Erste Vorlesung: Kapitalismus

Ludwig von Mises: Vom Wert der besseren Ideen. Sechs Vorlesungen über Wirtschaft und Politik.

Bis heute hat das Wort „Kapitalismus“ einen negativen Beigeschmack. Wesentlichen Anteil hatte daran Karl Marx (1818 – 1883), der größte Kapitalismus-Kritiker. Vor allem die Linke spricht vom Kapitalismus ausschließlich abwertend, als sei er das schwerste Übel, das gegenwärtig auf der Menschheit laste. Die im kapitalistischen Zeitalter entstandene Großindustrie ist „das Ziel der fanatischsten Angriffe der sogenannten Linken“. Dieses Bild vom „ausbeuterischen Kapitalismus“ basiert auf falschen Vorurteilen, doch es hat nachhaltig das öffentliche Bewusstsein geprägt.

 

Das Elend der Landbevölkerung vor Beginn des Industriekapitalismus

Bevor der moderne Kapitalismus in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden ist, „war der soziale Status eines Menschen vom Anfang bis zum Ende seines Lebens festgelegt. Er erbte ihn von seinen Vorfahren“. Wer arm geboren wurde, blieb es, wer als Herzog geboren wurde, erbte sein Herzogtum.

Die meisten Menschen – mindestens 90 Prozent der europäischen Bevölkerung – arbeiteten in der Landwirtschaft. Sofern es eine Industrie gab, waren es „einfache, Rohstoffe verarbeitende Gewerbezweige“, die „fast ausschließlich den Reichen“ dienten.

Als sich schließlich die ländliche Bevölkerung vermehrte – ganz besonders in England und in den Niederlanden – gab es „im bestehenden gesellschaftlichen System keinen Platz“ für sie: Die überzähligen Menschen hatten kein Besitztum geerbt und fanden weder in der Landwirtschaft noch in den verarbeitenden Industrien Arbeitsmöglichkeiten vor. „Der Zuzug in die Städte wurde ihnen verweigert.“ So wurden sie zu „Proletariern“ im eigentlichen Sinn: Ausgestoßene, die von der Regierung in Arbeits- oder Armenhäuser gesteckt wurden. Ihr Problem verschärfte sich zusätzlich durch den Mangel an Rohstoffen.

Die Zahl dieser „Proletarier“ war sehr hoch: Von den rund sechs oder sieben Millionen Menschen, die im England des 18. Jahrhunderts lebten, gehörten rund eine Million, vermutlich sogar zwei Millionen zu diesen armen Ausgestoßenen. Die herrschende Klasse hatte keine Ahnung, wie ihre Situation zu lösen war.

 

„Proletarier“ werden zu Produzenten für alle

Einige „Proletarier“ begannen kleine Unternehmen – Baumwollspinnereien– zu gründen. Diese produzierten keine teuren Waren für die Oberschicht wie es die Industrie davor getan hatte, sondern billige Waren für jedermann. Das war der entscheidende Unterschied: Es wurde erstmals für alle produziert, nicht nur für einige wenige. Die Arbeiter selbst waren dabei die Konsumenten. So begann der moderne Kapitalismus.

Zweifelsohne war der Lebensstandard der Arbeiter zu Beginn des kapitalistischen Zeitalters nach heutigen Maßstäben fürchterlich. Daran waren jedoch nicht die neuen kapitalistischen Industrien schuld:

„Die Menschen, die in den Fabriken Arbeit fanden, lebten vorher bereits unter dem Existenzminimum. Die berühmte alte Geschichte, hunderte von Malen wiederholt, dass die Fabriken Frauen und Kinder beschäftigten und dass die Frauen und Kinder bevor sie anfingen in Fabriken zu arbeiten, unter befriedigenden Verhältnissen gelebt hätten, ist eine der größten Geschichtsverfälschungen. Die Mütter, die in den Fabriken arbeiteten, hatten nichts zu kochen. Sie verließen nicht ihre Heime und Küchen, um in die Fabrik zu gehen. Sie gingen in die Fabriken, weil sie keine Küchen hatten. Wenn sie aber eine Küche hatten, besaßen sie keine Nahrungsmittel, die sie in diesen Küchen kochen konnten. Und die Kinder kamen nicht aus bequemen Kinderzimmern, sie hungerten und starben.“

