Nach der Pandemie der Weltkrieg

Als nüchterner und stoischer „Geschichtsschreiber des Niedergangs“ in der Tradition von Ludwig von Mises bin ich überrascht, wie nahe mir das Zeitgeschehen nun doch geht. Die Aussicht auf Atomkrieg in Europa wird aber kaum jemanden kaltlassen. Die Voraussicht hat leider, wie schon beim Pandemieinterventionismus, nur geringen Nutzen, wenn man nicht völlig frei von Verpflichtungen ist. Auf Englisch spricht man bei solcher Voraussicht des Zuschauers vom Zugunglück in Zeitlupe. Der Zusammenprall wirkt dann aber doch stets rasant.

Im dynamischeren Teil Europas, in dem sich am ehesten noch wehrfähige und vor allem wehrbereite junge Männer finden, dominiert die historische Einsicht, dass die Ukraine nur ein Zwischenhalt der ewigen Auseinandersetzung zwischen westlicher Freiheit und östlicher Repression ist.

Dass geopolitische Sachzwänge und demografischer Druck in Richtung eines Konfliktes zwischen Russland und USA auf europäischem Boden weisen, war lange klar. Gewiss ist die Geopolitik keine magische Kraft, die determiniert, sondern Ausdruck eines Grundproblems von Politik: die Monopolisierung von legitimierter Gewalt über territoriale Gebilde mit konstruierten Identitäten. Dass Putin die Teilung der Sowjetunion bedauert, ist bekannt.

Die Pandemie verbrachte Putin offenbar mit der Lektüre von Geschichtsbüchern. Lesen bildet! Wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen! Lernen Sie Geschichte! Ich kann Kalendersprüche nicht leiden, auch wenn sie in Zeiten des Diskurses innerhalb von 144 Zeichen, als tiefe Philosophie gelten. Lesen ist überhaupt kein Wert für sich, vor allem wenn es schwindenden Kontakt zu realen Menschen bedeutet. Geschichte wiederum ist vorwiegend Glorifizierung von „Geopolitik“, welche reale Menschen weitgehend zulasten großer Narrative ausblendet.

Es kommt stets darauf an, was man liest. Am meisten schockiert mich, dass ich Putins Artikel vom Juli 2021 („On the Historical Unity of Russians and Ukrainians“) erst kürzlich gesehen und gelesen habe – ausgerechnet in jenem Moment, als die Kreml-Seite, auf der er geteilt wurde, durch Cyberangriffe im Zuge des aktuellen Weltkriegs offline ging. Ich versuche, das Tagesgeschehen zu meiden, was natürlich nicht gelingt. Bei so „spannenden Zeiten“, welche die Chinesen sich für ihre Feinde gewünscht haben, hat man stets die Sorge, etwas zu verpassen, das die eigene Existenz unmittelbar berührt. Und dann verpasst man doch stets das Wesentliche. Hätte die Armada von Journalisten, Experten, Welterklärern mit ihren willigen Verbreitern per like und share den Artikel eher in meinen Stream gespült, hätte ich nicht erst Gewissheit über die anstehende Invasion gehabt, als Putin sie Anfang Februar bei einer Pressekonferenz im Zitat eines Liedtextes subtil andeutete. Verblüffend, dass selbst diese Andeutung fast allen Journalisten entging.

Die Nachkriegsordnung beruht auf dem internationalen Konsens, künstliche Grenzen nicht mehr zu verschieben, um nicht einen Dominoeffekt auszulösen. Außerdem beruht sie auf der militärischen Macht der USA, als globaler Disziplinierer aufzutreten. Doch Kosovo-, Irak- und Afghanistan-Krieg zeigten, dass ihre Rolle nicht darauf beschränkt ist, Souveränitätsverletzungen zu bestrafen, sondern dass sie solche auch aus vermeintlich universalistischen Gründen selbst begeht. Dieser Universalismus ist nachvollziehbar, es handelt sich um säkularisiertes Christentum. Umso schwerer wiegen dann die Zweifel und bei manchen die Abscheu, wenn Heuchelei und gänzlich unchristliche Motive sichtbar werden.

Die westliche Taktik besteht nun darin, die Kosten des Krieges für Putin so in die Höhe zu treiben, dass er in der Ukraine gestoppt oder für die Endkonfrontation mit der NATO hinreichend geschwächt wird.

