Newsletter April 2022: Die neue Bedrohung durch Krieg und Inflation

Letzte Woche war ich eingeladen, bei einer Benefizveranstaltung für die Renovation der prächtigen barocken Basilika Sonntagberg in Niederösterreich vor Vertretern der niederösterreichischen Politik und Wirtschaft einen Vortrag zu halten. Das Thema wurde mir vom Obmann des spendensammelnden Vereins, dem österreichischen Nationalratspräsidenten Wolfgang Sobotka, freigestellt.

So entschied ich mich, über zwei große aktuelle Herausforderungen zu sprechen: den Krieg in der Ukraine und die Inflation. Denn im Unterschied zum Klimawandel handelt es sich dabei um Bedrohungen, die unser Leben kurzfristig verändern werden. Krieg und Inflation sind zudem typische Beispiele für das Versagen von Staat und Politik. Ja sie sind geradezu die beiden Paradebeispiele für jene Übel, die von Staaten – früher von Königen und Fürsten –  verursacht werden und durch die ganze Gesellschaften ärmer werden.

Zum ersten Thema: Europa ist im Krieg. Russlands Präsident, ja Russland selbst, führt einen Krieg gegen den Westen und seine Ideale von Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit.  Denn beim Überfall auf die Ukraine geht es Russland darum, die Ukraine als westlich orientierte Nation und Kultur auszulöschen und in ihrer Eigenstaatlichkeit von der Landkarte zu tilgen. Mit der von Putin propagierten „Entnazifizierung“ ist nichts anderes gemeint als die Ukraine von freiheitlich-demokratischen Einflüssen zu „befreien“.

Dass sich die ukrainische Bevölkerung, auch die russischsprechende, geschlossen diesem Ansinnen mit allen Kräften widersetzt, war für den Aggressor Russland und seine Führung, die offenbar in einer ideologischen Blase imperialer Träume lebt, eine Überraschung.

Auch im Westen ließen sich viele durch das auch bei uns bis vor kurzem dominierende russische Narrativ täuschen, letztlich seien Russen und Ukrainer ein einziges Volk, deren nationale, kulturelle und staatliche Zusammengehörigkeit auf ihrer gemeinsamen Abstammung  von der mittelalterlichen, Ende des 10. Jahrhunderts zur christlichen Orthodoxie konvertierten Kiewer Rus‘  beruhe. Der ukrainische Versuch, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einen eigenen, nach Westen hin orientierten Staat zu bilden, widerspreche der Tatsache, dass es eine von Russland unabhängige und nach Westen hin orientierte Ukraine schon aus historischen Gründen nicht geben könne.

Dieses Narrativ ist falsch. Denn in Tat und Wahrheit haben sich die nordöstliche Kiewer Rus‘ und deren südwestlicher Teil trotz des gemeinsam orthodoxen Glaubens schon im späteren Mittelalter auseinanderentwickelt – die Ukraine mit ihrem Zentrum Kiew nach Westen hin, das Großherzogtum Moskau und dann das Russland der Zaren Richtung Eurasien. Es ist eine verschlungene und faszinierende Geschichte, die man nachlesen kann in dem hervorragenden Buch „Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ (C.H.Beck, München 2017/2022) des Osteuropaexperten und emeritierten Professors für die Geschichte Osteuropas der Universität Wien Andreas Kappeler (nicht zu verwechseln mit unserem Autor Beat Kappeler).

Die von Andreas Kappeler erzählte Geschichte zeigt, wie falsch nicht nur Putins Narrativ ist, sondern auch, in welchem Maße der Westen seit jeher die russische Sicht übernommen hatte und zu welchen Fehlbeurteilungen das führen konnte. Übersehen wurde, dass die Geschichte der Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine von immer wiederkehrenden Versuchen des „großen Bruders“ – Russland – geprägt ist, den „kleinen Bruder“ – die Ukraine – zurückzubinden und an seiner Eigenständigkeit zu hindern.

Einige wesentliche Etappen dieser Geschichte finden Sie auf unserem Blog in meinem Artikel „Völkermord in der Ukraine? Die Angst einer westlich orientierten Nation vor ihrer Auslöschung“. Ein Überblick über die ukrainische Geschichte zeigt, warum es im Kampf gegen den russischen Aggressor für die Ukraine um Sein oder Nichtsein geht. Der Vorwurf des Genozids, den der ukrainische Präsident Selenskyj erhoben hat, scheint in diesem Licht berechtigt.

