Zweite Vorlesung: Sozialismus

Ludwig von Mises: Vom Wert der besseren Ideen. Sechs Vorlesungen über Wirtschaft und Politik.

Zentrale Planung vs. individuelle Pläne

Der fundamentale Unterschied zwischen freier Marktwirtschaft und Sozialismus ist die wirtschaftliche Freiheit. In der Marktwirtschaft kann jeder selbst einen Berufsweg wählen. „Er hat die Freiheit, das zu tun, was er möchte.“ Genau dies ist wirtschaftliche Freiheit. Marktwirtschaft ist somit „ein System wirtschaftlicher Freiheit“. Die wirtschaftliche Freiheit bestimmt darin die Art des Zusammenwirkens von Individuen in einer arbeitsteiligen Gesellschaft.

Im Sozialismus gibt es hingegen „nur eine einzige wirtschaftliche Autorität, und diese hat das Recht, über alles, was mit der Produktion zusammenhängt, zu bestimmen.“ Das bedeutet für den einzelnen: „Dort bestimmt die Regierung durch Zwang seinen Lebensweg.“

„Planung“ – oder besser gesagt „zentrale Planung – ist ein Synonym für Kommunismus und Sozialismus: Die Regierung stellt einen Plan auf. Der Bürger plant nicht mehr. Die Regierung plant für ihn. Die Menschen werden darin zu Soldaten, die Befehle ausführen müssen. „Und das sozialistische System, wie Karl Marx, Lenin und alle sozialistischen Führer wussten und zugaben, ist nichts anderes als die Übertragung von militärischen Regeln auf das gesamte Produktionssystem.“

 

Es gibt keine Freiheit ohne wirtschaftliche Freiheit

Die wirtschaftliche Freiheit ist zentral und elementar für alle weiteren Freiheiten des Menschen.

Aus der Sicht der sogenannten „Liberals“ im angloamerikanischen Raum [in Europa:_ Sozialdemokraten] können hingegen die verschiedenen gesellschaftlichen Freiheiten unabhängig voneinander bestehen. Die „Liberals“ verteidigen sämtliche dieser Freiheiten, nur nicht die wirtschaftliche Freiheit, da sie glauben, alle anderen Freiheiten, wie die Rede- und Pressefreiheit könnten „auch ohne wirtschaftliche Freiheit bewahrt werden“. In Wahrheit bleiben diese Freiheiten – selbst wenn sie „in der Verfassung aufgenommen worden sind“ – Illusionen, solange es keinen freien Markt gibt und stattdessen die Regierung alles bestimmt.

Solange etwa die Regierung alle Druckereien besitzt und bestimmen kann, was gedruckt wird und was nicht, ist „es praktisch unmöglich, irgendetwas, das den Vorstellungen der Regierung zuwiderläuft, zu drucken. Die Pressefreiheit verschwindet, und das gleiche gilt auch für alle anderen Grundfreiheiten.“

Ein System ohne wirtschaftliche Freiheit mündet im Sozialismus, der den Einzelnen zum Ausführenden der zentralen Planung der Regierung macht.

 

Es kann keine vollkommene Freiheit geben

Freilich bleiben auch in der Marktwirtschaft die individuellen Freiheiten beschränkt. Manche kritisieren das. Zu Unrecht. Die Freiheit des Menschen meint immer „die Freiheit innerhalb der Gesellschaft.“ Deshalb ist die wirtschaftliche Freiheit keine vollkommene Freiheit. Es bestehen immer wechselseitige Abhängigkeiten: „Freiheit in der Gesellschaft heißt, dass ein Mensch ebenso sehr von anderen abhängig ist, wie diese von ihm. In der freien Marktwirtschaft dient jeder seinen Mitbürgern und diese wiederum dienen ihm.“

Manche Gesellschaftskritiker wollen auch noch diese wechselseitigen Abhängigkeiten überwinden. Von Jean Jacques Rousseau (1712 – 1778) stammt der berühmte Satz: „Der Mensch ist frei geboren und doch ist er in Ketten.“ In der Vorzeit, so Rousseau, hätten die Menschen demnach noch eine „natürliche“ Freiheit besessen. Doch auch damals sind sie nicht wirklich frei gewesen. „Sie lebten von der Gnade jener, die stärker waren, als sie selbst.“  Kein Mensch ist in Wirklichkeit jemals frei geboren worden. „Der Mensch kommt als hilfloser Säugling zur Welt. Ohne den Schutz seiner Eltern, ohne den Schutz, den die Gemeinschaft seinen Eltern zuteil werden lässt, könnte er nicht überleben.“ Eine absolute Freiheit bleibt eine Fiktion. Es hat sie nie gegeben und wird sie nie geben. Die Gesellschaft ist der Ort, wo sich der Mensch dank der Marktwirtschaft als freies Wesen entfalten kann.