Das änderte sich mit den ersten Baumwollspinnereien:

„Als die Fabrikanten in Großbritannien zuerst begannen, Baumwollgüter zu produzieren, zahlten sie ihren Arbeitern mehr, als diese je zuvor verdient hatten. Viele dieser neuen Arbeiter hatten freilich vorher gar nichts verdient und waren deshalb bereit, auf alle Bedingungen einzugehen, die ihnen angeboten wurden. Doch schon nach kurzer Zeit, als sich immer mehr Kapital ansammelte und immer neue Unternehmen gegründet wurden, stiegen die Löhne und das Ergebnis war dieser unerhörte Bevölkerungszuwachs in England….“

 

Starkes Bevölkerungswachstum, höherer Lebensstandard

Dank des kapitalistischen Unternehmertums verbesserten sich schon bald die Lebensverhältnisse: Von 1760 bis 1830 verdoppelte sich die Bevölkerung Englands; „das bedeutet, dass Hunderte oder Tausende von Kindern, die in früheren Zeiten gestorben wären, jetzt überlebten und zu Männern und Frauen heranwuchsen.“ Die Erfolgsgeschichte setzte sich weiter fort: „Im England des 18. Jahrhunderts konnte das Land nur sechs Millionen Menschen bei einem sehr niedrigen Lebensstandard ernähren.“ 200 Jahre später [1958, das Jahr dieser Vorträge] genossen bereits „mehr als 50 Millionen einen Lebensstandard, der viel höher ist als jener, den die Reichen im 18. Jahrhundert hatten.“

Wie sehr die breite Bevölkerungsmasse vom Kapitalismus profitiert hat, zeigt sich noch an einem anderen Umstand:

„In den kapitalistischen Ländern ist heute bei den Grundkosten der Lebenshaltung der Unterschied zwischen den sogenannten höheren und den einfacheren sozialen Schichten verhältnismäßig gering. Beide haben genug zu essen, können sich kleiden und haben ein Dach über dem Kopf. Aber im 18. Jahrhundert, und früher, bestand der Unterschied zwischen einem Angehörigen der mittleren Klasse und einem Mann der niederen Klasse darin, dass der eine Schuhe besaß und der andere keine hatte.“

 

Die ersten Feinde des Kapitalismus waren Aristokraten

Der Hass gegen den Kapitalismus entstand nicht unter den Arbeitern, „sondern unter den aristokratischen Grundbesitzern, dem Adel Englands und des europäischen Kontinents“. Der Grund: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die adeligen Grundbesitzer „durch die höheren Einkommen, die die Industriearbeiter erhielten, gezwungen ihren Landarbeitern ebenfalls höhere Löhne zu zahlen. Die Aristokratie griff die Industrie an und kritisierte den Lebensstandard der großen Masse der Arbeiter.“

Zwei von vielen Beispielen für die Reaktion der Aristokratie:

Ein sehr frühes Beispiel ist die Speenhamland-Gesetzgebung. Sie bezeichnet Sozialgesetze, die im Jahr 1795 in mehreren Teilen Englands verabschiedet wurden. Die britische Regierung hatte einen Mindestlohn festgesetzt. Nun bezahlte sie jenen Arbeitern, die weniger verdienten, die Differenz zum Mindestlohn. „Das ersparte dem Landadel die Belastung, höhere Löhne zahlen zu müssen. … So versuchte man, die Arbeiter davon abzuhalten, das Land zu verlassen und in den städtischen Fabriken Beschäftigung zu suchen.“

80 Jahre später, als die preußischen „Junker viele Arbeiter an die besser bezahlende Industrie verloren hatten, erfanden sie für diesen Tatbestand den Ausdruck ‚Landflucht’. Und im deutschen Parlament diskutierte man über Maßnahmen, um diesem Übel abzuhelfen“.

