3. Kapitel. Die Lehre vom Wert § 3 (b)

Carl Menger: Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

Die Weiterentwicklung der Zivilisation verlangt zunehmend nach der Verwendung von Gütern höherer Ordnung

Wie bisher deutlich wurde können mit Hilfe von Gütern höherer Ordnung auch die Mengen der uns verfügbaren Genussmittel vermehrt werden (siehe Erstes Kapitel, §5). In der zunehmenden Verwendung von Gütern höherer Ordnung spiegelt sich daher auch die Weiterentwicklung der menschlichen Zivilisation wider:

„Ein wilder Indianer ist ohne Unterlass damit beschäftigt, den Bedarf der nächsten Tage zu decken, der Nomade, welcher die ihm verfügbaren Nutztiere nicht konsumiert, sondern zur Aufzucht von Jungen bestimmt, produziert schon Güter, die ihm erst nach einigen Monaten verfügbar sein werden, bei Kulturvölkern aber ist ein nicht geringer Teil der Mitglieder der Gesellschaft sogar mit der Hervorbringung von Gütern beschäftigt, welche erst nach Jahren, ja nicht selten erst nach Jahrzehnten, zur unmittelbaren Befriedigung menschlicher Bedürfnisse beitragen werden.“

Da nun aber die Umgestaltung von Gütern höherer zu solchen niederer Ordnung in der Zeit erfolgt, geschieht auch diese Verwendung von Gütern höherer Ordnung unter der Voraussetzung, „dass die vorsorgliche Tätigkeit der Menschen sich auf immer entferntere Zeiträume erstreckt“. In dem Maße, wie die Menschen durch die Verwendung von Gütern höherer Ordnung die ihnen verfügbaren Genussmittel vermehren, rücken sie die Zeiträume hinaus, auf die sich ihre vorsorgliche Tätigkeit erstreckt.

Die Vorsorge muss sich zuerst auf frühere Lebensepochen richten, erst danach auf spätere

„In diesem Umstande liegt nun aber eine wichtige Schranke des wirtschaftlichen Fortschrittes.“ Die ängstliche Sorge der Menschen ist nämlich zunächst auf die Sicherung der „zur Erhaltung ihres Lebens und ihrer Wohlfahrt in der Gegenwart, oder der nächsten Zukunft erforderlichen Genussmittel“ gerichtet. Diese Sorge wird schwächer,  je weiter entfernt „der Zeitraum ist, auf welchen sie sich erstreckt. Diese Erscheinung ist keine zufällige, sondern im Wesen der menschlichen Natur tief begründet.“

Zur Erhaltung unseres Lebens müssen wir notwendigerweise zunächst die Bedürfnisbefriedigungen früherer Zeiträume vor jenen späterer Zeiträume sicherstellen. Das betrifft Güter zur Erhaltung unseres Lebens ebenso, wie solche zur Erhaltung unserer Wohlfahrt und unserer Gesundheit. „Die Verfügung über die Mittel zur Erhaltung unserer Wohlfahrt in einem entfernten Zeitraume nützt uns nämlich wenig, wenn Not und Mangel unsere Gesundheit in einem vorangehenden bereits zerrüttet, oder unsere Entwicklung behindert haben.“ Selbst Genussbefriedigungen erscheinen den Menschen in der Gegenwart oder nahen Zukunft als wichtiger, denn zu einem entfernten Zeitpunkte.

Der Grund dafür ist: „Das Leben der Menschen ist ein Prozess, in welchem die kommenden Entwickelungsphasen stets durch die vorangehenden bedingt sind, ein Prozess, welcher, wenn einmal unterbrochen, nicht wieder fortgesetzt, wenn einmal essentiell gestört, nicht wieder vollständig hergestellt werden kann.“ Die Vorsorge für spätere Lebensepochen setzt daher die Vorsorge für die vorangehenden Lebensepochen notwendigerweise voraus.