 

Der Souverän ist entweder der Kunde oder das Planungsbüro

Einem Zerrbild der Marktwirtschaft zufolge geben in ihr lediglich ein paar Leute an der Spitze – die Unternehmer und Geschäftsleute – den Ton an. Ihre Vormacht ist scheinbar unabhängig „vom guten Willen und von der Unterstützung anderer“. Dies ist ein verbreiteter Irrtum. „Die wirklichen ‚Herren’ im marktwirtschaftlichen System sind die Verbraucher.“ Geschäftsleute, die sich nicht den Wünschen der Verbraucher anpassen, werden irgendwann bedeutungslos. Den Verbrauchern steht es frei, wessen Produkte sie kaufen.

Im Kapitalismus sind es „letzten Endes die Verbraucher …, die Befehle geben. Der Souverän ist nicht der Staat, sondern das Volk.“

Den Unterschied der freien Marktwirtschaft zum Sozialismus veranschaulicht eine Alltagssituation: „Wenn Sie in Amerika ein Geschäft verlassen, fällt Ihr Blick vielleicht auf ein Schild, auf dem steht: ‚Vielen Dank für Ihren Besuch. Bitte kommen Sie bald wieder.’ Und wenn Sie in ein Geschäft in einem totalitären Land gehen, sei es im heutigen Russland oder im Deutschland Hitlers, dann sagt Ihnen der Geschäftsinhaber: ‚Sie müssen dem großen Führer dankbar sein, dass er uns das gibt.’ In sozialistischen Ländern hat nicht der Verkäufer, sondern der Käufer dankbar zu sein. König ist nicht der Kunde, König ist das Zentralkomitee, das zentrale Planungsbüro.“

 

„Freiheit bedeutet auch die Freiheit, Fehler zu machen.“

In der Marktwirtschaft können die Verbraucher auch Dummheiten begehen. Dies belegt nur, dass sie die wahren Herrscher sind, denn: „Das ist das Vorrecht des Herrschers. Er hat das Privileg, Fehler machen zu können“, für die er allerdings auch bezahlen muss. Tatsächlich kaufen Verbraucher oft unsinnige Dinge. Davon sollte der Staat sie aber nicht abhalten, denn dann richtet er selbst viel Schaden an.

Wo der Staat Alkohol und Tabak wegen ihrer gesundheitlichen Schäden verbietet, kann er als nächstes ebenso gut schlechte Bücher und schlechte Musik aufgrund ihrer Schäden für den Geist verbieten, denn: „Ist nicht der menschliche Geist viel wichtiger?“ Im Dritten Reich etwa legte ein an der Wiener Kunstakademie gescheiterter Postkartenmaler fest, was gute oder schlechte Kunst ist.

Anstatt schädliches Verhalten zu verbieten, kann in der freien Marktwirtschaft jeder öffentlich auf dessen schädliche Folgen aufmerksam machen, ohne die anderen durch Gewaltanwendung zur Änderung ihres Verhaltens zu zwingen.

 

Das Wissen aller ist größer, als das Wissen einiger weniger

Alle Menschen begehen Fehler. Aber: Alle gemeinsam wissen mehr, als nur wenige an der Spitze, die den anderen vorschreiben, was sie tun oder denken sollen. Im sozialistischen System findet das, was der Diktator oder sein Komitee nicht wissen, keine Berücksichtigung. “Aber das Wissen, das die Menschheit in ihrer langen Geschichte angesammelt hat, kann sich ein einzelner allein nicht aneignen.“

Anders in der kapitalistischen Gesellschaft, wo sich alle mit ihren unterschiedlichen Talenten einbringen können, auch solche Leute, „die die Gabe besitzen, bahnbrechend zu wirken und damit die Richtung unseres Denkens zu verändern. In kapitalistischen Gesellschaften ist der technologische und wirtschaftliche Fortschritt solchen Leuten zu verdanken.“

