Political Correctness: Selbstzerstörung des Liberalismus und der abendländischen Kultur?

Political Correctness gab es schon immer. Denn vermutlich kennt jede menschliche Gemeinschaft gewisse Meinungen, Ansichten, Worte, Ideen oder Begriffe, die sie als Angriff auf ihre geltende Moral versteht und die daher sozial sanktioniert werden. So gesehen ist Political Correctness nichts Neues.

Political Correctness ist eine gesellschaftspolitische Strategie, die auf den Umbau unserer Gesellschaft abzielt.

Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es bei der Political Correctness mit einer Haltung, einer Denkungsart, einer Ideologie zu tun haben, die sich signifikant von allen Tabus oder Sprachverboten in der Kulturgeschichte unterscheidet. Und die Political Correctness ist auch nicht nur eine harmlose Initiative für mehr Höflichkeit im Miteinander und bessere Manieren. Wenn sie das wäre, sie wäre vollkommen unproblematisch. Mehr noch: Sie wäre mit Nachdruck zu begrüßen.

Das Neue an der Political Correctness: eine gesellschaftspolitische Strategie

Doch wie gesagt: Der Political Correctness geht es nicht um bessere Manieren und sie ist auch nicht mit den traditionellen Sprachverboten zu verwechseln, die es vermutlich schon immer und in jeder Kultur gab. Es geht auch nicht um den Schutz von Minderheiten vor sprachlicher Herabsetzung. Bei der Political Correctness handelt es sich vielmehr um eine gesellschaftspolitische Strategie, die auf den Umbau unserer Gesellschaft abzielt.

Nennen wir das Kind also beim Namen: Die Political Correctness ist eine sprachpolitische und massenpsychologische Methode im Weltanschauungskampf der politischen Linken, um die Deutungshoheit in westlichen Gesellschaften zu erlangen. Es geht nicht um Menschen, Menschenwürde oder Menschenrechte, es geht um Macht. Und ihr Ziel ist der Umbau der traditionellen bürgerlichen liberalen Gesellschaft. Mehr noch: Im Kern geht es um die Beseitigung jener Kultur, die den Liberalismus hervorgebracht hat. Sie gilt es als rassistisch, imperialistisch und sexistisch zu entlarven und schließlich zu diskreditieren.

Um das zu verstehen und zu begreifen, warum das so ist, müssen wir uns die Geschichte der Political Correctness vor Augen führen.

Theoretische Grundlagen: Marx, Gramsci, Freud, Marcuse

Um die Political Correctness, die hinter ihr stehende Ideologie und ihre Methodik zur Erlangung gesellschaftlicher Deutungshoheit zu erlangen, muss man kurz in die Geschichte des Marxismus blenden, genauer: in die Zeit um den Ersten Weltkrieg. Aus Sicht marxistischer Theoretiker hatte die Arbeiterklasse im Jahr 1914 versagt. Nach gängiger marxistischer Theorie hätte das Proletariat die objektiv gegebene revolutionäre Situation nutzen müssen, die der Ausbruch des Krieges geschaffen hatte. Das aber geschah nicht. Im Gegenteil.

Unter dem Einfluss bürgerlich-nationalistischer Ideologie zerfleischte sich die Arbeiterklasse in den Schützengräben gegenseitig. Dafür gab es nur eine plausible Erklärung: Offensichtlich war die marxistische Standardtheorie falsch. Der Kapitalismus würde nicht an seinen Klassengegensätzen und anderen objektiven ökonomischen Widersprüchen zugrunde gehen, vielmehr musste der Revolution der kulturelle und weltanschauliche Boden bereitet werden. Es war eben eine Illusion zu glauben, dass sich die Arbeiterschaft allein aufgrund ihrer ökonomischen Situation gegen die Bourgeoisie erheben würde. Man musste der Revolution vielmehr zuvor den ideologischen und kulturellen Boden bereiten. Und das bedeutete: Man musste den Zusammenhang von Basis und Überbau neu denken.

Gramsci: Der Kampf um kulturelle Hegemonie und Meinungshoheit

Einer, der das als Erster erkannte, war der italienische Kommunist Antonio Gramsci. Er war Abgeordneter, später Vorsitzender der 1921 von der PSI abgespaltenen Partito Comunista d’Italia (PCI). Im November 1926 wurde Gramsci verhaftet, 1935 auf gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen. Er verstarb zwei Jahre später.

