Die Mikroökonomie der Korruption: Wie durch Regulierung Monopolrenten entstehen und Korruption gefördert wird

Kein Zweifel: die Wertefrage stellt sich, wenn man über Korruption nachdenkt. Aber ihre Beantwortung ist alles andere als trivial, denn bestimmte Werte stehen mit anderen in Konkurrenz. Die Verabsolutierung einer bestimmten Sichtweise führt zur amoralischen Elimination eines anderen, vielleicht noch berechtigteren Anliegens. Zunächst ist Korruption, jenseits aller ethischen Fragestellungen, schlicht ein ökonomisches Phänomen, das mithilfe der Werkzeuge jener Wissensrichtung dargestellt werden kann. Und genau das wird anhand eines einfachen Beispiels durchexerziert.

Korruption am Beispiel einer Kleinstadt erklärt

Man stelle sich vor, in einer US-amerikanischen Stadt des Mittleren Westens, nennen wir sie Donalds Falls, gebe es eine Anzahl von staatlich konzessionierten Liquor Stores. Von Verkaufsgeschäften also für Wein und stärkere alkoholische Genussmittel. Am Sonntag, dem Tag des Herrn, dürfe jeweils nur ein Geschäft öffnen. Diese Erlaubnis wurde durch die Behörden dem angesehenen Mitbürger O’Hara zugewiesen. O’Hara ist bekannt für seine wohltätigen Gaben an die lokale Kirche, die Stadtbibliothek und das bescheidene, doch akkurat ausgerüstete Medical Center von Donalds Falls. Weniger bekannt – beziehungsweise nur unter jenen, denen am Sonntag halt ab und zu der Schnaps ausgeht – ist der Umstand, dass O’Haras Preisetiketten zwei Seiten haben, eine für den Werktag und eine für den Sonntag. Dann verlangt der Liquor-Verkäufer nämlich rund 30 Prozent mehr für seine Ware. „Nun ja, Sonntagsarbeit kostet halt auch mehr“, sagen sich die Behörden von Donalds Falls, „und außerdem schätzen wir O’Haras Wohltätigkeit sehr“.

Angebot und Nachfrage bei Wettbewerb

Die drei nachfolgenden Diagramme geben die mikroökonomische Situation von Donalds Falls und Umgebung wieder. Die erste Grafik stellt den Gleichgewichtszustand während der Woche dar, da Wettbewerb herrscht und sich die Preise für Alkoholika auf einem bestimmten Niveau einzupendeln pflegen:

Angebot und Nachfrage treffen sich bei einer bestimmten Höhe von Preis Pw («W» steht für Wettbewerb) und Menge Xw. Die Flächen (= Menge mal Preis) KRw und PRw geben die ökonomische Situation der Konsumenten und der Produzenten in Form der Konsumenten- beziehungsweise Produzentenrente wieder. «Rente» tönt reichlich theoretisch, denn es scheint ja niemand etwas direkt zu erhalten. Was ist gemeint? Es geht um die Differenz zwischen dem Preis, zu welchem der durstigste aller Alkoholsüchtigen noch eine Flasche erwerben würde, und jenem Preisniveau, für das gerade noch ein Gelegenheitstrinker knapp zuschlägt. Dass sich das allgemeine Preisniveau genau an diesem tiefsten Punkt befindet, bewirkt den Vorteil («Rente»), der allen Konsumenten zuteil wird. Man beachte das Niveau der nachgefragten respektive der angebotenen Menge Xw: sie ist unter Wettbewerbsbedingungen am höchsten. Das ist mithin ein Hauptgrund für die Wettbewerbsbefürwortung der meisten vernünftigen Ökonomen: der volkswirtschaftliche Output fällt am höchsten aus. Vice versa bedeutet die Produzentenrente, dass nicht zum tiefst denkbaren Preis, zu welchem ein von vielen Skaleneffekten gesegneter Anbieter vielleicht seine Ware noch auf den Markt werfen könnte, gehandelt werden muss, sondern zu einem höheren Preis, der in der Regel die Kosten deckt.

Angebot und Nachfrage in einer Monopolsituation

Das zweite Diagramm zeigt die Situation an den Sonntagen auf:

O’Hara erhöht die Preise, ein Teil seiner Kunden akzeptiert es, wenn auch mürrisch. O’Hara geht mit seinen Erhöhungen genau an die Grenze, bei der sich die nichtabstinenten Bürger von Donalds Falls keinen eigenen Vorrat anlegen oder eine stundenlange Fahrt nach Mickey’s Holes im Nachbarstaat unternehmen, wo keine Verkaufsbeschränkungen für Alkoholika vorliegen und auch der Sonntagsverkauf völlig frei ist. Die Preisgrenze liegt bei PMon («Mon» für Monopol), O’Haras Produzentenrente erhöht sich um die Fläche PRMon, wobei er aber aufgrund der höheren Preise weniger Umsatz macht (entsprechend dem Dreieck UV). Die Produzentenrente kommt für O’Hara in baren Dollarnoten daher und ist nunmehr gar nicht theoretischer Natur! Auf der Konsumentenseite resultiert demgegenüber einerseits ein Opportunitätsverlust im Sinne eines Verzichts auf Alkoholgetränke, andrerseits ein tieferer Griff ins Portemonnaie, ein Cash-Verlust also (KV).

