Der Kapitalismus kann die Armut, aber nicht die Ungleichheit überwinden

Wirtschaftliche Freiheit oder Kapitalismus zusammen mit den dadurch ermöglichten Vorteilen der Rückständigkeit, die eine Art externer Effekt des Kapitalismus in den reichen Ländern zugunsten der armen Länder sind, haben weltweit die Verringerung von Hunger und Armut ermöglicht. Planwirtschaftliche Eingriffe verschiedener Intensität haben das nicht erreicht. … Nichts spricht dagegen, dass künftiges Wachstum bei wirtschaftlicher Freiheit oder Kapitalismus Armut, Hunger und materielle Not in wenigen Jahrzehnten weltweit überwinden kann.

 

Einkommensstatistik und ihre methodologischen Klippen

Operationale Definitionen sollen Messung und Quantifizierung ermöglichen. Sie kommen manchmal nicht ohne willkürliche Setzungen aus. Das gilt auch für die am weitesten verbreitete Definition der Armut, nämlich ein Pro-Kopf-Einkommen von 1,25 US-Dollar  pro Tag bei amerikanischen Preisen im Jahre 2005. Bei internationalen Vergleichen muss die unterschiedliche Kaufkraft des Dollars berücksichtigt werden. Denn die Preise für dasselbe Gut oder dieselbe Dienstleistung sind in armen Ländern meist niedriger als in reichen. Bei historischen Vergleichen muss die von der Inflationsrate abhängige Entwertung des Geldes über die Zeit berücksichtigt werden. Die methodologischen Probleme erschöpfen sich damit noch nicht. Denn die Einkommensdaten werden in der Regel durch Befragung erhoben. Die so ermittelten Daten unterscheiden sich oft von denen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, so dass die Frage auftaucht, ob die mittlere Einkommensschätzung durch Daten aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung korrigiert werden sollte. Außerdem können sich Unterschiede ergeben, je nachdem ob der Konsum oder das Einkommen erfragt wird, was bei armen Leuten ohne die Möglichkeit der Ersparnisbildung ja eigentlich auf dasselbe hinauslaufen sollte. Die Erwähnung dieser Probleme soll nur darauf hinweisen, dass unsere Daten zur Armut nicht nur willkürliche Setzungen, wie 1,25 Dollar, enthalten, sondern auch sonst noch Anlass zu Zweifel und Kritik bieten.

 

Wachstum, sozialer Fortschritt und Ungleichheit: ein notwendiger Zusammenhang

Dennoch möchte ich mit Bourguignon (2015, 28ff.), einem französischen Ökonomen, der lange in leitender Position bei der Weltbank tätig war, zusammenfassen, dass am Anfang des 20. Jahrhunderts 70% der Weltbevölkerung unter dieser Armutsschwelle lag, dass das am Anfang des 21. Jahrhunderts nur noch für knapp 20% der Weltbevölkerung gilt.  Der Nobelpreisträger für Wirtschaft des Jahres 2015 hat deshalb seinem jüngsten Buch (Deaton 2013) auch den Titel ‚The Great Escape’ gegeben. Dort analysiert er, wie die Menschheit in den letzten Jahrzehnten schrittweise einer kurzlebigen Kümmerexistenz – der andauernden Bedrohung durch Hunger und Krankheit – entkommen ist. Deaton (2013, 1) beginnt sein Buch mit folgender Zusammenfassung: “Life is better now than at almost any time in history. More people are richer and fewer people live in dire poverty. Lives are longer and parents no longer routinely watch a quarter of their children die. Yet millions still experience the horrors of destitution and of premature death. The world is hugely unequal. Inequality is often the consequence of progress. Not everyone gets rich at the same time, and not everyone gets immediate access to the latest life-saving measures….” Später heißt es dann noch (Deaton 2013, 5): “Economic growth has been the engine of international income inequality.” Wenn es so ist, dass Wachstum erstens einen riesigen Beitrag dazu geleistet hat, Hunger und Krankheit zurückzudrängen, aber zweitens auch immer mehr Ungleichheit bedeutet, kann man dann um der Gleichheit willen Fortschritt und Wachstum bremsen wollen?

