Die Midterm-Wahlen 2026: Amerikas schleichender Weg in die Planwirtschaft

Am 3. November 2026 finden in den Vereinigten Staaten die Midterm-Wahlen statt. Ein Drittel der Mitglieder des Senats sowie alle Vertreter des Repräsentantenhauses werden neu gewählt. Die Wahl wird als Stimmungstest gewertet und kann den Handlungsspielraum von Präsident Donald Trump in seinen letzten beiden Amtsjahren deutlich beschneiden. Trotzdem richten sich viele Augen bereits auf die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2028.

Mehr noch als die anstehenden Zwischenwahlen wird die Präsidentschaftswahl Ende 2028 die Weichen für Amerikas wirtschaftliche Zukunft stellen.

Inmitten der politischen Debatten zwischen Republikanern und Demokraten gerät eines zunehmend ins Hintertreffen: Die offiziellen Bekenntnisse von US-Politikern zum Kapitalismus und der freien Marktwirtschaft. Zwar bedeuten diese unverbindlichen Beteuerungen in der Regel wenig, trotzdem zeugten sie bisher von einem überparteilichen Konsens zu einer marktwirtschaftlich verfassten Gesellschaft.

Obwohl in den USA freilich nie eine rein kapitalistische Wirtschaftsordnung herrschte, gab es in den ersten Jahrzehnten nach der Erlangung der Unabhängigkeit einen bemerkenswerten Grad an Freiheit. Der Anteil der Staatsausgaben am Bruttoinlandsprodukt stieg mit den Jahren kontinuierlich an: von 5,5 Prozent [1] im Jahr 1900 bis zum heutigen Wert von etwa 38 Prozent.[2] Im Index der wirtschaftlichen Freiheit, jährlich erhoben von der Heritage Foundation, belegt das Land lediglich den 22. Platz.[3]

Trotzdem wurde von Anhängern der Marktwirtschaft stets mit einer gewissen Bewunderung auf die USA geschaut: Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten galt Unternehmertum als höchste Tugend. Reiche Menschen wurden eher bewundert als an den Pranger gestellt. „Big government” und Sozialismus waren verpönt und selbst Politiker, die sich im linken politischen Spektrum verorteten, standen ökonomisch gesehen weiter rechts als manche europäische Konservativen. Vieles hiervon trifft nach wie vor zu, die übergeordnete Tendenz ist allerdings besorgniserregend: Amerikas politische Achse verschiebt sich spürbar nach links.

Sozialisten auf dem Vormarsch

Die Demokraten liebäugeln inzwischen offen mit dem Sozialismus. Etliche Kandidaten des linken Parteiflügels, der selbsternannten „Democratic Socialists“, konnten sich bei den Vorwahlen zu den Midterms durchsetzen. Der wohl bekannteste unter ihnen, Abdul El-Sayed, kandidiert für den zur Wahl stehenden Senatssitz in Michigan. El-Sayed ist Arzt von Beruf und ein begnadeter Redner. Er fordert eine allgemeine, staatlich finanzierte Krankenversicherung, bundesweit geltende Mindestlöhne und eine hundertprozentige Umstellung auf erneuerbare Energiequellen. Mit diesen Forderungen würde er in einem beliebigen EU-Mitgliedstaat nicht weiter auffallen, in den USA jedoch ist sein Sieg bei den Vorwahlen ein beunruhigendes Zeichen.

El-Sayed steht sinnbildlich dafür, wie sich die Maßstäbe dessen, was in der amerikanischen Politik salonfähig ist, verschoben haben.

Von Kritikern wird ihm zudem eine gefährliche Nähe zu radikal-islamistischen Kreisen vorgeworfen. Als im Februar in einem amerikanisch-israelischen Luftschlag der iranische Anführer Ali Khamenei getötet wurde, wies El-Sayed sein Wahlkampfteam an, sich nicht zu dem Vorfall zu äußern, da ein Teil seiner potenziellen Wählerschicht möglicherweise die Tötung des Diktators betrauerten.[4] Er trat zudem mehrmals öffentlich mit dem sozialistischen Influencer Hasan Piker auf, demzufolge Amerika die Anschläge am 11. September 2001 verdient habe. Ein andermal behauptete Piker, dass Mao Zedong, dessen Herrschaft Schätzungen zufolge 65 Millionen Menschenleben gekostet hatte, ein großer Anführer gewesen sei.[5] Auf der Zielgeraden des Wahlkampfes versucht El-Sayed, sich behutsam in die politische Mitte zu manövrieren, ab und zu bezeichnet er sich sogar als Kapitalisten, der das System von innen heraus reformieren will.

