Was leisten Familien im Sozialsystem?

In Österreich kommt rund die Hälfte der staatlichen Transferleistungen (Pensionen, Gesundheits- und Pflegeleistungen) der Generation 60+ zugute. Das sind rund 58 Milliarden Euro. Kaum beachtet und dokumentiert sind hingegen die privaten Transferleistungen von Familien, die großteils die junge Generation erhält. Der Wiener Bevölkerungsökonom Bernhard Binder-Hammer zeigt in seiner Studie: Die Transferleistungen und ökonomischen Leistungen der Familien sind enorm – und gefährdet.

Der Text ist bei uns auch als Austrian Institute Paper Nr. 31/2020 erschienen. Hier können Sie es herunterladen.

Familien sorgen für Bedürfnisse von Kindern und leisten damit den größten Teil der Investitionen in das Humankapital einer Gesellschaft. Charakteristisch für den Lebensverlauf sind zwei lange Phasen der ökonomischen Abhängigkeit in der Kindheit und im Altersruhestand. Diese ökonomische Struktur des Lebensverlaufs erfordert die Umverteilung von Einkommen zwischen Generationen und über den Lebensverlauf. Drei unterschiedliche Mechanismen können dabei unterschieden werden: Intergenerationelle Transfers innerhalb der Familie, staatliche intergenerationelle Transfers und Vermögensbildung.[1] Während in Österreich die Bedürfnisse im Alter vor allem durch staatliche Pensionen, Gesundheit- und Pflegeleistungen gedeckt werden, spielen Familien für Kinder die weitaus größte Rolle.

Trotz der zentralen Rolle von Familien gibt es wenige Daten, die die ökonomischen Aufwendungen der Familien für die Kinder beziffern. Während über das staatliche Transfersystem und dessen Finanzierbarkeit sehr intensiv diskutiert wird, werden die Leistungen der Familien kaum thematisiert, geschweige denn gemessen.

Sogenannte Nationale Transferkonten (NTAs) versuchen intergenerationelle Transfers umfassend darzustellen, insbesondere auch die Leistungen der Familien. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über wirtschaftliche Unterstützungsleistungen zwischen Generationen basierend auf den Daten der Nationalen Transferkonten für Österreich 2015.

Monetäre intergenerationelle Transfers in der Familie

Eine zentrale intergenerationelle Unterstützungsleistung ist der von Eltern finanzierte Konsum ihrer Kinder. Es gibt für Österreich keine Daten, welche diese Transferleistungen direkt erfassen. Transferkonten schätzen diese Unterstützungsleistungen, indem Daten über individuelle Einkommen und Konsum verknüpft werden. Liegt der Konsum eines Haushaltsmitglieds über dem Einkommen, wird angenommen, dass die Differenz durch Transfers von anderen Haushaltsmitgliedern finanziert wird. Da vor allem Kinder kein eigenes Einkommen haben, werden mit dieser Methode vor allem die Leistungen der Eltern für ihre Kinder erfasst. Auch wenn die Schätzungen stark von den getroffenen Annahmen abhängig sind, liefern NTAs doch wertvolle Hinweise über Größenordnung und Richtung dieser Transfers.

Nach den Schätzungen der Nationalen Transferkonten belaufen sich die gesamten Ausgaben der Familien für Kinder unter 25 auf in Summe ca. 21 Milliarden Euro. Abbildung 1 zeigt die gesamten erhaltenen und geleisteten Transfers von Männern und Frauen in jeder Altersgruppe. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis zum Alter von ca. 25 sind Nettoempfänger intrafamiliärer Transfers. Die höchsten Leistungen erhalten im Durchschnitt Kinder im Alter von etwa 15 Jahren, bevor die jungen Erwachsenen in den Arbeitsmarkt eintreten und selbst Einkommen erwirtschaften. Die höchsten Beiträge zu den intrafamiliären Transfers werden im Alter von 35 bis 55 geleistet und repräsentieren die finanziellen Leistungen von Eltern für ihre im gemeinsamen Haushalt lebenden Kinder. Väter übernehmen aufgrund ihres höheren Einkommens einen größeren Anteil der Beiträge.  Nach der NTA-Methode werden die gesamten privaten Transfers innerhalb der Haushalte auf ca. 34 Mrd. Euro geschätzt. Davon belaufen sich ca. 21 Mrd. Euro auf Transfers zu Personen unter 25. Zum Vergleich: die staatlichen Pensionsausgaben belaufen sich auf 48 Mrd. Euro. Allerdings werden die privaten, interfamilären Transfers von der relativ kleinen Gruppe der Eltern mit abhängigen Kindern finanziert.