Ein Zusammenhang zwischen Wachstum und Ungleichheit ergibt sich notwendigerweise daraus, dass Menschen auf Anreize reagieren. Knappe Fähigkeiten bei der Produktion von Gütern oder Dienstleistungen werden durch höhere Preise oder Einkommen belohnt. Dadurch entsteht der Anreiz, die nachgefragten knappen Fähigkeiten zu erwerben, die für das Wirtschaftswachstum erforderlich sind (Deaton 2013, 193). Das bedeutet natürlich nicht, dass alle hohen Einkommen notwendig oder erforderlich sind, damit die Wirtschaft funktioniert. Denn man kann auch durch Bankraub, Betrug oder die Behinderung von Wettbewerbern (rent-seeking) reich werden.[1] Gerade bei der Behinderung von Wettbewerbern und daraus resultierender Ungleichheit ist die Politik aber oft das Problem und kein Beitrag zu seiner Überwindung.

 

Kapitalistisches Wachstum in den Industriestaaten führt nicht zur Verelendung der Entwicklungsländer

Die von den Marxisten erwartete Verelendung der meisten Menschen im Kapitalismus ist also nicht eingetreten, weder in den westlichen Industrieländern, noch in den Entwicklungsländern. Die marxistisch inspirierten Dependenztheoretiker hatten ja erwartet, dass der Preis für die Verhinderung von Verelendung der Arbeiterschaft in den Industrieländern die Verelendung der Entwicklungsländer sei. Den größten Beitrag zum weltweiten Rückgang der Armut hat das volkreichste Land der Erde geleistet, die Volksrepublik China (Deaton 2013, 44-45). Die ist sicher kein kapitalistisches Musterland, aber seit ca. 1979 kann man dort unter Führung der kommunistischen Partei eine zunächst schleichende Einführung des Kapitalismus beobachten. Die Volkskommunen wurden aufgelöst, das Gemeinschaftsland wurde an Bauernfamilien zur eigenen Bewirtschaftung übergeben, obwohl die Eigentumsrechte der Bauern bis heute immer noch recht unsicher sind. Die staatlich administrierten Preise wurden durch von Angebot und Nachfrage beeinflusste Preise ersetzt. Der Wettbewerb der Lokal- und Provinzkader um möglichst hohe Wachstumsraten in ihren Gebieten hat kommunistische Führer gezwungen, die Eigentumsrechte von Unternehmern zu respektieren, lange bevor die Verfassung das vorsah oder auch nur zuließ. Obwohl die wirtschaftliche Freiheit in China immer noch prekär ist, hat das Land auf dem Weg zu mehr wirtschaftliche Freiheit große Fortschritte gemacht (Weede 2000, 4. Kapitel).

Natürlich hat das globale Bevölkerungswachstum dafür gesorgt, dass selbst bei sinkenden Anteilen der Armen an der Weltbevölkerung deren absolute Zahl lange noch wachsen konnte. Für die Zeit nach 1990 gilt das bestimmt nicht mehr, denn seitdem ist die Zahl der Armen auch absolut um mindestens eine halbe Milliarde gefallen (nach Bourguignon 2015, 29). Nicht nur die Reichen werden reicher, sondern auch die meisten Armen werden reicher, wenn die Volkswirtschaft schnell wächst. Generell besteht ein Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der wirtschaftlichen Freiheit oder seiner Verbesserung einerseits und Wohlstand oder Wirtschaftswachstum anderseits (Gwartney, Lawson, Hall 2013; Weede 2014). Wirtschaftliche Freiheit wird dabei über niedrige Steuern und Sozialabgaben, auch niedrige Sozialtransfers, sichere Eigentums- und Verfügungsrechte, wenig Handelshemmnisse, wenig Regulierung, auch auf Arbeitsmärkten, und niedrige Inflation erfasst. Man könnte auch sagen: Wirtschaftliche Freiheit ist ein Synonym für Kapitalismus. Das muss auch so ein, weil die Skalen für wirtschaftliche Freiheit von entschiedenen Anhängern des Kapitalismus (auf Anregung von Milton Friedman) entwickelt worden sind.[2]

 

