Das schwarze Gold und sein schwindender Einfluss

Ohne Zweifel stehen die Weltwirtschaft und die Versorgung mit Erdöl beziehungsweise der jeweilige Erdölpreis seit dem Aufstieg des Petroleums als die praktischste aller Energiequellen in einem existentiellen Spannungsverhältnis zueinander. Darüber hinaus gestaltet das Erdöl auch jenseits von Nachfrage und Angebot das Machtgefüge auf der Welt bestimmend mit. Die Kolonialmächte führten Kriege darum, amerikanische Präsidenten wurden aus Erdöls Gnaden ins Amt gehievt, mit Pipelines versuchen östliche Nachbarn, Europa in Richtung ihrer Interessen zu lenken, und der größte Erdölhabenichts aller Zeiten, die Volksrepublik China, baut eine riesige maritime Streitmacht zur strategischen Sicherung der Versorgung mit dem dunklen Saft auf.

 

Die Relativierung eines wichtigen Rohstoffes

Entsprechend neuralgisch wird das Phänomen Erdöl an den Märkten wahrgenommen. Wenn Eisenerz, Weizen, Kaffee- und Kakaobohnen im Preis schwanken – wen kümmert’s wirklich? Höchstens eine kleine Gemeinschaft von Direktinvolvierten. Wenn es hingegen um Erdöl geht, horchen alle Marktteilnehmer auf; gegebenenfalls wird kollektiv geschlottert. Ein Blick auf ein paar einschlägige Daten lässt allerdings vermuten, dass diese den Märkten inhärente Panik stark übertrieben beziehungsweise in verschiedener Hinsicht überholt ist.

  • Nachfrage und Angebot für Erdöl, gemessen in Fässern pro Tag, erwiesen sich über den ganzen Zeitraum hinweg als erstaunlich stetig. Von echten Versorgungsengpässen kann keine Rede sein. Exogene Schocks wie Kriege (Vietnamkrieg, Golfkriege) oder welthistorische Paradigmenwechsel (Eintritt Chinas in die Weltwirtschaft, Zusammenbruch des Ostblocks) wurden offenbar problemlos absorbiert.
  • Die über die ganze Zeit immer wieder geäußerte Befürchtung (oder Hoffnung, je nach politischer Couleur), das Erdöl könnte zur Neige gehen, ist aufgrund der Produktions- und Verbrauchszahlen wenig fundiert.
  • Der Verbrauch von Erdöl in absoluten Zahlen nahm zwar zu und wird dies auch weiterhin noch tun. Gemessen am inzwischen eingetretenen Wachstum der Weltwirtschaft hat sich jedoch ein deutlich sinkender Zusammenhang und mithin eine wesentlich geringere Abhängigkeit des Welt-GDP vom Erdöl ergeben. Erdöl dürfte auf dem Weg sein, zu einem gewöhnlichen Rohstoff zu werden.
  • Was hingegen, gerade mit Blick auf die Stetigkeit des realen Outputs und Verbrauchs, außerordentlich stark schwankt, ist der Preis für Erdöl. Man stelle sich einmal vor, ein anderer Faktorpreis der Wirtschaft, zum Beispiel die Arbeit oder die Kapitalkosten, würden dermaßen schwanken! Die Absorptionsfähigkeit des Weltwirtschaftssystems für sehr hohe und sehr tiefe Erdölpreise fasziniert.

Aus meiner Sicht folgt der Preis für Erdöl recht ähnlich dem Muster der von den realen ökonomischen Produktionsverhältnissen weitgehend abgekoppelten Finanzmärkte: Sie zeichnen sich durch eine hohe Volatilität, durch abrupte Veränderungen, zu häufig eintretende Extremrisiken, durch «Irrationalität» aus, während der reale Output der meisten Länder und der Welt als ganzer einem ziemlich stetigen Pfad folgt. Das war, geschichtlich gesehen, nicht immer der Fall: Bis Ende des 19. Jahrhunderts waren Schwankungen des Bruttoinlandprodukts von +/– 10 Prozent nicht unüblich. Ich vermute, dass es geradezu das Wesen und die Bestimmung der von finanziellen Erwartungen und «Spekulation» getriebenen Märkte ist, mit den enormen Ausschlägen für eine Glättung des realen Outputs zu sorgen. Die Interdependenz wird allerdings von den meisten Beobachtern genau umgekehrt gesehen, nämlich so, dass die «bösen» Märkte die realen Verhältnisse stören.