In seiner Haftzeit schreib er die berühtem Gefängnishefte, die ihn zu einem der wichtigsten und auch einflussreichsten marxistischen Theoretiker machen. In den Gefängnisheften legte Gramsci dar, dass die Herrschaft des Bürgertums nicht allein auf Zwang und ökonomischer Ausbeutung beruhe, sondern auf einer Ideologie, die sich in allen Institutionen der bürgerlichen Welt – Kulturbetrieb, Medien, Universitäten, Familie – niederschlage. Gramsci spricht von der „materiellen Organisation“ (Heft 3, § 49) der ideologischen Struktur. Deren dynamischster Teil seien die Medien.

Um der Revolution zu ihrem Durchbruch zu verhelfen, gelte es, die kulturelle Hegemonie zu erlangen, die Meinungshoheit.

Hinzu käme alles, was die öffentliche Meinung direkt oder indirekt beeinflusst oder beeinflussen kann: „Die Presse ist der dynamischste Teil dieser ideologischen Struktur, aber nicht der einzige: all das, was die öffentliche Meinung direkt oder indirekt beeinflusst oder beeinflussen kann, gehört zu ihr: die Bibliotheken, die Schulen, die Zirkel und Clubs unterschiedlicher Art, bis hin zur Architektur, zur Anlage der Straßen und zu den Namen derselben“ (ebd.).

Um der Revolution zu ihrem Durchbruch zu verhelfen, gelte es daher, die kulturelle Hegemonie zu erlangen, die Meinungshoheit. Ein Schlüssel dafür ist die Sprache. Ziel sei es, mittels entsprechender Sprachpolitik einen „Kollektivmenschen“ (Heft 10, § 44) zu schaffen bzw. das Erreichen „ein und desselben kulturellen ‚Klimas‘“ (ebd.). Kurz: Aufgabe des revolutionären Intellektuellen ist es laut Gramsci, die Schlüsselpositionen des Kultur-, Medien- und Wissenschaftsbetriebs zu besetzen, die kulturelle Hegemonie zu erkämpfen und so die Macht der herrschenden Klasse zu brechen.

Freud: Revolutionsunwillige Arbeiter und Bürger als Patienten

Ein weiterer intellektueller Baustein für das revolutionäre Konzept der Political Correctness war die Psychoanalyse Sigmund Freuds, die nicht zufällig ab den 30er Jahren mit Marx Gesellschaftstheorie zusammengedacht wurde. Freuds Ansatz erlaubte es, die Masse revolutionsunwilliger Arbeiter und Bürger gleichsam als Patienten zu begreifen, die durch eine entsprechende ideologische Therapie „geheilt“ werden müssen – und sei es gegen ihren Willen, da ja gerade die Uneinsichtigkeit in die eigene „Erkrankung“ symptomatisch für einschlägige Zwangsstörung ist.

Der Revolutionsunwillige wird zum Patienten. Die neomarxistische Theorie verknüpfte zu diesem Zweck Freuds Psychopathologie mit Marx’ Begriff der Entfremdung. Doch entfremdet ist der Mensch im Kapitalismus nicht nur durch die Produktionsbedingungen, sondern zugleich durch die ihnen zugrundeliegende Ideologie, die sich in den repressiven Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft manifestiert.

Marcuse: „Sprachliche Rebellion“ und „semantischer Krieg“

An diesem Punkt setzt ein weiterer wichtiger marxistischer Theoretiker an: Herbert Marcuse. Überwunden werden könne die bürgerliche Gesellschaft, so Marcuse, nur mittels einer „linguistischen Therapie“ (Marcuse 1969a, 22). „Das etablierte Vokabular“, so Marcuse, „diskriminiert die Opposition von vornherein“ (ebd., 115). Man müsse daher zu einem „semantischen Krieg“ oder einer „sprachlichen Rebellion“ (ebd., 58) ansetzen. Dabei ginge es um „die Anstrengung, Wörter (und damit Begriffe) von der nahezu totalen Entstellung ihres Sinns zu befreien […]. Gleichermaßen muss das soziologische und politische Vokabular umgeformt werden: es muss einer falschen Neutralität entkleidet werden“ (Marcuse 1969b, 20). Ganz in diesem Sinne betont Herbert Marcuse auch, „dass die Verwirklichung der Toleranz Intoleranz gegenüber den herrschenden politischen Praktiken, Gesinnungen und Meinungen“ erfordert (Marcuse 1965, 93). Unparteiische Toleranz schütze lediglich die herrschenden Machtverhältnisse. Progressive Toleranz hingegen, so Marcuses Argument, muss intolerant sein.