Im Kapitalismus profitiert jeder von der Freiheit der Anderen

Man sollte nicht nur an die eigene Freiheit denken. Der Mensch hat auch ein Interesse an der Freiheit seiner Mitmenschen, jedenfalls dann wenn diese auf den Einsatz von Betrug und Gewalt verzichten und das Eigentum Anderer respektieren. Je produktiver der Andere ist – ob allein oder durch Zusammenarbeit mit Anderen in einem Unternehmen – desto eher kann er für einen selbst attraktive Güter oder Dienstleistungen zu einem günstigen Preis anbieten. Wird der Andere von der Obrigkeit am optimalen Einsatz seiner Kenntnisse und Fähigkeiten gehindert, dann schadet das allen potenziellen Tauschpartnern. Deshalb muss man davon ausgehen, dass man nicht nur von der eigenen Freiheit, sondern auch von der Freiheit der Anderen profitiert. Das gilt innerhalb von Volkswirtschaften, aber auch zwischen Volkswirtschaften. Unfreie und deshalb rückständige Volkswirtschaften profitieren davon, dass es fortgeschrittenere und reichere Gesellschaften gibt. Von denen kann man Produktionstechnologien übernehmen. Imitation geht schneller als Erfindung oder Innovation. Von denen kann man Organisationsmodelle für Unternehmen und Marketing-Verfahren übernehmen. Die reichen Länder bieten auch kaufkräftige Märkte für die Produkte armer Länder.

Dass wir Menschen nicht nur ein Interesse an der eigenen Freiheit, sondern auch ein eigennütziges Interesse an der Freiheit der anderen haben oder haben sollten, hatte Hayek (1971, 41-42) schon vor langer Zeit erkannt: „Die Vorteile, die ich aus der Freiheit ziehe, sind daher weitgehend das Ergebnis des Gebrauchs der Freiheit durch andere und größtenteils das Ergebnis eines Gebrauchs der Freiheit, den ich selbst nie machen könnte…. Es ist wichtiger, dass alles von irgend jemanden versucht werden kann, als dass wir alle dasselbe tun können…. Die wohltätige Wirkung der Freiheit ist daher nicht auf die Freien beschränkt…. Das Wesentliche ist, dass die Wichtigkeit der Freiheit, bestimmtes zu  tun nichts mit der Anzahl der Menschen zu tun hat, die dieses tun wollen: sie mag damit sogar fast im umgekehrten Verhältnis stehen.” Möglicherweise ist man nicht an der Freiheit aller Anderen interessiert, aber an der Freiheit vieler Anderer muss man auch als Egoist interessiert sein, weil man ein Interesse an der Existenz vieler produktiver Tauschpartner hat.

 

Wirtschaftliche Freiheit ist die Voraussetzung für Entwicklung: Der globale “trickle down”-Effekt

Die Begrenzung willkürlicher Staatseingriffe (limited government) und die Durchsetzung der wirtschaftlichen Freiheit im Westen hat bis zum 19. Jahrhundert die erstmalige Überwindung der Massenarmut in der Geschichte erlaubt (Weede 2000).[3] Die wirtschaftliche Freiheit des Westens ist die Voraussetzung dafür, dass Entwicklungsländer heute schneller wachsen können als die westlichen Länder damals wachsen konnten, als sie ungefähr auf dem Niveau heutiger Entwicklungsländer waren. Je unterentwickelter, rückständiger oder ärmer ein Land ist, desto eher genießt es Vorteile der Rückständigkeit und kann entsprechend wachsen. Die Vorteile der Rückständigkeit sind der am besten abgesicherte Befund der ökonometrischen und international vergleichenden Wachstumsforschung (Bleaney and Nishiyama 2002; Sala-i-Martin, Doppelhofer, and Miller 2004; Weede 2006). Auch, dass die Vorteile der Rückständigkeit in den letzten Jahren vielleicht abzunehmen scheinen, ändert nichts daran. Für die armen Länder ist es gut, dass es reiche Länder gibt. Sonst könnte es keine Vorteile der Rückständigkeit geben. Global gibt es ein ’trickle down’.[4]