 

Erdöl kennt mehrere Preise

Wie auch immer: Der Erdölpreis hat selbstverständlich – übergeordnete Absorptionsfähigkeit der Weltwirtschaft hin oder her – auf beiden Seiten der Anbieter und der Nachfrager sowie auch bei all jenen, die als Händler dazwischenstehen, enorme ökonomische Bedeutung. Allein das am Erdölmarkt zu beobachtende Phänomen der Zyklen von zeitweisem Unter- und Überangebot und der damit verbundene Wechsel zwischen «Backwardation» und «Contango», das heißt dem Unter- oder Überschießen der Terminpreise gegenüber den Spotpreisen, könnte Bücher füllen, was es auch tut. Resultat der kursorischen Lektüre: Die Verhältnisse sind hoch komplex, und es lässt sich deshalb kein über längere Zeit gültiges Modell mit relevanter Prognosefähigkeit ausmachen. Was man sagen kann: Meistens, aber nicht immer, lohnt es sich, über Erdölvorräte in Tanklagern und dergleichen zu verfügen. Zurzeit lohnt es sich aber gerade überhaupt nicht, weshalb über hohe Verschuldung aufgebaute Bestände zu einem entsprechenden Hochrisiko für die Schuldner und deren Gläubiger (bzw. das ohnehin gestresste Bankensystem…) geworden sind.

Was hingegen für die Lagebeurteilung des Mittleren Ostens deutlich mehr interessiert, ist der Zusammenhang zwischen dem durchschnittlichen Vollkostenpreis, dem marginalen Produktionspreis und dem impliziten Erdölpreis, der zur Deckung aller Kosten des beschriebenen Gesellschaftsvertrags in Saudi-Arabien und den Golfstaaten notwendig wäre.

Zunächst zum Vollkostenpreis: Er liegt aufgrund der regionalen geologischen Gegebenheiten und den damit verbunden tiefen Investitionskosten für ein qualitativ sehr hohes Produkt enorm tief. Etwas übertrieben könnte man sagen: Ein Bagger muss nur an der Erdoberfläche kratzen und schon sprudelt eine Quelle. Das stimmt so selbstverständlich nicht. Aber die Unterschiede zu mühseligeren, investitionsintensiveren und immissionsmäßig problematischeren Schürfungstechniken sind enorm. Für Öl aus «Fracking», das heißt aus der Ölschieferextraktion, rechnet man mit mindestens 70 US Dollar pro Barrel. In der Golfregion dürfte der durchschnittliche Vollkostenpreis zwischen 10 und 20 US Dollar pro Barrel liegen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht darf ein solcher Preis über längere Sicht nicht unterschritten werden, sonst droht die Pleite, beziehungsweise es können keine neuen Investments mehr getätigt werden. Beides führt mittelfristig zu Produktionsausfällen und Marktanteilsverlusten.

Über kürzere Zeit kann ein Angebot aber selbstverständlich auf der Ebene von Grenzkosten, ja, bei Einsatz vorhandener Reserven sogar darunter, in den Markt gestellt werden. Die Grenzkosten ermitteln sich aus den variablen Aufwendungen, welche notwendig sind, um eine bestimmte Angebotsmenge zusätzlich zu produzieren. Wer über tiefe Grenzkosten und eine hohe vorhandene Fördermenge verfügt, hat Marktmacht. Er kann den Mitbewerber in die Ecke drängen und damit den Tarif weitgehend bestimmen. Dies zumal dann, wenn die Nachfrage «steif», ökonomisch ausgedrückt «unelastisch» ist, was bedeutet, dass die Konsumenten, Preis hin oder her, kaum auf ein Ersatzprodukt umsteigen können, schon gar nicht kurzfristig. Saudi-Arabien, Leader im Kartellverbund der OPEC-Staaten, spielte seit je virtuos auf dem Klavier dieser inhärent gegebenen Marktmacht. In jedem Kartell neigen die Mitglieder grundsätzlich dazu, die verabredeten Tarife zu unterbieten. Saudi-Arabien gelang es immer wieder, durch ultimativ tiefe Voll- und noch tiefere Grenzkosten sowie durch die sozusagen unbeschränkt vorhandene Lagerkapazität nicht geförderten Öls die Disziplin wiederherzustellen.