Die Schranke bei der Heranziehung von Gütern höherer Ordnung liegt für die wirtschaftenden Menschen also in der Nötigung „mit den ihnen jeweilig verfügbaren Gütern zunächst für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse in der nächsten Zukunft, und erst hierauf für jene der ferneren Zeiträume Vorsorge“ zu treffen. Mit anderen Worten: „der wirtschaftliche Nutzen, welcher sich für die Menschen aus der fortschreitenden Heranziehung von Gütern höherer Ordnung zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse erzielen lässt, ist dadurch bedingt, dass sie nach erfolgter Deckung des Bedarfes der nächsten Zukunft auch noch Quantitäten von Gütern für die entfernteren Zeiträume verfügbar haben.“

Von Gütern höherer Ordnung profitiert das wirtschaftende Individuum nur dann, wenn es Kapital besitzt

„In den Anfängen der Kulturentwickelung und beim Beginne einer jeden neuen Phase derselben“ beginnen die wirtschaftenden Individuen zur Verwendung von Gütern der nächst höheren Ordnung überzugehen.

Unter diesen Gütern finden sich zum einen solche, für die man davor keinerlei Verwendung hatte. Diese nun erstmals als Güter höherer Ordnung eingesetzten Dinge haben zunächst nach wie vor keinen ökonomischen Charakter. Das gilt etwa für Grundstücke, wenn Jägervolke zum Ackerbau übergehen, oder für sonstige Materialien wie Kalk, Sand, Bauholz, Bausteine, die zum ersten Male zur Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses herangezogen werden. Da es keine Güter von begrenzter Quantität sind, halten sie in den Anfängen der Kultur die wirtschaftenden Menschen auch nicht „von der fortschreitenden Heranziehung von Gütern höherer Ordnung zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse“ ab.

Anders verhält es sich mit jenen komplementären Gütern höherer Ordnung, die bereits zuvor als Güter niederer Ordnung in einem Produktionszweig zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse herangezogen wurden und schon einen ökonomischen Charakter hatten. Das gilt beim Übergang zum Ackerbau etwa für das Samengetreide und für die nötigen Arbeitsleistungen. Diese Güter sind dem wirtschaftenden Individuum bereits für die Gegenwart beziehungsweise für eine nähere Zukunft verfügbar, und nun werden sie darüber hinaus auch „zur Befriedigung der Bedürfnisse einer ferneren Zeitperiode verwendet“.

„Mit der steigenden Kulturentwickelung und der fortschreitenden Heranziehung neuer Quantitäten von Gütern höherer Ordnung seitens der wirtschaftenden Subjekte gewinnt indes auch ein großer Teil der erstgenannten Güter höherer Ordnung (zum Beispiel: Grundstücke, Kalksteine, Sand, Bauholz etc.) den ökonomischen Charakter“.

Die „Möglichkeit an den wirtschaftlichen Vorteilen zu partizipieren, welche mit der Heranziehung von Gütern höherer Ordnung […] verbunden sind, ist demnach für jedes Individuum dadurch bedingt, dass dasselbe über Quantitäten von ökonomischen Gütern höherer Ordnung […] bereits in der Gegenwart für kommende Zeiträume verfüge, oder mit andern Worten: Kapital besitze.“

Kapitalien sind die innerhalb gegebener Zeiträume verfügbaren Quantitäten ökonomischer Güter

Unter Kapitalien versteht man „jene Quantitäten ökonomischer Güter, welche uns in der Gegenwart für kommende Zeiträume, also innerhalb gegebener Zeiträume verfügbar sind“. Ihre Nutzung wurde zu Beginn dieses Abschnitts erörtert. Sie sind nicht identisch mit einzelnen Vermögensobjekten, die Einkommen gewähren (Grundstücken, Gebäuden etc.), denn diese sind konkrete, dauerhafte Güter, Kapitalien aber meinen „Gesamtheiten von ökonomischen Gütern höherer Ordnung (komplementäre Quantitäten von solchen)“. Ihre Produktivität ist von „wesentlich anderer Natur“.

