Die Entdeckung des „Kapitals“ in der Wirtschaftsethik des Hochmittelalters

Bereits Joseph A. Schumpeter erkannte die Bedeutung der scholastischen Wirtschaftsethik für die modernen Wirtschaftswissenschaften. Giuseppe Franco (Universität Eichstätt-Ingolstadt) und Peter Nickl (Universität Regensburg) zeigten diese 2018 erneut in einem Artikel im „Journal for Markets and Ethics/Zeitschrift für Marktwirtschaft und Ethik“ anhand des „Traktats über Verträge“ des Franziskaners Petrus Iohannis Olivi (1248-1298). Nun legen die beiden Forscher auch eine Edition des Originaltextes dieses Werkes mit deutscher Übersetzung vor (mehr Informationen unten). Nachfolgend – exklusiv für das Austrian Institute – eine Einführung von Giuseppe Franco und Peter Nickl in die epochale Bedeutung Olivis für das ökonomische Denken. Die Originalfassung des Artikels aus dem „Journal for Markets and Ethics“ bieten wir hier zum Download an: A  Certain Seminal Character of Profit which We Commonly Call „Capital“: Peter of John Olivi and the Tractatus de contractibus.

Der Tractatus de contractibus des Franziskaners Petrus Iohannis Olivi (1248-1298), der als einer der brillantesten Denker des 13. Jahrhunderts gilt, wurde etwa 1293-1295 in Narbonne verfasst. Nach mehr als 700 Jahren wird dieser Text nun zum ersten Mal einem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht, und man wird feststellen, dass er nichts an Aktualität eingebüßt hat. Wegen seiner rigorosen Interpretation des franziskanischen Armutsgelübdes sowie wegen seiner apokalyptisch-eschatologischen Geschichtstheologie gehörte Olivi zu den einflussreichsten, aber auch umstrittensten franziskanischen Theologen. Während seines Lebens und nach seinem Tod wurde er mehrfach der Häresie verdächtigt, als Sektengründer angeklagt und Disziplinarmaßnahmen unterworfen; seine Schriften wurden verboten und verbrannt, seine Lehren wurden Prüfungen unterzogen und mit der Zensur belegt. Posthum wurde 1326 sein monumentales Werk Lectura super Apocalypsim verurteilt. Unter allen Werken Olivis hatte sein Tractatus de contractibus ein ganz besonderes und sehr komplexes Schicksal.

Olivis Armutsverständnis öffnete ihm den Weg zum Verständnis der Logik von Profit, Geld, Preisbildung und dem sozialen Nutzen kaufmännischer Aktivitäten.

Diese Abhandlung verdient aus moraltheologischer, wirtschaftsethischer und rechtlicher Perspektive besondere Aufmerksamkeit. Das Werk ist Teil einer intellektuellen Tradition und entstammt einer grundlegenden historischen Epoche, die zum Aufbau der europäischen Zivilisation und zur Entwicklung der ökonomischen Begrifflichkeit in entscheidender Weise beigetragen hat. Olivis wirtschaftsethische und ökonomische Gedanken wurden in der historischen Forschung lange Bernhardin von Siena (1380-1444) und Antoninus von Florenz (1389-1459), zwei Autoren der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, zugeschrieben. Das ist darauf zurückzuführen, dass die beiden genannten Denker viele Stellen aus dem Tractatus wörtlich übernommen haben, ohne Olivi zu zitieren, weil Olivis Name unter Verdacht war.

„Kapital“ als produktives Geld – subjektive Werttheorie und gerechter Preis – Unterscheidung von Zins (interesse) und Wucher (usura)

Obwohl dem Werk kein Anspruch auf Vollständigkeit zugesprochen werden soll, legt es Zeugnis ab von der Art und Weise, wie zu Olivis Zeit die zur Diskussion stehenden Themen aufgegriffen und behandelt wurden. In Olivis Werk finden sich fundamentale Elemente einer wirtschaftstheoretischen Reflexion, die als ganz neue Antwort auf spezifische ethische bzw. moraltheologische Herausforderungen in einer Zeit großer wirtschaftlicher Dynamik formuliert werden. Obwohl sein primäres Ziel ein ethisches ist, ist Olivi die Formulierung grundlegender ökonomischer Ideen zu verdanken, die die Originalität seines Denkens ausmachen: eine wirtschaftlich subjektive Werttheorie im Zusammenhang mit einer Theorie des gerechten Preises; die theoretisch­-systematische Verwendung des capitale-Begriffs und die Verteidigung der Idee der Produktivität des Geldes; die Unterscheidung zwischen unrechtmäßigem Wucher (usura) und legitimem Zins als Entschädigung (interesse) wie auch die Anerkennung des sozialen Nutzens der kaufmännischen Tätigkeit.

