Der Palantir-CEO fordert eine intensive Zusammenarbeit zwischen dem Technologiesektor und dem Staat - eine „technological republic“. Steht in dieser die liberale Ordnung auf dem Spiel? (Foto: 123RF)
Mit einer Marktkapitalisierung von etwa 254 Milliarden Euro ist Palantir eines der einflussreichsten Unternehmen weltweit.[1] Das Softwareunternehmen ist auf die Auswertung von Daten mithilfe von Künstlicher Intelligenz spezialisiert, die vor allem der Informationsgewinnung und Mustererkennung dient. Inspiriert von den „Sehenden Steinen“ aus dem Roman „Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien wurde die Technologie unter anderem in militärischen Konflikten der USA eingesetzt, um diesen einen strategischen Vorteil zu verschaffen.[2] Die von Peter Thiel und Alexander Karp gegründete Firma, die intensiv mit der US-Regierung zusammenarbeitet, soll auch zunehmend neue Absatzmärkte in Europa anvisieren. Obwohl einzelne Leistungen bereits in manchen Ländern in Anspruch genommen werden, ist die öffentliche Reputation des Unternehmens, etwa aufgrund von Datenschutzbedenken, umstritten.[3] Doch welche Vision verfolgt dieser Konzern?
Hard Power: Voraussetzung oder Gefahr für den Frieden?
In dem Werk „The Technological Republic“, welches 2025 von dem Palantir-CEO Alexander Karp veröffentlicht wurde, warnt er ausdrücklich davor, dass die Stellung des Westens von anderen Großmächten wie China gefährdet wird. Um die Hegemonie der USA und ihrer Verbündeten zu erhalten, müsse die Transformation von kinetischen zu autonomen KI-Waffensystemen erfolgen, um militärisch unantastbar zu bleiben. Dies sei notwendig, da die USA aus seiner Perspektive Werte und ethische Positionen vertreten, wie etwa die Meinungsfreiheit, die in anderen Nationen nicht in dem Ausmaß gegeben seien. Die Frage ist also nicht, ob, sondern wer diese Technologien besitzt und für welche Zwecke diese Waffen eingesetzt werden. Die pragmatische Sichtweise Alexander Karps bedeutet somit, dass in einer Welt, in der das Recht des Stärkeren zählt, die USA diese Position einnehmen sollten – legitimiert durch ihre moralischen Haltungen.
Doch lässt sich daraus ableiten, dass die Existenz einer militärischen Supermacht tatsächlich für friedliche Zeiten sorgt?
Darüber hinaus argumentiert er, dass die militärische Abschreckung nicht nur zu einer besseren Verhandlungsposition führen soll, sondern auch zu einem langfristig anhaltenden Frieden. Doch lässt sich daraus ableiten, dass die Existenz einer militärischen Supermacht tatsächlich für friedliche Zeiten sorgt? Karp behauptet in der Hinsicht, dass unter anderem die Entwicklung der Atombombe für Stabilität zwischen den Großmächten gesorgt haben soll. Diese soll zu einer der vermeintlich friedlichsten Zeiten jemals maßgeblich beigetragen haben. Dabei verweist er auf die geringe Anzahl an Toten auf dem Schlachtfeld. Diese Position kann hier allerdings kritisch hinterfragt werden: Obwohl es bisher zu keinen direkten Großkonflikten zwischen den Großmächten gekommen ist, schätzt die Brown University die Anzahl der direkten und indirekten Todesopfer der Post-9/11-Kriege, an denen die USA maßgeblich beteiligt waren, auf über vier Millionen.[4]
Der Palantir-CEO argumentiert hingegen, dass es notwendig war, die amerikanischen Soldaten, etwa im Afghanistan-Konflikt, mit der richtigen Software auszustatten, um diese bspw. vor möglichen Straßenbomben zu schützen. Wenn Soldaten schon in den Krieg geschickt würden, sollten sie wenigstens adäquat ausgestattet sein. Er behauptet: „If a U.S. marine asks for a better rifle we should build it. And the same goes for software.“[5] Doch folgt daraus automatisch, dass jede Waffe oder jedes Produkt bei Befehl entwickelt und verkauft werden sollte?
Schließlich könnte mit diesem Prinzip ein kritisches Hinterfragen der militärischen Operation insgesamt ausgehebelt werden
Alex Karp lässt zwar bei der Frage der Rechtfertigung für militärische Konflikte Raum für Diskussionen offen. Allerdings kann die strikte Befolgung dieses Prinzips zu erheblichen Gefahren führen, wenn jede militärische Operation uneingeschränkt unterstützt wird. Schließlich könnte mit diesem Prinzip ein kritisches Hinterfragen der militärischen Operation insgesamt ausgehebelt werden.