Angebot und Nachfrage bei Korruption

Und die Korruption? Nun, Mister O’Hara ist ja nicht nur ein unbescholtener Bürger, sondern sogar ein Wohltäter an seinen Mitbürgern, weit weg davon, im Sinne des Strafgesetzbuchs «einem Beamten … im Zusammenhang mit dessen amtlicher Tätigkeit für eine pflichtwidrige oder eine im Ermessen stehende Handlung … einen nicht gebührenden Vorteil … zu gewähren». Wenn er nicht gerade selber im Liquor-Store steht, singt er am Sonntagmorgen in der Kirche lautstark mit. Böse Menschen kennen keine Lieder, nicht wahr? Dennoch: Was er an wohltätigen Gaben verteilt, hat seinen Ursprung in der Monopolrente PRMon. Mit der Wohltätigkeit «erkauft» sich O’Hara sein Sonntagsmonopol. Die dritte Grafik zeigt auf, dass der für solche und ähnliche Zwecke zur Verfügung stehende Betrag CR («C» für Corruption, wir sind ja in Amerika…) im schlechtesten Fall der Monopolrente gleichkommt:

Das für korrupte und ähnliche Zwecke zur Verfügung stehende Substrat ist substantiell; es entspricht einer Umverteilung eines Teils der Konsumenten- und der Produzentenrente. Als Umverteilung fließen die Beträge in die Volkswirtschaft zurück und sind insofern makroökonomisch neutral. Der volkswirtschaftliche Verlust jedoch besteht im Umsatzverlust auf Produzentenseite und im Wohlfahrtsverlust des Konsumenten. Auf diese nichthomogene Charakteristik – Umverteilung hier, Umsatz- und Wohlstandsverlust da – und auf die Verknüpfung mit natürlichen und künstlich geschaffenen Monopolsituationen ist meines Erachtens das Vorhandensein der in praktisch allen Gesellschaftssystemen der Welt vorkommenden und irgendwie akzeptierten Korruption zurückzuführen. Desgleichen der Umstand, dass sämtliche Bemühungen, sie zu eliminieren oder wenigstens zu reduzieren, hoffnungslos im Sand verlaufen. Denn es ist a priori nicht grundsätzlich falsch, Monopolrenten umzuverteilen, ganz im Gegenteil! Was in Donalds Falls geschieht, nämlich das großzügige Sponsoring von Kirche, Stadtbibliothek und Gesundheitszentrum, ist denn auch vergleichsweise harmlos. Ja, man kann füglich behaupten, dass kulturelles und soziales Leben ohne solche Mechanismen zur Umverteilung von Monopolrenten weitgehend zum Erliegen kämen.

Schlussfolgerung: Wettbewerb verhindert Korruption

Dennoch, die Grundproblematik des Wohlfahrtsverlusts und mithin des zu tiefen Outputs und Wachstums kann nicht wegdiskutiert werden, und bedeutsamer noch, das unselige und letztlich jede Moralität aushöhlende Zusammenspiel zwischen Politik als Inhaberin von Macht und Gewalt und als Instanz zur offenen und auch versteckten Umverteilung. Denn ja, es gibt natürliche Monopole und damit auch entsprechende Notwendigkeiten zur Abschöpfung und Umverteilung einer Rente. Aber die allermeisten Monopole und monopolähnlichen Situationen sind von Menschenhand geschaffen, ja, es besteht ein riesiger Anreiz für das politische System, durch Monopolbildung Substrat zu schaffen, das zur Umverteilung durch Korruption und korruptionsähnliche Tatbestände zur Verfügung steht. Ohne Macht oder durch Macht verliehenes Recht, einen Stau bilden zu dürfen und andere Schlange stehen zu lassen, entsteht keine Monopolrente, ohne Monopolrente kein Substrat, das für korrupte Zwecke zur Verfügung steht: so die Kausalität. Und im Umkehrschluss: wo reiner Wettbewerb herrscht, kann es keine Korruption geben.

Das ist ein gekürzter Beitrag aus der bergsicht 29 mit dem Titel „Weniger Korruption“. Mehr Informationen finden Sie auf www.m1ag.ch.

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