 

Die Lage der Arbeiter hat sich verbessert – im Gegensatz zu den Behauptungen von Marx

Zum berühmtesten Kritiker des Kapitalismus wurde Karl Marx. Ihm zufolge „gibt es für die Arbeiter weder Gelegenheit noch Möglichkeit, ihre Lage im Rahmen des kapitalistischen Systems zu verbessern“. 1865 bestritt Marx vor der Internationalen Arbeitervereinigung in England, dass die Gewerkschaften die Verhältnisse der Arbeiter verbessern könnten. Stattdessen sollten sie ein revolutionäres Ziel verfolgen: „das Lohnsystem gänzlich abschaffen“ und „das System des Privateigentums durch den ‚Sozialismus’, d.h. durch Gemeineigentum an den Produktionsmitteln ersetzen“.

Die Geschichte hat Marx widerlegt: Dank des Kapitalismus haben sich in den westlichen (und mittlerweile auch in vielen asiatischen) Staaten die Lebensverhältnisse der Massen in einer davor unvorstellbaren Weise verbessert.

 

Massenproduktion für die Massen – das zentrale Grundprinzip des Kapitalismus

Das zentrale Grundprinzip des Kapitalismus ist „Massenproduktion für die Bedürfnisse der Massen“. Im Gegensatz zum Feudalismus sind daher jene Menschen, die in den großen Unternehmen arbeiten auch „die Hauptverbraucher der Produkte, die in diesen Betrieben hergestellt werden. Das ist der grundlegende Unterschied zwischen den Produktionsprinzipien des Kapitalismus und den Prinzipien des Feudalismus der früheren Zeiten.“ Die Unterscheidung zwischen Produzent und Konsument ist daher falsch.

Das hat noch eine weitere Konsequenz: „Im Kapitalismus werden die Löhne nicht von Leuten bestimmt, die einer anderen Klasse angehören als jene, die die Löhne verdienen.“ Die Löhne der Filmstars werden nicht von der Hollywoodfilmgesellschaft bezahlt, sondern von den Kinobesuchern. Die Beschäftigten sind daher jene, die die Waren konsumieren und die Unternehmen so finanzieren.

Die Kritik, dass ein Vater einer kinderreichen Familie denselben Lohn erhält, wie ein Single, geht an der Sachlage vorbei. Es liegt nicht am Unternehmen, die Verantwortung für eine größere Familie zu übernehmen, sondern am Konsumenten. Die Frage ist: Sind die Konsumenten bereit, für ein Produkt mehr zu zahlen, wenn sie wüssten, dass es von einem Familienvater hergestellt wurde? Die ehrliche Antwort wird „Nein“ sein.

 

Im Wettbewerb um die Kunden unterliegen auch große Unternehmen

Auch die Kritik an der Macht der Großindustrie führt in die Irre, denn: „Das größte Unternehmen verliert seine Machtstellung und seinen Einfluss, sobald es seine Kunden verliert.“ Und: „Die Entwicklung des Kapitalismus beruht darauf, dass jeder das Recht hat, den Kunden bessern und/oder billiger zu bedienen.“

Dieser freie Wettbewerb um bessere Bedienung der Kunden wird auch nicht durch entstandene Monopole abgeschafft, wie so oft behauptet wird. Die Erfolgsaussichten sind in der Regel gering, wenn man versucht, bestehende Monopole zu imitieren, aber es steht jedem frei durch neue Erfindungen und Angebote diese herauszufordern.

Ein Beispiel sind die Eisenbahngesellschaften, deren Monopolstellung zu Beginn des 20. Jahrhunderts kritisiert wurde. Sie seien zu mächtig. Daher zerstört der Kapitalismus sich selbst, weil er nun den Wettbewerb ausschalte. „Dabei übersah man aber die Tatsache, dass die Vormachtstellung der Eisenbahnlinien darauf beruhte, dass sie den Bedürfnissen der Menschen besser dienten als alle anderen Transportmittel. … Bald aber tauchten andere Konkurrenten auf. … In den Vereinigten Staaten hat der Wettbewerb durch Busse, Autos, Lastwagen und Flugzeuge die Eisenbahnen in eine äußert schwierige Lage gebracht“.

