Thomas Pikettys Narrativ der zunehmenden Ungleichheit ist entzaubert

Die Parallele ist beabsichtigt, der Titel eine Provokation: Mit seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ spielte der Franzose Thomas Piketty auf das Hauptwerk von Karl Marx „Das Kapital“ an. Piketty hatte damit einen Nerv getroffen. Mit seinen Co-Autoren Emmanuel Saez und später Gabriel Zucman hat er die Bewegung „Occupy Wall Street“ inspiriert, die mit dem Slogan „Wir sind die 99 Prozent“ gegen eine angeblich neue Oligarchie der Reichen mobil gemacht hat.

Dass die Kluft zwischen Arm und Reich ständig zunehme – und zwar nicht nur in den USA, sondern überall in den Industrieländern –, wurde zum Gemeinplatz und nicht weiter hinterfragt.

Die Forschung der drei Franzosen rüttelte die USA auf. Bei der demokratischen Partei lösten Pikettys Arbeiten die Forderung nach höheren Steuern für Reiche und einer saftigen Vermögenssteuer aus.

Das Ende der drei Musketiere: Steuerdaten falsch interpretiert

Auch die Zeitschrift „The Economist“ stellte 2006 gestützt auf Pikettys Forschung fest: „Der einzige wirklich kontinuierliche Trend der letzten 25 Jahre war die Konzentration der Einkommen an der Spitze.“ Dass die Kluft zwischen Arm und Reich ständig zunehme – und zwar nicht nur in den USA, sondern überall in den Industrieländern –, wurde zum Gemeinplatz und nicht weiter hinterfragt.

Nun hat die Entzauberung der „drei Musketiere“, wie die Franzosen zuweilen ehrfürchtig genannt werden, eingesetzt. Maßgeblich dazu beigetragen haben die beiden Autoren Gerald Auten und David Splinter mit einem Artikel im „Journal of Political Economy“, einer führenden Fachzeitschrift. Auten arbeitet im amerikanischen Finanzdepartement, Splinter in einem Ausschuss des Kongresses, der sich mit Steuerfragen befasst. Ihre Arbeit scheint auch deshalb vertrauenswürdig, weil sie Zugang zu den Resultaten von Steuerprüfungen hatten.

Von der steigenden Ungleichheit bleibt wenig übrig: Das Top-1 Prozent hat kaum zugelegt

Steuern und Transfers verändern das Bild

Das Hauptergebnis von Piketty und Kollegen, das international so viel Widerhall gefunden hat, lautet: Das reichste Prozent hat seinen Anteil am Gesamteinkommen von 1962 bis 2019 von 9 auf 19 Prozent mehr als verdoppelt. Steuern und Transfers sind hierbei nicht berücksichtigt. Bei Auten und Splinter ist der Anteil dagegen nur geringfügig von 11 auf 14 Prozent geklettert. Hinter der Diskrepanz stecken mehrere Gründe:

  • Ein Drittel des Anstiegs bei Piketty ist die Folge einer Steuerreform aus dem Jahr 1987. Damals wurde der Spitzensteuersatz in den USA von 50 auf 28 Prozent gesenkt. Vor 1987 beließen deshalb reiche Amerikaner Gewinne oft in den Firmen, nachher ließen sie sich diese vermehrt ausschütten, womit sie in den Steuererklärungen auftauchten. Reicher wurden sie deswegen nicht. Auten und Splinter stellen sicher, dass die gemessene auch der realen Ungleichheit entspricht.
  • Im Jahr 1960 wurden noch 67 Prozent der Steuererklärungen von Paaren ausgefüllt, bis 2019 ging dieser Anteil jedoch auf 37 Prozent zurück. Im obersten Prozent blieb die Verheiratetenquote mit 85 Prozent dagegen fast konstant. Unten in der Verteilung gibt es somit viel mehr Steuereinheiten mit niedrigen Einkommen. Dagegen blieben die Einkommen reicher Steuereinheiten hoch, weil diese eher zwei Personen umfassen als nur eine. Auten und Splinter basieren ihre Einkommensklassen deshalb auf Personen und nicht auf Steuereinheiten. Dies reduziert den Anteil des reichsten Prozents.
  • Etwa 40 Prozent der nationalen Einkommen erscheinen nicht in individuellen Steuererklärungen. Dazu gehört in den USA zum Beispiel die Krankenversicherung, die über den Arbeitgeber abgeschlossen wird. Es handelt sich um einen Lohnbestandteil, der nicht besteuert wird.

