4. Kapitel. Die Lehre vom Tausche § 1: Die Grundlagen des ökonomischen Tausches

Carl Menger: Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

Der Tausch ist nicht Selbstzweck und bereitet auch nicht an sich Lust

Adam Smith ließe die Frage, ob der Tausch an sich Lust bereite oder vielmehr Folge der Vernunft sei, unbeantwortet. Er wies nur darauf hin, dass die Lust am Tauschen allen Menschen gemein ist und ansonsten bei keiner Tiergattung anzutreffen ist.

Das Frage, ob die Lust am Tauschen Grund für Tauschen unter Menschen ist, kann anhand folgender zwei Fälle beantwortet werden:

1) Hätten zwei benachbarte Bauern einen Überfluss an Gerste geerntet und „es würde dem tatsächlichen Austausche von Quantitäten derselben kein Hindernis entgegenstehen“, so könnten sie problemlos 100 Metzen Gerste untereinander tauschen. Sofern der Tausch an sich Lust bereiten würde, stünde dem auch nichts entgegen. Dennoch ist es so gut wie sicher: Die beiden Bauern würden es nicht tun, und falls doch, würden sie von den übrigen wirtschaftenden Individuen für wahnsinnig gehalten werden.

2) Gesetzt den Fall ein Jäger lebt neben einem Ackerbauer. Der Jäger kann sein Bedürfnis nach Bekleidung vollauf befriedigen, weil er einen Überfluss an Tierfellen hat, gleichzeitig sein Nahrungsbedürfnis nur notdürftig befriedigen, weil sein Vorrat an Nahrungsmitteln gering ist. Beim benachbarten Ackerbauern ist es genau umgekehrt. Eines ist dann ebenfalls sicher: Der Jäger würde niemals seinen geringen Vorrat an Nahrungsmitteln gegen den geringen Vorrat an Tierfellen des Ackerbauern tauschen, auch ohne äußeres Hindernis. Dieser Tausch wäre noch unsinniger als der vorige. Beide Akteure hätten ihren bereits bestehenden Überfluss an Tierfellen bzw. Nahrungsmitteln vergrößert, ihre wirtschaftliche Lage aber deutlich verschlechtert, weil nun der eine gar nichts mehr zum Essen, der andere nichts mehr zum Anziehen hätte.

Mit anderen Worten: Der eine könnte sein Bedürfnis nach Nahrung nicht mehr befriedigen, der andere nicht mehr seines nach Kleidung. Daher könnten beide wirtschaftenden Subjekte an diesem Tausch auch keine Lust empfinden und würden ihn, falls stattgefunden, umgehend rückgängig machen, weil er ihre Wohlfahrt beeinträchtigt und ihr Leben in Gefahr bringt.

„Der Hang der Menschen zum Tausche muss demnach einen anderen Grund haben, als die Lust an dem Tausche selbst“. Wäre der Tausch an und für sich eine Lust, so gebe es keinen Grund, „warum die Menschen nicht auch in den obigen und so in tausend anderen Fällen tauschen, ja den Tausch bis ins Unbegrenzte fortsetzen würden“. Das ist aber nicht der Fall, und zwar nicht nur, weil der Tausch auch mit Mühsal verbunden sein kann. Wir beobachten, „dass die wirtschaftenden Menschen sich jeden Tausch vorher wohl überlegen und schließlich für jeden gegebenen Zeitpunkt eine Grenze eintritt, über welche hinaus zwei Individuen nicht weiter tauschen.“

Damit ist klar: Der Tausch ist für die Menschen kein Selbstzweck und noch weniger an und für sich eine Lust.

Ein Tausch findet statt, wenn die beiden wirtschaftenden Subjekte durch ihn ihre Bedürfnisse besser befrieden können als ohne ihn

Zwei benachbarte Bauern – A und B – führen je eine isolierte Wirtschaft. A hat für sich und seine Familie einen Überfluss an Getreide und kann dadurch einen Teil davon nicht mehr zur Befriedigung seiner Essbedürfnisse verwenden. Er hat aber keine Weinberge, um sein Bedürfnis nach Wein und seinen Durst zu stillen. Bei B ist es wieder umgekehrt: Nach reicher Weinernte kann er seinen gesamten Wein nicht mehr bei sich unterbringen, leidet für einen Mangel an Nahrungsmitteln. Somit dürstet A, während B hungert. A kann viele Metzen Korn auf seinen Äckern verderben lassen, doch ein Eimer Wein würde ihm schon viele Genüsse verschaffen. B könnte mehrere Eimer Wein dem Verderben preisgeben, wüsste aber einige Metzen Getreide sehr wohl zu verwenden.

Die Konsequenz: A wäre durch jenen Wein, den B auszuschütten entschlossen ist, geholfen, B durch jenes Getreide, das A auf seinen Äckern verfaulen zu lassen bereit ist. Nach so einem Tausch könnte A noch immer sein Nahrungsbedürfnis und das seiner Familie vollständig befriedigen, darüber hinaus aber noch Wein trinken, und B könnte nach wie vor Wein in Fülle genießen, bräuchte aber nicht mehr zu hungern. Bei einem solchen Tausch wäre daher klar, dass „die Bedürfnisse beider wirtschaftenden Subjekte besser befriedigt werden könnten, als dies ohne eine solche gegenseitige Übertragung der Fall sein würde.“

In diesem Fall können beide Parteien durch den Tausch ihre Bedürfnisse besser befriedigen, ohne dabei ein ökonomisches Opfer in Kauf zu nehmen, denn die Güter, die sie dem Tauschpartner übertragen, haben für sie keinen Wert. Doch es gibt noch viele andere ökonomische Verhältnisse, die durch einen Tausch ausgenützt werden können.