El-Sayed steht sinnbildlich dafür, wie sich die Maßstäbe dessen, was in der amerikanischen Politik salonfähig ist, verschoben haben. Alexandra Ocasio-Cortez, die prominenteste Vertreterin der sozialistischen Strömung innerhalb der Demokratischen Partei, lag wohl richtig, als sie sagte: wenn El-Sayed Michigan gewinnt, kann jeder überall gewinnen.[6] Oder um es anders zu formulieren: die Möglichkeit, dass die Vereinigten Staaten nach 2028 von einem selbsterklärten Sozialisten angeführt werden, lässt sich nicht mehr von der Hand weisen. New York, die Finanzhauptstadt der Welt, wird schließlich ebenfalls von einem ideologischen Verbündeten El-Sayeds regiert.[7]

Etatistische Strömungen in der Republikanischen Partei

Doch auch auf die Republikaner ist immer weniger Verlass, wenn es um die Verteidigung der Marktwirtschaft geht. Donald Trumps ablehnende Haltung gegenüber Freihandel ist hinlänglich bekannt. Obwohl er mit seinen Zöllen den Wohlstand der amerikanischen Bürger beschneidet, versucht er sich parallel als wirtschafts- und unternehmerfreundlich zu profilieren. Und tatsächlich hat er einige Ergebnisse vorzuweisen, vor allem in Bezug auf Deregulierung und Bürokratieabbau. Die Anzahl der im öffentlichen Dienst Arbeitenden fiel auf den niedrigsten Stand seit 60 Jahren, wenn man die Streitkräfte nicht berücksichtigt.[8]

Dies hilft aber wenig, wenn die Regierung mit vollen Händen Geld für andere Zwecke ausgibt. Die Staatsverschuldung der USA überschritt kürzlich erstmals die Marke von 40 Billionen Dollar, dieses Jahr kommt Schätzungen zufolge noch zwei Billionen Dollar hinzu, was etwa sechs bis sieben Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung entspricht.[9]

Donald Trump war der Wegbereiter dieses ökonomischen Populismus, sein Vizepräsident vertritt aber teilweise noch verheerendere Ansichten.

Ein wichtiger Treiber der Neuverschuldung neben dem Iran-Krieg ist, dass KI-Unternehmen ihre Investitionen in Rechenzentren und andere Infrastruktur in großem Umfang von ihrer Steuer absetzen können. Das dadurch entstehende Loch im Budget muss zwar mit neuen Schulden finanziert werden, sichert den USA im Gegenzug jedoch die Vorreiterrolle im KI-Wettbewerb.

Bedenklich ist vor allem die Rhetorik, die sich manche republikanischen Politiker in Bezug auf wirtschaftliche Fragen genehmigen. Zwar geben viele aus ihren Reihen Lippenbekenntnisse zur Marktwirtschaft ab. Es häufen sich jedoch die Signale, die auf das Gegenteil hinweisen.[10]

Das wichtigste Signal ist die Wortwahl selbst. Ronald Reagan meinte noch, die neun furchterregendsten Wörter der englischen Sprache seien: „I’m from the government and I’m here to help.” Die Führungspolitiker der heutigen Republikanischen Partei äußern sich dagegen oftmals so, als könnten nur ihre Maßnahmen die Probleme des Landes lösen. Anstelle von Reagans Zitat sagen sie lieber: „We will fix the economy.” Dass der Präsident allen volljährigen US-Bürgern einen Scheck von 5000 Dollar versprach, falls die Republikaner ihre Mehrheiten im Kongress behalten sollten, passt ins Bild.[11] Donald Trump war der Wegbereiter dieses ökonomischen Populismus, sein Vizepräsident vertritt aber teilweise noch verheerendere Ansichten.