 

Abbildung 1: Altersspezifische Transfers innerhalb von Familien, Österreich 2015 (Transfers von Geld und gekauften Gütern/Dienstleistungen)
Quelle: Nationale Transferkonten für Österreich; eigene Berechnungen. Die Werte in der Abbildung repräsentieren die gesamten erhaltenen und gezahlten Transfers in jeder Altersgruppe, nicht pro-Kopf-Größen.

Intergenerationelle Transfers durch unbezahlte Dienstleistungen

Ein großer Teil der intergenerationellen Unterstützungsleistungen in Familien besteht aus Dienstleistungen, die im Haushalt für den eigenen Konsum erstellt werden. Dazu gehört Haushaltsarbeit für andere Generationen, sowie Kinderbetreuung und Pflegeleistungen. Schätzungen über den ökonomischen Wert dieser Unterstützungsleistungen basieren auf Daten der Zeitverwendungserhebung. Zeitverwendungserhebungen erfassen detailliert alle Aktivitäten die im Tagesverlauf ausgeübt werden, zum Teil auch mit wem und für wen.

In den ersten Lebensjahren erfordern Kinder fast sieben Stunden Zeit von ihren Eltern täglich. Frauen im Alter von 30 bis 40 Jahren – insbesondere Mütter – sind die wichtigsten Produzenten von intergenerationellen Transfers durch unbezahlte Arbeit. Im Durchschnitt stellen Frauen im Alter von 30−40 über drei Stunden Arbeit pro Tag anderen Altersgruppen und ihren Partnern zur Verfügung. Bei Männern ist es im Alter von 35 knapp eine Stunde. Während also Männer aufgrund ihres höheren Einkommens einen größeren Teil des Marktkonsums eines Haushalts finanzieren, verrichten Frauen einen größeren Teil der unbezahlten Arbeit. Der monetäre Wert dieser Leistungen kann geschätzt werden, indem der Zeitaufwand mit Löhnen für ähnliche Aktivitäten bewertet wird. Verwendet man die Brutto-Löhne für Haushaltsbedienstete und Kinderbetreuungspersonen, ergibt sich für diese Leistungen ein Wert von 29 Milliarden Euro, der Kindern unter 25 zur Verfügung gestellt wird (Abbildung 2). Der größte Teil dieser Transferleistungen wird von Frauen im Alter von 25-45 bereitgestellt.

 

Abbildung 2: Altersspezifische Transfers innerhalb von Familien, Österreich 2015 (Transfers von Dienstleistungen die durch unbezahlte Arbeit erstellt werden)
Quelle: Nationale Transferkonten für Österreich; eigene Berechnungen. Die Werte in der Abbildung repräsentieren die gesamten erhaltenen und gezahlten Transfers in jeder Altersgruppe, nicht pro-Kopf-Größen.

Die Familie und der Staat im Vergleich

Intergenerationelle Transfers innerhalb der Familie unterstützen die junge Generation, staatliche Transfers die ältere Generation. Die Kombination der beiden Arten innerfamiliärer Transfers (Abbildung 1 + 2) ermöglicht eine umfassende Darstellung der familiären Leistungen. Abbildung 3 zeigt die geleisteten und erhaltenen privaten Transfers und jene des Staatssektors.