Olivis Tractatus und die Texte mittelalterlicher franziskanischer Denker sind nicht als Mittel zur reinen Theoretisierung, sondern als historische Zeugnisse der mittelalterlichen ökonomischen und politischen Wirklichkeit zu verstehen. Es geht also nicht darum, Olivi als Entdecker marktwirtschaftlicher Gesetze und sogar des Kapitalismus zu feiern oder ihn als reinen Vorläufer der modernen Wirtschaftsanalyse zu sehen; sondern es geht vielmehr um die Erforschung jenes ökonomischen Lexikons, das – nachdem es einmal erarbeitet worden war – durch die Zeiten erhalten blieb, von späteren Traditionen übernommen wurde und dann sinnvollerweise in die Terminologie der modernen Wirtschaftswissenschaft einging, wodurch moderne Wirtschaftstheorien möglich geworden sind.

Ein Franziskanermönch als Verteidiger von Handel und Gewinnstreben

Es mag ein Paradox sein, dass der Franziskaner Olivi, Theoretiker des usus pauper und Verteidiger der höchsten Armut, auch ein profunder Kenner und Befürworter einiger Handelstätigkeiten des 13. Jahrhunderts war. Es stellt sich die spannende Frage, wie sich Olivis positive Haltung in Bezug auf die Legitimität des Gewinnstrebens mit seiner leidenschaftlichen Verteidigung der absoluten Armut vereinbaren ließ. Im Hintergrund des Tractatus stand immer die Frage, wie evangelische Vollkommenheit im Franziskanerorden und in einer Gesellschaft gelebt werden könne, die durch Besitz, kommerzielle Revolution und zunehmende Finanzaktivitäten geprägt war.

Olivis Armutsverständnis ist einer der theologischen Hauptschlüssel zum Verständnis seiner ökonomischen Auffassungen. Seine Armutskonzeption öffnete Olivi den Weg zum Verständnis der Logik von Profit, Geld, Preisbildung und dem sozialen Nutzen kaufmännischer Aktivitäten. Der usus pauper implizierte den Verzicht auf einen egoistischen Besitz der Dinge sowie auf die statische Aneignung von Gütern. Stattdessen legitimierte er eine bestimmte Verwendung der Gelder, die auf Produktivität ausgerichtet sein und dem Gemeinwohl und der Gesellschaft dienen sollte. Letzten Endes muss festgestellt werden, dass es sich bei Olivis Überlegungen nicht um ein Paradox handelt, sondern dass zwischen dem theologischen Armutsverständnis und der sozio-ökonomischen Reichtumsfrage ein innerer Zusammenhang und damit eine Kontinuität besteht.

In seinem Werk formulierte Olivi auch Empfehlungen für die Tätigkeit der Beichtväter und gab Richtlinien für die christliche Praxis heraus. Darin wird seine Auffassung deutlich, dass nicht nur die freiwillig Armen, sondern auch die ein unvollkommenes Leben führenden Kaufleute zur Gestaltung einer gerechten christlichen Gesellschaft beitragen können, indem sie sich jeweils an bestimmte Regeln halten und bestimmten Verpflichtungen nachkommen. Olivi berücksichtigte auch die praktischen Erfordernisse und die religiösen Bedürfnisse der Kaufleute: Er verstand, dass sie Gewinne anstrebten, aber auch nicht der Sünde des Wuchers verfallen wollten. So zeigte er ihnen einen Weg zum Heil und zur moralischen Vervollkommnung, der realisierbar war, obgleich er ihrem unvollkommenen Status entsprach.