 

Kapitalbildung ist der Grund für die sozialen Verbesserungen

Der von Marx eingeführte Begriff des „Kapitalismus“ ist insofern zutreffend, als er auf die eigentliche „Quelle der großen sozialen Verbesserungen“ hinweist, die der Kapitalismus geschaffen hat: „Diese Verbesserungen sind das Ergebnis von Kapitalbildung. Sie beruhen auf der Tatsache, dass die Leute in der Regel nicht alles, was sie produzieren, verbrauchen, sondern einen Teil davon sparen und investieren.“

Sparen ist sowohl für jene, die produzieren, als auch für jene, die ihren Lohn verdienen, von Vorteil. Wenn jemand sein Einkommen nicht gleich ausgibt, sondern einer Sparkasse oder einer Versicherung anvertraut, „dann gelangt dieses Geld in die Hände eines Unternehmers und ermöglicht diesem Geschäftsmann seinen Plan auszuführen, den er gestern noch nicht hätte durchführen können, weil das erforderliche Kapital nicht verfügbar war.“ Nun kann er Arbeiter einstellen und Rohmaterialien kaufen.

Die Folge: „Lange bevor der Sparer oder der Unternehmer aus alledem einen Gewinn ziehen könnte, werden bisher unbeschäftigte Arbeiter, die Produzenten von Rohmaterialien, Landwirte und andere Lohnempfänger die Nutznießer der zusätzlichen Ersparnisse.“ Ob der Unternehmer daraus einen Gewinn ziehen wird, ist noch unklar. „Arbeiter und Rohmaterialproduzenten hingegen können sofort einen Vorteil verzeichnen.“

 

Der Lebensstandard aller steigt mit dem pro Kopf investierten Kapital

Die Prognose des Marxismus von der zunehmenden Verarmung der Arbeiter in Folge der weiteren Entwicklung des Kapitalismus war grundfalsch. Im Gegenteil: Ein neuer Betrieb innerhalb einer bereits bestehenden Branche muss Arbeiter von anderen Arbeitsstellen anziehen. „Und die einzige Möglichkeit dazu ist, den Arbeitern höhere Löhne zu bieten. Diese Regel galt in den frühen Tagen des Kapitalismus und ist auch heute noch die gleiche.“

Entgegen der gängigen Behauptung, der Kapitalismus mache die Reichen immer reicher, und die Armen immer ärmer, ist näher besehen viel mehr das Gegenteil der Fall. Die Marxisten nahmen an, die Arbeiter würden mit höheren Löhnen wieder mehr Kinder kriegen, die später das Arbeitsangebot wieder erhöhen, wodurch die Löhne fallen müssen. Doch Arbeiter haben noch andere Bedürfnisse, außer jene nach Nahrung und Fortpflanzung. Das Wichtigste an höheren Löhnen ist: „der durchschnittliche Lebensstandard des arbeitenden Menschen [wird] verbessert.“ Entscheidend hierfür ist, dass Kapital investiert wird: „Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass dieser höhere Lebensstandard von der Menge des verfügbaren Kapitals abhängt. …. Der Reichtum eines Landes steigt im Verhältnis zum Anstieg des pro Kopf investierten Kapitals.“

 

Die hier gebotene, exklusiv für die AUSTRIAN ESSENTIALS erstellte Kurzfassung von “Vom Wert der besseren Ideen” erscheint mit Erlaubnis des Lau Verlags, bei dem auch die von Gerd Habermann und Gerhard Schwarz herausgegebene deutsche Edition des Originaltextes als Buch erhältlich ist.

Der englische Originaltext ist online zugänglich bei der Online Library of Liberty des Liberty Fund.

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