AUS DER SICHT DES MARKTES: Die süße Verführung der kreditfinanzierten Schuldenspirale – wann kommt der Bankrott?

Der Gründerboom vor hundert oder hundertfünfzig Jahren, mit BBC (Brown, Boveri & Cie), Siemens, Bata, finanzierte sich aus Vorausgespartem. Die Staaten ihrerseits versuchten mit den Einnahmen auszukommen, hatten wenig Schulden.

Die sogenannt entwickelte Welt heute aber ist völlig überschuldet – Haushalte, Firmen, Staaten. Aber das folgt nur dem, was wir an der Universität vor 40 Jahren lernten: alle Wirtschaftstätigkeit beginnt mit einem Kredit, an Haushalte, an Firmen. Und Kreditaufnahmen sollen die Defizite der Staaten finanzieren, denn damit startet die Volkswirtschaft erst recht durch. Dank der Kredite lösen Haushalt, Firmen, Staaten immer neue Wertschöpfungen aus, und diese zahlen nachher die Kredite ab. Die reale Volkswirtschaft wächst in ihr laufend ausgeweitetes Kreditkleid hinein, sagte die Lehre.

Doch der Bankrott ist nahe, die Schulden zu groß, nichts wächst mehr so richtig. Man hat den Karren vor das Pferd gespannt und wundert sich jetzt. Nehmen wir den Faden des großen Industriezeitalters Europas nochmals auf. Die Firmen wurden aus privaten Vermögen und Erbschaften gegründet, oder gleich als Aktiengesellschaften. Auf jeden Fall war dieses Gründergeld voraus gespart. Zur weiteren Expansion gaben diese Firmen Obligationenanleihen aus, und auch diese Finanzmittel waren keine Kredite, sondern stammten aus Sparerhänden. Die Firmen behielten auch ihre Gewinne ein, zahlten nicht alles an Dividenden aus. Sie sparten ebenfalls. Wenn Banken im Spiel waren, so als Investmentbanken, wie man heute sagt. Sie vermittelten die Obligationen- und Aktienausgaben für die Firmen, für die Staaten, und alle diese Mittel waren eben von den Zeichnern der Papiere angespart worden.

Erst in neuerer Zeit liehen die Banken die Einlagen der Kunden in immer höherem Verhältnis wieder als Kredite aus. Die Kreditnehmer bezahlten damit ihre Käufe auf die Banken ihrer Lieferanten, welche sich wieder über Einlagen aus diesen Verbuchungen freuten – und weitere Kredite ihrerseits erteilten. So schufen die Banken durch diese Kreisläufe an Verbuchungen Geldguthaben auf Papier, Buchgeld eben. Es macht in allen Ländern ein Vielfaches des Notenbankgeldes aus. Der Kredit wurde nun, wie in unseren Uni-Lehrgängen, als das notwendige Stimulans angesehen. Noch drastischer sahen es die Ökonomen Modigliani und Miller Ende der 50er Jahre – für den Erfolg einer Firma sei es unerheblich, ob sie eigenes oder fremdes Kapital einsetze.

Diese „Umwertung aller Werte“ setzte mit John M. Keynes auch bei der Rolle des Staates ein. Er könnte durch Defizite Kaufkraft in Bewegung setzen, die über viele Stufen der Wirtschaftenden weiter gewälzt, ja multipliziert werde. Am Schlusse steige das Inlandprodukt, werfe höhere Steuern ab, und diese tilgten die Staatsschulden. Firmen und ganze Volkswirtschaften starten demnach mit Kredit, diese zahlen sich schließlich ab und aus.