Das Gut, das man eintauscht, muss für einen von geringerem Wert sein als jenes, das man dafür erhält, und genau umgekehrt beim Tauschpartner

Das Gut, das man eintauscht, muss nicht gar keinen ökonomischen Wert haben, es muss einen geringeren Wert haben als jenes Gut, das man dafür erhält. Eine Person tauscht, weil für sie die Güter, die sie besitzt, einen geringeren Wert haben als die Güterquantitäten einer anderen Person, und bei der anderen Person besteht das genau umgekehrte Verhältnis.

Sofern also A sein Getreide vollständig für seine wichtigsten Bedürfnisse verwendet und auch noch zur Mästung seines Viehs, so kann für ihn der Wein seines Nachbarn dennoch von größerem Wert sein als das Getreide für sein Vieh, und umgekehrt. Entscheidend ist, dass sich A mit dem Wein Genüsse verschaffen vermöchte, die „für ihn eine viel höhere Bedeutung haben würden, als die mehr oder minder reichliche Mästung seines Viehes mit Getreide“. Damit liegen hier ebenfalls die Grundlagen für einen Tausch vor.

Allgemein lässt sich das Verhältnis folgendermaßen beschreiben: „Ein wirtschaftendes Subjekt A verfügt über konkrete Quantitäten eines Gutes, welche für dasselbe einen geringeren Wert haben, als gewisse Quantitäten eines anderen Gutes, die sich in der Verfügung eines anderen wirtschaftenden Subjektes B befinden, während bei diesem letzteren in Rücksicht auf die Wertschätzung derselben Güterquantitäten das umgekehrte Verhältnis eintritt, so zwar, dass die gleiche Quantität des zweiten Gutes für ihn einen geringeren Wert hat, als jene des ersteren in der Verfügung des A befindlichen Gutes.“

Mathematisch dargestellt: A hat 10 Quantitäten des Gutes a, B hingegen 10 Quantitäten des Gutes b. Für A hat 1 a den Wert W, 1 b hat für A hingegen den Wert W + x. Für B hat 1 b den Wert w, und 1 a hat für ihn den Wert w + y. Wenn also beiden je eines ihrer Güter gegen das des Anderen tauschen, dann gewinnt A an Wert x, B an Wert y. Für beide ist es am Ende so, als ob ein Gut des Wertes x bzw. y zu ihrem bisherigen Vermögen hinzugekommen sind.

Menschen tauschen, weil sie ihre Bedürfnisse möglichst vollständig befriedigen wollen – wie bei allen anderen wirtschaftlichen Tätigkeiten

Damit ein Tausch geschieht, müssen beide wirtschaftenden Subjekte noch dieses Verhältnis erkennen und die Macht haben, die Güterübertragung zu bewerkstelligen. Es kommt beim Verhältnis lediglich auf den „übereinstimmenden Willen zweier wirtschaftender Subjekte“ an. Beide können dank des Tausches „für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse besser oder vollständiger“ vorsorgen.

Somit leitete die Menschen beim Tausch dasselbe Prinzip, wie bei aller anderen wirtschaftlichen Tätigkeit. Es ist „das Bestreben, ihre Bedürfnisse möglichst vollständig zu befriedigen“. Das ist demnach die Ursache des Tausches, wobei dieses Wort in der Volkswirtschaftslehre einen viel weiteren Sinn bekommt als im Alltag oder in der Rechtswissenschaft. Er meint hier nämlich „auch den Kauf und alle partiellen Übertragungen ökonomischer Güter, so weit sie gegen Entgelt erfolgen“, wie Pachtung, Miete etc.

Zusammenfassung

Das Prinzip, das die Menschen zum Tausche führt, ist kein anderes, „als dasjenige, das sie bei ihrer gesamten ökonomischen Tätigkeit überhaupt leitet, d. i. das Streben nach der möglichst vollständigen Befriedigung ihrer Bedürfnisse.“ Die Lust, die beim Tausch der Güter empfunden wird, ist „jenes allgemeine Gefühl der Freude, welches die Menschen empfinden, wofern durch irgend ein Ereignis für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse besser vorgesorgt wird, als dies ohne den Eintritt desselben der Fall gewesen wäre.“

Dieser Erfolg ist an drei Voraussetzungen gebunden. Ohne alle drei Voraussetzungen kann ein Tausch nicht stattfinden, weil die Grundlagen dafür fehlen. Die drei Voraussetzungen sind:

„a) Es müssen sich in der Verfügung des einen wirtschaftenden Subjektes Güterquantitäten befinden, welche für dasselbe einen geringeren Wert haben, als andere Güterquantitäten, über welche ein anderes wirtschaftendes Subjekt verfügt, während bei diesem letzteren das umgekehrte Verhältnis der Wertschätzung derselben Güter stattfindet.

b) Die beiden wirtschaftenden Subjekte müssen zur Erkenntnis dieses Verhältnisses gelangt sein und

c) dieselben müssen es in ihrer Gewalt haben, den obigen Güteraustausch auch tatsächlich zu vollziehen.“

 

Karl Mengers „Grundsätze“ wurden erstmals 1871 beim Braumüller Verlag veröffentlicht. Später erschienen sie als erster Band von Mengers „Gesammelten Werken“ beim Mohr Siebeck Verlag. Heute ist Mengers Erstlingswerk im Internet frei zugänglich, unter anderem beim Liberty Fund und beim Mises Institute.

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