 

Die Freiheit aller fördert den Wohlstand

In einer freien Gesellschaft arbeiten abertausende von Menschen daran, neue Produkte zu entwickeln. „Und die Folge davon ist, dass man in den Vereinigten Staaten eine Verbesserung des Lebensstandards hat, die fast ans Wunderbare grenzt, wenn man den Lebensstandard von heute mit dem vor 50 oder 100 Jahren vergleicht. In der Sowjetunion aber, wo man kein solches System hat, gibt es keinen vergleichbaren Fortschritt.“

Um eine innovative Idee zu verwirklichen, muss man meist Kapitaleigentümer finden, die diese Idee unterstützen. Im marxistischen System verhält sich die Sache jedoch anders. Dort muss man zunächst die oberste Regierungsbehörde vom Wert der eigenen Idee überzeugen, um diese weiter zu entwickeln. Wenn die Regierungsbehörde den Wert der neuen Idee nicht erfasst, hat man Pech gehabt.

Diesem Problem begegnet man in bürokratischen Strukturen immer wieder: „Wenn man eine Gruppe von Leuten überzeugen muss, die nicht direkt von der Lösung eines Problems abhängig sind, wird man nie Erfolg haben. Das trifft auch auf Probleme außerhalb der Wirtschaft zu.“

Manche weltberühmte Künstler wie Vincent van Gogh (1853 – 1890) erlangten zeit ihres Lebens keine Anerkennung und lebten in Armut. Deshalb wurden einige Künstler zu leidenschaftlichen Befürwortern des Kommunismus, doch ihr Enthusiasmus „beruht auf einer Illusion“. Im Sozialismus wäre van Goghs Schicksal nicht besser gewesen. Die Regierungsbeamten hätten einige bekannte Maler nach ihrer Meinung gefragt. „Und diese hätten zweifellos geantwortet: ‚Nein, er ist kein Maler, er ist kein Künstler, er ist nur ein Mann, der Farbe verschwendet.’ Und die Regierung hätte ihn in eine Milchfabrik oder in eine Nervenheilanstalt geschickt.“

 

Soziale Mobilität statt Konflikt der Klassen

Im kommunistischen Manifest spricht Karl Marx vom unversöhnlichen Konflikt zwischen den Klassen. Doch veranschaulicht er diese Behauptung “nur mit Beispielen von Zuständen der vorkapitalistischen Gesellschaft“. Dort trifft das auch zu. So erbte jeder in den überseeischen Kolonien Englands seinen Status von seinen Eltern. „Die obersten Gruppen hatten nur Privilegien, die untersten nur Nachteile. Und nur durch den politischen Kampf gegen die anderen Klassen konnte sich ein Mann von den gesetzlichen Nachteilen, die ihm durch seinen Stand auferlegt waren, befreien. Unter solchen Bedingungen ist es durchaus richtig, von einem unversöhnlichen Interessenkonflikt zwischen den Sklaven und den Sklavenhaltern zu sprechen.“

Hingegen besteht gemäß der klassischen Lehre liberaler Autoren des 18. Jahrhunderts in der freien Marktwirtschaft eine „Harmonie der recht verstandenen Interessen aller Gruppen und aller Individuen eines Volkes“. Zwischen Produzenten, Geschäftsleuten und Verbrauchern gibt es keinen Interessenskonflikt: Wenn Produzenten und Geschäftsleute ihren eigenen Interessen folgen und Geld verdienen wollen, müssen sie den Verbrauchern möglichst jene Produkte anbieten, die diese auch kaufen. Andernfalls haben sie keinen Erfolg. „In der Marktwirtschaft dient jeder seinen Mitbürgern, wenn er sich selbst dient.“

Im Kapitalismus sind nicht alle gleich reich. Fälschlicherweise halten die Marxisten diese Unterschiede im Wohlstand „für gleichbedeutend mit den Standesunterschieden …, wie sie in der alten ständischen Gesellschaft bestanden haben.“ Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts gehörten die Europäer über Generationen hinweg dem gleichen Stand an. Niemand fühlte sich „mit den Angehörigen anderer Klassen der eigenen Nation besonders verbunden. Vielmehr orientierte man sich zu den Mitgliedern der eigenen Klasse in anderen Ländern.“ An Gewand und Sprache – etwa Französisch im Falle der Aristokratie – konnte man sofort die Standeszugehörigkeit eines Menschen erkennen.