Praktische Entwicklungen und Siegeszug einer Theorie

Zu behaupten, die Political Correctness sei das Ergebnis eines perfiden von langer Hand vorbereiteten revolutionären Planes, wäre natürlich Unsinn. Nur Intellektuelle glauben, dass man mit Büchern und ein paar Kundgebungen eine Gesellschaft verändert. Doch der Erfolg der Political Correctness gründet nicht in den Aktivitäten von ein paar Hundert Politaktivisten an geisteswissenschaftlichen Instituten, sondern in dem gesellschaftlichen Umfeld und den sozialen Wandlungsprozessen, die in den westlichen Gesellschaften ab den 60er Jahren zu beobachten sind.

Konstituierend für den Siegeszug politisch korrekten Denkens und Sprechens waren zwei entscheidende Faktoren: die Individualisierung der westlichen Gesellschaften insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg und ein Umbau des Bildungssystems, der dazu führte, dass ab den 70er Jahren eine neue soziale Schicht überwiegend links sozialisierter, zumeist geisteswissenschaftlicher ausgebildeter Akademiker an die Schlüsselpositionen von Verbänden, Stiftungen, Kultureinrichtungen, Verlags- und Medienhäusern gelangte und so das an den neuen Massenuniversitäten kultivierte linke bis linksliberale Vokabular in die Gesellschaft einspeiste.

Diese Entwicklung wäre jedoch nicht möglich gewesen ohne die schon angesprochene umfassende Individualisierung westlicher Gesellschaften, die im 18. Jahrhundert einsetzte und Mitte des 20. Jahrhunderts endgültig zum Massenphänomen wurde. Ausdruck dieser Individualisierung sind nicht nur ein individueller Lebensstil und Selbstfindung als allgemein verbreitetes Sinnstiftungsprojekt, sondern die Emanzipation der Individuen aus überlieferten sozialen Rollenmustern. Diese bezogen sich auf sie soziale Klasse, auf den Beruf, auf die landsmannschaftliche Herkunft, die Konfession, das Geschlecht oder eine andere überindividuelle Zuschreibung.

Emanzipations- und Frauenbewegung: Simone de Beauvoir

Genau gegen diese Zuschreibungen jeder Art richtet sich das Projekt Emanzipation: Indem die Gesellschaft den Einzelnen einer Gruppe zuschreibt und mit entsprechenden Stereotypen belegt, schränkt sie dessen Individualität faktisch ein und legt ihm rechtliche und soziale Grenzen auf. Der Einzelne wird – ähnlich wie in der berühmten Blick-Analyse Jean-Paul Sartres – durch die anderen zu etwas gemacht: „Jeder Blick […] lässt uns konkret empfinde, dass wir für andere Menschen existieren“ (Sartre 1985, 372). Das Ich wird zu einem Für-andere-Sein, mithin festgelegt. Hier wird dann wenige Jahre später Sartres Lebensgefährtin Simone de Beauvoir ansetzen und behaupten, die Frau werde erst zur Frau gemacht: Erst der Blick der anderen mache aus einem weiblichen Wesen eine Frau und lege sie somit auf die Rolle des Frau-Seins fest, aus dem es sich emanzipatorisch zu befreien gelte: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ (de Beauvoir 1987, 265).

Wenn das Frau-Sein eine soziale Konstruktion ist, dann ist es nur konsequent, darauf zu beharren, dass es diskriminierend ist, eine Frau als Frau wahrzunehmen.

Entsprechend setzt die Frauenbewegung stellvertretend für andere Emanzipationsströmungen des 20. Jahrhunderts genau an diesem Punkt an: Wenn das Frau-Sein eine soziale Konstruktion ist, dann ist es nur konsequent, darauf zu beharren, dass es diskriminierend ist, eine Frau als Frau wahrzunehmen, denn Frau sein bedeutet „das andere“ (de Beauvoir 1987, 11), also das Minderwertige zu sein. Dann ist allein die Tatsache, dass ich eine Frau als Frau anspreche, betrachte oder begehre eine Herabwürdigung, da ich sie in ein fremdbestimmtes, autoritäres Konzept hineinzwänge, das mit fest gefügten Erwartungshaltungen verbunden ist. Diese Diskriminierung ist also sexistisch und gehört in einer Gesellschaft, deren Ideale Freiheit, Selbstbestimmung und Emanzipation sind, konsequent untersagt. In diesem Moment sind wir mittendrin in der Political Correctness.