Wachstumschancen sind noch kein Wachstum. Inkompetente Wirtschaftspolitik (Enteignungen, ineffiziente und aufgeblähte Staatsapparate, Inflation, Korruption, kreditfinanzierter Konsum), wie beispielsweise in Griechenland, Nordkorea oder Zimbabwe, kann sogar negative Wachstumsraten erreichen. Vor allem ostasiatische Volkswirtschaften – zunächst Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur, dann Thailand und Malaysia, seit 1979 China, später auch Vietnam – haben durch exportorientiertes Wachstum ihren Lebensstandard gewaltig verbessern und vereinzelt sogar den Westen schon einholen können. Eigentlich gibt es nicht nur einen einfachen Vorteil der Rückständigkeit, der beschleunigtes Wachstum erlaubt, sondern einen doppelten Vorteil. Denn die armen Länder können nicht nur schneller als der Westen früher oder heute wachsen. Sie können auch von der medizinischen Forschung im Westen profitieren, weshalb die Menschen heute schon in halbwegs gut regierten Ländern   wesentlich älter werden als die Europäer früher bei gleichem kaufkraftbereinigten Einkommen. Deaton (2013, XI, 101) hat darauf hingewiesen, dass heute afrikanische Kinder eine bessere Chance haben, ihren fünften Geburtstag zu erleben, als britische Kinder vor hundert Jahren, oder dass die Lebenserwartung in Indien heute schon höher als 1945 in Schottland ist. Der medizinische Fortschritt im Westen nützt also auch den Massen in den armen Ländern. Die Lebenserwartung der Menschen hat sich wegen des zunehmenden Wohlstands bzw. Einkommens (Deaton 2013, 34) und der Diffusion medizinischer Kenntnisse vom Westen in den Rest der Welt weltweit (Becker, Philipson, and Soares 2005; Deaton 2013, 41, 107, 154) zunehmend angenähert.[5] Wirtschaftliche Freiheit beeinflusst nicht nur das Einkommen der Menschen und dessen Wachstum, sondern auch deren Wohlbefinden. Nach Rode, Knoll, and Pitlik (2013, 230) kann man zusammenfassend sagen: “Economic freedom…not only makes people richer, but it also makes them happier.” Das gilt erstaunlicherweise sogar dann, wenn man den Wohlstandseffekt kontrolliert hat.[6]

Wirtschaftliche Freiheit oder Kapitalismus zusammen mit den dadurch ermöglichten Vorteilen der Rückständigkeit, die eine Art externer Effekt des Kapitalismus in den reichen Ländern zugunsten der armen Länder sind, haben weltweit die Verringerung von Hunger und Armut ermöglicht. Planwirtschaftliche Eingriffe verschiedener Intensität haben das nicht erreicht: weder der große Sprung nach Vorn in China, in dessen Folge vielleicht 45 Millionen Menschen verhungert sind (Dikötter 2010; Weede 2000), noch die Entwicklungshilfe (Deaton 2013; Easterly 2014), noch die Ausweitung der Staatstätigkeit in den westlichen Sozialstaaten, die ja per operationaler Definition eine Verringerung der wirtschaftlichen Freiheit impliziert (Weede 2014). Zwar korreliert wirtschaftliche Freiheit nicht mit der Ungleichheit der Einkommensverteilung (Gwartney, Lawson, and Hall 2013, 22), aber sie korreliert – wegen der Wohlstandssteigerung durch wirtschaftliche Freiheit oder ‚trickle down’ – sogar mit dem Einkommen der ärmsten zehn rozent einer Gesellschaft.  Nichts spricht dagegen, dass künftiges Wachstum bei wirtschaftlicher Freiheit oder Kapitalismus Armut, Hunger und materielle Not in wenigen Jahrzehnten weltweit überwinden kann.

 

Abnahme der weltweiten Ungleichheit durch Einbeziehung der Ärmsten in die globale Arbeitsteilung

Ganz anders sieht es mit der Ungleichheit aus. Die gab es lange vor dem Kapitalismus, der ja eine Form der Verkehrswirtschaft ist, wo für den Markt statt vorwiegend für die Eigenversorgung produziert wird, der außerdem auch Privatbesitz an Produktionsmitteln voraussetzt. Immer schon gab es die Ungleichheit zwischen Machthabern und Beherrschten oder Untertanen. Dabei waren die Herrscher so gut wie überall wohlhabender als die Beherrschten. Ungleichheit gibt es auch weiter im Kapitalismus. Wenn man das Einkommensverhältnis der reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung zu den ärmsten zehn Prozent der Weltbevölkerung als Ungleichheitsindikator nimmt, dann hat die globale Ungleichheit im 19. Jahrhundert und bis Ende des 20. Jahrhunderts zugenommen, seitdem aber abgenommen (Bourguignon 2015, 27, 32). Ca. 1990 war das Einkommen des reichsten Dezils  über 90 mal so hoch wie das Einkommen des ärmsten Dezils der Menschheit. Knapp zwanzig Jahre später war es nur noch knapp 70 mal so hoch. Der absolute Einkommensunterschied zwischen dem ärmsten und dem reichsten Dezil hat allerdings auch in diesem Zeitraum weiter um  ca. 10000 Dollar auf ca. 50000 Dollar zugenommen.[7]

