Wer in Corona-Zeiten die Wirtschaft opfert, der opfert die Menschen. Eine Antwort an Kapitalismuskritiker

Die zweite Welle scheint überwunden, europaweit lockern die Regierungen ihre strengen Beschränkungen mit gemächlichen Tempo und die Wirtschaft kann schrittweise wieder anlaufen. Diese Entwicklung bricht eine Debatte vom Zaun: Öffnen die ersten Geschäfte, steigt auch die Gefahr einer rascheren Ausbreitung des Virus. Seit Beginn der Corona-Krise ruft das vor allem Kapitalismuskritiker auf den Plan. Sie befürchten ein drastisches Szenario: „Die Alten sollen sterben, damit die Wirtschaft leben kann“, schrieb etwa Zeit-Redakteur Thomas Assheuer im April 2020 unter dem Titel „Menschenopfer für den Kapitalismus“

Kapitalismus – ein menschenfeindlicher Kult?

Assheuer sieht im Kapitalismus einen Kult, für den einige bereit sind, die Schwächsten der Gesellschaft zu opfern. Die „systemisch Irrelevanten, die sich weder für Leistungsanreize noch für Preissignale empfänglich zeigen“, sollten demnach geopfert werden, damit Marktenthusiasten den „wankelmütigen kapitalistischen Gott“ mit seinem „numinosen Markt“ bei Laune halten – so die Behauptung des Autors. Und in der Tat: Wirtschaftliche Freiheit bedeutet auch Risiko, und damit die Möglichkeit vermehrter Ansteckung. An oder mit Corona zu sterben, wird damit besonders für ältere Menschen wahrscheinlicher. Was Assheuer aber verdrängt: Wenn wir jegliches Risiko ausschalten, stirbt auch die kapitalistische Wirtschaftsordnung, und mit ihr noch mehr Menschen.

Das heutige Mehr an Lebenszeit verdanken wir vor allem unserem Wohlstand, der aus einer Verbindung von Kapitalismus und technischem, hygienischem und medizinischem Fortschritt entstanden ist.

Als Wolfgang Amadeus Mozart 1791 im Alter von 35 Jahren starb, war sein früher Tod nichts Ungewöhnliches. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag damals bei rund 30 Jahren. Heute werden Männer in Österreich hingegen durchschnittlich 79 Jahre alt, und Frauen sogar 84. Kaum vorzustellen, welche musikalischen Wunder Mozart in 44 Jahren mehr Lebenszeit noch hätte vollbringen können! Das heutige Mehr an Lebenszeit verdanken wir vor allem unserem Wohlstand, der aus einer Verbindung von Kapitalismus und technischem, hygienischem und medizinischem Fortschritt entstanden ist. Für die meisten Europäer ist es mittlerweile selbstverständlich, in einer warmen Wohnung mit fließendem Wasser zu wohnen, im Supermarkt um die Ecke Nahrungsmittel im Überfluss vorzufinden und im Krankheitsfall mit modernster Medizin versorgt zu werden.

Der Kapitalismus: Ursache des Massenwohlstands

Wohlstand und mehr Lebenszeit sind – zum Unmut der Kapitalismuskritiker – eine Folge des Kapitalismus. Noch zu Zeiten Mozarts blockierten Zünfte und auf dem Land die Leibeigenschaft freie Märkte. Das wirtschaftliche Leben war oft ein Nullsummenspiel – was die einen mehr hatten, hatten andere weniger. Zwar gab es immer wieder technische Neuheiten, jedoch konnten sie den Wohlstand breiter Massen noch nicht annähernd in dem Maße fördern wie heute: ihre Vorteile blieben in der Regel dem Luxuskonsum der Reichen vorenthalten. Das änderte sich erst mit dem Industriekapitalismus. Mit ihm begann die Produktion von den Massen für die Massen mit Hilfe noch nie dagewesener technologischer Innovation. Folge der neuen kapitalistischen Massenproduktion: Wohlstand für eine zunehmende Anzahl an Menschen. Ein Blick auf die industrielle Landwirtschaft zeigt, dass durch den Einsatz von Maschinen, verbessertem Saatgut und neuartigen Anbaumethoden mehr Nahrungsmittel hergestellt werden konnten. Eine breitere Masse konnte sich nun vollwertiger ernähren.

