Friedrich A. von Hayek – deutschnational erzogen, zum Liberalen gereift

An wichtigen Wissenschaftlern mangelte es in Friedrich August von Hayeks Familie nicht. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) war etwa einer von Hayeks Großcousins: Die Tochter von Hayeks Urgroßtante, Leopoldine Kallmus, hatte den Stahlmagnaten Karl Wittgenstein (1847 – 1913) geheiratet, zu dessen zehn Kindern unter anderem Ludwig und der berühmte einarmige Pianist Paul Wittgenstein gehörten. Im Jahr 1977 schilderte Hayek in dem Artikel „Remembering My Cousin, Ludwig Wittgenstein“ die wenigen, meist freundlichen Begegnungen mit seinem Großcousin in Wien, in England und zuletzt wieder im Wien der Nachkriegszeit.

Solche und noch weitere familiäre Verbindungen Friedrich August von Hayeks kamen Dienstagabend im Rahmen eines informativen Workshops über Hayeks frühe Wiener Jahre zur Sprache, der von dem Hayek-Forscher und Professor für Volkswirtschaft an der Wiener Wirtschaftsuniversität Hansjörg Klausinger geleitet wurde. 25 ökonomisch wie historisch kundige Personen waren gekommen, um mehr über die familiäre Prägung und frühe intellektuelle Entwicklung dieses Hauptvertreters der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und späteren Wirtschaftsnobelpreisträgers zu erfahren. Klausinger, der gegenwärtig zusammen mit Bruce Caldwell von der Duke University (USA) an einer zweibändigen Hayek-Biographie schreibt, erwähnte, dass ihm dank Caldwells guter Kontakte zur Familie Hayek die bisher noch nicht verarbeitete reiche Korrespondenz Hayeks, sowie noch viele andere ungenutzte Quellen zur Verfügung stehen.

 

Die akademische Laufbahn lag in der Familie

Prof. Klausinger zeigte auch bis anhin unveröffentlichte Fotos aus dem Archiv der Familie Hayek (Foto: Austrian Institute/M. Prikoszovich)

Den wissenschaftlichen Ehrgeiz hat Friedrich August von Hayek wohl mit der Muttermilch aufgesogen. Sein Großvater väterlicherseits lehrte an der Universität Wien

Zoologie, sein Vater war leidenschaftlicher Biologe und wurde später Privatdozent in Wien. Der Großvater mütterlicherseits Franz von Juraschek (1849-1910) genoss wiederum als Professor für Staatsrecht und Präsident der Statistischen Zentralkommission hohes Ansehen. Hayeks beide Brüder schlugen später ebenfalls eine wissenschaftliche Karriere ein: Heinrich wurde Professor für Anatomie in Wien und Erich lehrte Chemie an der Universität Innsbruck.

Frühe Kontakte pflegte Hayek zu den angesehenen Wissenschaftlerfamilien Exner und von Frisch, der auch der berühmte Bienenforscher und spätere Nobelpreisträger Karl von Frisch angehörte. Ebenso zählten Konrad Lorenz, der mit einem Freund Hayeks verschwägert war, und Erwin Schrödinger zu seinem frühen Bekanntenkreis. Der bedeutende Ökonom Eugen von Böhm-Bawerk, Professor an der Universität Wien und Finanzminister – nach Carl Menger der wohl wichtigste Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie –, war gut mit Hayeks Familie mütterlicherseits befreundet. Enge Freunde hatte Hayek die meiste Zeit seines Lebens freilich nur wenige, wie er später einräumte.

 

Frühe Lösung von der elterlichen Prägung

Hayeks Eltern waren deutschnational, antiklerikal und antisemitisch eingestellt. Sein Vater ließ sich später einäschern – für einen praktizierenden Katholiken wäre das nicht in Frage gekommen – und gehörte einer wissenschaftlichen Vereinigung an, die Juden ausschloss. Hayek sprach später in seinen Erinnerungen von einem verdeckten Antisemitismus zu Hause. Diese weltanschauliche Ausrichtung war für eine damalige Wiener Akademikerfamilie freilich keineswegs ungewöhnlich, wie auch in der sich im Workshop entspinnenden Diskussion zutage trat. Sämtliche gehobene Familien des Wiener Fin de

Siècle waren entweder mehr deutschnational oder konservativ-katholisch eingestellt. Den Antisemitismus traf man in allen politischen Lagern an, am wenigsten noch unter den Monarchisten. Ungewöhnlich ist freilich, dass einer der führenden Liberalen des 20. Jahrhunderts aus einem deutschnationalen und antisemitischen Elternhaus hervorging. Es war das wohl wichtigste Ergebnis dieses Abends. Nicht weniger bemerkenswert ist, wie schnell Friedrich August von Hayek diese Prägung seiner Kindheitsjahre während seiner Studienzeit hinter sich ließ. Der Prozess der Ablösung vollzog sich in mehreren Schritten.