In der Zwischenzeit und in zunehmendem Maße macht jedoch eine dritte Größe einen dicken Strich durch die Rechnung beziehungsweise unterhöhlt die Marktmacht Saudi-Arabiens von innen heraus: der implizite Preis, welcher zur Stützung des beschriebenen Gesellschaftsvertrags notwendig wäre. Also zur Speisung der gefräßigen 2’000 Prinzen und zur Ernährung der mittlerweile 30 Millionen Einwohner ganz generell. Die Schätzungen für diese finanzpolitisch errechnete, strukturelle Größe gehen auseinander, mit etwa 80 US Dollar pro Barrel dürfte man aber nicht zu hoch liegen. Liegt der Weltmarktpreis für Öl darunter, dann muss in die Staatskasse gegriffen werden, um die Versprechungen weiter zu erfüllen. Wenn die Staatskasse leer ist, müssen Aktiva verkauft werden, um die Kasse wieder zu füllen. Notfalls muss man die laufenden Ausgaben über den Gang an den Kapitalmarkt finanzieren. Diese Situation ist seit dem scharfen Preiszerfall vor anderthalb Jahren von über 100 US Dollar/Barrel auf zeitweise weniger als 30 US Dollar/Barrel gegeben. Es ergibt sich mit anderen Worten ein Dilemma: Zur Disziplinierung des Kartells wären über längere Zeit Weltmarktpreise in der Nähe der Vollkosten, ja zu Grenzkosten notwendig. Zur Schonung der eigenen Finanzlage müssten jedoch die Preise in der Nähe von 100 US Dollar stehen.

Kommt dazu, dass vermutlich die Nachfrage auch nicht mehr dermaßen unelastisch ist, wie sie einmal war.

 

Substituierbarkeit und ihre Konsequenz

Schmerzhafte Erfahrungen der erdölärmeren Industrienationen aus den vergangenen Jahrzehnten, aber auch von Umweltüberlegungen geleitete Anstrengungen haben zu einer deutlich erhöhten Substitutionsfähigkeit für Erdöl geführt. Heute ist es grundsätzlich möglich, aus Kohle und Biomasse Treibstoff für Autos herzustellen. Das Elektroauto steht ante portas. Geothermie, Solar- und Windenergie leisten maßgebliche Beiträge an den Energiemix entwickelter Länder, und die Nuklearenergie hat keineswegs ausgedient, wenn man beispielsweise an die 32 Atomkraftwerke in China denkt, zu denen in den kommenden Jahren über 20 neue hinzukommen werden. So einfach dürfte es den erdölproduzierenden Ländern nicht mehr fallen, den Preis für das schwarze Gold hinaufzuschrauben. Im Gegenteil: Wir gehen davon aus, dass, wie anderswo im Wirtschaftssystem auch, Überkapazitäten im Gefolge des Investitionsbooms und mithin deflatorische Tendenzen die Szene beherrschen. Das verheißt nichts Gutes für die von Erdöleinnahmen stark abhängigen Länder. Sie stehen unter einem Druck, an den sie traditionell nicht gewohnt sind und mit dem sie voraussichtlich kaum umgehen können: dem Druck sich leerender Kassen und Schatztruhen.

 

Dies ist ein gekürzter Beitrag aus der bergsicht 19 mit dem Titel „Mid-East: Paradies, Apokalypse und Realität“. Mehr Informationen finden Sie auf www.m1ag.ch.

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