Die große internationale Ablehnung der russischen Invasion durch die allermeisten Nationalstaaten kommt aus dieser Sorge vor dem Dominoeffekt, der die relativ stabile Ordnung von Nationalstaaten gefährdet. Doch das Ende der Pax Americana wird sich nicht durch Symptombekämpfung und Empörung aufhalten lassen.

Die westliche Taktik besteht nun darin, die Kosten des Krieges für Putin so in die Höhe zu treiben, dass er in der Ukraine gestoppt oder für die Endkonfrontation mit der NATO hinreichend geschwächt wird. Dazu wird alles in die Waagschale geworfen, bis hin zum totalen Finanz- und Wirtschaftskrieg gegen alle Russen. Diese Taktik ist hoch gepokert und sie bereitet mir großes Unwohlsein. Der Iran zeigt, dass Sanktionen gegen Bürger kein wirksames Mittel des Regime-Umsturzes sind. In Russland könnten sie sogar die Zustimmung zu Putin vergrößern – je größer der Druck, desto größer der Bedarf an Beschützern und Erlösern.

Wir müssen diese Taktik wohl hinnehmen, denn sie ist nicht bloß der Plan einer kleinen Elite, sondern folgt dem Überlebenstrieb von europäischen Kernnationen als alternativlose Verzweiflungstat. Im dynamischeren Teil Europas, in dem sich am ehesten noch wehrfähige und vor allem wehrbereite junge Männer finden, dominiert die historische Einsicht, dass die Ukraine nur ein Zwischenhalt der ewigen Auseinandersetzung zwischen westlicher Freiheit und östlicher Repression ist. Die Sowjeterfahrung führte dort nicht nur zu stärker geistig verankerter Marktwirtschaft als im Westen, wo diese durch die Intellektuellen weitgehend abgelehnt wird, sondern auch zu stärkerer antirussischer Identitätsbehauptung.

Europa kann kaum neutral bleiben, wenn der aktuell in Identität und Dynamik gewichtigere Teil ein ungebremstes Russland als Existenzbedrohung ansieht. Die Ausdehnung der NATO ist zwar einerseits kalkuliertes Nachrücken der verbliebenen Weltmacht USA ins postsowjetische Vakuum, andererseits aber eigener Drang der ehemaligen Sowjetstaaten, die darin dringend nötigen Schutz ihrer Souveränität sehen, die ihnen eine selbstgewählte Westorientierung erlaubt.

Die Geschichte bestätigt diese Perspektive: Insbesondere die Städte in Polen und dem Baltikum gehören zum Kern der abendländischen Sphäre händlerischer Freistädte, die in Verteidigungsbünden den Flächenstaaten lange standhielten. Im Gegensatz dazu setzte sich im russischen Raum mit dem mehrfachen Massaker und der totalen Auslöschung des freien Nowgorods schon früh der despotische Flächenstaat völlig durch.

Diese wehrhafte Sorge vor Russland ist nachvollziehbar. Die geopolitischen Kalküle, welche die Ukraine als russischen Pufferstaat sehen, würden ein Halten russischer Aggression allenfalls in der Mitte Polens erwarten lassen, nach dem Erringen eines Korridors nach Kaliningrad würde es dann auch für das Baltikum eng werden.

Die Ausdehnung der NATO liefert gewiss einen Grund für russische Konfrontation, doch nicht die Ursache. Die aktuelle Eskalation sehe ich eher ausgelöst durch taktische Gelegenheit: Der Westen vermittelt im Osten ein Bild dekadenter Schwäche, so auch die Mehrheitswahrnehmung der Chinesen („Baizuo“) und Inder. Er ist nun durch die Pandemie geschwächt, tief gespalten und weist teilweise lachhaftes Spitzenpersonal auf. Wann, wenn nicht jetzt – insbesondere angesichts des demografischen Drucks, der Russland langfristig die jungen Männer ausgehen lässt?

 

Dieser Artikel erschien zunächst am 10. März 2022 unter dem gleichen Titel auf der Website der unabhängigen Forschungs- und Bildungseinrichtung scholarium. Mit freundlicher Genehmigung.

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