Foto: Austrian Institute/M. Prikoszovich

Nachdem Hayek im Jahr 1917 die Kriegsmatura abgeschlossen und von Oktober 1917 bis November 1918 den Kriegsdienst an der Isonzofront verrichtet hatte, begann er in Wien das Studium der Rechtswissenschaften, besuchte daneben auch Lehrveranstaltungen der Philosophie und Physiologie, und schloss nach der Promotion im Jahr 1921 noch das Studium der Ökonomie an. Zum Liberalen musste er erst reifen. Zunächst besuchte er gemeinsam mit dem späteren Ökonomen Herbert Fürth (1899 – 1995) das Seminar von Othmar Spann, der die Rückkehr zum mittelalterlichen Ständestaat propagierte. Die beiden Studienkollegen wurden dort jedoch schon bald hinausgeworfen, da sie, wie Spann bemerkte, die Anderen zu sehr mit ihren kritischen Fragen verunsicherten. Zu Hayeks prägendem Lehrer an der Universität Wien wurde schließlich Friedrich von Wieser, der damalige Repräsentant der Österreichischen Schule der Nationalökonomie an der Universität Wien. Mit Hilfe eines Empfehlungsschreibens Wiesers erhielt Hayek danach einen Posten im Abrechnungsamt, wo er unter den Einfluss Ludwig von Mises’, des dortigen Direktors, geriet. Speziell im Hinblick auf Fragen der Geldtheorie und der Wirtschaftsrechnung sollte Mises zur maßgeblichen und prägenden Persönlichkeit in Hayeks Leben werden.

 

Dass sich Hayek von jeglichem Antisemitismus schon bald frei machte, bezeugt bereits die Zeit vor der Bekanntschaft mit Ludwig von Mises, der aus einer wohlhabenden jüdischen Familie in Galizien stammte. So gründete Hayek etwa gemeinsam mit Fürth im Jahr 1921 den studentischen Debattierclub „Geistkreis“, dem viele Juden angehörten. Die Mitglieder präsentierten dort ein bis zwei Mal im Monat Papiere zu verschiedenen Themen. Viele bedeutende Wissenschaftler gingen aus dem Kreis hervor, darunter die Ökonomen Fritz Machlup, Gottfried von Haberler und Oskar Morgenstern, der Politikwissenschaftler Eric Voegelin, der Mathematiker Karl Menger – Sohn des Gründers der Österreichischen Schule Carl Menger – und der Kunsthistoriker Otto Benesch.

Nach dem „Anschluss“ an Nazi-Deutschland reiste Hayek eigens noch zwei Mal nach Österreich, um den Mitgliedern des Kreises – die meisten davon Juden – bei der Emigration zu helfen. Zwei Angehörige des Kreises wurden in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und dort von den Nazis ermordet.

 

In die Jahre 1923 und 1924 fällt ein längerer Aufenthalt in den USA, in denen Hayek Forschungsassistent bei Prof. Jeremiah W. Jenks war und darüber hinaus Kontakte zu dem in den USA führenden Konjunkturforscher Wesly C. Mitchell pflegte, der auch die englische Wieser-Übersetzung herausgab. Von der US-amerikanischen Kultur soll Friedrich August von Hayek keine allzu hohe Meinung gehabt haben. Er vermisste das kulturelle Ambiente, das er von Wien gewöhnt war.

 

Mehrere Anläufe zur Habilitation – Berufung nach London

Zurück in Österreich wurde Hayek Leiter des 1927 auf Initiative von Mises gegründeten Österreichischen Instituts für Konjunkturforschung (das heutige „Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung“ WIFO). Erste Buchprojekte zwecks Habilitation fallen in diese Zeit, die Hayek jedoch nicht zu einem Abschluss brachte. Eine geplante Arbeit über die amerikanische Geldpolitik seit 1900 fand schließlich in einem sehr langen Artikel ihren Niederschlag – und dabei blieb es dann auch. Die Arbeit an „Das Ziel der Geldpolitik“ – später umbenannt in „Geldtheoretische Untersuchungen“ – brach Hayek 1929 ab. Aus der Beschäftigung mit diesem Thema ging immerhin der 1928 erschienene Artikel „Intertemporales Gleichgewicht“ hervor. Darüber hinaus wollte Hayek mit „Geld und Kritik“ einen Grundriss der Sozialökonomik liefern, von dem er aber nur die ersten fünf Kapitel – den historischen Teil – abschloss. Im Jahr 1929 war es aber schließlich doch soweit: Hayek konnte sich – gegen manche Widerstände an der Universität – mit der Schrift „Geldtheorie und Konjunkturtheorie“ habilitieren. Der Aufsatz, der seiner Antrittsvorlesung „Gibt es einen ‚Widersinn des Sparens’?“ zugrunde lag, veranlasste danach den britischen Ökonom Lionel Robbins (1898 –1984), Hayek an die London School of Economics zu holen. Der Wechsel nach London leitete eine neue Schaffensphase ein: Es begannen Hayeks britische Jahre und seine Auseinandersetzung mit John Maynard Keynes (1883–1946).

Auch andere Themen von Hayeks früher Wirkungszeit kamen zur Sprache, etwa seine damalige Erklärung der Weltwirtschaftskrise über die Geldmengenerweiterung. „Wenn die Krise einmal ausbricht, lässt sie sich nicht mehr durch Geldmengenausweitung wirksam bekämpfen“, hielt Klausinger das Ergebnis von Hayeks damaligen Einsichten fest.

Alles in allem trat in dem knapp zweieinhalb Stunden dauernden Seminar ein sehr lebendiges Bild des intellektuellen Klimas im Österreich der Zwischenkriegszeit zutage, das auch den ein oder anderen Wermutstropfen über den beispiellosen Aderlass, den Österreich dann mit dem Anschluss an Hitlerdeutschland erleiden sollte, zurückließ. So emigrierten etwa sämtliche bedeutenden Angehörigen des Geistkreises, der noch bis 1938 fortbestand, in die USA. Von der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, aber nicht nur von ihr, war im Wien der Nachkriegszeit nichts mehr übrig.

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