalt einer wohlstandsgesättigten Anspruchs- und Neidgesellschaft geworden. Damit bedienen sie Kräfte, die mit der Heilsbotschaft der Kirche und ihrem Ethos im tiefsten Widerspruch stehen. Zum Ärgernis vieler Christen – auch derer, denen wir unseren Wohlstand verdanken.

Dieser Artikel erschien in leicht kürzerer Fassung unter dem Titel „Marx & Marx irren“ am 6.05.2018 im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.), S. 27.

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