Man kann die Einkommensunterschiede zwischen den Menschen auf Erden in zwei Komponenten zerlegen: Unterschiede innerhalb von Volkswirtschaften und Unterschiede zwischen Volkswirtschaften, oder Abstände des individuellen Einkommens vom durchschnittlichen Volkseinkommen und Abstände des durchschnittlichen Volkseinkommens vom durchschnittlichen Welteinkommen. Dann kann man die Frage aufwerfen, ob innergesellschaftliche oder zwischengesellschaftliche Unterschiede die wichtigere Determinante der interindividuellen Einkommensunterschiede auf Erden sind. Bei der Behandlung dieser Frage sollte man allerdings nicht mit intuitiv leicht verständlichen Indikatoren der Ungleichheit arbeiten, wie etwa dem eben erwähnten Einkommensverhältnis zwischen dem ärmsten und dem reichsten Dezil, sondern mit einem  für diese Fragestellung besonders geeigneten Index von Theil. Ohne diesen Index zu erläutern, möchte ich nur folgendes festhalten: Noch im Jahre 2000 war die Ungleichheit zwischen den Ländern ungefähr drei mal so wichtig wie die innerhalb der Länder, zehn Jahre später nur noch doppelt so wichtig (Bourguignon 2015, 42). Festgehalten werden kann also zweierlei. Erstens dominiert immer noch die Ungleichheit zwischen den Gesellschaften, zweitens nimmt das Gewicht der Ungleichheit zwischen den Ländern seit Jahrzehnten ab, das Gewicht der Ungleichheit innerhalb der Länder aber zu.[8] Es ist plausibel diese Verschiebung auf die Globalisierung zurückzuführen. Die impliziert ja die Einbeziehung von mehr und mehr Menschen in die Weltwirtschaft. Vor 1979 und Deng Xiaopings Reformen war China kaum in die weltweite Arbeitsteilung einbezogen, vor Anfang der 1990er Jahre auch weder Indien, noch die Sowjet-Union. Die drei eben genannten Länder allein machen schon ca. 40% der Weltbevölkerung aus. Man kann Globalisierung nicht nur als Einbeziehung vieler Länder in die globale Arbeitsteilung betrachten, sondern auch als Export der wirtschaftlichen Freiheit oder des Kapitalismus vom Westen in den Rest der Welt.

 

Internationale Arbeitsteilung und Globalisierung der Märkte als Wachstumsbeschleuniger

Oben hatte ich schon argumentiert, dass wirtschaftliche Freiheit für Wachstum und Wohlstand sorgt, dass wirtschaftliche Freiheit im Westen und der dadurch ermöglichte Wohlstand Voraussetzung für die Vorteile der Rückständigkeit und damit die Chance aufholenden Wachstums in armen Ländern ist. Warum Arbeitsteilung und Märkte global sein sollten, ist eigentlich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bekannt, seit Adam Smith (1776/1990). Seitdem können wir wissen, dass die Größe des Marktes das Ausmaß der Arbeitsteilung bestimmt, auch dass Arbeitsteilung die Produktivität und damit den Wohlstand erhöht. Globalisierung impliziert, dass die Märkte immer größer und umfassender werden, dass ein Weltmarkt entsteht. Neben der wirtschaftlichen Freiheit, der Ungleichheit zwischen den Ländern, ohne die es keine so großen Vorteile der Rückständigkeit geben könnte, ist also auch die Globalisierung der Märkte an sich ein Wachstumsbeschleuniger. Die Globalisierung hat technische und politische Voraussetzungen. Kommunikationsmittel und Transportnetze müssen globale Wertschöpfungsketten ermöglichen. Die Politik muss auf Abschottung der eigenen Volkswirtschaft verzichten, womit man wieder bei der wirtschaftlichen Freiheit ist.