In einer liberalen Gesellschaftsordnung reichen deshalb die Gutwilligkeit oder bestimmte Wertvorstellungen als Rechtfertigung für den Einsatz gefährlicher Technologien nicht aus. Das Ziel einer offenen Gesellschaft liegt nämlich nach Karl Popper nicht in der Selektion der „Besten“, wie etwa den Philosophenkönigen Platons, sondern unter anderem in den Schutzmechanismen, die dafür sorgen sollen, dass die Macht des Staates so wenig wie möglich missbraucht werden kann, falls die „Schlechtesten“ an die Macht kommen.
Staat-Tech-Allianz: Fortschritt oder Rückschritt?
Neben den besten Technologien im Kampf um das Recht des Stärkeren fordert Karp zudem ein größeres politisches, beziehungsweise nationales Projekt. Er postuliert, dass der Technologiesektor und der Staat wieder intensiver kooperieren müssen, um Fortschritt zu erzielen. Karp ist mit der aktuellen Entwicklung unzufrieden, da sich die meisten Firmen laut ihm nicht mehr zutrauten, ambitioniertere Projekte zu realisieren. Stattdessen konzentrierten sich diese auf den Konsumenten mit zahlreichen Apps und Social-Media Plattformen. Im Vergleich dazu sollen staatlich getriebene Projekte zu bahnbrechenden Innovationen wie etwa dem Internet oder der Raumfahrt geführt haben.
Karp fordert eine Art Allianz zwischen dem Staat und dem Tech-Sektor, eine „technological republic“
Obwohl diese zu beträchtlichen einzelnen Erfolgen in der Vergangenheit führten, garantiert eine historische Gegebenheit nicht, dass dies in der Zukunft weiterhin geschehen wird. Dabei werden die entstandenen Opportunitätskosten der staatlichen Projekte nicht berücksichtigt. Während einzelne Erfolge gesehen werden, bleiben die Innovationen, die stattdessen entstanden wären, ungesehen. Abgesehen von der Vielzahl an gescheiterten Projekten, die durch einzelne Erfolge in den Hintergrund gedrängt wurden, kann im Nachhinein nur spekuliert werden, welches kreative und produktive Potenzial anstelle der massiven Investitionen in der Rüstungsindustrie realisiert worden wäre.
Außerdem zeigen einzelne private Unternehmen wie etwa SpaceX in der Raumfahrt, welche Resultate in einem dynamischen und freien Markt möglich wären. Die grundlegende Frage ist hier, ob die Konsumenten durch dezentrale Marktprozesse indirekt entscheiden sollen, welche Projekte freiwillig gefördert werden und welche innovativen Unternehmen sich durchsetzen, oder ob einzelne Entscheidungsträger zentral bestimmen sollten, welche Technologien zu fördern sind und welche Firmen diese zu entwickeln hätten. Denn ist es tatsächlich fortschrittlich, wenn ein Großteil des Budgets in die Rüstungsindustrie investiert wird? Da die Gesellschaft nicht unendlich viele Ressourcen zur Verfügung hat, muss folglich auch zwischen zivilen und militärischen Ausgaben abgewogen werden. Die jeweilige Priorität sollte sich jedoch nicht nach den normativen Wertvorstellungen einzelner Personen, wie Peter Thiel und Alexander Karp richten, sondern nach denen, die die jeweiligen Mittel besitzen und gemäß ihren Zielen entsprechend einsetzen.
Gleichzeitig soll das Silicon Valley, aus Sicht Karps, eine moralische Verpflichtung gegenüber dem Staat haben, diesen zu unterstützen, da die Vereinigten Staaten dafür gesorgt haben sollen, dass diese überhaupt in diesem Ausmaß wachsen konnten. Hier ist einzuwenden, dass die Firmen den Vereinigten Staaten zwar verdanken, dass diese vor äußeren Gefahren weitgehend beschützt wurden. Jedoch ist „hard power“ in diesem Fall eine notwendige aber keine hinreichende Bedingung für Innovation. Letztendlich sind die Unternehmer und andere Stakeholder für ihren Aufstieg verantwortlich, während die USA hauptsächlich die Rahmenbedingungen gesetzt haben. Daraus kann nicht abgeleitet werden, dass staatliche Akteure für ihr Wachstum gesorgt haben und dass die jeweiligen Unternehmen eine moralische Verpflichtung zur Unterstützung hätten.