Die gesamten privaten Transfers belaufen sich auf 81 Mrd. Euro, die staatlichen Transfers zur Bevölkerung auf 123 Mrd. Geleistet werden innerfamiliäre Transfers hauptsächlich von der jungen Erwerbsbevölkerung, staatliche Transfers von der älteren Erwerbsbevölkerung. Staatliche Transfers sind an die ältere Bevölkerung gerichtet, private Transfers an junge Generationen. Der Wert der gesamten privaten Transfers an die Bevölkerung unter 25 entspricht ca. 50 Milliarden Euro, jener der staatlichen Transfers 25 Milliarden Euro. Zum Vergleich, die gesamten staatlichen Transferleistungen an die Bevölkerung 60+ betragen ca. 58 Milliarden Euro, jene der privaten Transfers 11 Milliarden.

 

Abbildung 3: Intergenerationelle Transfers nach Alter und Geschlecht: Die Familie und der Staat im Vergleich
Quelle: Nationale Transferkonten für Österreich; eigene Berechnungen. Die Werte in der Abbildung repräsentieren die gesamten erhaltenen und gezahlten Transfers in jeder Altersgruppe, nicht pro-Kopf-Größen

Die Unterschiede zwischen privaten und staatlichen Transfers werden deutlich, wenn man die gesamten erhaltenen Transfers nach Altersgruppen aufteilt. Etwa 60 Prozent der gesamten privaten Transfers werden an die Bevölkerung unter 25 Jahren geleistet, nur 14 Prozent an die Bevölkerung 60+. Umgekehrt ist fast die Hälfte der staatlichen Transferleistungen an die Bevölkerung 60+ gerichtet, und nur 19 Prozent an die Bevölkerung unter 25. Die intergenerationelle Umverteilung an die ältere Bevölkerung durch staatliche Transfers wird noch deutlicher, wenn man nur individuelle staatliche Leistungen berücksichtigt und kollektiven staatlichen Konsum (u.a. Verwaltung, Sicherheit, öffentliche Ordnung, Gesetzgebung, Infrastruktur) außer Acht lässt. Die wichtigsten Komponenten sind dabei Pensionen (45% aller staatl. Individualleistungen), Gesundheits- und Pflegeleistungen (25%) und Bildung (15%). Die Bevölkerung unter 25 Jahren erhält 18 Prozent der staatlichen Individualleistungen, die 25-59-jährigen ca. 29 Prozent und die über 60-Jährigen 53 Prozent der Individualleistungen. Dabei entsprechen die bis zu 24-Jährigen und die über 60-Jährigen etwa einem Viertel der Gesamtbevölkerung. Die genaue Aufteilung von erhaltenen und geleisteten staatlichen und privaten Transfers auf Altersgruppen ist in Tabelle 1 abgebildet.

 

Tabelle 1: Aufteilung der gesamten geleisteten und erhaltenen Transfers auf Altersgruppen. Angaben in Prozent der Gesamtleistungen.
Die Kategorie „Staat, gesamt“ enthält auch kollektiven Konsum, der zu gleichen Teilen auf die Gesamtbevölkerung verteilt wird. Quelle: Nationale Transferkonten für Österreich 2015.

Anzumerken ist auch, dass die privaten Transfers zwischen Erwachsenen nicht unabhängig sind von den Transfers zu Kindern. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Transfers zwischen Partnern. Diese intra-familiären Transfers sind ein Resultat der Spezialisierung in Erwerbsarbeit (großteils Väter) und unbezahlte Arbeit (großteils Mütter) aufgrund der Betreuungspflichten für Kinder.

Sowohl staatliche wie auch private intergenerationelle Unterstützungsleistungen werden vor allem von der Bevölkerung im Alter von 25 bis 59 Jahren geleistet. Für die zukünftige Entwicklung besonders interessant ist der Beitrag der Baby-Boom Generation zu den gesamten Steuern und Abgaben: Fast 30 Prozent aller Abgaben entfallen auf die Baby-Boom Kohorten im Alter von 45 bis 54. Der Pensionsantritt der Baby-Boomer wird die österreichische Wirtschaft und das staatliche Transfersystem daher vor große Herausforderungen stellen. Zwischen 2025 und 2034 werden stark besetzte Geburtskohorten mit ca. 130,000 Personen den Arbeitsmarkt verlassen, während nur schwach besetzte Geburtskohorten mit weniger als 100,000 Personen nachrücken.