Auten und Splinter beheben diese und andere Verzerrungen in der ursprünglichen Arbeit von Piketty. Mithilfe von Steuerprüfungen stellten sie zum Beispiel fest, dass 15 Prozent der nicht angegebenen Unternehmenseinkommen dem Top-Prozent zugeordnet werden sollten. Piketty wies in einer neueren Arbeit dagegen die Hälfte dem obersten Prozent zu, was deren Einkommen überzeichnet.

Erstaunliche Konstanz der Einkommensungleichheit

Bei der vielzitierten Studie von Piketty und Saez spielen Steuern und Transfers keine Rolle. Berücksichtigt man beides, ist der Anteil des Top-Prozents an den Einkommen nach der Umverteilung seit 1960 fast konstant bei 10 Prozent geblieben. Dieses Ergebnis von Auten und Splinter ist spektakulär, gerade weil seit zwei Jahrzehnten das Narrativ von Piketty die Berichterstattung dominiert, wonach die Ungleichheit immer neue Höchststände erklimmt.

Diese Konstanz mag auf den ersten Blick erstaunen, ist doch in dieser Zeit der höchste Grenzsteuersatz von 91 auf 37 Prozent gefallen – man könnte also denken, dass die Umverteilung in den USA geringer geworden sei. Vom höchsten Steuersatz waren 1960 allerdings keine 500 Haushalte betroffen. Trotz fallenden Steuersätzen kletterte die durchschnittliche Steuerbelastung des reichsten Prozents leicht von 38 auf 42 Prozent, weil gleichzeitig die Bemessungsgrundlage ausgeweitet wurde. Die Steuerbelastung der unteren 80 Prozent ging dagegen besonders seit der Jahrhundertwende markant zurück.

Nicht zu vergessen: Personen mit niedrigen Einkommen kommen auch verstärkt in den Genuss von staatlichen Transfers. Deren Anteil an der amerikanischen Wirtschaftsleistung hat innert 50 Jahren von 5 auf 16 Prozent zugenommen. Zum einen sind die Baby-Boomer mittlerweile zu einem guten Teil in Pension gegangen. Zum anderen hat man die Krankenversicherungen für Pensionierte (Medicare) und für arme Haushalte (Medicaid) stark ausgebaut.

Die Mittelklasse und ärmere Haushalte wurden steuerlich in den letzten Jahrzehnten also entlastet, gleichzeitig haben die Transfers markant zugenommen. Beides zusammen hat dazu beigetragen, dass die etwas stärkere Konzentration der Markteinkommen beim obersten Prozent durch die Umverteilung praktisch wieder kompensiert wurde. Der Sozialstaat wirkt in den USA also durchaus ausgleichend.

Die Hälfte der Amerikaner abgehängt? Ideologie statt Wahrheitssuche

Bei Piketty tönt es anders: Die Hälfte der Amerikaner sei abgehängt, da es ihnen nicht gelungen sei, an den wirtschaftlichen Gewinnen teilzuhaben, kommentierte er vor einigen Jahren seine Forschung.

Doch auch diese Aussage wird durch Auten und Splinter keineswegs bestätigt. Laut ihrer Studie hat sich das Pro-Kopf-Einkommen der unteren 50 Prozent (nach Steuern und Transfers) von 1960 bis 2019 real von 10 000 auf 30 000 Dollar verdreifacht. Ein guter Teil kommt von den gestiegenen staatlichen Überweisungen und Steuererleichterungen, doch auch ohne diese hätte sich das Einkommen noch verdoppelt.

Die Studie von Auten und Splinter ist jedenfalls ein Fortschritt. Der Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman sagte jüngst gegenüber dem „Economist“, Pikettys Arbeit sei unsorgfältig und politisch motiviert. Der Franzose hat zwar seine Resultate über die Jahre verfeinert, aber an den Grundaussagen hält er fest.

Es steht indes zu befürchten, dass die neue Forschung nie so bekannt wird wie die alarmistischen Aussagen von Piketty und seinen Kollegen. Sie reagierten auf die Kritik wenig souverän mit dem Vorwurf, ihre Gegner verbreiteten eine Ungleichheitslüge (in Anspielung auf die „Klimaleugner“). Es drängt sich der Eindruck auf, Piketty und seine Kollegen seien stärker der Ideologie als der Wahrheitssuche verpflichtet.

 

Dieser Artikel ist ursprünglich in der Neuen Zürcher Zeitung vom 4. Januar 2024, S. 25, und online auf nzz.ch erschienen. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Zum Thema siehe auch:

Phil Gramm, Robert Ekelund, John Early: The Myth of American Inequality. How Government Biases Policy Debate. Roman & Littlefield, Lanham-Boulder-New York-London 2022. (Die Autoren erwähnen bereits frühere Berechnungen von Auten und Splinten.)

Den erwähnten Artikel von Gerald Auten und David Splinter im „Journal of Political Economy“ können Sie hier herunterladen.

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