Mit der wirtschaftlichen Freiheit, die zu besserer Ernährung führte, stieg nach und nach auch die Lebenserwartung. Das belegt auch der Vergleich zwischen kapitalistischen und sozialistischen Länder: Im kapitalistischen Westdeutschland lebten die Menschen zwei bis drei Jahre länger als in der sozialistischen DDR. Dass der Unterschied nicht größer ausfiel, lag vermutlich daran, dass die DDR einfach Innovationen vom kapitalistischen Nachbarn übernahm. Was hingegen passiert, wenn man sich gleich ganz gegen westliche Innovationen wehrt, zeigt ein Blick auf Nordkorea: Dort leben die Menschen zehn (!) Jahre weniger als im kapitalistischen Süden. Auf freien Märkten operierende Unternehmen, die Innovationen entwickeln und umsetzen, schenken den Menschen mehr Lebenszeit.

Auch moderne medizinische Versorgung, gut ausgestattete Intensivbetten und Impfungen wurden in kapitalistischen Ländern erfunden und dort erstmals großflächig eingesetzt. Der Konflikt, den Autoren wie Assheuer an die Wand malen – Mensch versus Wirtschaft –, ist damit ein Scheinkonflikt. Nur eine florierende Wirtschaft ermöglicht breiten Massen ein Älterwerden bei gleichzeitig guter Gesundheit.

Lockdowns treffen gerade die Ärmsten

Marktenthusiasten sind keinem Opferkult verfallen, sie erkennen vielmehr die Gefahren, wenn Märkte gleichsam zugehen oder ihr Funktionieren durch staatliche Eingriffe beeinträchtigt oder gar zerstört wird. Opfern wir den Kapitalismus, so verschafft das einigen womöglich die Genugtuung, dass die Reichen nicht mehr reicher werden. Doch die Vorstellung, dass damit den Schwachen der Gesellschaft geholfen wird, ist eine grobe Täuschung.

Ein Lockdown der Wirtschaft trifft vielmehr gerade die Ärmsten. Gesellschaften wie jene in Westeuropa können dank ihrer Reserven eine gewisse Zeitlang mit einer schrumpfenden Wirtschaft noch ganz gut leben. Doch in asiatischen Ländern etwa – Ländern ohne soziale Sicherungssysteme – bedeutet das für die Menschen Hunger, Leid und Tod. Das trieb Fabrikarbeiter in Bangladesh so weit, den Lockdown zu brechen und wieder arbeiten zu gehen. Kapitalismuskritiker erblicken darin die Zwangsdynamik des kapitalistischen Systems: Es zwinge die Menschen in die Fabriken, denn Fabrikbesitzer könnten ihre Arbeiter ausbeuten. Marktbefürworter sehen hingegen die Chancen für die Arbeiter: Sie haben die Wahl, ob sie auf dem Land in Armut verhungern oder nach einem besserem Leben in der Stadt suchen. Stillgelegte Fließbänder in den Fabriken nehmen den Menschen die Chance, ihrem Leid zu entrinnen.

Angebliche Mystifizierung der Marktwirtschaft: eine Taktik der Kapitalismuskritiker

Assheuers Essay liest sich wie einer der unzähligen Versuche, den Verfechtern von Kapitalismus und freier Marktwirtschaft ihre angeblich grausame Fratze vorzuhalten: „Die Alten sollen sterben, damit die Wirtschaft leben kann“. Das ist nicht nur unrichtig, sondern spaltet auch unsere Gesellschaft, womit Assheuer gerade in Zeiten des wachsenden Populismus weiter Öl ins Feuer gießt.

Es gibt auch nicht den „wankelmütigen kapitalistischen Gott“, dem man mit Menschenopfern bei Laune hält. Was es gibt, sind Märkte, die teils besser, teils schlechter funktionieren. Märkte zu mystifizieren oder aus ihnen ein Fetisch zu machen ist eher ein von Kapitalismuskritikern betriebener Kult, um ihre Gegner lächerlich zu machen. Marktbefürworter sind hingegen realistisch, sie wollen möglichst gut funktionierende Märkte. Im äußersten Notfall sind sie auch bereit, diese – in marktkonformer Weise, also ohne das Funktionieren des Preissystems zu beeinträchtigen – zu regulieren, falls sich dies zur Erreichung politisch oder sozial dringlicher Ziele als nötig erweisen sollte.

Sollten wir in der Corona-Krise auch die Wirtschaft opfern, dann werden darunter auch genau jene Menschen leiden, die wir eigentlich retten wollen: die Schwächsten.

Dieser Beitrag wurde im Rahmen der Schreibwerkstatt des Austrian Institute verfasst und in Absprache mit dem Autor redigiert. Als Investition in die Zukunft wollen wir auf diese Weise talentierte Jungautoren und -autorinnen unterstützen und fördern. Allerdings achten wir auch bei diesen Beiträgen auf stilistische wie auch inhaltliche Qualität. Wir möchten jungen Menschen aber auch die Gelegenheit bieten, ihre Ideen und ihr Können zu testen, indem sie diese einer weiteren Öffentlichkeit vorstellen.

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