Die Gefahr der gegenseitigen Machtkonzentration
Des Weiteren existiert das Risiko, dass die enge Verflechtung zwischen Staat und großen Software-Unternehmen zu einer erheblichen Machtkonzentration führen könnte. Karp fordert eine Art Allianz zwischen dem Staat und dem Tech-Sektor, eine „technological republic“. Dabei soll die Implementierung der Software von Palantir und anderen Anbietern nicht nur zur militärischen Abschreckung beitragen: Mithilfe von effizienterer Überwachung, wie Gesichtserkennungssystemen, soll die Kriminalität reduziert werden. Karp vertritt hier eine konsequentialistische Perspektive. Er verweist auf die Konsequenzen, wie etwa die Möglichkeiten, kriminelle Organisationen effektiver zu bekämpfen. Allerdings warnt er davor, dass diese Systeme nicht missbraucht werden dürfen. Deshalb sollen konkrete Schutzmechanismen konstruiert werden, damit dies nicht geschieht.
Insbesondere aufgrund der Forderung Karps, die besagt, dass der Staat und die Softwareindustrie in einer Art Bund gemeinsam intensiver kooperieren sollten, besteht das Risiko der gegenseitigen Machterweiterung und Korruption
Die Frage ist, ob die Integrität der Produzenten und die technologischen Möglichkeiten, dass diese Sicherheitsmechanismen tatsächlich befolgt werden, ausreichend sind. Insbesondere aufgrund der Forderung Karps, die besagt, dass der Staat und die Softwareindustrie in einer Art Bund gemeinsam intensiver kooperieren sollten, besteht das Risiko der gegenseitigen Machterweiterung und Korruption. Dies könnte in einer Art Korporatismus resultieren, wo digitale Unternehmen und der Staat erhebliche Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten über ihre Bürger besitzen. Erste Auswirkungen zeigen sich z.B. in der umstrittenen Immigrations- und Zollbehörde ICE, die bereits Systeme dieser Art verwendet. So kann das Produkt mit dem Namen Gotham von Palantir isolierte Datenbasen, wie etwa private Gesundheitsdaten, kombinieren, um einzelne Profile anzulegen – teilweise ohne deren Wissen oder Zustimmung.[6]
Bei möglichen Gefahren erwähnt er zwar, dass dystopische Zukunftsszenarien à la Orwell eventuell nahe sind. Diese sollen aber nicht wegen des Überwachungsstaates und den technologischen Erfindungen des Silicon Valley eintreten. Er verweist auf andere Gründe, nämlich: „It is we, not our technological creations, who are to blame for failing to encourage and enable the radical act of belief in something above and beyond, and external to, the self.”[7] Er verlagert somit dieses Problem auf eine spirituelle oder kulturelle Ebene. Die Lücke solle ein nationales Projekt schließen. Ähnlich wie bei seinem Argument des langanhaltenden Friedens verlässt er sich auf die guten Intentionen und die ethische Überlegenheit beim Einsatz von Machtinstrumenten. Dies ist jedoch bei Weitem keine Voraussetzung für eine liberale Ordnung.
Steht die liberale Ordnung auf dem Spiel?
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich aus den Thesen von Alexander Karp kein eindeutiges schwarz-weißes Bild ergibt. Einige Punkte des Palantir-CEOs, wie etwa die Notwendigkeit des Schutzes vor externen Gefahren, wären prinzipiell mit einer liberalen Gesellschaft vereinbar. Allerdings legitimieren diese nicht automatisch die Mittel oder politischen Ideen, mit denen Alexander Karp wirbt, da diese eine liberale Ordnung in den Händen der falschen Personen gefährden könnten. Dies bedeutet jedoch nicht, dass diese Technologien überflüssig wären. Autonome Waffensysteme und andere KI-gestützte Instrumente werden wohl notwendig sein, um verteidigungsfähig zu bleiben, da die Gefahr besteht, dass andere Länder diese Waffen währenddessen entwickeln. Allerdings legitimiert dies keinen Bund zwischen dem Staat und großen Tech-Unternehmen. Insbesondere eine umfassende Überwachungsarchitektur könnte die liberale Ordnung langfristig gefährden. Deshalb bleibt die entscheidende Frage, ob die Fundamente einer freien Gesellschaft für einen ungewissen Gewinn an innerer und äußerer Sicherheit aufs Spiel gesetzt werden sollten.
Verweise
[1] Stand Juli 2026, https://companiesmarketcap.com/de/palantir/marktkapitalisierung/
[2] https://www.derstandard.at/story/3000000275515/palantir-und-die-unsichtbare-macht-der-daten
[3] https://www.derstandard.at/story/3000000299763/schweiz-erteilt-palantir-absage-risiken-laut-brisantem-bericht-zu-hoch
[4] https://costsofwar.watson.brown.edu/costs/human
[5] Karp, Alexander (2025) The Technological Republic, S.143
[6] https://campaignzero.org/the-private-companies-quietly-building-a-police-state/
[7] Karp, Alexander (2025) The Technological Republic, S.80