Blockchain: effizienter als Institutionen

Ein „Hot topic“

“Blockchains” sind derzeit in vieler Munde, ja, eine wahre Flut von Artikeln ergiesst sich derzeit durch einschlägige Magazine und Zeitungen, vom “Economist” über das “Wall Street Journal”, die NZZ und die „Schweizer Bank“ bis zum Samstagsmagazin der Tamedia-Gruppe. Die Leser werden anhand von immer wieder abgeschriebenen Beispielen in die Geheimnisse der eine Blockchain definierenden Kryptographie eingeweiht; bereits existiert eine Blockchain-Sondersprache mit meist unscharfer Begrifflichkeit und grassiert jene Verschworenheit einer Priesterschaft von Eingeweihten gegenüber ahnungslosen Laien, die naive Fragen in der Kehle ersticken lässt. Gemeinsam ist den Artikeln die Androhung der nächsten Strukturkrise, die nach den Umwälzungen durch Internet 1.0 und 2.0 noch viel, viel mehr Jobs obsolet werden lässt. Angesichts dieses Hypes stellt sich also die Frage: Was steckt hinter dem Phänomen „Blockchain“? Ich versuche den Einstieg mit einem eigenen Beispiel.

 

Meine antike „Blockchain“

Einmal im Jahr, wenn die Kerzen am Weihnachtsbaum brennen und die Familie feierlich beisammensitzt, “Stille Nacht …” aus vereinten Kehlen verklungen ist, holt der pater familias jenen abgegriffenen, dicken Band aus dem Büchergestell, nämlich die aus dem 18. Jahrhundert stammende Bibel in der Lutherübersetzung. Sie überlebte schadlos die Aufklärung, die Französische Revolution, die Übersiedelung der liberalen deutschen Vorfahren in die Schweiz, zwei Weltkriege im 20. Jahrhundert und mithin den Erbgang von mehr als einem Dutzend Generationen. Auf dem Einband sind, zunächst in schwer leserlicher deutscher Schrift, später in helvetischen Blockbuchstaben, die jeweiligen Eigentümer der amüsant bis drastisch illustrierten Heiligen Schrift verzeichnet; die Übergabe der einen an die folgende Generation erfolgte jeweils aus Anlass der Hochzeit – wohl in der Erwartung, dass damit auch eine angemessene Grundlage für nachfolgenden Kindersegen geschaffen sei. Der bis dato auch unterbruchsfrei eintraf.

Die handschriftlichen Einträge in der Lutherbibel vermitteln die Übersicht, wer in der betreffenden Familie zu welchem Zeitpunkt rechtmässiger Eigentümer des Bandes gewesen ist. Diese Art der Informationsspeicherung und -übermittlung gleicht einer Blockchain. Das Hochzeitsdatum ist sozusagen der Zeitstempel [in der Blockchain-Sprache der „Timestamp“], mit welchem der Eigentumsübergang auf einen neuen Namen [für grundsätzlich jedermann einsehbarer „Public Key“] eindeutig bestätigt wird. Müsste man nun als Nachfahre den Beweis antreten, dass man wirklich rechtmässiger Eigentümer ist, dann böte sich in neuerer Zeit gewiss die DNA-Probe an, die fälschungssicher die Rechtmässigkeit des Eigentums bestätigen würde. Die Ahnenreihe wäre so etwas wie ein Sicherheitsschloss, das mit dem Schlüssel des DNA-Skripts [„Private Key“] geöffnet werden kann. Einen zweiten solchen Schlüssel kann es kaum geben. Der Zeitstempel wird gültig, wenn am Hochzeitstag die anwesenden Familienmitglieder durch Nichtintervention ihr Einverständnis zur Übergabe der Lutherbibel bestätigt haben.

 

Gefahr für kostspielige Institutionen

Was also ist eine Blockchain? Ein System, das kraft seiner lückenlosen Historie Beweiskraft erlangt, um Eigentumsverhältnisse zu regeln. Je weniger dinglich eine Sache ist – man vergleiche etwa besagte Lutherbibel mit einem Warenterminkontrakt auf Schweinebäuche zu einem bestimmten Preis in, sagen wir, drei Monaten – desto gewichtiger erweist sich die Rolle von Institutionen in der Regelung von Eigentumsrechten. Die Institutionen haben ihren Preis. Die Gewährleistung von Eigentum durch deren Einschaltung als dritte Instanz, eine Institution eben, ist kostspielig. Das können direkte Gebühren sein, wie sie beispielsweise von Banken, Depotstellen oder Clearinghäusern erhoben werden. Es können aber auch „Gebühren“ versteckt erhoben werden, indem die Institutionen unmerklich ihre Glaubwürdigkeit etwas ritzen und am Ende Stabilitätskrisen verursachen. Ausserdem können oder müssen die mit der Gewährleistung von Eigentum beschäftigten Institutionen mit dem grössten Stakeholder des Bürgers, der Steuerbehörde, mehr oder weniger eng zusammenarbeiten, um dieser Anknüpfungspunkte zur legalen Enteignung mittels Steuern zur Verfügung zu stellen.

Institutionell gewährleistetes Eigentum ist zu kostspielig und letztlich zu unsicher. Die sich vielfach manifestierende Kostenträchtigkeit der Institution ruft sachlogisch nach einem System, das idealerweise Eigentum ohne institutionelle Verankerung zuliesse, ein System also, in dem Informations- und Transaktionskosten nahezu vollständig eliminiert werden könnten. Die Blockchain-Technik könnte genau dies ermöglichen.

Für mich steht deshalb ausser Frage, dass diese Technologie zur sozusagen alles bestimmenden Kraft in der weiteren Entwicklung des Internets, ganz generell aber eigentlich aller wirtschaftlichen, sozialen und politischen Abläufe werden wird. Es lohnt sich, sich mit diesem Thema vertieft auseinander zu setzen.

Dies ist ein gekürzter Beitrag aus der bergsicht 17 mit dem Titel „Blockchain: wie explosiv?“ Mehr Informationen finden Sie auf www.m1ag.ch.

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