New York ist auch für die Österreichische Schule der Nationalökonomie eine bedeutende Stadt: Nach Mises’ Flucht vor den Nationalsozialisten fand er für seine Ideen dort den Nährboden, der der Österreichischen Schule zu internationaler Strahlkraft verhalf (Foto: 123RF)
New York steht wie wohl keine andere Stadt auf der Welt für Innovation, Unternehmertum, Abenteuerlust – mit einem Wort für Kapitalismus. Die Wall Street ist die wichtigste Lebensader der Finanzwelt. Manhattan ist mit Wolkenkratzern im Art-déco-Stil gespickt, die den Namen von legendären Firmen und Unternehmern tragen: Chrysler, American Radiator, General Electric, Rockefeller und viele andere mehr. Wer in diesem goldenen Zeitalter hoch und elegant baute, unterstrich auch seine Macht und Finanzkraft. Marmor oder Granit umranden die riesigen Fensterflächen dieser Bauwerke, die Innenräume sind mit Mahagoni, Blattgold und anderen edlen Materialien ausgelegt.
Die goldene Zeit des amerikanischen Kapitalismus
Rund um das Rockefeller Center sind Skulpturen zu bewundern, die auch inhaltlich den Geist des Kapitalismus heraufzubeschwören scheinen. Die goldene Prometheus-Statue ist Sinnbild für menschliche Neugier und Fortschritt. Die Atlas-Statue wurde zwar 20 Jahre vor Ayn Rands Roman Atlas Shrugged errichtet, seitdem steht aber dieser griechische Titan für Unternehmer, die durch ihre Errungenschaften die ganze Zivilisation auf ihren Schultern tragen.
Vor dem 260 Meter hohen Gebäude ist folgendes Zitat von John D. Rockefeller zu lesen:
„I believe in the supreme worth of the individual and in his right to life, liberty, and the pursuit of happiness. (…) I believe that the law was made for man and not man for the law; that government is the servant of the people and not their master. I believe in the dignity of labor, whether with head or hand; that the world owes no man a living but that it owes every man an opportunity to make a living. I believe that thrift is essential to well ordered living and that economy is a prime requisite of a sound financial structure, whether in government, business or personal affairs. (…)”
Worte, die wohl jeder freiheitlich gesinnte Mensch unterschreiben würde und die so gar nicht in den heutigen Zeitgeist passen.
Etliche der berühmten New Yorker Wahrzeichen wurden im wirtschaftlichen Aufschwung der 1920er Jahre errichtet. DieRoaring Twenties trugen aber schon den Keim der Krankheit in sich: der Wohlstand wurde teilweise auf dem wackeligen Fundament der durch die US-Notenbank verursachten Geldmengenausweitung errichtet. Während der Wirtschaftskrise 1929 verloren viele New Yorker Finanzleute ihre Lebensgrundlage. In den folgenden Monaten versank das Land und anschließend die ganze Weltwirtschaft in einer tiefen Depression.
Ironischerweise wurde der wohl scharfsichtigste Analyst der damaligen Ereignisse, Ludwig von Mises, ein Jahrzehnt später selbst Bürger dieser Stadt.
Austrians in New York
New York ist nämlich auch für die Österreichische Schule der Nationalökonomie eine bedeutende Stadt. Nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten im Jahre 1940 lebte Mises bis zu seinem Tod in Manhattan. Er kam im fortgeschrittenen Alter von 59 Jahren in den USA an und musste sich in einer völlig anderen Welt und in einer anderen Sprache neu erfinden. Er lebte in einer Drei-Zimmer-Wohnung in der Upper West Side, in einer bürgerlichen Gegend zwischen dem Hudson River und dem Central Park. Sein Ruf war ihm zwar durch Gleichgesinnte wie den Starkolumnist Henry Hazlitt vorausgeeilt, er hatte aber zunächst einen schweren Stand in einer Zeit, in welcher der New Deal und Etatismus das Denken bestimmten. Anfangs lebte er von Forschungsstipendien der Rockefeller-Stiftung, die es ihm auch ermöglichten, seine ersten Bücher in den Vereinigten Staaten zu veröffentlichen: Bureaucracy (1944) und Omnipotent Government (1944).[1]
Der kompromisslose Liberalismus von Mises füllte mit seinen Erklärungen für die Große Depression und die Boom-und-Bust-Zyklen spürbar eine Lücke
Durch harte Arbeit und herausragende Werke – 1949 erschien von ihm Human Action, eine erweiterte englische Ausgabe von Nationalökonomie – erarbeitete Mises sich wieder ein großes Ansehen. Er wurde Gastprofessor an der New York University. Das legendäre Privatseminar aus Wiener Zeiten hatte auch seine amerikanische Entsprechung gefunden. Murray Rothbard und Israel Kirzner waren unter seinen Schülern.[2] Mises arbeitete außerdem eng mit der 1946 gegründeten Foundation for Economic Education zusammen, um die markwirtschaftlichen Ideen zu verbreiten.
Als die intellektuelle Wirkung des New Deals nachließ, wurde die Öffentlichkeit aufgeschlossener gegenüber neuen Ansätzen. Der kompromisslose Liberalismus von Mises füllte mit seinen Erklärungen für die Große Depression und die Boom-und-Bust-Zyklen spürbar eine Lücke. Seine Ideen wurden nach und nach von Politikern – wenn auch mit Abstrichen – aufgegriffen. Barry Goldwater scheiterte noch bei den Präsidentschaftswahlen 1964, Ronald Reagan konnte aber später mit seiner marktwirtschaftlichen Agenda eine Ära prägen. 1971 wurde – auf Rothbard aufbauend – die Libertarian Party gegründet. 1974 wurde Friedrich August von Hayek mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Hauptstrom der Ökonomie immer noch durch den Keynesianismus bestimmt war.
