2. Zerstörung – ein Segen?

Henry Hazlitt: Economics in One Lesson

Der Irrtum des zerbrochenen Fensters tritt in unzähligen Varianten auf, die öffentlichkeitswirksam von Ökonomen, Gewerkschaftsführern, Journalisten und anderen vorgetragen werden. So meinen manche etwa, Zerstörung im großen Stil, etwa durch einen Krieg, bringe gesamtwirtschaftliche Vorteile, da die danach gewaltig „akkumulierte“ Nachfrage ein wahres „Produktionswunder“ einleite. Auf diesem Weg hätten etwa Japan und Deutschland dank der Zerstörung ihrer Fabriken im Zweiten Weltkrieg danach neue, hochmoderne und billiger produzierende Anlagen geschaffen, mit denen sie selbst die Amerikaner und ihre veralteten Fabriken überholt hätten.

Hier werden Bedarf und Nachfrage verwechselt: In ärmeren Ländern ist der Bedarf um ein Vielfaches größer als in den USA. Ebenso erzeugten auch die Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs einen unerhörten Nachkriegsbedarf. Doch der ist nicht mit wirksamer wirtschaftlicher Nachfrage zu verwechseln, denn diese erfordert auch Kaufkraft, und die ist in den USA weit größer. Kaufkraft regt auch „neue Geschäfte“ an.

Manche Menschen denken beim Wort „Kaufkraft“ nur an Geld. Auch das ist irreführend, denn Geld kann man drucken und mit dem Steigen der Geldmenge verliert die einzelne Geldeinheit an Wert, was sich wiederum in steigenden Preisen niederschlägt. „Aber da die meisten Menschen so sehr daran gewöhnt sind, ihren Wohlstand und ihr Einkommen in Geld auszudrücken, glauben sie, besser dran zu sein, wenn diese in Geld ausgedrückten Zahlen steigen, obwohl sie, in Waren ausgedrückt, vielleicht weniger haben und weniger kaufen können.“ So waren auch die meisten der angeblich „guten“ wirtschaftlichen Nachkriegsfolgen in Wahrheit Folge der „kriegsbedingten Inflation“. (Anm. d. Red.: Ausführlicher wird das Thema der Inflation in einem späteren Kapitel besprochen.)

Der Hauptirrtum beim Glauben an den volkswirtschaftlichen Nutzen des Krieges ist jedoch derselbe wie beim zerbrochenen Fenster: Die „gestützte“ Nachfrage nach dem Krieg ist eine Halbwahrheit. Nach jenen Produkten, die während des Kriegs entweder nicht produziert oder zerstört worden sind, herrscht in der Nachkriegszeit eine hohe Nachfrage. Autohersteller oder die Bauwirtschaft haben schnell viel Arbeit. Doch damit wurden die Nachfrage und die ökonomischen Anstrengungen nur in eine bestimmte Richtung umgelenkt. Im selben Umfang fehlen Arbeitskräfte und Produktionskapazität für andere Produkte. Und mit dem Geld, mit dem die Menschen neue Häuser kaufen, können sie sich gleichzeitig nicht mehr andere Waren besorgen.

(…) (D)ie mutwillige Zerstörung jedes Gegenstandes, der noch einen wirklichen Wert hat, ist immer ein Verlust, ein Missgeschick oder eine Katastrophe (…).

Dass Japan und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg teils modernere Fabriken bauten, als in den USA bestanden, bedeutet ebenfalls nicht, dass die Zerstörung der alten Fabriken für diese beiden Länder ein Segen war. Wäre es so, hätten die Amerikaner alle alten Fabriken sofort verschrottet. Das tun Unternehmer aber nur zu einem für sie günstigen Zeitpunkt, nämlich dann, wenn die Anlage durch Überalterung ohnehin wertlos geworden ist. Sollte genau zu diesem Zeitpunkt eine Bombe ein Fabrikgebäude zerstören, würde tatsächlich dem Eigentümer die Arbeit abgenommen. Zumindest in dieser Hinsicht wäre dann der Krieg vorteilhaft gewesen. Nur das ist fast nie der Fall.

Zudem ist für die Erneuerung der Anlagen Kapital erforderlich. Wer Industriebetriebe erneuert, braucht Ersparnisse, angesammeltes Kapital, und gerade das wird im Krieg vernichtet. „Es sollte eigentlich klar sein, dass in dem Maße, in dem Produktivkraft zerstört wird, auch ebenso viel echte Kaufkraft ausgelöscht wird.“

Was ebenfalls meist übersehen wird: Nachfrage und Angebot sind „zwei Seiten der gleichen Medaille“. Denn: „Das Angebot dessen, was die Menschen produzieren, ist letztlich das Einzige, was sie im Austausch für die Dinge anzubieten haben, die sie erwerben möchten. So gesehen stellt das Angebot von Weizen durch die Bauern ihre Nachfrage nach Autos und anderen Gütern dar. All das steckt in der modernen Arbeitsteilung und der Tauschwirtschaft.“

Deutschland profitierte in der Nachkriegszeit vor allem von einer vergleichsweise klugen Wirtschaftspolitik, die mit ein Grund dafür war, dass Deutschland damals schneller Fortschritte machte als andere Länder. Ein weiterer Faktor ist die erhöhte Tatkraft von Menschen nach einem Krieg.

Fest steht auf jeden Fall: „Niemand möchte, dass sein Besitz zerstört wird, weder im Krieg noch im Frieden. Was für den Einzelnen ein Schaden oder Unglück ist, muss es auch für die Gesamtheit der Einzelpersonen sein, die eine Nation bilden.“ Die „mutwillige Zerstörung jedes Gegenstands, der noch einen wirklichen Wert hat, [ist] immer ein Verlust, ein Missgeschick oder eine Katastrophe“. Irrtümer entstehen hier durch das Denken in abstrakten Begriffen wie „Nation“ oder „Gesamtheit“: „Niemand könnte die Zerstörung eines Kriegs für einen wirtschaftlichen Vorteil halten, der als Erstes an die Menschen denkt, deren Besitz vernichtet wird.“

 

Die hier gebotene, exklusiv für die AUSTRIAN ESSENTIALS erstellte Kurzfassung von „Die 24 wichtigsten Regeln der Wirtschaft“ erscheint mit Erlaubnis des FinanzBuch Verlags, bei dem auch die deutsche Fassung der 1978 erschienenen aktualisierten Neuauflage des Klassikers erhältlich ist.

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