Nicht alle Länder und Volkswirtschaften haben die Vorteile der Rückständigkeit und die Chancen der Globalisierung gleichermaßen genutzt. Am erfolgreichsten waren die ostasiatischen Länder mit Ausnahme Nordkoreas. Am wenigsten erfolgreich war Afrika (südlich der Sahara). Dort erreichen immer noch nur 6% der Bevölkerung ein Tageseinkommen von zehn US-Dollar, was manchmal als untere Grenze für die Zugehörigkeit zur Mittelklasse verwendet wird (The Economist 2015, 35). Das liegt nicht nur, noch nicht einmal in erster Linie am unterschiedlichen Ausmaß der wirtschaftlichen Freiheit, sondern an der Humankapitalausstattung der Bevölkerung. Arbeit wird umso produktiver, je mehr die Menschen können und wissen. Lange haben die Ökonometriker das Humankapital über den Schulbesuch erfasst. Dann lässt sich nicht immer zeigen, dass mehr Humankapital auch mehr Wachstum bedeutet. Wenn man nicht mehr den Input in den Bildungsprozess über Schuljahre, sondern den Output über Testergebnisse erfasst, dann sind die Effekte des Humankapitals auf das Wachstum sehr stark, in derselben Größenordnung wie die Vorteile der Rückständigkeit (Hanushek and Wössner 2015, Weede 2003).  Bei den Testergebnissen spielt kaum eine Rolle, ob man allgemeine Intelligenztests verwendet oder mathematische oder naturwissenschaftliche Kenntnisse erfasst. Die Resultate sind robust und zeigen, dass mehr Humankapital mehr Wachstum bedeutet. Der herausragende Wachstumserfolg Ostasiens verglichen mit anderen Weltregionen lässt sich mit der guten Humankapitalausstattung dort erklären.

 

Warum bleibt Ungleichheit für viele Menschen ein Ärgernis – selbst wenn die Armut überwunden ist?

Obwohl die Ungleichheit unter den Menschen weltweit abnimmt, vor allem wegen des aufholenden Wirtschaftswachstums in vielen armen Ländern und der dadurch sinkenden Ungleichheit zwischen den Volkswirtschaften, bleibt Ungleichheit für viele Menschen auch dann noch ein Ärgernis, wenn die Armut einmal überwunden sein sollte. Was Ungleichheit auch dann noch bedeutet, sieht man am besten bei Betrachtung der Einkommensentwicklung in den reichen Ländern. Materiell geht es auch in Ländern mit hoher und zunehmender Ungleichheit den Armen immer besser. In China gibt es nicht mehr – wie unter Mao – die Einhosenfamilien, wo Mann und Frau sich eine Hose teilen mussten und nicht gleichzeitig das Haus verlassen konnten. Im Westen müssen die Menschen immer kürzere Zeit für den Erwerb von Konsumgütern arbeiten, ob eine Waschmaschine oder einen Farbfernseher (Perry 2014). Bei amerikanischen Durchschnittsverdienern hat sich der Arbeitszeitbedarf für diese Güter von 1959 bis heute auf weniger als ein Viertel reduziert. Das gilt trotz der vielfach beklagten Stagnation der Reallöhne in den USA.

Seit den 1970er Jahren sind in den USA vor allem die ganz hohen Einkommen stark gestiegen, ob man die oberen 5 oder 1 Prozent oder das oberste oder gar oberste Zehntel Promill nimmt (Deaton 2013, 188, 204). Die Beurteilung dieses Tatbestandes ist m.E. aus zwei Gründen nicht ganz einfach. Erstens dominieren unter den Reichen nicht mehr die reichen Müßiggänger, sondern arbeitende Reiche (wie etwa die Gründer von Microsoft oder Google). Zweitens nimmt der Beitrag der privilegierten Bevölkerungsschichten zum Steueraufkommen immer mehr zu. Der Anteil des reichsten Prozents an den amerikanischen Bundessteuern ist von 1980 bis 2005 von 14,2 auf 27,7 % gestiegen, hat sich also fast verdoppelt (Lipford and Yandle 2012, 522). Umgekehrt ist der Anteil der ärmsten 40 % von 9 auf 5 % gesunken, hat sich also fast halbiert. 2007 zahlte das oberste Prozent der Steuerzahler allein schon 38% der Einkommensteuern (Boskin 2012, 7). Aber 47%  aller Amerikaner bezogen staatliche Zahlungen.  Auch in Deutschland zahlten 2011 die oberen 40 Prozent der Bevölkerung mit 89,3 Prozent die Einkommensteuer fast allein – ja die oberen zehn Prozent allein trugen schon 54,6 Prozent der Einkommensteuerlast – während eine  Mehrheit der Bevölkerung sich daran so gut wie gar nicht beteiligte (IW 2012: 67).  Schlimmer noch: Viele Menschen sind direkt von staatlichen Leistungen abhängig. Die Einkommensungleichheit korreliert also mit dem Tragen öffentlicher Lasten.