Der Witz daran: Diese Argumentation ist nicht einmal falsch. Natürlich hat de Beauvoir vollkommen recht, und ihre sensiblen Beobachtungen darüber, wie das Mädchen zur Frau gemacht wird, ist mit das Klarsichtigste und Einfühlsamste, was man in der Weltliteratur dazu lesen kann. Und selbstverständlich ist es so, dass bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein der männliche Blick als die Norm galt und die weibliche Perspektive als das andere, das typisch Weibliche abgewertet wurde.

Von Simone de Beauvoir zur Genderwissenschaft und Queer-Theorie

Aus dieser zunächst zutreffenden Beobachtung hat man jedoch die falschen Schlüsse gezogen. In dem Bemühen, Menschen den Ausstieg aus alten Rollenmustern zu erleichtern, wurden Stereotype pauschal verurteilt. Dabei lassen sich Stereotype im Grunde gar nicht vermeiden. Sie sind Grundlage unseres Denkens und dienen der Weltorientierung. Das Problem sind weniger die Stereotype als vielmehr ihre pejorativen Konnotationen und die Auffassung, diese seien in Erz gegossen. Doch auch Stereotype sind fließend. Sie verändern sich in der Zeit und mit der Gesellschaft. Gerade das Bild der Frau hat sich in den letzten zweihundert Jahren in Europa erheblich verändert. Die Frauenbewegung im Übrigen ist nicht Akteur dieser Veränderung, sondern deren Produkt.

Jeder, der darauf beharrt, dass gewisse Eigenschaften natürliche Tatsachen und keine sozialen Konstruktionen sind, läuft nun Gefahr, als diskriminierend und menschenverachtend bezeichnet zu werden.

Hinzu kommt: Nicht jede Tatsache ist eine soziale Konstruktion. Natürlich gibt biologische weibliche Wesen – und de Beauvoir war sich dieser Tatsache sehr wohl bewusst (vgl. de Beauvoir 1987, 23ff.). Anders manche Adeptin: In dem Wahn, Stereotypen an sich zu dekonstruieren und als Repressionsinstrument zu entlarven, wurden im Namen von Genderwissenschaft und Queer-Theorie auch natürliche Eigenschaften zu angeblich kulturellen Konstruktionen uminterpretiert. Das ist aus wissenschaftlicher Sicht Unfug und epistemologischer Nonsens. Vor allem aber ist es ein Instrument, um sachliche und wissenschaftlicher Bezeichnungen im öffentlichen Diskurs zu diskreditieren. Jeder, der darauf beharrt, dass gewisse Eigenschaften natürliche Tatsachen und keine sozialen Konstruktionen sind, läuft nun Gefahr, als diskriminierend und menschenverachtend bezeichnet zu werden, da er die Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen in Frage stellt.

Übersteigerte Individualisierung des Menschen: Subjektive Gefühle als Maßstab für Rechte

Wenn der Einzelne jedoch nicht Produkt natürlicher Tatsachen und sozialer Zuschreibungen sein darf, sondern allein Produkt seiner Wünsche, Ideale und Idiosynkrasien, dann ist es nur konsequent, dass auch die Verletzung dieses Selbstbildes von jeder Objektivität abgelöst und dem subjektiven Empfinden überlassen wird. Maßstab für Diskriminierung wird dann das individuelle Gefühl des jeweils sich betroffen Fühlenden. Und das wiederum hat zu Folge, dass nicht allein die direkte Ansprache des Betroffenen als Diskriminierung gilt, sondern plötzlich alles, was der vorgeblich Diskriminierte auf sich bezieht.