Die Probleme der Industriestaaten und der Aufstieg von JD Vance

JD Vance gilt als der wohl aussichtsreichste Kandidat auf die Nachfolge von Trump, deshalb empfiehlt es sich, sich ausführlicher mit seiner Einstellung zu ökonomischen Fragen auseinanderzusetzen. Wer sein erstes Buch Hillbilly-Elegiegelesen hat, weiß, dass das Weltbild von Vance eng mit seiner Kindheit im sogenannten Rust Belt, einer ehemaligen Schwerindustrie-Region im Nordosten des Landes, zusammenhängt. Er wuchs in einfachen Verhältnissen im Bundesstaat Ohio auf, der stark von der schrittweisen Auslagerung der Schwerindustrie nach China betroffen war.

Seine Familie steht exemplarisch für viele andere, die ein ähnliches Schicksal durchlebt haben: Scheidung der Eltern, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Aussichtslosigkeit. Dem jungen JD gelang es trotzdem, den Teufelskreis zu durchbrechen. Er studierte an der renommierten Yale University und ergatterte danach einen gut bezahlten Job in einer Investmentfirma von Peter Thiel.

Das Buch erhielt gute Kritiken und brachte Vance über Nacht großen Ruhm ein. Darin plädiert er mehrfach dafür, dass jeder seines Glückes Schmied sei und nicht anderen die Schuld an seiner Misere geben sollte. Wenn es ihm gelungen sei, könne es jedem gelingen. Umso erstaunlicher ist der Wandel, den er in den letzten Jahren durchgemacht hat. Die Probleme der amerikanischen Arbeiterschicht schreibt er nun hauptsächlich einem vermeintlichen neoliberalen Freihandelskonsens zu.[12] Er sieht dabei über den enormen Anstieg des Lebensstandards vieler Amerikaner hinweg, den genau der Freihandel und die Einbindung Chinas in die Wertschöpfungsketten ermöglichte. Selbstverständlich war diese Umwälzung mit erheblichen Kosten für die Industrieregionen verbunden, die in Marktwirtschaften üblichen Anpassungsprozessen wurden aber durch die Politik zusätzlich erschwert.

Nach dem Platzen der Internetblase um die Jahrtausendwende senkte die amerikanische Notenbank die Zinsen, was eine weitere Überdehnung am Aktien- und Immobilienmarkt nach sich zog. Der Immobilienboom wurde zusätzlich durch die politisch motivierte Vergabe von Krediten an Menschen mit geringer Bonität angeheizt.

Der populistische Aktionismus artete in eine endlose Kette von Interventionen aus, die am Ende mehr Schaden als Nutzen stiftete.

Obwohl in den Medien vor allem der enorme Anstieg der Immobilienpreise in den Küstenstaaten besprochen wurde, erfasste der Kreditboom die Rust-Belt-Staaten ebenfalls sehr stark.[13] Am Ende machten Subprime-Kredite in diesen Staaten einen besonders großen Teil der Eigenheimfinanzierungen aus.

Das Platzen der Immobilienblase und die nachfolgende Rezession traf den Industriegürtel überproportional. Die Nachfrage nach neuen Autos brach ein, weshalb die Automobilindustrie viele Arbeiter in der Region entlassen musste. Kreditfinanzierte Immobilien wurden massenhaft zwangsgeräumt. Ein Großteil der Steuereinnahmen brach weg, die Infrastruktur verfiel, es entstanden sogenannte Geisterstädte.

Man sieht, dass ein an sich schwieriger, aber unausweichlicher Anpassungsprozess in dieser Region von der Politik nicht zugelassen wurde. Der populistische Aktionismus artete in eine endlose Kette von Interventionen aus, die am Ende mehr Schaden als Nutzen stiftete. Die Strafzölle der aktuellen Regierung sind nur ein weiteres Glied in dieser Kette.