Wenn es den Menschen bei wirtschaftlicher Freiheit oder Kapitalismus trotz unausrottbarer Ungleichheit immer besser geht, dann resultieren die Legitimitäts- und Akzeptanzprobleme des Kapitalismus im Wesentlichen aus Vergleichsprozessen. Wir Menschen neigen dazu, uns mit anderen zu vergleichen. Wenn es den Anderen besser geht als uns – oft aus Gründen, die uns nicht einleuchten oder die wir nicht verstehen – entsteht leicht Neid. Was passiert, wenn wir dieser Neigung nachgeben, hatte ebenfalls schon Hayek (1971, 157) erkannt: „Zu verhindern, dass Einige gewisse Vorteile zuerst genießen, kann verhindern, dass die Übrigen sie jemals genießen werden. Wenn der Neid bestimmte außergewöhnliche Lebensformen unmöglich macht, werden wir am Ende alle eine materielle und geistige Verarmung erleiden.“ Wichtiger noch als dieses hayekianische Argument ist m.E., dass die Trennung von politischer Macht und wirtschaftlicher Macht an sich zur Begrenzung politischer Macht beiträgt.  Die Trennung von wirtschaftlicher Macht und politischer Macht kann es auch bei großem Reichtum in wenigen Händen noch geben, wie Amerika und generell der Westen zeigen. Für Christen ist der Neid Sünde, für Agnostiker einfach dumm. Denn wer den Machthabern misstraut oder Fehler zutraut, der freut sich über jede potenzielle Gegenmacht, auch wenn sie aus dem Reichtum der Anderen resultiert.

Dieser Aufsatz liegt dem Vortrag zugrunde, den der Autor am 14. November 2015 vor dem Lord Acton-Kreis in Salzburg (Casa Austria) gehalten hat.

Anmerkungen:

[1] Zwar kann man nur einen Teil der vorhandenen Ungleichheit als funktional (oder im gesamtgesellschaftlichen Interesse liegend) bezeichnen, aber es gibt bisher keine brauchbaren quantitativen Schätzungen dafür, wie hoch dieser Anteil ist (Deaton 2013, 213).

[2] Unglücklicherweise werden in der Literatur recht verschiedene Freiheitsdefinitionen verwendet. Für mich ist Freiheit durch die Minimierung von Zwang und Gewalt definiert, wie bei Hayek (1971) oder bei den Ökonomen, die den Index für wirtschaftliche Freiheit konstruiert haben. In der politischen Philosophie wird diese Freiheit oft auch als negative Freiheit bezeichnet. Ganz anders definiert Deaton (2013, 2) Freiheit. Für ihn sind “poverty, depravation, and poor health“ das Gegenteil von Freiheit. Das ist ein sog. positiver Freiheitsbegriff, den ich nicht verwende.

[3] Auf die umfangreiche Literatur zum Aufstieg des Westens kann ich hier nicht eingehen. In meinem Buch werden Teile davon erörtert.

[4] Während die reichen Länder des Westens ganz ohne altruistische Politik den armen Ländern Vorteile der Rückständigkeit vermittelt haben, ist die Wirksamkeit einer vielleicht altruistischen Maßnahme, nämlich der Entwicklungshilfe, umstritten. Während Deaton (2013, 15, ausführlich 7. Kapitel) glaubt, „most external aid is doing more harm than good“, ist Sachs (2005) ein heftiger Befürworter.

[5] Deaton (2013, 116) betont: “growth does not bring any automatic improvement in the health component of well-being.“ Die Tatsache, dass die Kindersterblichkeit in Indien bei langsamerem Wachstum schneller gefallen ist als in China bei schnellerem Wachstum, kann das illustrieren.

