3. Kapitel. Die Lehre vom Wert § 3 (c)

Carl Menger: Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

Kapitalnutzungen und Unternehmertätigkeit sind Güter höherer Ordnung und gehören zum Wert der Gesamtheit der Güter höherer Ordnung

Wie mehrfach deutlich wurde: Alle komplementären Güter höherer Ordnung finden das Maß ihres gegenwärtigen Wertes in dem voraussichtlichen künftigen Wert des Produkts, das sie hervorbringen. Zu diesen Gütern höherer Ordnung gehören aber nicht nur alle Güter der technischen Produktion (wie Rohstoffe, Arbeitsleistungen, Benützung der Grundstücke, Maschinen, Werkzeuge etc.), sondern auch die Kapitalnutzungen und die Unternehmertätigkeit. Wird nur der gegenwärtige Wert der Gesamtheit der technischen Elemente einer Produktion dem künftigen voraussichtlichen Wert des Produkts, das diese technischen Güter hervorbringen, gegenübergestellt, so bleibt eine Marge für Kapitalbenützung und Unternehmertätigkeit offen.

Kapital ist durch den Produktionsprozess gebunden

Kapitalien sind (siehe vorigen Abschnitt) ökonomische Güter, die uns „innerhalb gegebener Zeiträume verfügbar sind“. Kapital zu nutzen bedeutet demnach nichts anders, als über Mengen ökonomischer Güter innerhalb bestimmter Zeiträume zu verfügen.

Für den gesamten Produktionsprozess, in dem Güter höherer Ordnung zu solchen niederer Ordnung umgestaltet werden, ist „die Verfügung über Kapitalnutzungen von bestimmter Zeitdauer erforderlich.“ Diese Verfügung ist „von jeder Produktion unzertrennlich.“ Ihre Zeitdauer ist umso länger, je höher die Ordnung der Güter, die zur Produktion erforderlich ist.

„Innerhalb dieser Zeiträume ist die Quantität von ökonomischen Gütern, von welcher wir hier sprechen (das Kapital), gebunden, für andere Produktionszwecke nicht verfügbar.“ In diesen Zeiträumen müssen wir solche Güter höherer Ordnung „in unserer Verfügung behalten und in dem Produktionsprozesse binden“.

Der Wert der Kapitalnutzung gehört zum Wert der Gesamtheit aller Güter höherer Ordnung, die ein Produkt hervorbringen

Diese Verfügung über Mengen ökonomischer Güter für einen gegebenen Zeitraum (= Kapitalnutzung) hat für die wirtschaftenden Menschen Wert. Der Wert der Kapitalnutzung gehört somit zum Wert der Gesamtheit jener Güter höherer Ordnung, die gemeinsam ein Gut niederer Ordnung hervorbringen. Der voraussichtliche Wert dieses Guts niederer Ordnung bestimmt den Wert aller Güter höherer Ordnung vereint.

Ziffernmäßig dargestellt: Der voraussichtliche Wert des nach einem Jahre verfügbaren Produktes ist gleich 100. Der Wert der Kapitalnutzung (= Verfügung über die Menge der bezüglichen ökonomischen Güter höherer Ordnung innerhalb eines Jahres) ist gleich 10. Die Gesamtheit aller anderen komplementären Quantitäten von Gütern höherer Ordnung ohne die Kapitalnutzung besitzt somit in der Gegenwart den Wert von 90. (Wäre der Wert der Kapitalbenützung 15, so wäre ihr Wert gleich 85.)

Zum Beispiel soll die Gesamtheit von Gütern höherer Ordnung nach einem Jahr eine bestimmte Menge Getreide verfügbar sein. Der Wert, den die Gesamtheit dieser Güter in der Gegenwart hat, nimmt sein Maß an dem voraussichtlichen künftigen Wert des Getreides in einem Jahr. Zu dieser Gesamtheit gehört neben dem „Wert des Samengetreides, der Bodenbenützung, der bezüglichen landwirtschaftlichen Arbeitsleistungen etc.“ auch der Wert, den „die Verfügung über die bezüglichen ökonomischen Güter innerhalb eines Jahres für die betreffenden wirtschaftenden Subjekte hat“.

Der Verkauf von Gütern höherer Ordnung hat eine Ähnlichkeit mit dem „Eskomptieren“

Das hat eine Konsequenz im praktischen Wirtschaftsleben: Die Käufer der technischen Produktionsmittel zahlen niemals den ganzen voraussichtlichen Preis des Guts, das mit ihnen hergestellt wird. Sie sind „stets nur solche Preise zu bewilligen in der Lage … , welche .. etwas tiefer stehen“. Deshalb hat „der Verkauf von Gütern höherer Ordnung eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Eskomptieren“ (dem Gewähren von Preisnachlass). Der Grund: Der Preis der Kapitalnutzung ist in den Gesamtpreis noch nicht eingeflossen.

Je länger der Produktionsprozess, „umso höher ist allerdings unter sonst gleichen Umständen die Produktivität …, um so größer aber auch der Wert der Kapitalbenützung“.