Anders im Kapitalismus: Hier gibt es soziale Mobilität. Sämtliche Großunternehmen haben sich von unten nach oben emporgearbeitet. Henry Ford, einer der berühmtesten Industriellen des 20. Jahrhunderts, „begann mit ein paar hundert Dollars, die er sich von Freunden geliehen hatte“. Er war kein Einzelfall.

Der italienische Soziologe und Ökonom Vilfredo Pareto (1848 – 1923) sprach von der „circulation des élites“ (dem Kreislauf der Eliten) und meinte damit, „dass es immer Menschen gibt, die an der Spitze der sozialen Leiter stehen, die wohlhabend und politisch einflussreich sind; aber diese Leute – diese Eliten – wechseln ständig.“ Genau dieser Wechsel unterscheidet die kapitalistische Gesellschaft von der vorkapitalistischen ständischen Gesellschaft.

 

Das Wirtschaftsleben basiert auf Kalkulation und auf den Preisen des Marktes

In einer freien, arbeitsteiligen Gesellschaft findet das Zusammenwirken der Individuen durch den Markt statt. „Dieser Markt ist kein Ort, er ist ein Prozess.“ Hier können alle gemeinsam „zum wirtschaftlichen Gesamtergebnis der Gesellschaft beitragen“. Wie aber funktioniert der Markt? Das Wirtschaftsleben beruht auf Kalkulation. Das haben die sozialistischen Autoren nie verstanden.

Kalkulation und Planung sind nur möglich, „wenn es Preise gibt, und zwar nicht nur für Verbrauchsgüter, sondern auch für Produktionsfaktoren“, wie Rohstoffe, Maschinen und sonstige Produktionsmittel. Deshalb informieren die Preise der Güter nicht nur die Verbraucher, sondern sie versorgen „auch die Produzenten hinsichtlich der Produktionsfaktoren mit entscheidenden Informationen“. Genau darin liegt die Funktion des Marktes: die Preise zu bestimmen, und zwar „nicht nur auf der letzten Stufe des Produktionsprozess, wo es um den Gütertransfer vom Produzenten zum Konsumenten geht, … sondern bis hin zu den ersten Stufen, wo dieser Prozess beginnt.“

Die Kalkulation der miteinander konkurrierenden Produzenten „kann ohne Preise, die der Markt liefert, nicht durchgeführt werden“, denn nur so können die Produzenten auch „erkennen, welche Projekte wirtschaftlich am vorteilhaftesten sind.“ Deshalb muss es einen Markt geben für alle Rohmaterialien und „für alle Arten menschlicher Arbeit und Dienstleistungen“.

 

Der Sozialismus ist undurchführbar und totalitär

Aufgrund dieser Funktionsweise der Marktwirtschaft ist der Sozialismus undurchführbar, selbst bei einem Herrscher mit den besten Absichten für sein Volk. Der Sozialismus will den Markt abschaffen. Damit fehlen die Marktpreise für die Kostenkalkulation. Die Sowjetunion konnte nur dank der Weltwirtschaft eine gewisse Zeit lang funktionieren. Die Russen benützten „für ihre Planung die ausländischen Weltmarktpreise“.

„Ein sozialistischer Staat ist zwangsläufig ein totalitärer Staat. Es gibt nichts, was außerhalb seines Einflussbereiches liegt und nicht seiner Rechtsprechung unterliegt. Die Hauptaufgabe des Staates in einem marktwirtschaftlichen System aber ist es, den reibungslosen Ablauf der Marktwirtschaft vor Betrug oder Gewalt von innen und außen zu schützen.“

 

Die hier gebotene, exklusiv für die AUSTRIAN ESSENTIALS erstellte Kurzfassung von “Vom Wert der besseren Ideen” erscheint mit Erlaubnis des Lau Verlags, bei dem auch die von Gerd Habermann und Gerhard Schwarz herausgegebene deutsche Edition des Originaltextes als Buch erhältlich ist.

Der englische Originaltext ist online zugänglich bei der Online Library of Liberty des Liberty Fund.

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