Ludwig von Mises erkannte schon vor etwa einem Jahrhundert die Natur solcher Interventionsspiralen:

„…der von der Obrigkeit versuchte Eingriff in das Getriebe der auf dem Sondereigentum an den Produktionsmitteln beruhenden Wirtschaftsordnung verfehlt den Zweck, den seine Urheber durch ihn erreichen wollen; er ist – im Sinne seiner Urheber – nicht nur zwecklos, sondern geradezu zweckwidrig, weil er das „Übel“, das durch ihn bekämpft werden soll, noch ganz gewaltig vermehrt.”[14]

JD Vance scheint trotzdem weiterhin dem Irrglauben anzuhängen, dass wirtschaftlichen Problemen mit Markteingriffen des Staates zu begegnen sei. Die Liste der Denker, die einen entscheidenden Einfluss auf seinen intellektuellen Werdegang ausgeübt haben, sollte Anhänger einer freien Marktwirtschaft ebenfalls nachdenklich stimmen.[15] Hauptsächlich handelt es sich um sogenannte postliberale Konservative, die traditionelle Lebensentwürfe vor allem durch Kapitalismus und Freihandel bedroht sehen und denen Freiheitsrechte eher sekundär sind.[16]

2028 als Wendepunkt?

Mehr noch als die anstehenden Zwischenwahlen wird die Präsidentschaftswahl Ende 2028 die Weichen für Amerikas wirtschaftliche Zukunft stellen. Die Demokratische Partei wird mit großer Wahrscheinlichkeit einen kapitalismuskritischen Kandidaten ins Rennen schicken, die Frage ist nur der Grad der Kritik. Der auf Schwarmintelligenz basierende Prognosemarkt Polymarket gibt derzeit der radikal-sozialistischen Alexandra Ocasio-Cortez die größte Chance für eine Kandidatur.[17] Moderate, wirtschaftsfreundlichere Demokraten wie der Gouverneur von Pennsylvania, Josh Shapiro, geraten zunehmend ins Hintertreffen.

Dieselbe Plattform sieht vor Beginn des offiziellen Wahlkampfes bei den Republikanern klar JD Vance vorne.[18] Er hat aber mehrere marktfreundlichere Parteikollegen, denen eine gewisse Chance zugesprochen wird. Außenminister Marco Rubio, der scheidende Gouverneur von Florida, Ron DeSantis oder auch der texanische Senator Ted Cruz wären beispielsweise Kandidaten, die sowohl MAGA-Anhänger als auch klassische Republikaner ansprechen könnten. Alle drei vereint zudem die Tatsache, dass sie im Vergleich zu Vance positiver der Marktwirtschaft gegenüberstehen und die Republikanische Partei wieder in gemäßigte Bahnen lenken könnten.

Es wäre Amerika zu wünschen.

Verweise

[1] https://taxfoundation.org/data/all/state/growth-government-spending-twentieth-century/

[2] https://www.imf.org/external/datamapper/exp@FPP/USA/FRA/JPN/GBR/SWE/ESP/ITA/ZAF/IND

[3] https://economicfreedom.heritage.org/pages/all-country-scores

[4] https://www.foxnews.com/politics/michigan-student-confronts-el-sayed-over-iran-stance-tense-exchange-do-you-stand-us

[5] https://www.cato.org/blog/libertarians-use-hasan-pikers-praise-mao-zedong-educate-youth-about-socialism

[6] https://www.nytimes.com/2026/10/05/us/politics/aoc-abdul-el-sayed-2028.html

[7] https://austrian-institute.org/de/blog/auf-ludwig-von-mises-spuren-in-new-york-reisebericht-aus-der-hauptstadt-des-kapitalismus/

[8] https://nypost.com/2026/09/30/us-news/us-federal-workforce-drops-to-lowest-level-in-60-years-after-trump-purged-hundreds-of-thousands/

[9] https://edition.cnn.com/2026/10/08/politics/federal-budget-deficit-two-trillion

[10] https://reason.com/2026/06/10/why-are-republicans-and-democrats-abandoning-economic-freedom/

[11] https://www.bbc.com/news/articles/c62kzr1jg0jo

[12] https://www.cato.org/commentary/jd-vances-economic-agenda-just-socialism-wrapped-nationalist-flag

[13] https://www.theguardian.com/business/2008/jan/29/subprimecrisis

[14] Mises, Ludwig von (2006) Liberalismus. Academia Verlag, S. 69

[15] https://www.politico.com/news/magazine/2024/07/18/jd-vance-world-view-sources-00168984

[16] https://www.nationalreview.com/2026/10/the-end-of-maga-and-what-comes-next/

[17] https://polymarket.com/event/democratic-presidential-nominee-2028

[18] https://polymarket.com/event/republican-presidential-nominee-2028

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