Wenn Güter höherer Ordnung auf Kredit gegeben werden, fällt das „Eskomptieren“ weg

Das oben erwähnte „Eskomptieren“ beim Verkauf von Gütern höherer Ordnung fällt weg, sofern diese Güter auf Kredit gegeben werden. Deshalb ist auch der Preis von Gütern, die auf Kredit gegeben werden, umso höher, je entfernter der vereinbarte Zahlungstermin liegt (die Gefahrprämie nicht mitgerechnet). Mit anderen Worten: „Ist die Absicht des Besitzers von Gütern höherer Ordnung wohl darauf gerichtet, dieselben an eine dritte Person zu übertragen, begnügt er sich aber damit, dass ihm das Entgelt erst nach Beendigung des Produktionsprozesses geleistet werde, so entfällt naturgemäß dies ‚Eskomptieren’.“

Hierin erkennt man auch die große „Förderung der produktiven Tätigkeit eines Volkes durch den Kredit. In der weitaus größten Mehrzahl von Fällen bestehen Kreditgeschäfte in der Hingabe von Gütern höherer Ordnung an diejenigen, welche dieselben zu den entsprechenden Gütern niederer Ordnung verarbeiten. Durch den Kredit wird die Produktion, oder doch der umfangreichere Betrieb, sehr oft erst ermöglicht, und daher die verderbliche Stockung und Beschränkung der produktiven Tätigkeit eines Volkes, wenn der Credit desselben plötzlich versiegt.“

Die Unternehmertätigkeit ist ebenfalls ein Gut höherer Ordnung

Der Herstellungsprozess muss durch ein wirtschaftendes Subjekt vorbereitet und geleitet werden. Das ist die Unternehmertätigkeit und sie ist ein notwendiges Element der Gütererzeugung, wie sich bei fortgeschrittener Arbeitsteilung noch deutlicher zeigt. In den Anfängen der Kultur und beim Kleingewerbe wird die Unternehmertätigkeit oft noch von jenem Subjekt übernommen, das gleichzeitig „durch seine technischen Arbeitsleistungen in den Produktionsprozess eingreift“. Somit gilt: „Der Journaleigentümer ist demnach nicht selten zugleich Mitarbeiter seines Journals, der Gewerbeunternehmer zugleich Arbeiter.“

Bei fortgeschrittener Arbeitsteilung und größeren Unternehmen nimmt die Unternehmertätigkeit oft die volle Zeit des betreffenden wirtschaftenden Subjektes in Anspruch. Was sie auszeichnet ist, „dass sie Güter höherer Ordnung durch ihr wirtschaftliches Kalkül und schließlich durch einen Willensakt einem bestimmten Produktionszwecke zuführen.“

Vier zentrale Funktionen der Unternehmertätigkeit

Die vier zentralen Funktionen der Unternehmertätigkeit sind a) die Information über die wirtschaftliche Sachlage, b) das erwähnte wirtschaftliche Kalkül (= sämtliche Berechnungen, die der Produktionsprozess voraussetzt), c) der Willensakt, durch den Güter höherer Ordnung einer bestimmten Produktion gewidmet werden, und d) „die Überwachung der möglichst ökonomischen Durchführung des Produktionsplanes“. Diese vier Elemente lassen sich bei jedem Unternehmen beobachten, unabhängig davon, ob sie – wie im Falle von sehr einfachen Unternehmen – nur sehr schwach ausgeprägt sind, oder ob sie im Falle von großen Unternehmen nicht nur von einer Person, sondern vom Unternehmer und mehreren Gehilfen ausgeübt werden.

Fazit

Die Tätigkeit des Unternehmers ist somit „ein eben so notwendiges Element der Gütererzeugung, wie die technischen Arbeitsleistungen und hat den Charakter eines Gutes höherer Ordnung und zwar, da dieselbe gleich den letztern der Regel nach ein ökonomisches Gut ist, auch Wert.“ Wie bei der Kapitalnutzung gehört auch die Unternehmertätigkeit zur Gesamtheit der komplementäre Quantitäten von Gütern höherer Ordnung, die ein Produkt hervorbringen. Ihr Wert für uns in der Gegenwart ist nur dann gleich dem voraussichtlichen Wert des entsprechenden Produktes, das sie hervorbringen, wenn der Wert der Unternehmertätigkeit mit inbegriffen ist.

Kapitalnutzung und Unternehmertätigkeit sind beide ebenso „unausweichliche Vorbedingungen jeder ökonomischen Gütererzeugung“. Wenn der gegenwärtige Gesamtwert der technischen Elemente einer Produktion dem voraussichtlichen künftigen Wert des herzustellenden Produkts gegenübergestellt wird, bleibt „eine Marge für den Wert der Kapitalbenützung und der Unternehmertätigkeit offen“.

 

Carl Mengers „Grundsätze“ wurden erstmals 1871 beim Braumüller Verlag veröffentlicht. Später erschienen sie als erster Band von Mengers „Gesammelten Werken“ beim Mohr Siebeck Verlag. Heute ist Mengers Erstlingswerk im Internet frei zugänglich, unter anderem beim Liberty Fund und beim Mises Institute.

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