Nun zum zweiten Thema: Die Inflation ist im Kommen. Viele hatten seit Jahren gewarnt. Die jetzigen Preissteigerungen sind nicht nur Folge des Ukraine-Krieges und der Pandemie (Basiseffekte, beschädigte Lieferketten usw.), sondern vor allem eine Folge des von den Zentralbanken geschaffenen Geldüberhangs – genau das heißt eigentlich „Inflation“: Aufblähung der Geldmenge –, ein Geldüberhang, der nun nach und nach in den Wirtschaftskreislauf fließt und den Anstieg der Preise befeuert.

Inflation ist ein Übel, weil sie alle ärmer macht. Regierungen lieben sie, denn durch Inflation schmelzen die Staatsschulden dahin wie der Schnee an der Sonne. Aber das geht nur so lange gut, bis die Zinsen ansteigen – und das wird unweigerlich kommen müssen, soll die Geldentwertung nicht aus dem Ruder laufen. Die Eindämmung der Inflation wird mit Bestimmtheit zu einer Rezession führen, wir alle werden die Folgen spüren. Man erinnere sich: In den 1970er Jahren musste die amerikanische Zentralbank die Zinsen auf 20% anheben, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Folge war eine schmerzhafte Rezession und die Schuldenkrise der „Dritten Welt“ – danach aber der wirtschaftliche Aufschwung der 1980er Jahre.

Wir haben den bekannten Wirtschaftsprofessor Gunther Schnabl gebeten, das gegenwärtige Phänomen der Inflation und ihre Ursachen genauer zu durchleuchten. In seinem Beitrag „Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen, auch in Pandemie und Krieg“ kommt er zum Schluss, der im Titel schon angedeutet ist: Wie schon Milton Friedmann sagte, wird Inflation immer und überall durch eine zu expansive Geldpolitik verursacht. Natürlich wird der Preisauftrieb durch gestörte Lieferketten, Krieg u.a. verstärkt. Aber die Inflation selbst, die zur gefährlichen, sich selbst verstärkenden Entwertung des Geldes führt, ist immer auf ein Übermaß an Geld in Relation zu den produzierten Gütern und auf dem Markt angebotenen Dienstleistungen zurückzuführen.

Nun wird aber aller Voraussicht nach zu diesen preistreibenden Kräften auch noch die Erdöl- und Erdgasversorgung aus Russland ins Stocken gerade – einen Warnschuss Richtung Polen und Bulgarien hat Russland bereits abgegeben. Die entsprechende Verknappung des Angebots wird die Preise weiter in die Höhe treiben. Die EU, die sich nicht erpressen lassen will, wird nun im Gegenzug selbst einen Importstopp beschleunigen. Wir müssen uns auf turbulente Zeiten einstellen und werden den Gürtel enger schnallen müssen. Vielleicht wird das den wohlstandsgesättigten und staatlich umsorgten Menschen in Europa guttun und Politiker werden sich wieder auf die wesentlichen Staatsaufgaben besinnen. Und wir alle werden wieder verstehen lernen, dass Freiheit ein noch viel wichtigeres Gut als bloßer materieller Wohlstand ist.

Zum Ukraine-Krieg finden Sie auf unserem Blog einen weiteren Beitrag unter dem Titel Die ukrainische Verteidigung erfolgte am Boden – Erinnerungen eines Milizsoldaten: Eine erhellende und leicht autobiographische Analyse unseres Autors Beat Kappeler zur Frage, weshalb die ukrainischen Streitkräfte in der Schlacht um Kiew so erfolgreich waren. Und wenn nicht alles täuscht, geht dieser Erfolg nun weiter, obwohl nun zunehmend schwere Waffen erforderlich sind.

Schließlich ein immer noch aktuelles Thema: Wer zahlt für die irrsinnige Energiewende? Und wer verdient daran? Unser Autor Wolfgang Bok zeigt darin, wie wenig durchdacht die deutsche Energiewende angegangen wurde. Wenn man nachrechnet, so der Autor, ist das Ergebnis ernüchternd. Für die Praxisuntauglichkeit der Energiewende steht der Name einer Politikerin, die für Haftungsnachfragen nicht erreichbar ist und schweigt…

Erneut machen wir auf die AUSTRIAN ACADEMY 2022 aufmerksam. Die Bewerbungsfrist läuft vom 1. bis zum 30. Juni, das Programm ist aber bereits fast vollständig fertig. Vielleicht kennen Sie junge Menschen – oder gehören Sie selbst zu dieser Kategorie –, die Sie darauf hinweisen können. Helfen sie mit, diese Veranstaltung unter vielen jungen Menschen bekannt zu machen! Mehr Informationen unten.

Mit sehr herzlichen, doch weiterhin sorgenvollen Grüßen

Ihr

Martin Rhonheimer
Präsident Austrian Institute

m.rhonheimer@austrian-institute.org

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