Mises ist nach wie vor eine Lichtgestalt des ökonomischen Liberalismus, sein Erbe ist vielleicht noch lebendiger in den USA als in Europa. Davon zeugt unter anderem das nach ihm benannte Mises Institute in Auburn, Alabama. So tragisch die Ursache und die Umstände von Mises’ Flucht vor den Nationalsozialisten auch waren: In den USA fand seine Arbeit schließlich den Nährboden, der der Österreichischen Schule zu internationaler Strahlkraft verhalf.
Heute wehen andere Winde
Seit 2025 wird die Stadt von Bürgermeister Zohran Mamdani geleitet, der zu dem sozialistischen Flügel der Demokratischen Partei zählt und der laut seinen Kritikern Sympathien für Islamisten hegt.
Im Wahlkampf versprach er unter anderem die Einführung von „kommunalen Supermärkten”, die die Preise für Lebensmittel künstlich niedrig halten, kostenlosen Busverkehr und Mietpreisdeckelung. Seine teuren Pläne will er durch neue Steuern für „Superreiche” und große Konzerne finanzieren. Die Konsequenz dürfte jedem klar sein, der sich mit ökonomischen Fragen auseinandergesetzt hat: ein Exodus von Leistungsträgern nach Florida und anderen Niedrigsteuer-Standorten setzte ein.[3]
Eines seiner wichtigsten politischen Themen – ziemlich ungewöhnlich für einen Kommunalpolitiker – ist die lautstarke Kritik an Israel. Seine Gegner werfen ihm vor, dass er damit die jüdische Community im Stich ließe, immerhin ist New York City die zweitgrößte Stadt nach jüdischen Einwohnern hinter Tel-Aviv und vor Jerusalem. In der Tat sind Angriffe auf jüdische Bürger und Einrichtungen häufiger geworden.[4]
Um beim Thema Sicherheit zu bleiben: die Drogenepidemie, welche die USA heimsucht, ist auch in den von Touristen besuchten Orten der Stadt sichtbar. Immer wieder muss man weggetretenen Menschen ausweichen.
New York ist in vieler Hinsicht eine progressive Stadt, daher ist es möglich, dass Mamdani eine Zeit lang politischen Erfolg haben wird. Seine kommunistisch angehauchten Programmpunkte sind aber zum Scheitern verurteilt – das wissen wir ausgerechnet von Mises, der das Scheitern der sozialistischen Experimente vor allen anderen Denkern prognostizierte. Mamdani hat sich aber wohl noch nicht mit seinem Werk auseinandergesetzt.
Die sogenannten „Democratic Socialists of America” (DSA) sind auch auf Landesebene auf dem Vormarsch: mehrere ihrer Kandidaten konnten sich bei den Vorwahlen zu den Midterms durchsetzen. Mittlerweile gilt es nicht mehr als ausgeschlossen, dass der demokratische Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen 2028 aus ihren Reihen kommen wird.
Land in Sicht
Die allermeisten Menschen in New York, das war zumindest mein Eindruck, wollen jedoch keine politische Polarisierung, interessieren sich nicht für Hass und Hetze. Das Straßenbild wirkt meines Erachtens weniger politisiert als in europäischen Großstädten; politische Flaggen oder Graffiti sind deutlich seltener zu sehen, dafür aber unzählige Leuchtreklamen und Plakate. Die Stadt ist im positivsten Sinne des Wortes multikulturell und sprüht vor Energie.
Edle Stadtteile wie SoHo oder die Upper East Side fallen durch unvorstellbaren Reichtum auf. Cybertrucks von Tesla und noch teurere Autos sind keine Seltenheit dort.
Der Unternehmergeist ist tief in der kollektiven Psyche der Amerikaner verankert
Auch das kleine Unternehmertum – von Retro-Diners über thematische Cafés bis hin zu Vintage-Läden – floriert nach wie vor in ganz Manhattan, trotz aller Hürden, die ihnen in den Weg gelegt werden. Die Warenvielfalt in den Supermärkten ist noch mal größer als in vergleichsweise reichen europäischen Ländern.
Der Unternehmergeist ist tief in der kollektiven Psyche der Amerikaner verankert. Auch die Mehrheit der neu Zugewanderten will sich meines Erachtens durch harte Arbeit den amerikanischen Traum verwirklichen und nicht den Steuerzahlern auf der Tasche liegen. Ein chinesisch-stämmiger Mitarbeiter eines Cafés in der Nähe des Times Square kellnert neben seinem Jura-Studium an der Columbia University. Unzählige ähnliche Begegnungen bezeugen, dass New York und die Vereinigten Staaten im Allgemeinen nach wie vor viele ambitionierte Menschen aus der ganzen Welt anziehen.
Das alles sind keine schlechten Voraussetzungen für eine marktwirtschaftliche Renaissance. Man sollte sich nur auf die Lehren eines ehemaligen New Yorker Bürgers zurückbesinnen.
Verweise
[1] https://heartland.org/opinion/celebrating-the-arrival-of-ludwig-von-mises-in-america/
[2] https://www.misesde.org/2020/03/wie-phoenix-aus-der-asche-mises-in-manhattan-wirkt-bis-heute/
[3] https://nypost.com/2026/07/13/us-news/ny-sees-dramatic-exodus-of-us-millionaires-causing-nearly-11b-loss-study/
[4] https://www.jpost.com/diaspora/antisemitism/article-904588