Familien unter Druck

Die Transfers zu Kindern sind ein wesentliches Element des Generationenvertrages. Familien sorgen für die Bedürfnisse der Kinder und unterstützen diese bis zur wirtschaftlichen Selbständigkeit und darüber hinaus. Diese Leistungen sind wichtige Investitionen in das Humankapital einer Gesellschaft, handelt es sich bei Kindern doch auch um zukünftige Produzenten und Steuerzahler. Ob die sehr großzügigen Pensionssysteme auch in Zukunft finanzierbar sind, hängt maßgeblich von den Investitionen der Familien in Kinder ab. Diese Beziehung wird oft als Generationenvertrag beschrieben: umfassende und großzügige Altersvorsorge erfordert Investitionen in junge Generationen und spätere Beitragszahler.

 

Abbildung 4: Armutsgefährdung von Kindern und Personen über 65. Entwicklung über die Zeit
Quelle: Eurostat

Die Finanzierbarkeit des privaten Teils des intergenerationellen Transfersystems ist stärker gefährdet als der staatliche Teil. Die wirtschaftlichen Entwicklungen im vergangenen Jahrzehnt führten zur Stagnation bzw. eines Rückganges der Realeinkommen junger Generationen, während Pensionseinkommen stark gewachsen sind. Als Konsequenz stagnierten die Armutsgefährdungsquoten für Familien auf hohem Niveau, während die Armutsgefährdung älterer Personen stark gesunken ist (Abbildung 4). Das heißt auch, dass es für junge Menschen schwieriger wird, ihre Pläne hinsichtlich Familiengründung und Kinderwunsch zu erfüllen. Die Schätzungen der beachtlichen ökonomischen Leistungen der Familien machen klar, warum ökonomische Schwierigkeiten Auswirkungen auf Fertilitätsentscheidungen haben.

Eine zukunftsorientierte Gestaltung der Gesellschaft erfordert mehr Rücksicht und Beachtung der Familien und deren Leistungen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Dazu gehört auch, jungen Erwachsenen wirtschaftliche Möglichkeiten zu bieten. Die Entscheidung für eine Familie hängt auch von den Möglichkeiten ab, Familie und berufliche Karriere verbinden und den Aufwand wirtschaftlich stemmen zu können. Der Abbau bürokratischer Hindernisse, Förderung von Unternehmertum und eine Senkung der Abgaben auf Lohneinkommen sind wichtige Maßnahmen, um Möglichkeiten für junge Menschen zu schaffen. Ein weiterer wichtiger Punkt wäre die Berücksichtigung der Leistungen von Familien in der Altersvorsorge: trotz der Leistungen von Familien für zukünftige Beitragszahler sind sie im Pensionssystem benachteiligt. Durch Betreuungspflichten und daraus resultierende niedrige Erwerbsbeteiligung haben Eltern niedrigere Pensionsansprüche als kinderlose Paare.

Das System intergenerationeller Transfers erfordert eine Balance zwischen Transfers zu Kindern und die Leistungen für ältere Generationen. Wirtschaftskrisen und die Bevölkerungsalterung bringen diese Balance zunehmend aus dem Lot. Die Daten über Transfers in der Familie sollen dazu dienen, junge Generationen und die extrem wichtigen Leistungen der Familien wieder mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken.

[1] Der Begriff Transfer bezeichnet eine Transaktion, d. h. eine Übertragung von Gütern, Dienstleistungen oder Geld, ohne explizite Gegenleistung.

Mehr Information über Nationale Transferkonten (NTAs) und Daten gibt es auf der Homepage des NTA Projektes: www.ntaccounts.org. Methode und Ergebnisse sind auch in dem Buch Population Aging and the Generational Economy: A Global Perspective zusammengefasst (Kostenloser Download: https://www.idrc.ca/en/book/population-aging-and-generational-economy-global-perspective). Europäische NTA Daten für 2010 sind über www.wittgensteincentre.org/ntadata zugänglich. Die österreichischen Daten für 2015 sind noch vorläufig, werden aber in Kürze ebenfalls öffentlich zugänglich gemacht.

Download des Papers als PDF

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