„Auf das sprachwidrige Zusammenfassen der beiden obigen Gruppen von Einkommensquellen unter dem Begriff des Kapitals lassen sich fast sämtliche Schwierigkeiten zurückführen, welche aus der Lehre vom Kapital für die Theorie entstanden sind.“

Damit ökonomische Güterquantitäten als Kapitalien genutzt werden, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein: „Es muss 1. der Zeitraum, innerhalb welchem das wirtschaftende Subjekt über die bezüglichen Quantitäten ökonomischer Güter verfügt, ausreichend sein, um demselben eine Produktion zu ermöglichen.“ 2. muss das wirtschaftende Subjekt durch diese Quantitäten „mittelbar oder unmittelbar über … die erforderlichen komplementären Quantitäten von Gütern höherer Ordnung“ verfügen.“ Sofern ökonomische Güterquantitäten den Menschen nur für zu kurze Zeiträume verfügbar sind, können diese keine Kapitalien sein. Ebenso darf durch ihre Quantität, Beschaffenheit oder andere Umstände deren Produktivität nicht ausgeschlossen sein.

Unter entwickelten Verkehrsverhältnissen werden Kapitalien den Kapitalbedürftigen sehr häufig in geschätzten Geldsummen zur Benützung angeboten. Das hatte zur Folge, „dass im gemeinen Leben unter Kapitalien der Regel nach Geldsummen verstanden werden. Dass der Begriff des Kapitals hierbei viel zu eng aufgefasst und eine besondere Spezies des letztern zum Typus desselben überhaupt erhoben wird, ist einleuchtend.

Der Satz von der „Produktivität des Kapitals“ besagt: Kapitalnutzungen sind ein Mittel zur besseren Bedürfnisbefriedigung und bei Knappheit ein ökonomisches Gut

Kapitalnutzungen sind demnach die „Verfügung über Quantitäten ökonomischer Güter innerhalb bestimmter Zeiträume“. Damit sind wir „zu einer der wichtigsten Wahrheiten unserer Wissenschaft gelangt, zu dem Satze von der ‚Produktivität des Kapitals’”. Gemäß diesem Satz sind Kapitalnutzungen „für wirtschaftende Subjekte ein Mittel zur besseren und vollständigeren Befriedigung ihrer Bedürfnisse“, und daher „überall dort, wo die uns verfügbaren Quantitäten von Kapitalnutzungen geringer sind, als der Bedarf an denselben“ auch ein Gut, „und zwar ein wirtschaftliches Gut“.

Von Kapitalnutzungen „ist demnach die mehr oder minder vollständige Befriedigung unserer Bedürfnisse nicht minder abhängig, als von unserer Verfügung über andere ökonomische Güter, und dieselben werden demnach Objekte unserer Werthschätzung, und wie wir in der Folge sehen werden, auch Objekte des menschlichen Verkehres.“

Zinszahlungen sind keine Entschädigung für die Enthaltsamkeit des Kapitalbesitzers, sondern schlicht der Eintausch eines ökonomischen Gutes gegen ein anderes

Einige Nationalökonomen haben die Zinszahlung irrtümlicherweise als „Entschädigung für die Enthaltsamkeit des Kapitalbesitzers“ bezeichnet. Dagegen ist „zu bemerken, dass die Enthaltsamkeit einer Person an und für sich nicht die Güterqualität und demnach auch nicht Wert für uns erlangen kann. Auch entsteht das Kapital durchaus nicht in allen Fällen durch Enthaltsamkeit, sondern in vielen Fällen (z. B. überall dort, wo bisher nicht-ökonomische Güter höherer Ordnung durch den wachsenden Bedarf der Gesellschaft den ökonomischen Charakter erlangen) durch bloße Okkupation. Die Zinszahlung ist demnach nicht als Entschädigung des Kapitalbesitzers für seine Enthaltsamkeit zu betrachten, sondern nichts anderes, als der Eintausch eines ökonomischen Gutes (der Kapitalbenützung) gegen ein anderes, (z. B. gegen Geld).“

 

Carl Mengers „Grundsätze“ wurden erstmals 1871 beim Braumüller Verlag veröffentlicht. Später erschienen sie als erster Band von Mengers „Gesammelten Werken“ beim Mohr Siebeck Verlag. Heute ist Mengers Erstlingswerk im Internet frei zugänglich, unter anderem beim Liberty Fund und beim Mises Institute.

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