Innovativer und nachhaltiger Einfluss auf das ökonomische Denken Europas

Olivis Auffassungen haben einen nachhaltigen Einfluss auf die europäische Geschichte des ökonomischen Denkens ausgeübt. Viele können noch heute als eine der wichtigsten geistigen Grundlagen der heutigen Wirtschaftstheorie betrachtet werden. Trotz der Verbote, die gegen seine Schriften ausgesprochen wurden und trotz der Ächtung seines Denkens, weckt Olivi ein bemerkenswertes Interesse bei zeitgenössischen Autoren bis zu Reformation und Neuzeit; in vielen Texten der frühen Neuzeit wird er erwähnt oder wörtlich zitiert, selbst wenn man vermied, seinen Namen zu nennen.

Dieser Einfluss zog als direkte praktische Umsetzung der wirtschaftsethischen Reflexion der franziskanischen Tradition eine gesellschaftliche Innovation nach sich, nämlich die Gründung der sogenannten Monti di Pietà („Berge der Barmherzigkeit“), die als Frühformen der Sparkassen und somit des Kredit- und Bankenwesens verstanden werden können. Es soll auch betont werden, dass sich bedeutende Spuren von Olivis Ideen und seiner Terminologie dank der Vermittlung weiterer Autoren in ökonomischen und kulturellen Denktraditionen der nachfolgenden Jahrhunderte finden.

Die paradigmatischen Phasen dieser Wirkungsgeschichte beginnen mit dem direkten oder indirekten Einfluss, den Olivis Ansichten auf spätere franziskanische und dominikanische Autoren ausübten. Dadurch wurde wiederum die deutsche spätscholastische Tradition geprägt, aber auch die spanische spätscholastische Schule von Salamanca und die italienische Tradition der Economia civile. Die Schule von Salamanca beeinflusste ihrerseits wiederum die Ideen der Naturrechtslehrer Hugo Grotius und Samuel von Pufendorf sowie die schottische Moralphilosophie der Aufklärungszeit, ganz besonders aber die Österreichische Schule der Nationalökonomie; ferner ist auch die deutsche Tradition der Sozialen Markwirtschaft hier zu erwähnen. Wegen dieser Einflussnahmen und Weiterentwicklungen ist in der spärlichen einschlägigen historiographischen Literatur von Olivis terminologischer Tradition die Rede.

Ungebrochene Aktualität und Relevanz mittelalterlicher Wirtschaftsethik

Olivis Einsichten besitzen auch heute noch eine besondere Aktualität. Warum beschäftigen wir uns mit der Wirtschaftsethik des Mittelalters? Nur, um Lücken in unserem historischen Wissen zu schließen? Oder in der Hoffnung, Orientierung zu finden in einer Zeit der Globalisierung und der gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Turbulenzen, die die gegenwärtige Covid-19-Pandemie verursacht bzw. stärker ins Bewusstsein gerückt hat.

Im Hinblick auf die theoretischen Grundlagen der Wirtschaftsethik besteht die derzeitige besondere Relevanz der franziskanischen Wirtschaftsethik also in der Erarbeitung einer in normative Fragestellungen eingebetteten Wirtschaftsanalyse. Sie kann zur Kritik an zeitgenössischen Wirtschaftstheorien und ökonomischen Mentalitäten verwendet werden, z. B. zum Zweck der Korrektur einer rein utilitaristischen Konzeption der Wirtschaft; oder sie kann gegen die Logik einer falsch verstandenen Gewinnmaximierung eingesetzt werden, die die ethische Reflexion ausklammert und die politisch-gesellschaftlichen Voraussetzungen ebenso vernachlässigt wie die moralischen Reserven, die die Marktwirtschaft braucht und die wesentliche Bestandteile der franziskanischen Wirtschaftsethik waren.

Petrus Iohannis Olivi

Traktat über Verträge

Herausgegeben von Giuseppe Franco

Philosophische Bibliothek 746. Verlag Felix Meiner, Hamburg 2021. Übersetzt von Peter Nickl. Eingeleitet und mit einer Bibliographie versehen vom Herausgeber. Lateinisch–deutsch.

Ca. 380 Seiten.
978-3-7873-3955-6. Leinen

EUR 48,00

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