Da man bei entsprechend ausgeprägter narzisstisch Persönlichkeitsstruktur jedoch alles auf sich beziehen kann, kam es in den letzten Jahren zu einer zweiten Welle der Political Correctness, der von dem Journalisten Jonathan Chait 2015 im „New York Magazine“ sogenannten New Political Correctness. Bezog sich die traditionelle Political Correctness auf vermutete Diskriminierungen oder Herabsetzung konkreter Personen oder Personengruppen, so zielt die Neue Political Correctness nun auf alle Begriffe, Ereignisse, Personen oder Kunstwerke, die möglicherweise die Gefühle von irgendjemandem verletzen könnten. Also durchforstet man Straßenverzeichnisse nach unliebsamen Namenspatronen, überarbeitet Kinderbücher, überprüft die Namen öffentlicher Gebäude oder die Aufstellung von Denkmälern. Nicht nur die Gegenwart soll politisch korrekt modelliert, auch die Vergangenheit soll entsprechend hergerichtet werden.

Es geht mitnichten um Höflichkeit und ein nettes Miteinander, sondern um einen handfesten Kulturkampf.

Hier zeigt sich das wahre Gesicht und die tatsächlichen Intentionen des Projektes der Political Correctness. Es geht mitnichten um Höflichkeit und ein nettes Miteinander, sondern um einen handfesten Kulturkampf. Es geht um die Demaskierung der abendländischen Kultur als rassistisch, sexistisch und imperialistisch. Das Ziel ist nicht ein besseres menschliches Miteinander, sondern die Eliminierung einer ganzen Kultur.

Fazit: Die Auferstehung des jakobinischen „Moralbonzentums“

Im Kern beruht der Gedanke der Political Correctness auf Idealen und Lebensvorstellungen, die die allermeisten von uns zutiefst verinnerlicht haben. Das macht die Sache so problematisch. Wir alle wollen ein selbstbestimmtes Leben, eine nach unseren Maßstäben erfüllte und sinnvolle Existenz, wir alles wollen wir selbst sein und sind uns nicht immer sicher, was das eigentlich bedeutet. Wenn man sich also kritisch mit der Political Correctness auseinandersetzt, muss man immer im Auge behalten, dass sie Teil und Konsequenz einer Lebenswirklichkeit ist, die die meisten von uns nicht missen möchten. Und das bedeutet wiederum: Der Widerstand gegen die Political Correctness darf nicht zu einem Kampf gegen die Errungenschaften der Aufklärung werden, gegen Individualismus, Freiheit und Selbstbestimmtheit.

Die intellektuelle Herausforderung besteht vielmehr darin, genau die Grenze herauszupräparieren zwischen einer liberalen Gesellschaft selbstbestimmter Individuen und einer Gesellschaft, in der Liberalismus, Individualismus und Autonomie in ihr Gegenteil umschlagen und Intoleranz im Namen der Toleranz gepredigt und Demokratie durch totalitäre Maßnahmen gefördert wird.

Dass dieses Phänomen kein neues ist, sondern zu den Insignien der Moderne gehört, zeigt ein – politisch wenig korrekter – Text aus den Jahren 1916 bis 1918. In seinen Betrachtungen eines Unpolitischen beklagt Thomas Mann die „Auferstehung der Tugend in politischer Gestalt, das Wieder-möglich-Werden eines Moralbonzentums sentimental-terroristisch-republikanischer Prägung, mit einem Worte: die Renaissance des Jakobiners“. Dass dieses Moralbonzentum heutzutage nicht mehr im Namen einer totalitären Ideologie auftritt, sondern im Namen des Individualismus, macht die Sache so gefährlich.

 

Literatur
  • de Beauvoir, Simone (1987): Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau, Reinbek bei Hamburg 1987.
  • Gramsci, Antonio: Gefängnishefte (10 Bände), Hamburg, 1991 – 2002
  • Marcuse, Herbert (1969a): Versuch über die Befreiung, Frankfurt/Main, 1969.
  • Marcuse, Herbert (1969b): Ist Sozialismus obszön?, in: Konkret, 2/1969, 20 – 23.
  • Marcuse, Herbert (1965): Repressive Toleranz., in: R. P. Wolff/B. Moore/H. Marcuse: Kritik der reinen Toleranz. Frankfurt/Main 1965, 93 – 128.
  • Sartre, J.-P. (1985): Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie, Reinbek bei Hamburg, 1985.

 

Dies ist ein leicht gekürzter Auszug aus:
Gerhard Schwarz, Stephan Wirz (Hg.): Reden und reden lassen. 2020 © by NZZ Libro, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel. Mit freundlicher Genehmigung.
224 S., 4 Abb. Fr. 34.–* / € (D) 34.– / € (Ö) 35.-

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