[6] Manchmal wird behauptet, dass zunehmende Pro-Kopf-Einkommen jenseits einer gewissen Schwelle nicht mehr zum berichteten Wohlbefinden (happiness) beiträgt. Nach Deaton 2013, 21) ist das falsch. Bei der Steigerung des Wohlbefindens kommt es allerdings nicht auf die absoluten Geldbeträge an, sondern auf die proportionalen Unterschiede. Zehn Prozent mehr bringen bei armen und reichen Ländern gleichermaßen mehr „happiness“. Aber zehn Prozent mehr sind in Italien absolut viel mehr als in Afghanistan oder dem Tschad.

[7] Die hier berichteten Befunde sind aus vielen Gründen ganz anders als die Pikettys (2014). Erstens geht es hier um Einkommensungleichheit, die dichter an den Konsum- und Lebenschancen der Menschen ist als die Ungleichheit der Vermögenswerte, die ein Fokus von Pikettys Analysen sind. Besitz ist ja vor allem wegen der daraus resultierenden Einkommen interessant. Aber Piketty weist durchaus zu Recht auf die zunehmende Ungleichheit auch der Einkommen in vielen westlichen Industrieländern hin, wobei das oberste eine Prozent oder noch kleinere Bevölkerungsteile in den letzten Jahrzehnten besonders gut abgeschnitten haben. Zweitens beschäftigt sich Piketty praktisch nur mit der Ungleichheit im Westen, also global gesehen: mit der Ungleichheit unter dem reichsten Fünftel der Menschheit. Drittens vernachlässigt er auch die zunehmend wichtiger werdende Ungleichheit zwischen den Generationen, etwa in Bezug auf die Chance zum Hauserwerb oder angemessener Altersversorgung in den ergrauenden und überschuldeten Gesellschaften des Westens (Willetts 2015).

[8] Wenn man jedes Land, unabhängig von der Bevölkerungszahl, gleich gewichtet, dann sind die internationalen Unterschiede im Pro-Kopf-Einkommen nicht gefallen, sondern eher gestiegen (Deaton 2013, 233). Außerdem hat die Ungleichheit in mehr Ländern zugenommen als abgenommen. Daraus folgt aber nicht, dass die Ungleichheit unter den Menschen der Welt zugenommen haben muss. Das überdurchschnittliche Wachstum in den bevölkerungsstarken Ländern Asiens hat das verhindert (Deaton 2013, 261).

 

Literatur

Becker, Gary, Philipson, T. J., Soares, R. R. (2005) The Quantity and Quality of Life and the Evolution of World Inequality. American Economic Review 91: 277-291.

Boskin, Michael J. (2012) Fiscal Policy for Economic Growth. The Economist’s Voice 9(2): 1-13.

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Bleaney, Michael, and Akira Nishiyama (2002) Explaining Growth: A Contest Between Models. Journal of Economic Growth 7(1):  41-56.

Deaton, Angus (2013) The Great Escape. Health, Wealth, and the Origins of Inequality. Princeton: Princeton University Press.

Dikötter, Frank (2010) Mao’s Great Famine. The History of China’s Most Devastating Catastrophe, 1958-1962. London: Bloomsbury.

Easterly, William (2014) The Tyranny of Experts. Economists, Dictators, and the Forgotten Rights of the Poor. New York: Basic Books.

Economist, The (2015) Africa’s middle class. Few and far between. The Economist 417, no. 8961, October 24th: 35-36.

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Lipford, Jody W. and Bruce Yandle (2012) Tax Payers and Tax Spenders: Does a Zero Tax Price Matter? Independent Review 16(4): 517-531.

Perry, Mark J. (2014) Data reveal that the average working American is better off than in the 1950s, and that ‘wage stagnation’ is a myth. American Enterprise Institute (online).

Piketty, Thomas (2014) Capital in the Twenty-First Century. Cambridge, MA: Harvard University Press (Belknap).

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Sachs, Jeffrey D. (2005) The End of Poverty. New York: Penguin.

Sala-i-Martin, Xavier, Doppelhofer, Gernot, and Miller, Ronald J. (2004) Determinants of Long-Term Growth. American Economic Review 94(4): 613-835.

Smith, Adam (1776/1990) Der Wohlstand der Nationen. München: DTV.

Weede, Erich (2000) Asien und der Westen. Baden-Baden: Nomos.

______ (2003) Intelligenztests, Humankapital und Wirtschaftswachstum: eine international vergleichende Studie. List Forum 29(4): 390-406.

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Willetts, David (2015) Mind the Gap. Prospect, September: 34-36.

 

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