Dennoch – die allgemeine Verschuldung ist das Ergebnis heute. Und die Finanzkrise 2008 wurde ausgelöst, weil nach dem Konkurs von Lehman Brothers die Einleger überall ihr Geld abzogen: der Westen stak im Geldinfarkt dieses Teilreservensystems. Denn kreditfinanzierte Firmen, Haushalte, Staaten werden von jedem Stocken der Volkswirtschaft aus dem Gleis geworfen. Wenn die realen Güter dem Kreditkleid nicht genügend nachwachsen, naht eben der Bankrott. Oder aber die Kreditwelle muss immer weiter gedreht werden, auch durch die Notenbanken als letzten Garanten. In der alten Welt selbstfinanzierter Firmen wie BBC, Siemens hingegen wurde bei Krisen und Verlusten das Eigenkapital vermindert. Die Risiken waberten normalerweise nicht auf andere Banken, Firmen, auf Dritte weiter. Man sparte das verlorene Kapital einfach wieder selbst an, in der Firma, als Aktionär oder Obligationär.

Der Ökonom Hyman P. Minsky hat die süße Verführung der kreditfinanzierten Haushalte, Firmen, Staaten ganz klar diagnostiziert: sie verfügen über einen Einkommensstrom, also über Löhne, Gewinne, Steuern. Wenn sie in einer ersten Phase Kredite aufnehmen, denken sie an die Zinsen und ans Rückzahlen. Wenn sie aber so leicht an Kredite kommen, wie seit dem Zweiten Weltkrieg, dann nehmen sie in zweiter Phase so viele Kredite auf, dass der laufende Einkommensstrom nur noch für die Zinsen reicht. Die Kredite selbst werden immer weiter gewälzt, erneuert. Und wenn es so leicht geht, dann kann man eigentlich Kredite aufnehmen, um bloß die Zinsen damit zu bezahlen. Das ist Phase drei, das Schneeballsystem. Und jetzt der Schock: viele Bürger, vor allem in angelsächsischen Ländern, zahlen Zinsen mit neuen Krediten, Firmen ebenfalls. Und die südeuropäischen Staaten, Frankreich und Japan bezahlen ihre Schuldzinsen desgleichen mit neuer Verschuldung. Die Defizite dazu übersteigen das nominale Wachstum ihrer Volkswirtschaften. Die Schuldenfalle läuft, auch in den USA nächstes Jahr, schon ohne die Trump-Defizite. Die Schulden zu Zeiten der Finanzkrise wurden in den westlichen Ländern um 60% weiter aufgestockt – durch Haushalte, Firmen, Staaten. Alles weiter geschleppt, nichts saniert.

Die Krisenanfälligkeit kann auf leisen Sohlen kommen, gerade jetzt wieder. So hat der künftige Präsident Trump versprochen, weniger Steuern, also einen geringeren Einkommensstrom des Staates anzustreben, und dafür, wie auch für Infrastrukturen viele neue Schulden aufzunehmen. Die hohen, bestehenden Schulden von gegen 20’000 Milliarden Dollar aber erfuhren am freien Kapitalmarkt dadurch einen Zinsschub von grob geschätzt 0,7 Prozentpunkten, innert Tagen. Der Zins kostet künftig 140 Milliarden jährlich mehr. Das ist so viel, wie das ganze Ausgabenpaket kosten könnte. Dessen bloße Ankündigung hat es also schon aufgefressen – weil die Schulden-, Zins- und Defizitdynamik ein Selbstläufer geworden ist.

Solide ist dies alles nicht. Es widerspricht gesundem Hausverstand. Es fordert die Krisenanfälligkeit des Systems heraus. Und es kann nicht so weiter gehen. „If something cannot go on forever, it will stop“ (Herbert Stein, amerikanischer Ökonom).

Wir müssen vorwärts zur Finanzierungsmethode vor gut hundert Jahren schreiten: Banken, welche die Kundengelder direkt in Anlagen, Kredite, Fonds weiter vermitteln, nicht  in ihre Bilanz aufnehmen. Haushalte, Firmen, Staaten, welche zuerst ansparen, dann ausgeben. Keine Kredite, keine Finanzialisierung der Volkswirtschaft. Und deshalb: Kurze Krisen, langes und stetiges Wachstum.

 

Bildnachweis: shutterstock / alphaspirit

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